“Der Seher” wird blind in Friedrich Anis “Wer lebt, stirbt”

Stellen Sie sich vor, Sie sehen eine Shakespeare-Aufführung. Aber nicht mit einem hochkarätigen Ensemble, sondern mit einer Grundschulklasse. Es ist zwar alles da, aber letztendlich ist es schlecht. Genau dieses Gefühl stellt sich bei Friedrich Anis neuestem Werk „Er lebt, stirbt“ ein. Es gibt einen Mordfall, eine Entführung, mehrere Verdächtige, dunkle Geschäfte in der Politik, ein Vater-Sohn-Ermittlergespann, problematische Familienverhältnisse, schockierende Entwicklungen und am Ende wird der Täter überführt. Es ist also alles da, was zu einem guten Krimi gehört. Die Länge von 224 Seiten ist angenehm kurz. Und dass „Wer lebt, stirbt“ der Auftakt zur sechsteiligen „Der Seher“-Reihe ist, ist ebenfalls ein positives Signal. Immerhin eroberte Friedrich Ani mit seiner Süden-Reihe im Sturm die Herzen der Krimifans.

Aber beim Auftakt der Seher-Reihe stimmt nichts. Denn dafür sind die beiden Fälle viel zu dünn, zu oft bestimmen Zufälle den Gang der Ermittlungen, vieles wirkt sehr unrealistisch und die Charaktere bleiben blass. Hauptfigur der Serie ist Jonas Vogel, der von Kollegen „Der Seher“ genannt wird und im Laufe des Buches erblindet. Nicht langsam, sondern weil er von einem Bagger überrollt wird. Ein dummer Unfall, der nichts mit dem Fall zu tun hat. Dabei wird Vogels Sehnerv durchtrennt und er ist blind. Sonst ist ihm nichts passiert. Keine Knochenbrüche. Keine Quetschungen. Nichts. Was bei der Lage der Sehnerven ein ziemliches Wunder ist.

Trotz des Unfalls beschließt Jonas Vogel weiter in der Mordkommission zu arbeiten. Damit endet „Wer lebt, stirbt“.

Der Roman beginnt mit einem Mord. Wachmann Falk Sieger wird erstochen in seiner Wohnung gefunden. In Verdacht gerät sein Kollege Jens Schulte. Schulte wird von dem Promianwalt und Stadtrat Hilmar Opitz vertreten. Opitz will Bürgermeister von München werden. Doch mehr als seine politischen Ambitionen beschäftigt ihn im Moment die Entführung seiner Sekretärin und Geliebten. Die Entführer fordern von ihm eine halbe Million Euro Lösegeld. Auf den ersten, zweiten und auch dritten Blick haben der Mord und die Entführung nichts miteinander zu tun. Aber Kommissar Jonas Vogel weiß von der ersten Sekunde an, dass beide Fälle miteinander zusammenhängen. Er und sein Sohn Max stoßen bei ihren Ermittlungen auf zahlreiche Ungereimtheiten und auf ein von Opitz betriebenes Obdachlosenheim.

Dieses Heim ist wahrscheinlich Anis idiotischste Idee. Auch wenn es solche Käfige, in denen Obdachlose übernachten, ihr Eigentum einsperren und sich etwas Privatsphäre schaffen können, in Hongkong gibt. Dort ist der Wohnraum aber, auch für Gutverdienende. denkbar knapp. In München geht diese Idee, trotz der dortigen hohen Mieten, vollkommen an jeder Realität vorbei. Aber es kommt noch besser. Opitz betreibt diese Unterkunft nicht irgendwo in Münchens kriminalitätsbelasteten Sozialvierteln, sondern mitten in einem Nobelviertel. Weil der Hausmeister darauf achtet, dass die Obdachlosen sich benehmen, fällt auch keinem der Oberen Zehntausend, die vorher einen Kindergarten in ihrer Nachbarschaft verhinderten, das Obdachlosenheim auf. Als Berliner kann ich mir das nur so erklären, dass der Münchner Penner sich weder äußerlich noch von seinem Verhalten von einem Vorstandsvorsitzenden unterscheidet.

Trotzdem hat Opitz genug politischen Weitblick, das Haus geheim zu betreiben, weil auch in München niemals ein Politiker Bürgermeister wird, der Menschen in Käfigen unterbringt. Warum der noble Herr Opitz dann dieses Projekt durchzieht, obwohl es seine Ambitionen vernichten kann, das weiß nur das Hirn des Dichters.

Bei einer Serie sind natürlich die Hauptcharaktere, ihre Interaktionen und besonderen Fähigkeiten letztendlich wichtiger als der Fall. Doch in „Wer lebt, stirbt“ bleiben sie blass. Das fällt besonders bei Jonas Vogel auf. Denn wenn ein Autor einen Charakter mit einem körperlichen Defekt entwirft, muss dieser auch für die Geschichte eine besondere Bedeutung haben. Letztendlich muss Jonas Vogel den Fall aufklären können weil er blind ist. Er muss etwas sehen können, was kein Sehender sehen kann. In „Wer lebt, stirbt“ hat Vogel die Idee, dass der Mörder am Todestag zum Ort der Tat, was hier das Grab des Toten ist, zurückkehrt. Diese Idee ist nicht sonderlich brillant und jeder könnte sie haben oder auch einfach mal ausprobieren. Jedenfalls, der Mörder tut’s und beichtet Vogel ohne zu zögern seine Taten.

Das ist die unbefriedigende Auflösung eines unbefriedigenden Buches.

Friedrich Ani: Wer lebt, stirbt

dtv, 2007

224 Seiten

7,95 Euro

Homepage des Autors: http://www.friedrich-ani.de/ (eigentlich die Seite von dtv zur Seher-Serie)

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10 Antworten zu “Der Seher” wird blind in Friedrich Anis “Wer lebt, stirbt”

  1. […] Friedrich Ani: Wer tötet, handelt (der zweite Fall des Sehers: der blinde Kommissar Jonas Vogel bietet sich als Geisel an. Der erste Fall, „Wer lebt, stirbt“, hat mir nicht gefallen.) […]

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