Die Rückkehr von Will Eisners „The Spirit“

Oktober 22, 2008

Will Eisners „The Spirit“ gehört in den USA zu den langlebigen Comicserien und, als Beilage in den Zeitungen, war es auch 1940 eine Serie, die sich explizit an ein erwachsenes Publikum und nicht an Kinder richtete. Ob es die erste oder eine der ersten Serien für Erwachsene war, mögen die Historiker irgendwann entscheiden. In jedem Fall war „The Spirit“ eine Alternative zu den gängigen Superheldencomics.

Der „Spirit“ ist der ehemaliger Polizist Denny Colt, der beim Kampf gegen den irren Wissenschaftler Dr. Cobra, der Central City mit einer Chemikalie vergiften wollte, starb. Jedenfalls glaubt das die Bevölkerung. Denn er überlebte, zog sich eine blaue Augenbinde über (Tja, das waren noch Zeiten, als eine so minimale Verkleidung unkenntlich machte.) und begann das Böse zu bekämpfen. Will Eisner erzählt die Geschichte mit der Verkleidung so: „Die wollten einen heldenhaften Charakter, einen verkleideten Charakter. Sie fragten mich, ob er eine Verkleidung habe. Und ich setzte ihm die Maske auf und sagte: ‚Ja, er hat ein Kostüm!’“

Legendär und ein Kennzeichen der Spirit-Serie war vom ersten Abenteuer an das erste Bild, in dem Eisner ähnlich einem Buchumschlag in die Geschichte einführte und den Titel „The Spirit“ spielerisch und jedes Mal in einem anderen Stil in das Bild integrierte. Auch wenn die meisten „The Spirit“-Geschichten zwischen 1940 und 1952 erschienen, veröffentlichte Will Eisner bis zu seinem Tod 2005 immer wieder neue „The Spirit“-Comics.

Der zweifache Eisner-Preisträger Darwyn Cooke hat im Februar 2007, nach dem gemeinsamen Auftritt von Batman und The Spirit in „Batman/The Spirit“, mit „Ginger Coffee auf Eis“ eine neue „The Spirit“-Serie gestartet, die den Charme der alten Serie von Will Eisner bewahrt und sie für ein neues Publikum gelungen relauncht. Die wichtigsten Neuerungen sind dabei ein modernerer Zeichenstil, längere Geschichten (von den früheren sieben Seiten als Zeitungsbeilage auf zweiundzwanzig Seiten als eigenständiges Heft) und ein behutsam modernisiertes Ensemble. Immerhin war, als vor fast siebzig Jahren die ersten „The Spirit“-Comics veröffentlicht wurden, die Macho-Traumwelt noch in Ordnung. Auch wenn „The Spirit“ sich stilistisch stark am Film Noir orientierte und die Männer da immer die schlechten Karten haben.

Der „Spirit“ des neuen Jahrhunderts ist immer noch ein beherzter Kämpfer gegen das Verbrechen, ein leicht blauäugiger Retter von Frauen in Not und ein guter Kämpfer. Aber obwohl er oft Schläge austeilt, muss er inzwischen auch viele Schläge einstecken. Eigentlich wird er fast immer verprügelt.

„Na ja, wenn ich mit Hut und blauer Maske auf offiziellen Partys aufkreuze, endet es meist damit, dass ich von einer Bande Türsteher in der Größe von Bierlastern hinterm Haus vermöbelt werde“, sagt er in „Mit den Waffen einer Frau“, verkleidet sich dann als blinder Mann – und wird vermöbelt.

Auf dem Empfang möchte er Madam P’Gell davor bewahren, sich an den diktatorischen Herrschers Prinz Farouk heranzuschmeißen. Doch Madam P’Gell (Die Spezialität der Femme Fatale ist reiche Männer heiraten) hat andere Pläne.

Auch in „Ginger Coffee auf Eis“ wäre seine Mission einfacher, wenn die entführte TV-Journalistin sich einfach von ihm retten ließe. Aber dann ginge ihre große Story flöten.

„Hart wie Satin“ beginnt in der Wüste. Dorthin hat es „The Spirit“ und die stahlharte CIA-Agentin Silk Satin verschlagen. Sie verfolgten von Central City aus eine Spur, die sie zum Kopf der Octagon-Bande führen sollte. Und hier wäre die Mission von Silk Satin einfacher, wenn sie nicht den Spirit durch die Wüste schleppen müsste.

In „Auferstehung“ erinnert „The Spirit“ sich, nachdem Mortez in einem Restaurant vierzehn Triaden-Mitglieder niedermetzelte, an seine letzte Begegnung mit Alvaro Mortez. Damals gehörte Mortez zur Terrorgruppe Octagon, die einen Giftanschlag auf Central City plante. Denny Colt erfuhr davon und wollte den Anschlag auf eigene Faust verhindern. Das gelang ihm, aber er selbst starb in dieser Nacht mit den Verbrechern und tauchte später als „The Spirit“ mit der legendären blauen Maske wieder auf. Darwyn Cooke erzählt diese altbekannte „The Spirit“-Geschichte gelungen aus verschiedenen Perspektiven.

In „Der Werbestar“ klatschen Gangster ein jubelndes Kind mit einer „The Spirit“-Maske auf alte russische Armeekonserven und machen Kinder süchtig nach dem Fraß. Als der Kosake, ein berüchtigter Gangster, seinen Teil vom Geschäft haben will, geraten die Dinge außer Kontrolle.

„Almost Blue“ beendet den ersten „The Spirit“-Band, trotz der Explosion auf der ersten Seite, fast besinnlich mit der in einer Rückblende erzählten Geschichte des jungen Musikgenies August Blue, seinem Aufstieg in der Punkszene und seiner Sucht nach der aus dem Weltraum stammenden Droge Blue.

Die ersten sechs Abenteuer des neuen „The Spirit“ sind kurz, spannend, abwechslungsreich und machen neugierig auf den zweiten, gerade erschienenen „The Spirit“-Sammelband mit sechs weiteren Abenteuern des maskierten Helden. In den Kurzgeschichten bedient Darwyn Cooke sich hemmungslos aller erzählerischen Mittel und bekannten Stile aus Literatur und Film. Es gibt Perspektivenwechsel, mehrere Erzähler, Wechsel im Zeichenstil, Zeitsprünge, organisch eingebaute Rückblenden. Das alles handhabt der mehrfache Eisner-Preisträger souverän und pointiert im Dienst der Geschichte. Dass er dabei fast von Geschichte zu Geschichte das Genre wechselt, erhöht nur die Lust auf das nächste „The Spirit“-Abenteuer. Denn langweilig wird es mit Denny Colt nie.

