TV-Tipp für den 26. Juli: The Social Network

Juli 26, 2014

Pro 7, 20.15

The Social Network (USA 2010, Regie: David Fincher)

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: Ben Mezrich: The Accidental Billionaires, 2009 (Milliardär per Zufall: Die Gründung von Facebook – Eine Geschichte über Sex, Geld, Freundschaft und Betrug)

Fincher und Sorkin (The West Wing, The Newsroom), der für sein Drehbuch einen Oscar erhielt, erzählen die Geschichte von Facebook und Mark Zuckerberg.

Rasantes dialoglastiges Drama, bei dem jeder Satz trifft und einige junge Schauspieler ihr Können zeigen können.

Mit Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Rooney Mara, John Getz, Armie Hammer

Hinweise

Das Drehbuch von Aaron Sorkin

Rotten Tomatoes über „The Social Network“

Wikipedia über „The Social Network“ (deutsch, englisch)

Chasing the Frog vergleicht die Fiktion mit den Fakten

Meine Besprechung von David Finchers “Verblendung” (The Girl with the Dragon Tattoo, USA 2011)

David Fincher in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Ben Mezrichs „21“ (Bringing down the House, 2002)


Neu im Kino/Filmkritik: Am Ende gibt es ein „Feuerwerk am helllichten Tag“

Juli 24, 2014

Mit „Feuerwerk am helllichten Tag“ gewann Diao Yinan den diesjährigen Goldenen Bären, den Hauptpreis der Berlinale. Es ist, wie es sich für einen Berlinale-Gewinner gehört, ein Film, der einen Blick in eine fremde Kultur eröffnet und sich mit dieser kritisch auseinandersetzt. Es ist also ein ‘wichtiger’ Film. In „Black Coal, Thin Ice“ (so der Berlinale-Titel) ist es das heutige China und für seine Gesellschafts- und Systemkritik bediente Yinan sich beim Film Noir und dem Polizeifilm. Beide Genres eignen sich vorzüglich zur Gesellschaftskritik; wobei der Polizeifilm unter dem Mantel der Verbrechensaufklärung einfacher die Ursachen und gesellschaftlichen Folgen von Problemen ansprechen kann, während der Film noir seine Geschichten eher im psychologischen ansiedelt, wenn der Protagonist sich in die falsche Frau, die skrupellose, männermordende Femme Fatale, verliebt und sie ihn ins Verderben stürzt. Auch in „Feuerwerk am hellichten Tag“ verliebt ein Mann sich in die falsche Frau.

Der Film beginnt 1999 in einer nordchinesischen Provinz, die vom Kohlebergbau abhängig ist. An verschiedenen, weit auseinanderliegenden Orten werden Leichenteile gefunden. Die Polizei ist zunächst ratlos, aber nachdem sie herausfinden, dass der Tote Arbeiter in einem Kohlekraftwerk war, wissen sie auch, wie die Teile von einer Person über das halbe Land verteilt werden konnten.

Als der ermittelnde Polizist Zhang Zili den mutmaßlichen Täter verhaften will, geht die Verhaftung grotesk schief. Am Ende der blutigen Slapstickszene, die sich vollkommen vom Tonfall des restlichen Films unterscheidet, sind vier Menschen, darunter zwei Polizisten und der Verdächtige, tot. Zili wird schwer verletzt und quittiert den Dienst.

Fünf Jahre später arbeitet er als Wachmann und ist ein Trinker. Da trifft er einen alten Kollegen, der ihm sagt, dass sie Wu Zhizhen beobachten. Zhizhen war damals die trauernde Witwe. Jetzt ist sie mit dem Chef einer kleinen Wäscherei liiert und in zwei neuen Mordfällen hatte sie Verbindungen zu den Opfern. Zilis Kollege Wang, der jetzt die Ermittlungen leitet, glaubt, dass sie mehr über die Morde weiß. Aber er hat keine Beweise.

