Vier spannende Pulps, serviert mit einer gute Portion schwarzen Humor

Die dritte deutschsprachige Hard-Case-Crime-Lieferung ist wieder ein spannendes Viererpack für den Hardboiled-Fan mit zwei alten und zwei neuen Romanen. Die Erstausgaben der Geschichten von Ed McBain und Lawrence Block erschienen bereits vor Jahrzehnten in Amerika, kurz darauf auch in Deutschland und wurden für die Hard-Case-Crime-Ausgabe neu übersetzt. Das Duo Ken Bruen/Jason Starr setzt die mit „Flop“ begonnene Zusammenarbeit fulminant fort und Max Phillips steuert ein mit dem Shamus-Preis ausgezeichnetes Werk bei.

Die Grandmaster Ed McBain und Lawrence Block

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„Die Gosse und das Grab“ ist ein Frühwerk von Ed McBain, der vor allem für seine langlebige Serie um das 87. Polizeirevier (dem Vorbild für alle realistischen Polizeiromane und Polizeiserien) bekannt ist. In dem schmalen, für die Hard-Case-Crime-Ausgabe überarbeiteten Roman bittet der Schneider Johnny Bridges seinen früheren Nachbarn, den Ex-Detective und Alkoholiker Matt Cordell um Hilfe. Er möchte wissen, wer ihn bestiehlt. Bevor Cordell mit seiner Arbeit beginnen kann, entdecken sie die Leiche von Bridges’ Geschäftspartner Dom Archese. Cordell beginnt den Mörder zu suchen. Bei seinen von eruptiven Erinnerungen unterbrochenen Ermittlungen konzentriert sich sein Interesse auf den Jazz-Musiker und Angestellten Dave Ryan, Archeses Frau und ihre singende Schwester.

Im Rahmen dieses Whodunit-Plots zeichnet Ed McBain in seinem düsteren Privatdetektivroman „Die Gosse und das Grab“ ein sehr frühes Porträt von einem Alkoholiker als Privatdetektiv. Cordell verschwand nach diesem Fall von der literarischen Bühne. Erst in die siebziger Jahre erfand Lawrence Block einen ähnlichen Privatdetektiv. Matt Scudder kämpfte mit seinem Alkoholismus und nach einigen, eher erfolglosen Romane, verschob Block in „Eight Million Ways to die“ und dem anschließenden „When the sacred ginmill closes“ die Akzente und die Serie wurde zu einer der erfolgreichen und langlebigen Privatdetektivromanserien.

Aber bevor Block mit seinen Serien ein größeres Publikum erreichte, schrieb er „Falsches Herz“. Es war eines der ersten unter seinem Namen erschienenen Bücher. Es erzählt minutiös die Geschichte eines Schwindels, der auch heute noch, mit kleinen Abweichungen, funktioniert. Bankier Gunderman hat in Kanada fast zwölf Quadratmeilen wertloses Land gekauft. Jetzt möchten die beiden Betrüger Doug Rance und Johnny Hayden mit einer Tarnfirma noch einmal betrügen. Sie wecken sein Interesse mit einem niedrigen Kaufangebot und erzählen ihm etwas von einem dort geplanten Projekt. Gunderman will sich beteiligen. Was er nicht ahnt, ist dass seine Sekretärin und Geliebte Evelyn Stone die beiden Betrüger auf ihn angesetzt hat. Und die beiden Betrüger ahnen nicht, dass Evelyn Stone ihren Chef nicht ohne Hintergedanken verraten hat.

„Falsches Herz“, zuerst 1965 veröffentlicht, hat zwar mehrere Neuauflagen erlebt, aber als spannender Kriminalroman funktioniert die Geschichte nur bedingt. Denn bis fast zum Ende läuft der Betrug nach Plan ab. Zwischen den Charakteren gibt es keine Dynamik und daher auch, bis fast zum Ende des Buches, keine überraschenden Verwicklungen und so steht, was Lawrence Block zu der Zeit, auch wegen seinem damaligen Job, am meisten faszinierte im Mittelpunkt: die detaillierte, fast lehrbuchhafte Schilderung eines Betruges. Der Krimiplot ist dagegen, obwohl es umgekehrt sein sollte, nur das schnell abgespulte Pflichtprogramm.

Die neue Garde: Max Phillips, Ken Bruen und Jason Starr

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Fest in der Pulp-Tradition steht Max Phillips mit dem Shamus ausgezeichneten Privatdetektivroman „Tödlich Blond“. Dabei ist sein Erzähler, der Ex-Boxer Ray Corson, kein richtiger Privatdetektiv, sondern ein Drehbuchautor, der bislang in Hollywood erfolglos an die Studiotüren klopft. Währenddessen verdient er mit schlechtbezahlten Gelegenheitsjobs seine Kohlen. Daher nimmt er gerne den gutbezahlten Auftrag des wunderschönen Starlets Rebecca LaFontaine an, legt sich mit dem Drogenkönig Lenny Scarpa an und gerät in eine ziemlich schmutzige Geschichte.

Max Phillips, der vor „Tödlich Blond“ bereits einige literarische Romane veröffentlichte, ist einer der beiden Gründer von Hard Case Crime. Die Idee für den Roman hatte er, nachdem er und Charles Ardai ein Titelbild und den Spruch „She was a little taste of heaven and a one-way ticket to hell!“ (die deutsche Version ist „Sie ist das Paradies auf Erden und ein echter Höllentrip“) entwarf. Er fragte sich später, was für eine Geschichte hinter diesem Cover stecken könnte, entwarf eine Geschichte und hatte, nach eigenen Worten, noch nie so viel Spaß beim Schreiben. Es ist ein wendungsreicher, in den Fünfzigern im filmischen Bodensatz von Hollywood zwischen Träumen vom Ruhm, Pornofilmen und Organisierter Kriminalität spielender Krimi.

