Verkorkster „Bruderdienst“

Januar 31, 2008

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Jacques Berndorf hat mit seinen Eifelkrimis ein Millionenpublikum erobert. In den vergangenen Jahren gönnte er sich immer wieder Ausflüge in den Politthriller. Aber sein zweiter BND-Roman mit Geheimagent Karl Müller, „Bruderdienst“, ist einfach schlecht.

Die Geschichte ist nicht plausibel (Die Koreaner haben wahrscheinlich eine Atombombe verkauft. Der BND will herausfinden, ob’s stimmt.). Die Dialoge sind unterste CSI-Schublade. Im Fernsehen kann ich damit leben, dass der eine Forensiker dem anderen erklärt, was er gerade macht. Aber in einem Roman gibt es, – Berndorf als erfahrener Autor sollte das Wissen -, elegantere Möglichkeiten. Dann menschelt es ohne Pause im BND und in Gesprächen mit mehr oder weniger befreundeten Geheimdiensten. Denn bevor sich den Weltproblemen zugewandt wird (Hey, wahrscheinlich haben irgendwelche durchgeknallten Terroristen eine Atombombe.),  wird sich erst einmal in epischer Breite über die verschiedenen Zipperlein und Krankheiten der Ehefrauen ausgetauscht und die Küche nach Essbarem inspiziert. Das hat mit der Geschichte nichts zu tun und verrät uns auch nichts Wichtiges über die Charaktere. Aber das ist immer noch besser, als wenn die supertollen BND-Agenten in Aktion treten, sich dabei ziemlich hirnrissig verhalten und wieder einmal im Smalltalkmodus geheime Informationen an dubiose Charaktere ausplaudern. Der löchrige Plot liest sich dann wie eine ungewollte Parodie auf einen schlechten Agentenkrimi. Aber Berndorf meint es Ernst. In Interviews erzählt er von seinen Besuchen beim BND und den Einblicken die er in die Arbeit der Agenten erhielt. Doch in „Bruderdienst“ findet sich nichts davon in einer literarisch angemessenen Form. Das Werk ist ein unrealistischer Langweiler, der anscheinend als „Das große TV-Ereignis“ konzipiert wurde.

Nein, da ist sogar das schwächste Buch von John le Carré um Klassen besser. „Bruderdienst“ ist höchstens unterste Regionalliga.

 

Jacques Berndorf: Bruderdienst

Heyne, 2007

416 Seiten

19,95 Euro

 

Homepage von Jacques Berndorf

Interview mit Jacques Berndorf zu „Bruderdienst“, seinem Verlagswechsel und den Nicht-Verfilmungen seiner Eifel-Krimis


TV-Tipp für den 31. Januar

Januar 31, 2008

Vox, 21.50

Explosiv – Blown Away (USA 1994, R.: Stephen Hopkins)

Drehbuch: Joe Batteer, John Rice

Lahmer Actionthriller über einen IRA-Kämpfer, der in Boston mehrere Bomben explodieren lässt, weil er eine alte Rechnung mit einem Kumpel begleichen will. Der arbeitet jetzt als Sprengstoffexperte bei der Polizei.

Die Explosionen sind ein Fest für’s Auge. Hier wurden keine Kosten und Mühen gescheut. Beim Drehbuch schon. Die Schauspieler sind gut. Und Stephen Hopkins macht inzwischen mit „24“ richtig gutes Fernsehen.

Mit Jeff Bridges, Tommy Lee Jones, Suzy Amis, Lloyd Bridges, Forest Whitaker, Cuba Gooding Jr. (Bomb Squad-Mitglied)

Wiederholung:

Freitag, 1. Februar, 01.50 Uhr (Taggenau!)


Kleiner Rundumschlag

Januar 30, 2008

Things I’d rather be doing befragt im Monday Interview Marcus Sakey (Der Blutzeuge):

And the opportunity to point things out, to have a pulpit from which to say, “Hey, look – this is fucked up, and we should notice it,” that’s one of the reasons I love being a novelist.

That said, my first purpose is to entertain, to tell a good story that hopefully keeps people up late. Everything else comes second. Who wants to read a polemic?