Zili, der außerdem immer noch an seiner funf Jahre zurückliegenden Scheidung zu knappern hat, beginnt Zhizhen zu beobachten und er spricht sie an. Sie erkennt ihn nicht und will zunächst nichts von ihm wissen. Aber dann beginnen sie doch eine vom gegenseitigem Mißtrauen überschattete Beziehung. Immerhin könnte Zili ihr nächstes Opfer werden.

Aber Zhizhen ist viel zu zurückhaltend und zu passiv für die klassische Femme Fatale.

Sowieso ist „Feuerwerk am hellichten Tag“ viel zu kühl und zu offen inszeniert, um jemals wirkliches Interesse an den introvertiert-schweigsamen, eher passiven Charakteren aufkommen zu lassen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von ähnlich gelagerten Neo-Noirs aus den USA, wie „Sea of Love“ oder „Basic Instinct“, in denen sich ebenfalls ein reichlich derangierter Polizist in eine Mordverdächtige verliebte.

Es gibt in Yinans Film auch zu viele Szenen, die die Geschichte in keinster Weise voranbringen. Wenn zum Beispiel in Echtzeit eine Glasflasche langsam eine lange Treppe hinunterrollt oder wenn, in einer langen Kamerafahrt, ein Moped durch einen Tunnel fährt, einen im Schnee liegenden Mann umkreist (es ist Zili) und der Mopedfahrer mit Zilis Motorrad verschwindet, dann sieht das gut aus, ist aber nur eine l’Art pour l’Art.

Unter der Oberfläche des Krimiplots und der Liebesgeschichte werden auch viele aktuelle Probleme Chinas und der Industrialisierung angesprochen. Allerdings dürften außerhalb Chinas die meisten Anspielungen nicht verstanden werden. Teils weil uns das Wissen fehlt, teils weil die Kritik so subtil formuliert wird, dass die chinesische Zensurbehörde nur einige kleine Änderungen verlangte. In China wurde der Film, was für seine gesellschaftliche Relevanz spricht, ein veritabler Hit. Innerhalb von zwanzig Tagen spielte er über 100 Millionen Yuan ein, während normalerweise solche kleineren Filme lediglich ein bis zwei Millionen Yuan einspielen.

So gelungen „Feuerwerk am helllichten Tag“ formal ist, so wenig hat er mich emotional gepackt. Auch weil mich kein Charakter wirklich interessierte und vieles auf einprägsame Bilder hin inszeniert wurde, ohne die verrätselte Geschichte wirklich voranzubringen.

Feuerwerk Am Helllichten Tage - Plakat

Feuerwerk am helllichten Tag (Bai Ri Yan Huo, China/Hongkong 2014)

Regie: Diao Yinan

Drehbuch: Diao Yinan

mit Liao Fan, Gwei Lun Mei, Wang Xuebing, Wang Jingchun, Yu Ailei, Ni Jingyang

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

-

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Feuerwerk am helllichten Tag“

Moviepilot über „Feuerwerk am helllichten Tag“

Rotten Tomatoes über „Feuerwerk am helllichten Tag“

Wikipedia über „Feuerwerk am helllichten Tag“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Pressekonferenz zum Film


TV-Tipp für den 25. Juli: Tödliche Entscheidung

Juli 24, 2014

3sat, 22.35

Tödliche Entscheidung (USA 2007, Regie: Sidney Lumet)

Drehbuch: Kelly Masterson

Andy, der für Drogen Geld aus der Firmenkasse nahm, kann seinen Bruder Hank überreden, das elterliche Juweliergeschäft zu überfallen. Der Überfall, auch weil die Mutter gar nicht daran denkt, irgendwelchen hergelaufenen, maskierten Verbrechern die Juwelen zu geben, geht schief – und dann bröckelt die heile Fassade der Familie verdammt schnell ab.