Auch Ken Bruen und Jason Starr hatten beim Schreiben von „Flop“ ihren Spaß. Deshalb erzählen sie in „Crack“ die Geschichte von Max Fisher und Angela Petrakos fort. In den USA ist mit „The Max“ bereits der dritte und, so wird gesagt, abschließende Band erschienen.

„Flop“ war schon eine ziemlich durchgeknallte schwarze Komödie und „Crack“ ist die würdige Fortsetzung nach dem Prinzip „Schneller, höher, weiter“. Denn die Verwicklungen sind noch absurder, die Witze noch treffender und das Ende noch unvorhersehbarer.

Max Fisher macht jetzt in Crackdealer mit standesgemäßer Hip-Hop-Leidenschaft und Hip-Hop-Slang. Deshalb ist er jetzt „The M. A. X.“ und es geht ihm wieder verdammt gut. Aber irgendwann will seine vollbusige Freundin ihren Schnitt machen.

Angela Petrakos überwintert dagegen in Irland und verliebt sich wieder einmal in den falschen Mann: Slide, der in den USA, dem Land der Serienkiller, als Serienkiller groß herauskommen will. Bis dahin versucht er sich mit Entführungen ein finanzielles Polster zu verschaffen. Nach einem ungeplanten Mord muss er überstürzt zusammen mit Angela in die USA flüchten. Dort angekommen schlägt sie ihm vor, sich bei ihrem ehemaligen Liebhaber Max Fischer zu bedienen. Selbstverständlich scheitern, wie schon in „Flop“, die höchstens halbgaren Pläne der verschiedenen Verbrecher und Polizisten mit unvorhergesehenen und meist tödlichen Konsequenzen.

Aber das ist nur ein Teil des Vergnügens beim Lesen von „Crack“. Der andere Teil sind die zahlreichen Anspielungen von Ken Bruen und Jason Starr auf die Werke von geschätzten Kollegen und die Popkultur. Sogar ein von der Kritik geliebter irischer Krimiautor, der wie Keith Richards aussieht (naja, entfernt und im Dunkeln) und mit einem Amerikaner ein Buch geschrieben hat, hat einen kurzen Auftritt. Diesen wollte Slide, nachdem er die hohe Kunst des Kidnappens anhand amerikanischer Filme studiert hat, entführen.

Oh, und der Busenfetischist Max ist von den Covers der Hard-Case-Crime-Reihe aus sehr offensichtlichen Gründen begeistert.

Pulp-Fans dürfen sich auf vier lange Abende freuen. Denn Ed McBain, Lawrence Block, Max Phillips, Ken Bruen und Jason Starr haben nichts dagegen, wenn die zwischen 220 und 250 Seiten langen Werke in einem Zug gelesen werden.

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Ed McBain: Die Gosse und das Grab

(übersetzt und mit einem Nachwort von Andreas C. Knigge)

Rotbuch, 2009

224 Seiten

9,90 Euro

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Originalausgabe

Curt Cannon: I’m Cannon – For Hire

Hui Corporation, 1958

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HCC-Ausgabe

The Gutter and the Grave

Hard Case Crime, 2005

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Lawrence Block: Falsches Herz

(übersetzt von Andreas C. Knigge)

Rotbuch, 2009

224 Seiten

9,90 Euro

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Originalausgabe

The Girl with the long green Heart

Fawcett Gold Medal, 1965

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HCC-Ausgabe

Hard Case Crime, 2005

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Deutsche Ausgaben

Mord im Hotel

Winther, 1967

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Doppelspiel zu dritt

Heyne, 1967

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Max Phillips: Tödlich Blond

(übersetzt von Katrin Kremmler)

Rotbuch, 2009

256 Seiten

9,90 Euro

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Originalausgabe

Fade to blonde

Hard Case Crime, 2004

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Ken Bruen & Jason Starr: Crack

(übersetzt von Richard Betzenbichler)

Rotbuch, 2009

224 Seiten

9,90 Euro

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Originalausgabe

Slide

Hard Case Crime, 2007

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Hinweise

Amerikanische Homepage von Hard Case Crime

Deutsche Homepage von Hard Case Crime

Meine Besprechung von

Ed McBain (Hrsg.): Die hohe Kunst des Mordens, 2006 (Transgressions, 2005)

Lawrence Block: Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers, 1994

Lawrence Block: Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers, 1995

Lawrence Block: All the flowers are dying, 2005

Lawrence Block: Lucky at Cards, 2007 (OA: Sheldon Lord: The Sex Shuffle, 1964)

Lawrence Block: Abzocker, 2008 (Grifter’s Game, 2004; frühere Ausgaben: Mona, 1961; Sweet slow death, 1986, Die Mörderlady, 1970)

Lawrence Block: Verluste, 2008 (Everybody dies, 1998)

Lawrence Block: Killing Castro, 2009 (OA: Duncan Lee: Fidel Castro Assassinated, 1961)

Ken Bruen: The Guards, 2001

Ken Bruen: The Killing of the Tinkers, 2002

Ken Bruen: The Magdalen Martyrs, 2003

Ken Bruen: The Dramatist, 2004

Ken Bruen: Priest, 2006

Ken Bruen: Cross, 2007

Ken Bruen/Jason Starr: Flop, 2008 (Bust, 2006)

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