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Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewart: Will Eisner’s „The Spirit“ – 1

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini Comics/DC, 2008

148 Seiten

16,95 Euro

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Originaltitel

Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewart: Will Eisner’s „The Spirit“ – 1

DC Comics, 2007

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Enthält

The Spirit 1: Ice Ginger Coffee, Februar 2007 (Ginger Coffee auf Eis)

The Spirit 2: The Maneater, März 2007 (Mit den Waffen einer Frau)

The Spirit 3: Resurrection, April 2007 (Auferstehung)

The Spirit 4: Hard Like Satin, Mai 2007 (Hart wie Satin)

The Spirit 5: Media Man, Juni 2007 (Der Werbestar)

The Spirit 6: Almost Blue, Juli 2007 (Almost Blue)

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Hinweise

Offizielle Will-Eisner-Seite

Will Eisner: A spirited Life Blog: Interview mit Darwyn Cooke (August 2006 über “The Spirit”)

Comics Podcast Network: Interview mit Darwyn Cooke (Januar 2008)

Wikipedia über Darwyn Cooke, Will Eisner und “The Spirit”

Bonushinweis

Darwyn Cooke adaptiert die ersten Parker-Romane von Richard Stark (24. Juli 2008)


Einige Interviews mit Autoren, hauptsächlich Krimi, aber auch Drehbuch

Oktober 22, 2008

Vierundzwanzig.de, das Wissensportal der Deutschen Filmakademie, hat ein sehenswertes Interview mit Ulrich Limmer (einige “Der Fahnder”-Folgen, Schtonk!, Die Sams, Der Räuber Hotzenplotz) gepostet. Es gibt außerdem, Brandneu!, ein dreiteiliges Interview mit “Heimat”-Regisseur Edgar Reitz - und die Navigation ist etwas für Pfadfinder.

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Stichwort Drehbuch hat Interviews mit den Drehbuchautoren Sönke Lars Neuwöhner, Sven S. Poser und Nicolai Rohde (über “Zehn Sekunden”), Clemens Murath (über “Der Kriminalist”), Autor/Regisseur Max Färberböck (über “Anomyma”) und, schon älter, Andreas Pflüger (über den Tatort “Ausweglos“).

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Bei Planet Interview beantwortet Friedrich Ani Fragen:

Ich habe festgestellt, dass ich im Kriminalroman meine Geschichten am besten und am klarsten erzählen kann. Dass ich meine oft sehr dramatisch agierenden Charaktere dort am besten unterbringen kann. Es hat sich als die beste Bühne für meine Figuren herausgestellt.

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Bei In for Questioning gibt es ein Interview mit Everybody’s Darling Sean Chercover, Autor des allseits abgefeierten und ausgezeichneten “Big City, Bad Blood”, des brandneuen “Trigger City”, das ebenfalls schon heftig abgejubelt wird, und noch ohne deutschen Verleger.

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Und, schon etwas älter: bei titlepage.tv stellt, neben einigen anderen Autoren, Carl Hiaasen sein neuestes Buch “The Downhill Lie” vor. Es ist kein Krimi, auch kein Jugendbuch, sondern ein Sachbuch über das Golfspielen. Das klingt nicht unbedingt nach einem Pflichtkauf.


TV-Tipp für den 22. Oktober

Oktober 21, 2008

SWR, 23.00

Der Pate – Teil 1/Teil 2 (USA 1977, R.: Francis Ford Coppola)

Drehbuch: Mario Puzo, Francis Ford Coppola

LV: Mario Puzo: The godfather, 1969 (Der Pate)

Die Mafia als gepflegter Familienbetrieb. Ein immer wieder gern gesehener Klassiker.

Allerdings heute in der vierteiligen, chronologisch-erzählten und ziemlich unbekannten TV-Version. Coppola schnitt die beiden ersten ersten „Der Pate“-Filme neu und integrierte auch Szenen, die nicht in den Kinofilmen enthalten sind.

Der dritte Teil folgt am kommenden Mittwoch, den 29. Oktober, um 23.00 Uhr und der abschließende vierte Teil am Mittwoch, den 5. November, ebenfalls um 23.00 Uhr.

Mit Marlon Brando, Al Pacino, James Caan, John Cazale, Robert Duvall, Diane Keaton, Sterling Hayden, Al Lettieri, Talia Shire

Hinweise

Offizielle Mario-Puzo-Seite

Kirjasto über Mario Puzo

Krimi-Couch über Mario Puzo

Kaliber.38 über Mario Puzo

Time: Mario-Puzo-Titelgeschichte (28. August 1978 – mit einem schönen Titelbild)


Cover der Woche

Oktober 21, 2008


Tagungshinweis: Bürgerrechte 0.0

Oktober 21, 2008

Zusammen mit einigen anderen Jungs habe ich diese Tagung organisiert. Deshalb gibt es ohne weiteres Brimborium die Fakten:

Bürgerrechte 0.0

Das BKA-Gesetz und die Grundrechte

Freitag, 31. Oktober 2008

Abgeordnetenhaus von Berlin

14.30 – 19.30 Uhr

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Die Grundrechte als wesentlicher Baustein einer freiheitlichen Demokratie wurden seit dem 11. Sep­tember 2001 von den Regierungen zugunsten eines Versprechens auf Sicherheit vor terroris­tischen Anschlägen abgebaut.

Durch eine Flut von neu eingeführten Polizei-Instrumenten – zuletzt im BKA-Gesetzentwurf sollen die Grundrechte noch stärker einge­schränkt werden.

Die Notwendigkeit ihrer Einschränkung wird dabei stets nur pauschal mit der Verteidigung der inne­ren Sicherheit begründet. Aber kann dies bei der herausragenden Bedeutung der Grundrechte  als Rechtfertigung ausreichen?

Die Tagung soll einen Beitrag zur Klärung dieser Frage leisten. Insbesondere soll es dabei um fol­gende Fragen gehen:

·         Sind die neuen Polizeiinstrumente über­haupt technisch umsetzbar?

·         Was ist aus Sicht der Polizei notwendig und sinnvoll?

·         Sind die neuen Instrumente vor diesem Hintergrund noch grundrechtskonform?

Die Ergebnisse der Tagung “Bürgerrechte 0.0″ werden in die künftige Politik von Bündnis 90/Die Grünen einfließen.

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14.30

Begrüßung

Benedikt Lux, MdA Bündnis 90/Die Grünen

Einführung

Bürgerrechte 0.0 – Paradigma der Innenpolitik unter Schäuble

Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterWolfgang Wieland,  MdB Bündnis 90/Die Grünen

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Fachvorträge (mit Diskussion)

14.50

Technischer Fortschritt – Was ist möglich?

Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterMarkus Hansen, Experte des unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig Holstein (ULD)

15.40

Die Polizeiinstrumente des neuen BKA-Gesetzes – Was ist polizeilich sinnvoll?

Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterKlaus Jansen, Bundesvorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BdK)

16.30

Sind die neuen Polizeiinstrumente grund­rechtskonform?

Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterProf. Dr. Rosemarie Will, Bundesvorsitzende der Humanistischen Union (HU)

17.20 Kaffeepause

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18.00

Streitgespräch

Wie viele Grundrechtseinschränkungen verträgt die deutsche Demokratie?

mit

Prof. Dr. Rosemarie Will, HU

Wolfgang Wieland,  MdB

Markus Hansen, ULD

Klaus Jansen, BdK

N.N., MdB CDU

Moderation: Felix Lee, Die Tageszeitung

19.30 Kleiner Empfang

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Veranstalter: MdA Benedikt Lux und LAG Demokratische Rechte

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Anmeldung (bitte bis 27. Oktober)

Post:

Benedikt Lux

Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin

Niederkirchnerstraße 5

10111 Berlin

E-Mail: benedikt.lux [@] gruene-fraktion-berlin.de

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Als Mitorganisator sage ich nur: Meldet euch an! Es lohnt sich!


TV-Tipp für den 21. Oktober

Oktober 21, 2008

TheGreat Silence postete diesen fast 15-minütigen Ausschnitt aus “The Tall T”, weil er ein Fan der dort gezeigten Landschaft ist. Der Ausschnitt ist vom Ende des Films, den ich heute in der deutschen Fassung empfehle:

Tele 5, 20.15

Um Kopf und Kragen (USA 1957, R.: Budd Boetticher)

Drehbuch: Burt Kennedy

LV: Elmore Leonard: The Captives, 1955 (Kurzgeschichte)

Nach einem Überfall auf eine Postkutsche nehmen die Banditen die Passagiere als Geisel. Sie wollen von ihnen Lösegeld erpressen. Aber sie haben nicht mit Brennan gerechnet.

Gelungene Verfilmung einer frühen Kurzgeschichte von Elmore Leonard. Aber bei den Western-Verfilmungen war die Ausbeute schon immer besser und Budd Boetticher hat mit Randolph Scott einige seiner besten Western inszeniert.

„Schlüssig konstruierter, dicht und spannend inszenierter, harter Western.“ (Lexikon des internationalen Films)

Budd Boetticher über diesen Film: „Ich schätze The Tall T sehr, es ist einer meiner besten Filme: Besonders liebe ich die Figur, die Richard Boone spielt; das war der wirkliche Beginn seiner Karriere. Es ist ein sehr guter Western. Er brachte Maureen O’Sullivan, die eine wunderbare Schauspielerin ist, auf die Leinwand zurück. Was der Titel bedeuten soll, habe ich selbst nie verstanden. Der Titel der Erzählung, die dem Drehbuch zugrunde lag, war The Captives, aber an diesem Titel hatte eine andere Gesellschaft die Rechte. Wir haben den fertigen Film nach New York geschickt, und die Bürokraten da, die von nichts eine Ahnung haben, haben ihm diesen ‚kommerziellen’ Titel gegeben, der mit dem Film überhaupt nichts zu tun hat. T soll vielleicht für Texas oder Terror stehen. Eine Frage, die an mich gestellt worden ist, finde ich sehr amüsant. Es heißt, die meisten meiner Banditen hätten sexuelle Obsessionen. Es ist mir nie eingefallen, dass sie so etwas hätten oder dass ich etwa so etwas hätte. Ich glaube, dass Sexualität für einen Mann, der diesen Namen verdient, eine sehr wichtige Sache ist. Es ist so wichtig wie Schlafen und Essen, nur noch viel angenehmer und unterhaltsamer. Der Umstand, dass ein Mann eine Frau begehrt oder umgekehrt, ist absolut normal. Meine Figuren interessieren mich sehr als Menschen, aber ich ziehe es vor, ihnen eine moralische Dimension zu geben, statt mich mit ihren physischen Obsessionen abzugeben.“

Mit Randolph Scott, Richard Boone, Maureen O’Sullivan, Henry Silva

Wiederholung: Mittwoch, 22. Oktober, 09.30 Uhr

Hinweise

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“

Images Journal: 30 great Westerns: The Tall T (und hier die komplette Liste)

FilmFreakCentral über “The Tall T” (3 von 4 Sterne)


Angel Dare räumt auf

Oktober 20, 2008

Das erste Mal begegnen wir Angel Dare, als sie gefesselt und für tot zurückgelassen im Kofferraum eines Honda Civic liegt. Auf den folgenden Seiten von Christa Fausts grandiosem „Hardcore Angel“ wird Angel Dare noch einige weitere Kofferräume kennenlernen und sich bis zu einem Chrysler 300 hocharbeiten. Doch zunächst muss sie sich aus dem Civic befreien. Während sie ihre Fesseln in mühseliger Kleinarbeit löst, erzählt sie uns, wie sie im Kofferraum landete. Es begann wenige Stunden früher mit einem Anruf von ihrem alten Freund Sam Hammer. Er drehte mit ihr in der Vergangenheit etliche Pornos und sie wurde zum Porno-Star. Später eröffnete Angel Dare, die inzwischen auf die vierzig zugeht und eindeutig zu alt für Pornos ist, die hochklassige Pornomodel-Agentur „Daring Angels“ und vermittelt seitdem nur noch Jobs. Doch jetzt bittet Sam sie um Hilfe. Ein Mädchen hat ihn bei einem Dreh sitzengelassen und Hauptdarsteller Jesse Black, der neue Stern am Pornohimmel, will unbedingt eine Szene mit ihr haben. Sie ist einverstanden (Hey, immerhin will Jesse Black sie vor laufender Kamera vögeln!), fährt zum Drehort und stolpert in eine Falle. Zwei Männer verlangen von ihr einen Koffer voll Geld, den eine verzweifelte Blondine mit Dracula-Akzent bei sich hatte, als sie vor der Mittagspause bei „Daring Angels“ auftauchte und nach Zandora Dior (natürlich ein…) fragte. Angel Dare hilft der Blondine Lia, indem sie einen von Lia geschriebenen Brief an Zandora faxt. Dann haut Lia ab und zwei Schläger fragen nach Lia. Da ahnen Angel Dare und ihre Empfangsdame Didi, die zu Zeiten von „Deep Throat“ ein Star gewesen war, noch nicht, dass sie in die Schusslinie von einigen skrupellosen Gangstern geraten sind.