Mit seinem letzten Film drehte Sidney Lumet, nach einigen schwächeren Werken, mit einer Familientragödie noch einmal so richtig voll auf. Er seziert, wieder einmal, die Kehrseite des amerikanischen Traums anhand. Dieses Mal am Beispiel einer ziemlich kaputten, weißen Mittelstandsfamilie.

Der Pitch war vielleicht: „Family Business“, aber ohne Lacher.

„Tödliche Entscheidung“ ist ein feiner Noir und, kein Wunder bei der Besetzung, großes Schauspielerkino. Ein potentieller Klassiker.

mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon, Amy Ryan, Sarah Livingston, Brían F. O’Byrne, Rosemary Harris

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Wikipedia über „Tödliche Entscheidung“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Tödliche Entscheidung“

Rotten Tomatoes über “Tödliche Entscheidung”

Die Zeit: Katja Nicodemus trifft Sidney Lumet (12. April 2008)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet (25. Juni 1924 – 9. April 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Raid 2“ – Action gut, Story mau

Juli 24, 2014

Als vor zwei Jahren „The Raid“ im Kino anlief, war der Film für Action-Fans eine Wohltat. Regisseur und Drehbuchautor Gareth Evans brannte ein hundertminütiges, extrem hartes Actionfeuerwerk mit einer minimalistischen Geschichte (eine Gruppe Polizisten soll in einem Hochhaus einen Gangster verhaften) und handgemachten Action-Szenen, bei denen man wirklich die beeindruckenden Leistungen der Kämpfer bewundern konnte, ab.

Der Film war ein Erfolg und mit „The Raid 2“ knüpft Gareth Evans unmittelbar an „The Raid“ an, allerdings mit einem größeren Budget und einer größeren Geschichte. Während „The Raid“ eine Kurzgeschichte war, ist „The Raid 2“ ein Epos; was sowohl für als auch gegen den Film spricht.

Der harte Action-Thriller beginnt wenige Minuten nach dem Ende von „The Raid“ und führt in die Unterwelt von Jakarta. Der Polizist Rama (Iko Uwais) nimmt, nachdem sein Bruder ermordet wurde, einen Undercover-Auftrag an. Er soll sich mit dem Verbrechersohn Uco befreunden. Dafür muss Rama im Gefängnis als Verbrecher Ucos Vertrauen gewinnen. Nach seiner zweijährigen Haftstrafe wird er in Ucos Familie aufgenommen und er gerät in einen Gangsterkrieg, weil der ehrgeizige Uco den Posten seines Vaters Bangun übernehmen will. Bangun hat vor einem Jahrzehnt mit der japanischen Mafia eine Vereinbarung geschlossen. Seitdem sind die Reviere in Jakarta aufgeteilt. Uco beginnt den Frieden zu stören. Schnell entsteht, vor allem nachdem Uco sich mit dem skrupellosem Bejo verbündet, ein blutiger Kampf zwischen den verschiedenen Gangstergruppen. Rama, dessen Loyalität zu seinem Diensteid und seine Freundschaft zu Uco unvereinbar sind, steht zwischen den Fronten – und wir bekommen einen Gangsterfilm und einen Undercover-Polizeithriller mit viel Action serviert.

Dabei ist die Action, wie schon in „The Raid“, spektakulär und der Grund sich diesen Thriller anzusehen. Denn sie wurde ohne die heute üblichen CGI-Hilfsmittel inszeniert. Es wurde ganz altmodisch live gekämpft und Autos geschrottet. Es wurde wenig geschnitten, was die Szenen noch spektakulärer macht und die Schauspieler sind teilweise Kampfsportler, die wissen, wie sie sich bewegen müssen. Es gibt, unter anderem, einen Massenkampf auf einem Gefängnishof, wo ungefähr vier Gruppen im Matsch gegeneinander kämpfen. Es gibt eine innerstädtische Autoverfolgungsjagd mit Faustkämpfen in den fahrenden den Autos. In einer voll besetzten U-Bahn tötet Hammer Girl mit einem Hammer ihre Opfer – und versprüht dabei den Charme eines komplett fehlgeleiteten Hit Girls. Es gibt, mit allem, was den Kämpfern in die Finger gerät, Kämpfe in geschlossenen Räumen, wie einer Discothek, in der der ziemlich durchgeknallte Prakoso ermordet werden soll. Dabei ist Prakoso eine Reinkarnation von Ramas Gegner Mad Dog aus dem ersten „The Raid“-Film. Kampfsportler Yayan Ruhian spielt beide Rollen, Und am Ende, stürmt Rama allein die Zentrale der Verbrecher, was Gareth Evans die Gelegenheit gibt, die Kampfkünste von Iko Uwais ausführlich zu zeigen in der Garage des Hauses, in Gängen, in der Küche und schließlich im Restaurant, in dem Uco und Bejo sind.

