Film Noir Collection 1: Die Blaue Dahlie

Mit einem Dreierschlag aus zwei Noir-Klassikern und einem sträflich unterschätzten Noir beginnt Koch Media seine Film Noir Collection. „Die Blaue Dahlie“, „Spiel mit dem Tode“ und „Schwarzer Engel“ wurden bis jetzt nicht auf DVD veröffentlicht und auch im Fernsehen liefen sie zuletzt vor vielen Jahren. Deshalb ist diese liebevoll gestaltete Ausgabe – die DVDs sind in einem Slim-Mediabook – ein Geschenk für Noir- und Filmfans. Die Filme wurden restauriert, was vor allem bei „Spiel mit dem Tode“ und „Schwarzer Engel“ zu einem brillanten Bild führt. Selbstverständlich gibt es den Originalton und die deutsche Synchronisation (bei „Spiel mit dem Tode“ sogar die alte und die neue Synchronisation) und klug ausgewähltes Bonusmaterial. Hier wurde nach der Methode „Klasse statt Masse“ vorgegangen. Kinotrailer, umfangreiche Bildergalerien und ein informatives zwölfseitiges Beiheft ergänzen sinnvoll die Filme.

Raymond Chandlers „Die blaue Dahlie“

Die Kriegskameraden Johnny Morrison (Alan Ladd), Buzz Wanchek (William Bendix) und George Copeland (Hugh Beuamont) kehren aus dem zweiten Weltkrieg nach Los Angeles zurück. Während George und Buzz, der durch eine Kopfverletzung geistig behindert ist, gemeinsam ein Zimmer beziehen, will Johnny zurück zu seiner Frau Helen (Doris Dowling) und seinem Sohn. Er hat sich vorher nicht angekündigt und platzt so mitten hinein in eine Party. Sie ist betrunken, hat eine Affäre mit dem aalglatten Nachtclubbestzer Eddie Harwood (Howard da Silva) und ihre Freunde zählen zur vergnügungssüchtigen Schickeria. Sie eröffnet ihm, dass sein Sohn bei einem Unfall starb und küsst Harwood. Johnny beginnt einen handgreiflichen Streit. Kurz darauf verlässt er sein Haus. In der Nacht trifft er Joyce Harwood (Veronica Lake). Sie ist, wie er erst später erfährt, die Frau des Nachtclubbesitzers.

Am nächsten Tag ist Helen tot. Die Polizei hält Johnny Morrison für den Täter. Zusammen mit Joyce sucht er den Mörder.

Nach seinen erfolgreichen Romanen interessierte Hollywood sich für Raymond Chandler. Er wurde als Drehbuchautor engagiert und „Die Blaue Dahlie“ ist das einzige von ihm verfilmte Drehbuch, das nur seinen Namen trägt. Im Rahmen eines Rätselkrimis entwirft er ein pessimistisches Bild der USA nach dem zweiten Weltkrieg. Die Kriegshelden kommen ohne Paraden und ohne Perspektiven zurück. Als sie am Filmanfang aus dem Bus steigen, wirken sie genauso verloren wie entlassene Sträflinge. Buzz verliert immer wieder sein Gedächtnis. George und Johnny haben keinen Job – und auch keinen Job in Aussicht. Die Frauen haben in den Kriegsjahren die Aufgaben der Männer übernommen. Doch – im Gegensatz zu Paul Haggis’ neuem Kriegsheimkehrerfilm „In the Valley of Elah“ – bringen in „Die Blaue Dahlie“ die drei Kriegsheimkehrer die Verrohungen des Krieges nicht in ihre Heimat. Sie schleppen zwar die Traumata des Krieges mit sich herum. Aber Gewalt, Mord, Korruption, Lug und Trug sind bereits schon lange fest in der Gesellschaft verankert. Diese Aussage wird sogar – dank des Einspruchs der Navy, die einen Soldaten als Mörder nicht akzeptieren konnte – durch die Überführung des Mörders am Ende noch verstärkt. Im Los Angeles der „Blauen Dahlie“ können die Daheimgebliebenen sich auch ganz gut ohne die Kriegsheimkehrer umbringen.

Damals war der Film ein gewaltiger Kassenschlager. Alan Ladd und Veronika Lake spielten nach „Die Narbenhand“ (This gun for hire, USA 1942) und „Der gläserne Schlüssel“ (The glass key, USA 1942) wieder zusammen. Der beim amerikanischen Publikum sehr beliebte William Bendix hatte eine wichtige Nebenrolle und die Story verband gelungen einen Krimi mit einer pessimistischen Beschreibung der damaligen Gesellschaft. Dafür erhielt Raymond Chandler eine Oscar-Nominierung.

Heute steht „Die blaue Dahlie“ eindeutig im Schatten der fast zeitgleich gestarteten Chandler-Verfilmung „Tote schlafen fest“ (The Big Sleep, USA 1946) mit dem Traumpaar Humphrey Bogart und Lauren Bacall. Während „Tote schlafen fest“ ein einziges Feuerwerk aus flotten Sprüchen, Schlägereien und Atmosphäre ist, bemüht Chandler sich in „Die Blaue Dahlie“ mit einem positiven Helden um einen nachvollziehbaren, traditionellen Rätselplot mit einer überschaubaren Zahl von Tatverdächtigen. Doch die Frage, wer der Mörder ist, ist in der Welt des Film Noir höchstens zweitrangig.

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Die Blaue Dahlie (The Blue Dahlia, USA 1945)

Regie: George Marshall

Drehbuch: Raymond Chandler

Mit Alan Ladd, Veronica Lake, Willam Bendix, Howard da Silva, Doris Dowling

Koch Media – Film Noir 1 (95 Minuten, Deutsch/Englisch, Untertitel. Englisch)

DVD-Bonus: Bildergalerie, Original Kinotrailer, 12-seitiges Booklet

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Hinweise

Noir of the Week über „The Blue Dahlia“

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Kirjasto über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

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Eine Antwort zu Film Noir Collection 1: Die Blaue Dahlie

  1. [...] hat, sollte bei der jetzt erschienenen „Film Noir Collection Box 1″ zuschlagen. Denn „Die blaue Dahlie“ (nach einem Drehbuch von Raymond Chandler), „Spiel mit dem Tod“ (nach einem Roman von Kenneth Fearing) und „Scharzer [...]

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