Angel Dare kann sich schließlich aus dem Kofferraum befreien und über eine verlassene Industriebrache zu einem Telefon stolpern. Sie ruft Malloy, einen Ex-Cop, den sie neuerdings als Begleitschutz für ihre Models engagiert, an. Er sagt ihr, dass sie untertauchen müsse, weil die Polizei sie als Mörderin von Sam Hammer sucht.

Und dann – wir sind jetzt erst auf Seite 45 – beginnen sie gemeinsam den Koffer mit dem Geld und den Mörder von Sam Hammer zu suchen.

Mit „Hardcore Angel“ wurde Christa Faust vor gut neun Monaten in den USA zur „the ‚First Lady’ of Hard Case Crime“ ernannt. Das war einerseits keine große Leistung. Denn bis zum vierzigsten Hard-Case-Crime-Band veröffentlichte Hard-Case-Crime-Herausgeber Charles Ardai nur von Männern geschriebene Krimis. Andererseits ist es eine große Leistung, denn bis dahin hatte Charles Ardai keine Frau gefunden, die gelungen den kaltschnäuzigen Hardboiled-Stil der Hard-Case-Crime-Reihe bedient. Christa Faust, die in den USA bereits mehrere Bücher und das mit dem Scribe-Award der International Association of Media Tie-In Writers ausgezeichnete „Snakes in a Plane“ veröffentlichte, gelingt dies.

Ihre Heldin und Ich-Erzählerin Angel Dare ist, obwohl sie im Pornofilmgeschäft arbeitet, eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie ist eine normale Frau, die ihre Geschichte angenehm illusionslos und sarkastisch erzählt. Dabei wird das immer noch etwas schmuddelige Pornofilmmilieu zwar realistisch gezeichnet, aber gegen das eindeutig verbrecherische Gebaren von den Sexsklavinnenhändlern, mit denen Angel Dare sich in „Hardcore Angel“ anlegen muss, wird es zur lichten Seite des Geschäftes mit käuflichem Sex.

Wie es sich für einen richtigen Pulp gehört, wird das Milieu ohne erhobenen moralischen Zeigefinger dargestellt. Es bietet nur den Hintergrund für etliche Schlägereien, Morde (In „Hardcore Angel“ hat niemand ein schlechtes Gewissen, wenn er jemand umbringt. Und Angel Dare trägt auch ihr Scherflein zu der steigenden Mordrate in Los Angeles bei.), Sex, und einem, von der Atmosphäre, an Raymond Chandler erinnernden Plot. Nur kommt Angel Dare kein rettender Philip Marlowe zu Hilfe. Auch wenn Malloy ihr zuerst verdächtig selbstlos hilft. Am Ende muss Angel Dare, entsprechend den Genrekonventionen als rächender und rettender Engel, mit ihren natürlichen Talenten allein gegen die bösen Jungs kämpfen.

„Hardcore Angel“ ist ein höllisch guter Ritt durch eine Welt in der ein Menschenleben nicht mehr zählt als ein Blowjob. In ihrer Heimat dürfte ihr mit dem zeitgenössischen Noir „Hardcore Angel“, der nächstes Jahr sicher auf einigen Nominierungslisten zu finden sein wird, der Durchbruch gelungen sein. In Deutschland auch. Denn nach der Lesung im Kaffee Burger wurde der Verkaufstisch gestürmt und Rotbuch will im Frühjahr ein weiteres Buch von Christa Faust veröffentlichen.

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Christa Faust: Hardcore Angel

(übersetzt von Almuth Heuner)

Rotbuch, 2008

256 Seiten

9,90 Euro

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Originalausgabe

Money Shot

Hard Case Crime, 2008

256 Seiten

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Hinweise

Homepage von Christa Faust

In for Questioning: Audiointerview mit Christa Faust (Februar 2008)

Behind the Black Mask: Audiointerview mit Christ Faust (Juni 2008)

ChuckPalahniuk Homepage: Rob Hart interviewt Christa Faust (August 2008)

Kriminalakte über Christa Faust


TV-Tipp für den 20. Oktober

Oktober 20, 2008

ARD, 21.00

Duell ums Weiße Haus (D 2008, R.: Thomas Berbner, Udo Lielischkies)

Drehbuch: Thomas Berbner, Udo Lielischkies

45-minütige Doku mit dem Untertitel “Obama und McCain im Endspurt”.

Wiederholung: Dienstag, 21. Oktober, 03.20 Uhr (Taggenau! – und anschließend, wahrscheinlich, in der ARD-Mediathek)

Hinweise

ARD/NDR über die Doku

“Tagesschau”-Schwerpunkt zur Wahl


TV-Tipp für den 19. Oktober

Oktober 19, 2008

3sat, 00.10

Prince of the City (USA 1981, R.: Sidney Lumet)

Drehbuch: Jay Presson Allen, Sidney Lumet

LV: Robert Daley: Prince of the City, 1978 (Prince of the City)

Nach der Entdeckung der “French Connection” in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bildete die Polizei von New York eine mit besonderen Rechten ausgestattete Eliteeinheit zur Bekämpfung des Drogenhandels: die Special Investigating Unit (SIU). Sie nannten sich „Prinzen der Stadt“. Schnell begannen sie ihre Rechte auszunutzen. Bob Leuci war einer von ihnen. Bis er sich bereit erklärte, seine Kollegen zu bespitzeln.

Sidney Lumet verfilmte die auf Tatsachen beruhende Geschichte von Bob Leuci – der im Film Daniel Ciello heißt – als spannendes Biopic, bei dem keine Seite des Gesetzes besonders gut wegkommt und Leuci/Ciello sich zunehmend isoliert.

Das Drehbuch war 1982 als bestes Drehbuch für den Oscar, Edgar-Allan-Poe-Preis und den Preis der Writers Guild of America nominiert.

Heute ist der auch nach den in „Prince of the City“ geschilderten Ereignissen immer noch überzeugte Polizist Bob Leuci ein Krimiautor. Robert Daley, der Autor des verfilmten Tatsachenromans, war ebenfalls ein Polizist. Bis 1972 war er stellvertretender Polizeichef von New York City.

Mit Treat Williams, Jerry Orbach, Bob Balaban

Hinweise

3sat über “Prince of the City”

Die Zeit: Interview mit Sidney Lumet (19. April 2008)


TV-Tipp für den 18. Oktober

Oktober 18, 2008

HR, 20.15

Tatort: Und dahinter liegt New York (D 2001, Friedemann Fromm)

Drehbuch: Friedrich Ani

Wer erschoss den Polizisten Reck? Batic und Leitmayr ermitteln in Münchens nicht so gut gestellten Kreisen.

Toller Krimi mit fesselnder Story, guter Besetzung und authentischer Atmosphäre.