Jede diese Action-Szenen inszenierte Evans nach der Methode „mehr ist besser“.

Aber dieses Mal gibt es zwischen der Action auch einen unnötig komplizierten Plot, in dem Gangster sich gegenseitig aufs Kreuz legen und jeder Charakter wird, in schönster Quentin-Tarantino-Manier, episch eingeführt. Auch wenn das für die weitere Geschichte egal ist und die Geschichte nur unnötig verlängert. Deshalb braucht Evans für seinen nach Schema F ablaufenden Gangsterfilmplot dann epische 150 Minuten, die man mit einem stringenterem Drehbuch locker um etliche Minuten auf zwei Stunden hätte kürzen können.

So ist „The Raid 2“, der mit seinem Titel unnötige Vergleiche mit „The Raid“ provoziert, eine milde Enttäuschung. Denn während „The Raid“ gerade wegen seiner von jeglichem erzählerischem Ballast befreiten Geschichte, die im Dienst der Action-Szenen standen, begeisterte, wird in „The Raid 2“ viel zu viel unnötiger Ballast mitgeschleift und die klare, auf das nötigste reduzierte Geschichte des ersten Teils wird hier zu einem ausuferndem Gangsterepos, das gerade auf der erzählerischen Ebene nur die bekannten Gangsterfilmtopoi unoriginell abhandelt.

Aber die Action ist wieder einmal atemberaubend – und den Kinobesuch wert.

The Raid 2 - Plakat

 

The Raid 2 (The Raid 2, Indonesien/USA 2014)

Regie: Gareth Evans

Drehbuch: Gareth Evans

mit Iko Uwais, Yayan Ruhian, Arifin Putra, Oka Antara, Tio Pakusadewo, Alex Abbad, Julie Estelle, Cok Simbara, Ken’ichi Endô, Ryûhei Matsuda, Kazuki Kitamura

Länge: 150 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

-

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Raid 2“

Moviepilot über „The Raid 2“

Metacritic über „The Raid 2“

Rotten Tomatoes über „The Raid 2“

Wikipedia über „The Raid 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Gareth Evans’ „The Raid“ (The Raid, Indonesien/USA 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: Der französische Kassenhit „Monsieur Claude und seine Töchter“

Juli 24, 2014

Wenn in Frankreich für „Monsieur Claude und seine Töchter“ nicht über zehn Millionen Kinotickets gekauft worden wären und wenn in Frankreich nicht vor wenigen Wochen bei der Wahl zum Europaparlament die Front National mit fast 25 Prozent die stärkste Partei geworden wäre, könnte man „Monsieur Claude und seine Töchter“ als eine sicher gut gemeinte, aber missglückte Komödie über Vorurteile und deren Überwindung ad acta legen.