Duane (Louis) Swierczynski (Blondes Gift) ist von “Cloverfield” (deutscher Kinostart am 31. Januar) schwer begeistert. Tage später: I’m still thinking about Cloverfield, by the way. It’s the kind of movie that sticks to your ribs. Und hier schon wieder.

Weitere Infos über den von “Lost”-Erfinder J. J. Abrams produzierten Film “Cloverfield” gibt es bei Film-Zeit, hier (englisch) oder hier (deutsch).

“Rambo”-Erfinder David Morrell findet den neuen Rambo-Film ziemlich gut:

With relief, I’m happy to report that it’s excellent. The level of violence might not be for everyone, but it has a serious intent.

This is the first time that the tone of “First Blood” the novel has been used in any of the movies. It’s spot-on in terms of how I imagined the character: angry, burned-out, and filled with self-disgust because he hates what he is and yet knows it’s the only thing he does well. (…) It’s not a 4-star movie — the villains are too superficial. But this is a solid three stars.

“Rambo 4″ kommt Mitte Februar in die deutsche Kinos.

Im ZDF Infokanal kann ein fünfzehnminütiges Ian-Rankin-Porträt von Tobias Gohlis genossen werden. Schönes Teil. Es geht hauptsächlich um Rankins neuestes Buch “Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006). Die Übertragung war bei mir etwas ruckelig, aber immerhin hat die ZDF Mediathek bei Rankin endlich wieder einmal funktioniert.

Ist das witzig?


TV-Tipp für den 30. Januar

Januar 30, 2008

3sat, 22.25

Kottan ermittelt: Hartlgasse 16a (A 1976, R.: Peter Patzak)

Drehbuch: Helmut Zenker

Eine Rentnerin wird in ihrer Wohnung ermordet. Major Adolf Kottan ermittelt in einem Mietshaus voller missgünstig-selbstsüchtiger Bewohner.

„Hartlgasse 16a“ ist der erste Filme der kultigen, immer abgedrehteren Kottan-Serie. Peter Vogel spielte hier (nicht so toll) den Kottan. Später übernahmen Franz Buchrieser und Lukas Resetaris die Rolle.

„Schilderungen des Wiener Mileus, schrullige Gags, oft fast surrealistische Geschichten prägen diese Parodie.“ (Martin Compart: Crime TV)

„Die Filme waren als Versuch gedacht, Gesellschaftskritik auf listige und lustige Weise in einem Krimi zu verpacken, mit boshaften Seitenhieben auf so ehrwürdige Institutionen wie Polizei, Kirche, Kronenzeitung. (…) Die Bosheit der Leute untereinander, ihre Aggressionen, ihre Geldgier, Rachsucht bildeten eine Dramaturgie, in die der Arm des Staates, die Polizei, plump eingreift.“ (Heidi Pataki, tip1/1983)

„Hartlgasse 16a“ beginnt halbwegs wie ein normaler Siebziger-Jahre-Soziokrimi, aber das Team Zenker/Patzak zeigt dafür das Milieu der kleinen Leute in ihrer dumpfen Enge viel zu zynisch-mitleidlos und demaskiert den Staat (besonders natürlich die Polizei) als einen unfähigen Trottelhaufen, der keinen Respekt verdient, ohne pädagogisch erhobenen Zeigefinger.

Die Musik ist von Georg Danzer.

Die gesamte Folge kann, in zehn Teilen, auf You Tube gesehen werden. Dort gibt es auch weitere “Kottan ermittelt”-Clips.

Mit Peter Vogel, Curt A. Tichy, Walter Davy, Louise Martini

Weitere Informationen:

„Kottan ermittelt“-Fanseite

Fernsehserien über Kottan


Cover der Woche

Januar 29, 2008

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TV-Tipp für den 29. Januar

Januar 29, 2008

Arte, 21.00

Jonestown – Todeswahn einer Sekte (USA 2006, R.: Stanley Nelson)

Drehbuch: Marcia Smith, Noland Walker

Spielfilmlange Doku über die Sekte Peoples Temple des Predigers Jim Jones und den Massenselbstmord von über 900 Gläubigen am 18. November 1978 im Dschungel von Guyana. Nelson rekonstruiert, mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen und Zeitzeugen, dieser Sekte.