Bei der Erstausstrahlung gab es eine groteske Diskussion über den Titel: Dürfen wir nach dem Anschlag vom 11. September noch die Worte New York im Titel haben? Oder sollen wir sie durch die Welt ersetzten?

Mit Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Michael Fitz, Barbara Rudnik

Hinweise

dtv-Homepage über Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)


Hinweise zu Texten von Markus Stromiedel, Sara Paretsky, Barry Eisler, Max Allan Collins und zu drei Filmen

Oktober 17, 2008

Markus Stromiedel (Zwillingsspiel) hat in der FAZ den Artikel “Wie das Fernsehen seine Autoren vernichtet” über seine Erfahrungen als Drehbuchautor veröffentlicht:

Der Erfolg und die Qualität eines Filmes – und nur der wird am Ende beurteilt – ist beim Fernsehen entkoppelt von der kreativen Leistung des Autors. Die Produktionsgesellschaften und Sender sehen sich während des Entstehungsprozesses eines Drehbuches nicht als Geburtshelfer einer kreativen Leistung, sondern als Lenker und Entscheider. Anders der Lektor eines Buchverlages, mit ähnlich viel Macht ausgestattet wie ein Producer: Er versteht sich als Begleiter des Autors bei der Suche nach der Geschichte, er steht ihm fördernd zur Seite.Ein Producer oder Produzent im Fernsehgeschäft hingegen ist der Kutscher, der sich vom Autor den von ihm vorgegebenen Weg hinaufziehen lässt. Lahmt ein Pferd oder kommt es vom ausgetretenen Pfad ab, wird es gewechselt. (…)

Es müsste nur – so wie in den Vereinigten Staaten – die Bereitschaft geben, Autoren Verantwortung zu überlassen. Und es bräuchte den Mut, Projekte an den Start zu bringen, die anders sind als das, was bisher erfolgreich war. Möglicherweise irre ich mich, und das Programm würde nicht erfolgreicher. Aber eines wäre es nicht: langweilig.

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Sara Paretsky fragt “What happens to the novel in the Age of Fragmentation?”:

We need stories to make sense of our journey from beginning to end, of our times of loss, of our times of joy. We need stories to give us hope, and to give us understanding.
I have been wondering, lately, what kind of stories will survive the age of the Internet, which could also be called the Age of Fragmentation. (…)

If we live only with sound bites, then we are at the mercy of the person who creates the most compelling narrative out of these jostling fragments,. This happened with the narrative about Saddam Hussein, 9/11 and the Weapons of Mass Destruction. When we don’t check for facts, when we don’t pay attention to the whole arc of an event long enough to build a reliable narrative, we end up being controlled by unreliable narrators.

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Barry Eisler hat seine Gedanken zur dritten Präsidentendebatte zwichen John McCain und Barack Obama online:

As a novelist, I can’t help my fascination between the campaigns’ respective grasp of effective communication, of text and subtext. When you’re writing dialogue, “text” means what’s actually said, which in art as in life is largely discounted; “subtext” means what’s meant and actually communicated. Obama’s people understand the distinction. Obama’s text consisted of many things: discussion of his health care plan, his plans for the economy, etc. It was all in the service of his subtext, which was what he really wanted to communicate: “I’m serious. I’m presidential. I’m not a radical. You can trust me in the White House.”

By comparison, McCain seems to believe text and subtext are the same. He believes that when he expresses contempt for Obama, viewers will be encouraged to feel contempt, too. In fact, the contempt text reveals an unhelpful subtext: angry, thin-skinned, insecure, cranky old man. Three debates, and McCain never once demonstrated that he or the people around him understand the distinction. If you think effective communication is an important skill in a president, McCain offers few grounds for confidence.

Hinweis: Die New York Times hat die Debatte mit Video, Transkript und verschiedenen Suchfunktionen wieder vorzüglich aufbereitet online gestellt.

Bei Arte gibt es auch eine deutsche Version (also ein Synchronsprecher redet und damit wirklich nur für Menschen, die absolut kein Englisch können, empfehlenswert).

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Max Allan Collins beantwortet einige Fragen von Tom Piccirilli zu seinem neuen Roman “The first Quarry”, warum seine ersten Seriencharaktere Gangster und Killer waren, seinen posthumen Mickey-Spillane-Bücher und dem ganzen Rest.
PIC: What do you miss most about Mickey?

MAC: His voice on the phone. Just having the phone ring, and it’s Mickey Spillane, just calling to talk. He didn’t do that with many people, and it still seems surreal to me that I was his friend.

As far as Mickey in person, it’s this sly, devilish, little kid’s smile he would share with me, when he’d gotten away with some piece of b.s. for a reporter or even a fan. It said so much about him, that smile, and so much about our relationship that he let me in that way.

My fondest memories are late nights talking late into the night about writing. He didn’t have any other friend to talk about writing with, and that is a big part of why he valued our relationship. These were the times he would roam his office (usually the third-floor one) and start spinning the endings of various in-progress Mike Hammer stories. It was like having Mickey Spillane telling you Mike Hammer stories around a campfire. Unreal. Unbelievable. And that’s why I know the endings to all these unfinished novels!

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Bei Cinema Retro gibt es eine informativen Artikel über “French Connection II”:

Though French Connection II is one of the bleakest pictures Frankenheimer made, it is also one of the most thrilling, thanks to spectacular sequences like the burning of the slum hotel and the final chase, when Doyle runs after Charnier along the Marseilles harbor. The director realized that the exaggerated quality of these scenes could arouse disbelief and thus he tried to make them seem as authentic as possible.

Der Film läuft Samstagnacht um 01.30 Uhr bei Sat.1.

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Und Noir of the Week nimmt Steve-O sich “The Bank Job” (Yep, der lief erst vor wenigen Wochen im Kino.) vor:

The Bank Job is a wonderfully sleazy film. It’s filled with enough sex and violence that, if made years before, would have made Sam Fuller smile (and review Crowther probably blow his top). The thing I love about The Bank Job is the fact that the criminals who actually pull off the crime know they aren’t all that clever.

Und vergleicht ihn mit dem in Deutschland nicht gelaufenen “Armored Car Robbery” (USA 1950, Regie: Richard Fleischer):

Two excellent crime films. The two would make a great double feature for film noir fans craving heist movies.


TV-Tipp für den 17. Oktober

Oktober 17, 2008

ZDF, 00.10

Young Adam – Dunkle Leidenschaft (F/GB 2003, R.: David Mackenzie)

Drehbuch: David Mackenzie

LV: Alexander Trocchi: Young Adam, 1954/1957 (Wasserläufe)

Glasgow, um 1950: Der gescheiterte Schriftsteller Joe heuert auf Les Lastkahn an. Schnell beginnt er ein Verhältnis mit dessen Frau. Als Joe und Les eine tote Frau im Wasser entdecken, verschweigt Joe, dass er die Tote kennt.