Dabei ist die Grundidee für eine Culture-Clash-Komödie zwar weit hergeholt, aber gar nicht mal so schlecht: Monsieur Claude Verneuil ist ein glühender Gaullist, also ein konservativer Franzose, der an die Überlegenheit Frankreichs glaubt. Seine Frau Marie ist tiefkatholisch. Und sie lieben ihre Töchter, die einen Chinesen (Religion unklar), einen Moslem und einen Juden, die alle eine recht legere Haltung zu ihrer Religion haben, heiraten. Da will auch ihre vierte und letzte Tochter heiraten und zur Freude der Eltern ist ihr Künftiger ein Katholik. Das wäre für die in der malerischen Provinz lebenden bourgeoisen Eltern ein wahres Gottesgeschenk, wenn er nicht ein Schwarzer von der Elfenbeinküste wäre.

Und spätestens jetzt wird es sehr unappetitlich. Denn nicht nur Monsieur Claude ist ein Rassist. Auch seine drei Schwiegersöhne sind Rassisten. Der künftige Brautvater André Koffi ebenso. Koffi darf die meiste Zeit auch das Klischee des wütenden Barbaren mit drohend aufgerissenen Augen und fletschenden Zähnen mimen.

Die Frauen sind, soweit sie überhaupt etwas zum Geschehen beitragen dürfen, zwar etwas moderater, aber dafür bleibt es vollkommen rätselhaft, warum sie ihre Männer geheiratet haben. Die Männer sind allesamt dürftige Klischees, die Frauen austauschbar (Oder kann irgendjemand nach dem Film die überaus ansehnlichen Frauen mit der Ausstrahlung einer Barbie-Puppe fehlerfrei ihren Männern zuordnen?) und Monsieur Claudes Ehefrau wird zunehmend zu einer verblendeten Katholikin, was immerhin den Originaltitel „Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu?“ erklärt und die Frage für eine religionskritische Komödie hätte sein können, wenn der Chinese gläubig wäre und der Afrikaner mehr als eine Laissez-faire-Haltung zum Glauben hätte. Aber in dem Film geht es nicht um Glaube und Religion, auch nicht um die Prüfung des Glaubens, sondern um Vorurteile gegenüber anderen Rassen, die man locker am Essenstisch bei einem Glas Rotwein äußert.

Das propagierte Familienbild stammt aus den fünfziger Jahren, als es für Frauen „Kinder, Küche, Kirche“ (die drei berühmten Ks) hieß, was sich im Film an der von den Frauen organisierten Kindererziehung, während die Männer Geld verdienen, und einem lauschigen Weihnachtsabend im Kreis der Familie zeigt: während die Frauen in der Küche den Abwasch machen, nehmen die Männer nebenan etwas Alkohol zu sich und schmettern, um ihr Französisch-Sein zu bezeugen, voller Nationalstolz die Marseillaise.

Jetzt könnte beim Zusehen dieser wohlsituierten Rassisten wenigstens die Erkenntnis wachsen, dass Rassismus, Vorurteile und Hass etwas Schlechtes sind, aber Regisseur Philippe de Chauveron verkleistert die Scheinkonflikte, als ob es sich um Fantum zu verschiedenen Musikern handele, am Ende mit einer Toleranzbotschaft, die wohl schon in den fünfziger Jahren schwer erträglich war. Monsieur Claude und Koffi, die beiden Väter, verbrüdern sich bei einer Sauftour. Außerdem sind sie beide glühende Gaullisten; – was dann die Hautfarbe vergessen lässt.

Auf dem fröhlichen Hochzeitsfest am Filmende tanzen dann alle zusammen. Die Botschaft ist: Mit ein bisschen gutem Willen geht es. Auch ohne dass sich jemand ändert. Das ist dann meilenweit von irgendwelchen aktuelleren Diskursen über das Zusammenleben von unterschiedlichen Kulturen entfernt, aber erschreckend nah an Diskursen von Rechtsextremen und Rassisten, die sich in ihrer Feindschaft gegen das Fremde verbünden und so ihre Vorurteile nicht hinterfragen müssen. „Monsieur Claude und seine Töchter“ ist der Film für das konservative Bürgertum und die Front-National-Wähler.