Wiederholungen:

Freitag, 8. Februar, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Freitag, 15. Februar, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Weitere Informationen

Arte zum Film

Greencine-Interview mit Stanley Nelson


Kleinkram: Nachrufe, Lesetipps von Sakey, Was Autoren von Hollywood lernen können, Fusilli und Banks antworten, Bowden nennt den Unterschied

Januar 28, 2008

Sara Paretsky schreibt im Outfit über den am 17. Januar verstorbenen Edward D. Hoch:

Ed was one of the kindest, most gracious and gentlemanly of all crime writers. His was the first face and hand to welcome any newcomer to MWA, and almost all of us active writers can cite any number of generous acts, from seeing that our own work got published, to his support of Sisters in Crime when we were first starting out. His memory will live long, but we will miss him sorely.

Hier geht’s zum New York Times Nachruf auf Edward D. Hoch.

Marcus Sakey (Der Blutzeuge) verrät seine aktuelle Lektüre.

Bei Naked Truth about Literature and Life wird der Frage nachgegangen, was Romanautoren von Filmen lernen können. James O. Born (wir kennen ihn von seiner Ballerstunde auf Bücher) macht den Aufschlag:

Some of the best advice I was ever given was by Elmore Leonard when I was just starting to write. He and his assistant, Gregg Sutter, encouraged me to look at the book like a movie with each chapter broken into scenes. It sounds simple but to a novice like me it was the Holy Grail. To this day I can focus on each scene of a novel without becoming overwhelmed with the idea of a larger project. Maybe that way of looking at the novels makes them seem like they would transition to film.

Bei  ihm gibt es auch eine interessante Diskussion über gelunge Verfilmungen.

Jacqueline Winspear nimmt den Ball auf und sieht sich die Charaktere in Filmen an:

I also like to watch the “Special Features” at the end of a rented movie – you never know what you might learn. This time, it was a comment from the wardrobe mistress (do they still call them by that old-fashioned name? Or are they costume designers?). She said that when each actor comes to her studio, to talk about their costumes for a movie, she asks them about their character. The question that tells her more about the charcter, that guides her in pulling together the costumes, is, “What do you have in your pocket?” Ooooohhhh, that’s a good question, I thought.

Bei Sons of Spade beantworten Jim Fusilli und Ray Banks einige Fragen zu ihren Privatdetektiven.  Jim Fusilli, von dessen vier Terry-Orr-Romanen zwei auf Deutsch erschienen, sagt, es gebe wahrscheinlich keinen weiteren Terry-Orr-Roman:

 I enjoyed doing the four Terry Orr novels, but I’m not certain that the P.I. field is the best place for my writing.

Fusilli schrieb außerdem ein Buch über Brian Wilson und das Beach-Boys-Album “Pet Sounds”.

Ray Banks, der noch nicht ins Deutsche übersetzte Erfinder von Manchester-PI Cal Innes (er arbeitet gerade am vierten Innes-Roman), nennt einige wichtige zeigenössische PI-Autoren:

I think Ken Bruen is already a massive influence on newer writers, and not just stylistically. He’s bringing emotion back to what is still primarily a chilly, investigative sub-genre. Laura Lippman, Walter Mosley and George Pelecanos bring in the sociological elements, without becoming either too preachy or too political. James Sallis deconstructs the mythology and the very idea of a fictional private investigator. And James Crumley happens to write some of the finest, meatiest prose I’ve ever read.

Really, the PI will never die. He or she will just evolve into something more meaningful for their time.

Und J. D. Rhoades (ähem, auch noch nicht übersetzt) hat in seinem “What fresh hell is this?”-Blog ein schönes Zitat von Mark Bowden (der Sachbuchautor von “Killing Pablo” und “Black Hawk Down”) gepostet:

The essential difference between writing nonfiction and writing fiction is that the artist owns his vision, while the journalist can never really claim one, or at least not a complete one—because the real world is infinitely complex and ever changing. Art frees you from the infuriating unfinishedness of the real world.

Die Screen Actors Guild hat ihre Preise verliehen.  Die Gewinner sind – 


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