David Mackenzie beschreibt „Young Adam – Dunkle Leidenschaft“ als eine unmoralische Parabel über die Moral. Über den innerlich zerrissenen Helden Joe sagt er: “Von reiner Unschuld ist er so weit entfernt wie man nur sein kann, und doch trifft ihn andererseits keine Schuld.”

Düstere Erotiktragödie, bei der die Sexszenen in den USA für den erwarteten Skandal sorgten, während auf dem Kontinent das Interesse mehr der Geschichte galt.

Der Film lebt von seiner atmosphärischen Dichte und einem erstklassigen Ensemble, das dem unnachgiebigen Blick der Kamera standhält.“ (Martin Schwickert, AZ, 9. Dezember 2004) oder “Ein wunderschöner, trauriger, lyrischer Film, ein kleines Meisterstück.” (film-dienst)

Die Musik stammt von David Byrne.

Mit Evan McGregor, Tilda Swinton, Peer Mullan, Emily Mortimer, Jack McElhone, Therese Bradley

Hinweise

Wikipedia über Alexander Trocchi

Homepage zum Film

Film-Zeit über “Young Adam”


Bouchercon IV: Lawrence-Block-Tribute-Video

Oktober 16, 2008

Mehr über Lawrence Block


“Hardcore Angel” Faust hits Berlin

Oktober 16, 2008

Vorgestern Bouchercon, gestern Buchmesse und am Samstag, den 18. Augut, um 20.00 Uhr im legendären Kaffe Burger (Berlin, Torstraße 60). Hard-Case-Crime-Autorin und Bloggerin Christa Faust ist im Moment viel Unterwegs.  In Deutschland stellt sie während einer kleinen Lesetour ihr neuestes Buch “Hardcore Angel” (Money Shot, 2008) vor.

In dem spannenden Pulp gerät Ex-Pornostar und Modelagenturchefin Angel Dare in Teufels Küche, als sie auf Bitten eines alten Freundes den Auftrag für einen weiteren Pornofilm annimmt. Kaum betritt sie das Filmset, wird sie von einer Gangsterbande überwältigt. Sie wollen von ihr einen Aktenkoffer haben. Als Angel Dare ihnen nicht helfen kann, wird sie geschlagen, in einen Kofferraum geworfen, auf sie geschossen und tot auf einer Industriebrache zurückgelassen. Doch sie hat die Schüsse überlebt und will sich jetzt an den Gangstern rächen. Dass die Polizei sie als Mörderin jagt, stachelt sie nur noch mehr an.

Einen Eindruck vom Buch liefert der Teaser:

Bei Partners & Crime stellte sie, mit Hard-Case-Crime-Herausgeber Charles Ardai, “Hardcore Angel” (Money Shot) vor und beantwortete Fragen aus dem Publikum:


Bouchercon III: Nachlese

Oktober 16, 2008

Erinnert Ihr euch noch an die kärgliche Nachlese im Internet zur Criminale? Nein? Nun, die ist hier. Die Bouchercon-Nachlese fällt dagegen üppiger aus.  Sarah Weinman macht’s nach ihrer Rückkehr in Bullet Points und weist auf die nächste Bouchercon 2010 in San Francisco (mit Laurie R. King und Lee Child) hin. Crime Fiction Dossier David J. Montgomery ist zurück:

The highlight for me was Larry Block being interviewed by Charles Ardai. Block is, and has long been, one of my favorite writers so it was a pleasure to hear him speak again. The sad part was knowing that this might be the last time seeing him in a situation like this, now that he is semi-retired. (He said during the talk that he doesn’t know if he’ll write any more books.)

(Erstens: Gibt es irgendwo das Interview? Zweitens: Irgendwie glaub’ ich den Satz in der Klammer nicht.)

Shotsmag Confidential hat mehrere Berichte online. Beim Rap Sheet gibt es neben der Live-Übertragung (als Experiment gelungen, aber auf meinem PC kaum anhör- und nicht ansehbar), eine erste Linksammlung,  einige Nachbetrachtungen und BilderMartin Edwards schreibt über seine Erfahrungen als Panel-Teilnehmer. Laurie R. King über ihre als Panel-Moderatorin.  Alexandra Sokoloff über ihre Eindrücke. Dito Duane Swierczynski. Dave White ebenso. Lee Lofland hat viele Bilder. Bei Crimespace gibt es etwas zu lesen. Dito bei Women of Mystery: einmal, zweimal und mehr demnächst. Sandra Ruttan hat beides: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Bookspot Central beschreibt seine zehn schönsten Bouchercon-Momente. Ge-Flickr-ed wird auch.

Stellvertretend für die anderen positiven Stimmen schreibt Victor Gischler:

What a damn great time. Congrats to Ruth Jordan and Judy Bobalik and all the folks who worked hard to make Baltimore so fun. It was great catching up with so many people. (…) People I wanted to pull aside to say how much I really liked their novels/short stoires. I just wasn’t able to get to it all. The time just flew right on by.

Best of all, I met a number of readers who said those words every author longs to hear: “I really love your work.” I have the best damn readers in the world.

Thanks.

Und dann gibt es noch, zum Abschluss von diesem kleinen und unvollständigem Überblick, den Bouchercon-2008-Blog.

Das klingt doch alles viel spannender als das Echo von der Criminale.


TV-Tipp für den 16. Oktober

Oktober 16, 2008

3sat, 21.00

3satbuchzeit

oder: Eine Sondersendung zur Frankfurter Buchmesse. Aber im Gegensatz zum ZDF zu einer normalen Zeit. Das ZDF zeigt seine “aspekte extra” um 00.35 Uhr nach Maybrit Illner (mit den üblichen Verdächtigen zu dem erwartbaren Thema der Woche) und Johannes B. Kerner (mit Atze Schröder).

Heute stellt Gert Scobel Autoren vor, Elke Heidenreich kommentiert (wenn sie bis dahin nicht die ersehnten Entlassung bekommen hat) und Orhan Pamuk spricht über türkische Literatur.

Hinweise

Homepage der Frankfurter Buchmesse

3sat über die Frankfurter Buchmesse

Am Samstag, den 18. Oktober, gibt es um 21.30 Uhr eine “3satbuchzeit extra” (Diese Kleinschreibung ist wohl das neue Hip-Ding bei den Öffentlich-Rechtlichen.)