Denn der Humor transportiert eine erschreckend reaktionäre Botschaft. Die Zuschauer vergewissern sich nämlich während des gesamten Films ihrer Vorurteile. Der Film bestätigt sie und sie gehen mit dem Wissen, dass sie sich nicht ändern müssen, aus dem wortlastigem Film. Dass das ganze dann noch gut gespielt ist, macht die Klischees, die hier immer und immer wieder bestätigt werden, und die daraus resultierende Botschaft noch ungenehmer.

Dabei kann die Idee, innerhalb der Filmgeschichte auf eine moralische Instanz zu verzichten und diese komplett auszulagern an die Inszenierung und das Publikum, das zum Nachdenken angeregt werden soll, funktionieren.

In „Monsieur Claude und seine Töchter“ funktioniert sie nicht. Es wird noch nicht einmal versucht.

Monsieur Claude und seine Töchter - Plakat

Monsieur Claude und seine Töchter (Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu?, Frankreich 2014)

Regie: Philippe de Chauveron

Drehbuch: Philippe de Chauveron, Guy Laurent

mit Christian Clavier, Chantal Lauby, Ary Abittan, Medi Sadoun, Frédéric Chau, Noom Diawara, Frédérique Bel, Julia Piaton, Emilie Caen, Elodie Fontan, Pascal Nzonzi, Salimata Kamate, Tatiana Rojo

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

-

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Monsieur Claude und seine Töchter“

Moviepilot über „Monsieur Claude und seine Töchter“

AlloCine über “Monsieur Claude und seine Töchter”

Rotten Tomatoes über “Monsieur Claude und seine Töchter”

Wikipedia über „Monsieur Claude und seine Töchter“ 


Neu im Kino/Filmkritik: „Viel Lärm um nichts“ mit William Shakespeare in der Gegenwart

Juli 24, 2014

 

Als Joss Whedon zwischen dem Dreh und dem Schnitt von „Marvel’s The Avengers“ einige Tage Zeit hatte, lud er seine Freunde zu sich nach Hause ein. Etwas abhängen. Etwas Spaß haben. Was Männer halt so treiben, wenn sie nichts zu tun haben.

Und weil diese Freunde bekannte Schauspieler sind, Whedon ein Shakespeare-Fan ist, der seine Freunde zu regelmäßigen Shakespeare-Lesungen einlädt und die Shakespeare-Texte zum schauspielerischen Bildungsgut zählen, wurde das Whedonsche Anwesen für zwölf Tage zum Anwesen des Gouverneurs von Messina umgestaltet, der von Don Pedro besucht wird – und sie und ihr Gefolge machen „Viel Lärm um nichts“ indem Amy Acker, Clark Gregg, Reed Diamond, Alexis Denisof, Fran Kranz, Jillian Morgese, Riki Lindhome, Spencer Treat Clark und Nathan Fillion (komödiantische Extrapunkte als Holzapfel) den Shakespeare-Text in atemberaubender Geschwindigkeit präsentieren.

Der Witz bei Whedons Shakespeare-Interpretation ist, dass die Geschichte erkennbar in der Gegenwart spielt mit Anzügen statt Rüstungen, Autos statt Pferden, aber an dem Text, abgesehen von einigen Straffungen, nichts geändert wurde. Daher empfiehlt sich auch der Genuss der untertitelten Originalversion und vielleicht ein Blick in die Synopse des Stückes. Denn sonst sind die Liebesbande und Intrigen vor der Hochzeitsnacht kaum zu verfolgen. Auch weil einiges vom historischen Hintergrund heute abstrus anmutet.

