Elders dritter Streich

Mit „Schlaf nicht zu lange“ beendet John Harvey gelungen seine Frank-Elder-Trilogie. Ex-Detective Frank Elder genießt immer noch das einsame Leben in Cornwall, als ihn seine Ex-Frau Joanna anruft. Sie bittet ihn Claire Meecham, die spurlos verschwundene Schwester einer ihrer Freundinnen, zu suchen. Elder, der die Gelegenheit wahrnimmt seine Tochter Katherine wieder zu sehen, beginnt sich umzuhören. Schnell entdeckt er, dass Claire Meecham nur äußerlich eine ältliche Jungfer war. In ihrer Wohnung findet er Sexspielzeug. Im Geheimen traf sie sich mit Männern, die sie über das Internet kennen gelernt hatte. Doch er findet nicht heraus, warum sie verschwunden ist.

Kurz darauf taucht sie wieder auf. Sie liegt tot in ihrem Bett. Als Elder die sorgfältig hergerichtete Leiche sieht, erinnert er sich an seinen ersten Mordfall in Nottinghamshire. 1997 war Irene Fowlers Leiche ähnlich arrangiert worden. Der Mörder wurde nie gefasst. Zusammen mit seiner alten Partnerin Maureen Prior beginnt er zu ermitteln.

In England ist John Harvey als Erfinder von Charlie Resnick, der auch in den „Schlaf nicht zu lange“ einen kurzen Auftritt hat, bekannt und bei Kollegen, Kritikern und Lesern sehr beliebt. Sein erster Elder-Roman „Schrei nicht so laut“ erhielt den Silver Dagger. Einige meinten, er hätte den Hauptpreis verdient gehabt. 2007 erhielt er den Cartier Diamand Dagger für sein Lebenswerk. Und seit anderthalb Jahren wird Harvey, nach einer jahrelangen Übersetzungspause, und bei einem neuen Verlag, auch von den deutschen Lesern angenommen.

Denn John Harvey ist ein angenehm altmodischer Geschichtenerzähler. Bei ihm wimmelt es nicht von durchgeknallten Serienkillern, problembelastet-trübsinnigen, alkoholsüchtigen Ermittlern, länglichen sozialpolitischen Statements und seitenfüllenden privaten Erzählsträngen, die mit der Haupthandlung nichts zu tun haben. Natürlich erzählt John Harvey auch von Frank Elders problematischer Beziehung zu seiner Frau und seiner Tochter, die in „Schrei nicht so laut“ entführt wurde und in „Schau nicht zurück“ mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Doch diese Geschichte gerät nie in Konflikt mit den Mordermittlungen.

Den letztendlich banalen Mordfall mit einer überschaubaren Zahl von Verdächtigen und einem Verdächtigen, der sehr schnell zum Hauptverdächtigen avanciert, präsentiert John Harvey mit der Souveränität eines großen Erzählers. Während Elder mit Zeugen und Verdächtigen spricht und langsam den Täter einkreist, wird in kurzen Kapiteln aus der Jugend des Mörders erzählt. So wird auch der Mörder neben Elder, seinen Freunden und den Opfern zu einem dreidimensionalen Charakter.

„Schlaf nicht zu lange“ ist ein Kriminalroman, der von Menschen, ihren Problemen und Hoffnungen handelt. Alltag eben.

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John Harvey: Schlaf nicht zu lange

(übersetzt von Sophie Kreutzfeld)

dtv, 2008

432 Seiten

8,95 Euro

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Originalausgabe

Darkness & Light

William Heinemann, London 2006

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Die Ermittlungen von Frank Elder

Schrei nicht so laut (Flesh & Blood, 2004)

Schau nicht zurück (Ash & Bone, 2005)

Schalf nicht zu lange (Darkness & Light, 2006)

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Hinweise

Homepage von John Harvey

dtv: Interview mit John Harvey

Guardian: Interview mit John Harvey (29. Dezember 2007)

Krimi-Couch über John Harvey

Meine Besprechung von “Schau nicht zurück”

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Eine Antwort zu Elders dritter Streich

  1. [...] 1 (6) John Harvey: Schlaf nicht zu lange [...]

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