Washington, D. C.: Pelecanos berichtet aus den innerstädtischen Kampfzonen

Oktober 15, 2008

George Pelecanos hat es in Deutschland wirklich nicht leicht. Während er in seiner Heimat Amerika und in England schon seit Jahren bei den gleichen Verlagen ist, diese ihn auch fördern und die Verkaufszahlen inzwischen seinem Ruf innerhalb der Krimiszene entsprechen, wandert er in Deutschland von einem Verlag zum nächsten. Nach Dumont, Rotbuch und Aufbau Verlag versucht jetzt der Rowohlt Taschenbuch Verlag sein Glück. Dass ich, als langjähriger Pelecanos-Fan, dem Verlag die Daumen drücke, dürfte kein großes Geheimnis sein. Auch wenn das Wort „Thriller“ auf dem Cover von „Der Totengarten“ (The night gardener) und der Klappentext die Erwartungen in eine falsche Richtung lenken. Denn „Der Totengarten“ ist alles außer einem 08/15-Serienkillerthriller. George Pelecanos schrieb auch noch nie einen herkömmlichen Rätselkrimi. Für ihn sind die Charaktere und deren Welt wichtiger als reine die Krimihandlung.

Deshalb ist in dem mit dem Barry ausgezeichneten „Der Totengarten“ die Frage nach dem Täter, obwohl Pelecanos die Identität des Serienmörders auf der letzten Seite enthüllt, vollkommen nebensächlich. In „Der Totengarten“ steht nicht die Jagd nach dem Serienmörder, sondern das Leben von drei Männern im Mittelpunkt.

1985 ermordete ein Serienkiller in Washington, D. C., mehrere Jugendliche, deren Name ein Palindrom (wie Ava oder Otto) war. Er tötete sie mit einem Kopfschuss und in ihrem Rektum wurden Spermaspuren entdeckt. Die Leichen wurden immer in Gemeindegärten gefunden. Sergeant T. C. Cook leitete damals die erfolglosen Ermittlungen.

Zwanzig Jahre später wird wieder eine Leiche gefunden. Detective Sergeant Gus Ramone fallen sofort die Ähnlichkeiten zu der alten Mordserie auf. Im Lauf seiner Ermittlungen bildet er mit dem pensionierten T. C. Cook und dem Ex-Polizisten Dan ‚Doc’ Holiday, der inzwischen als Chauffeur und Bodyguard arbeitet, ein Team. Dieses Mal wollen sie den ‚Palindrom-Mörder’ fangen.

In Pelecanos Werk hat „Der Totengarten“ eine Ausnahmestellung. Bis dahin waren seine Helden Privatdetektive, Kleinunternehmer, meistens Coffee-Shop-Betreiber oder Inhaber eines LP-Ladens, und Gangster. In „Der Totengarten“ sind es ein Polizist, ein pensionierter Polizist und ein Bodyguard.

Pelecanos konzentriert sich in „Der Totengarten“ vor allem auf die tägliche Polizeiarbeit des Polizisten Ramone und dessen Privatleben. Er ist verheiratet, hat eine Tochter, einen vierzehnjährigen Sohn, dessen Freund Asa Johnson das jüngste Opfer des Killers ist, und versucht ein guter Vater zu sein. Letzteres, die Beziehungen der Generationen zueinander, ist natürlich ein vertrautes Pelecanos-Thema. Neu ist dagegen der starke Fokus auf die Arbeit der Polizei. Weil Pelecanos damals auch einer der Produzenten und Drehbuchautoren der hochgelobten, realistischen Polizeiserie „The Wire“, für die auch Dennis Lehane und Richard Price Drehbücher schrieben, war, erstaunt das nicht so sehr.

In den USA wurde „Der Totengarten“ von den Kritikern abgefeiert, schaffte es auf zahlreiche Jahresbestenlisten und auch auf die New-York-Times-Bestsellerliste.

In seinem neuesten Roman „The Turnaround“ sind die traditionellen Genreelemente, ähnlich dem nicht übersetzten „Shame the Devil“, noch unwichtiger. Es wird zwar fünfunddreißig Jahre nach der Tat ein Mord aufgeklärt. Es gibt Erpressungen, Drogenhandel und mehrere Morde. Also alles das, was zu einem zünftigen Krimi gehört.

Aber in erster Linie erzählt Pelecanos ausführlich von dem normal-alltäglichen Leben von drei Männern, die sich 1972 in einer Nacht begegneten und heute wieder aufeinander treffen. Damals fuhren drei Jugendliche in das Schwarzenviertel Heathrow Heights. Als es zu einer von den Weißen provozierten Konfrontation kam, flüchtete Pete Whitten, Billy Cachoris wurde erschossen und Alex Pappas im Gesicht verunstaltet. Heute führt Pappas den von seinem Vater gegründeten Imbiss und er überlegt, ob er seinem Sohn das Geschäft übergeben soll. Der Afroamerikaner Raymond Monroe arbeitet als Therapeut im Walter-Reed-Veteranenhospital. Als sie sich dort treffen, will Monroe erfahren, wie Pappas heute lebt und ihn mit seinem Bruder James Monroe, der damals für die Tat verurteilt wurde und heute als Automechaniker arbeitet, bekannt machen.

Und der Kleingangster Charles Baker, der auch 1972 dabei war, versucht mit Erpressungen aus seinem Wissen Kapital bei Whitten und Pappas zu schlagen. Denn er glaubt, dass damals sein Leben verpfuscht wurde.

Aber Pelecanos entwickelt in „The Turnaround“ den Krimiplot nicht weiter. Er schleift ihn fast lustlos mit. So verteilt er die nicht sonderlich rätselhaften Ereignisse während der Nacht 1972 und wer damals der Todesschütze war über die gesamte Geschichte. Die amateurhafte Erpressung von Baker führt, wie es auch in der Realität wäre, nicht zu einer sich konflikthaft entwickelnden Dynamik zwischen Erpresser und Erpressten und Drogenhandel ist in Großstädten etwas sehr alltägliches.

Genau an diesem Punkt überzeugt Pelecanos. Er ist der düstere Chronist des Lebens in der Großstadt Washington, D. C., der Konflikte zwischen den Ethnien und des kleinen Mannes. „The Turnaround“ ist sicher die in jeder Hinsicht alltäglichste Chronik des Lebens in einer Großstadt. Nur das Ende ist zu märchenhaft-schmalzig.