Allerdings trägt die Idee, die Geschichte ohne Veränderungen in die Gegenwart zu verlegen, nur wenige Minuten. Ungefähr die Länge eines TV-Sketches. Danach fällt auf, dass Whedon, im Gegensatz zu einigen anderen Shakespeare-Interpretationen, die die Geschichte ebenfalls mehr oder weniger in die Gegenwart verlegten und eigenständig, teils sehr radikal interpretierten, genau dies nicht im Sinn hat. Er will, wie bei einem Studententheater, einfach den Originaltext auf die Bühne bringen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und er ließ diese Aufführung, die um einige Improvisationen zwischen Slapstick und Burleske ergänzt wurde (wie die Szene, in der Nathan Fillion und Tom Lenk am Auto die Autoschlüssel suchen), mit einer SW-Handkamera, bei der man sich weniger Gedanken um die Farben machen muss, aufnehmen.

Viel Lärm um nichts“ ist ein kurzweiliger Spaß für Shakespeare-Fans – und wegen des Ensembles ein Fest für Whedon-Fans. Denn viele der Schauspieler spielten bereits in den Whedon-Werken „Firefly“, „Buffy“, „Angel“, „Dollhouse“ und „Marvel’s The Avengers“ mit.

 

Viel Lärm um nichts - Plakat

 

Viel Lärm um nichts (Much ado about nothing, USA 2012)

Regie: Joss Whedon

Drehbuch/Adaption: Joss Whedon

LV: William Shakespeare: Much ado about nothing, 1600 (Viel Lärm um nichts, Theaterstück)

mit Amy Acker, Alexis Denisof, Clark Gregg, Reed Diamond, Fran Kranz, Jillian Morgese, Nathan Fillion, Sean Maher, Spencer Treat Clark, Riki Lindhome, Tom Lenk, Ashley Johnson, Emma Bates, Joshua Zar, Nick Kocher, Brian McElhaney, Paul M. Meston, Romy Rosemont, Elsa Guuillet-Chapuis

Länge: 109 Minuten

FSK: ? (ab 12 Jahre beantragt)

-

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Viel Lärm um nichts“

Moviepilot über „Viel Lärm um nichts“

Metacritic über „Viel Lärm um nichts“

Rotten Tomatoes über „Viel Lärm um nichts“

Wikipedia über „Viel Lärm um nichts“ (deutsch, englisch)

 

 

 


TV-Tipp für den 24. Juli: Familiengrab

Juli 24, 2014

3sat, 22.25

Familiengrab (USA 1976, R.: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Ernest Lehman

LV: Victor Canning: The rainbird pattern, 1972 (später “Family plot”; „Auf der Spur“)

Mrs. Rainbird verspricht dem Medium Blanche 10.000 Dollar, wenn sie ihren vor Jahrzehnten verstossenen Neffen findet. Dieser finanziert inzwischen seinen Lebensunterhalt mit Entführungen und unterstellt Blanche und ihrem Freund George niedere Motive.

Was für ein Abgang: eine lockere Krimikomödie mit tiefschwarzem Humor.

Ernest Lehman: „Was Hitchcock wirklich an diesem Filmprojekt faszinierte, war die Idee von zwei getrennt ablaufenden unterschiedlichen Geschichten, die langsam zueinander finden und letztlich zu einer Geschichte werden. Ich ließ nicht locker, ihn darauf hinzuweisen, dass das Publikum nicht einen Film aufgrund seiner einzigartigen Struktur sehen will – es sei denn, Hitchcock plane, den Film als eine Art Dozent zu begleiten und ihn den Zuschauern zu erklären.“ – Mmh, da hat er Recht. „Family Plot“ (hübsch doppeldeutiger Titel) ist beim zweiten, dritten Sehen besser als beim Ersten. Und die Rückprojektionen sind schlecht wie immer.

Mit Karen Black, Bruce Dern, Barbara Harris, William Devane, Ed Lauter, Cathleen Nesbitt

Hinweise

Wikipedia über Victor Canning

Kaliber .38 über Victor Canning

Fanseite über Victor Canning

Rotten Tomatoes über “Familiengrab”

Wikipedia über “Familiengrab” (deutsch, englisch) und Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2“

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks „Mr. und Mrs. Smith“

Meine Besprechung von Thilo Wydras „Alfred Hitchcock“

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitcock und die Künste” (2013)

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte


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