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George Pelecanos: Der Totengarten

(übersetzt von Anja Schünemann)

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2008

464 Seiten

9,95 Euro

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Originalausgabe

George Pelecanos: The night gardener

Little, Brown and Company, 2006

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George Pelecanos: The Turnaround

Little, Brown and Company, 2008

304 Seiten

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HInweise

Homepage von George Pelecanos

Newsweek: George Pelecanos nennt die für ihn fünf wichtigsten Romane (September 2008)

Film in Focus: Interview mit George Pelecanos (September 2008)

Newsvine: Interview mit George Pelecanos (September 2008)

Express Night Out: Georges Pelecanos, James Grady und andere beantworten Fragen zu Noir anläßlich der Veröffentlichung von “D. C. Noir 2″ (September 2008)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ “Wut im Bauch” (Hell to pay, 2002)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ „Drama City“ (2005)

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Ansehbare Beweise

George Pelecanos spricht über „The Turnaround“

Der Trailer zu „Der Totengarten“


TV-Tipp für den 15. Oktober

Oktober 15, 2008

Und gleich noch ein Caper

Tele 5, 20.15

Topkapi (USA 1964, R.: Jules Dassin)

Drehbuch: Monja Danischewsky

LV: Eric Ambler: The light of day, 1962 (Topkapi)

Gentleman-Gauner Walter will mit seiner Gang einen kostbaren Dolch aus dem Topkapi-Museum in Istanbul klauen. Ohne die Hilfe des zwielichtigen Fremdenführers Arthur haben sie keine Chance.

Mit dem düsteren Gangsterfilm „Rififi“ erfand Dassin das Caper-Movie, mit seiner Parodie „Topkapi“ trug er es stilbewusst zu Grabe.

Amblers Buch erhielt den Edgar-Allan-Poe-Preis.

Mit Melina Mercouri, Peter Ustinov, Maximilian Schell, Robert Morley, Akim Tamiroff

Wiederholung: Freitag, 17. Oktober, 08.35 Uhr

Hinweise

Kirjasto über Eric Ambler

Krimi-Couch über Eric Ambler

Kaliber .38: Thomas Wörtche über Eric Ambler

California Literary Review: Brett F. Woods: Beyond the Balkans – Eric Ambler and the British Espionage Novel, 1936 – 1940 (26. März 2007)


Cover der Woche

Oktober 14, 2008

Das Cover der deutschen Erstausgabe des ersten John-Rebus-Romans “Knots and Crosses”. Das Original erschien 1987. Die deutsche Ausgabe im Mai 2000 – und dann ging es sehr schnell.


Rebus gegen die bösen Russen

Oktober 14, 2008

Die ewige Jugend beliebter Charaktere wie Spenser, Mike Hammer, James Bond und Jerry Cotton ist unrealistisch, aber dank dieser alterslosen Helden kann eine Serie bis in alle Ewigkeit fortgeschrieben werden. Wenn die Charaktere, wie Harry Bosch und John Rebus, in Echtzeit altern, rückt irgendwann die Pensionsgrenze und damit das Ende der Serie in greifbare Nähe. Bei dem von Ian Rankin erfundenen Detective John Rebus war es vergangenes Jahr soweit. Rankin schrieb mit „Exit Music“ die Chronik der letzten Dienstwoche von John Rebus. Jetzt ist der im November 2006 spielende Roman als „Ein Rest von Schuld“ auf Deutsch erschienen.

Detective John Rebus beschäftigt seine Partnerin Siobhan Clarke mit alten, ungeklärten Fällen. Da wird in einer dunklen Gasse neben einem Parkhaus der russische Dissidentendichter Alexander Todorow erschlagen. Als Rebus und Clarke kurz darauf herausfinden, dass eine russische Handelsdelegation sich in Edinburgh einkaufen will und ‚Big Ger’ Cafferty sich mit den Russen getroffen hat, vermuten sie einen Zusammenhang zwischen der Delegation, den Interessen schottischer Politiker und Banker und dem Mord an Todorow.

Kurz darauf verbrennt Charlie Riordan in seinem Haus. Der Toningenieur nahm zuletzt unter anderem eine Lesung von Todorow auf und hatte für ein Kunstprojekt eine umfangreiche Tondokumentation über die Arbeit des Parlamentes erstellt. Diese Tondokumente wurden im Brand fast vollständig vernichtet.

Für John Rebus hängen die beiden Morde miteinander zusammen. Für seine Vorgesetzten nicht und es gelingt ihm, wenige Tage vor seiner Pensionierung, suspendiert zu werden. Doch davon lässt er sich nicht weiter irritieren. Denn für Rebus ist der Fall die letzte Gelegenheit, sich an seinem Intimfeind Cafferty zu rächen.

Auch wenn Rankin den letzten Auftritt von Detective John Rebus mit „Exit Music“ (es gibt einen gleichnamigen Radiohead-Song) betitelte, ist er keine laue Abschiedsvorstellung und auch keine wehmütige Versammlung der aus den früheren Romanen bekannten Charaktere, die hier noch einmal auftreten und sich versöhnlich die Hand geben. „Exit Music“ (ich halte diesen Titel für treffender und schöner als „Ein Rest von Schuld“) ist eine leicht melancholische Abschiedsvorstellung, in der Rebus noch einmal zu großer Form aufläuft. Er legt sich mit seinen Vorgesetzten, Politikern, Diplomaten und Bankern an. Er fragt sich, was er nach seiner Pensionierung tun wird. Er weiß es nicht. Schließlich hat der Single neben seiner Arbeit keine Hobbys, – außer Rauchen (inzwischen vor der Bar) und Trinken.

Und Rankin verknüpft den Krimiplot von „Exit Music“, wie zuletzt in „Im Namen der Toten“, mit aktuellen politischen Ereignissen. Da war es der G-8-Gipfel in Gleneagles. Hier ist es die nahende Abstimmung über die schottische Unabhängigkeit, die geplanten Investitionen von Russen und der Tod des Regimekritikers Alexander Litwinenko.

Der Kriminalfall ist dagegen eher zweitrangig und die Lösung nach über fünfhundert spannenden Seiten mau. Mehr kann ich allerdings nicht verraten, ohne allzu deutliche Hinweise auf die Lösung zu geben. In Gesprächen gibt Ian Rankin zu, dass für ihn die Frage, wer der Täter sei, nicht besonders wichtig sei. Und das ist auch hier spürbar.

Insgesamt ist „Ein Rest von Schuld“ der würdige Abschluss einer grandiosen Krimireihe. Jedenfalls vorläufig. Denn Ian Rankin schließt weitere Romane mit John Rebus nicht aus.

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Ian Rankin: Ein Rest von Schuld

(übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini)

Manhattan, 2008

544 Seiten

19,95 Euro

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Originalausgabe

Exit Music

Orion Books, London, 2007

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Hinweise

Homepage von Ian Rankin

Ian Rankin über „Exit Music“

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

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Anmerkungen

Bei der Besprechung zu “Im Namen der Toten” gibt es eine John-Rebus-Bibliographie und, wie üblich, weiterführende Links.

Die Taschenbuch-Ausgabe von “Der diskrete Mr. Flint” ist jetzt erhältlich.


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