Neu im Kino/Filmkritik: „Source Code“ – der zweite Streich von Duncan Jones


Nach acht Minuten stirbt Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) bei einem Anschlag auf einen Zug in Chicago. Die vorherigen acht Minuten war Colter damit beschäftigt, herauszufinden, wie er in den Zug der Berufspendler kam. Denn die letzte Erinnerung des US-Army-Hubschrauberpiloten ist ein Feuergefecht in Afghanistan. Die Frau, die ihm gegenübersitzt, kennt ihn. Er aber kennt Christina Warren (Michelle Monaghah) nicht und im Spiegel erblickt er einen fremden Mann.

Nach seinem Tod wird Colter in einer Kapsel, die eine nicht immer einwandfrei funktionierende Mischung aus Hubschraubercockpit und altertümlicher Raumkapsel ist, wach und via Bildschirm erklärt ihm eine andere Frau, dass er sich auf einer Mission befinde und er wieder zurück müsse. Er habe wieder acht Minuten für seine Mission. Er muss herausfinden, wer für den Anschlag auf den Zug verantwortlich ist. Denn der Attentäter plant noch weitere Anschläge und nur Colter kann sie verhindern.

Er wird wieder in den Source Code geschickt.

Denn der Source Code ermöglicht es den Militär-Wissenschaftlern, jemand für acht Minuten in die Vergangenheit zu schicken. Die Gegenwart könne zwar nicht geändert werden (d. h. der Anschlag wird in jedem Fall stattfinden und die Menschen werden in dem Zug sterben), aber die anderen Anschläge können verhindert werden. Der Source Code ist eine parallele Wirklichkeit, in die man, wie in einem Spiel, jemand immer wieder zurückschicken kann. In einem Interview sagt Drehbuchautor Ben Ripley (Species III, Species IV), dass er eine nichtlineare Geschichte wie „…und täglich grüßt das Murmeltier“ (Groundhog Day, USA 1993) erzählen wollte. Science-Fiction-Fans dürften dagegen eher an die Werke von Philip K. Dick, der sich immer wieder mit der Frage, wie real die Realität ist, ob es parallele Welten gibt und wie frei wir in unseren Entscheidungen sind, denken. Auch Ripleys Drehbuch ist ziemlich düster geraten und stellt die eine allgemeingültige Wirklichkeit infrage.

Aber Colter will nicht stupide Befehle ausführen. Er will die Passagiere retten. Vor allem will er Christina, in die er sich verliebt, retten. Und Colleen Goodwin (Vera Farmiga), die ihm als Befehlshaberin die Situation erklärt und ihn immer wieder zurückschickt, beginnt in ihm auch den Mensch zu sehen, den sie immer wieder, mit spärlichen Informationen ausgestattet, in den virtuellen (?) Tod zu schicken. Dagegen ist Projektleiter Dr. Rutledge (Jeffrey Wright) nur an einem Erfolg von seinem Projekt, das hier zum ersten Mal in der realen Welt ausprobiert wird, interessiert.

Source Code“ ist, wie schon der Debütfilm „Moon“ von Duncan Jones, Science-Fiction-Kino für denkende Menschen, bei dem das geringe Budget (gerade die Effekte bei der Bombenexplosion sind schlecht) durch gute Leistungen der Schauspieler (Michelle Monaghan hat eine sehr undankbare Rolle als blasses Love-Interest; Vera Farmiga, die die ganze Zeit vor einem Bildschirm sitzen muss, ist fantastisch) und ein gewitztes Drehbuch ausgeglichen werden. Denn die Idee der Zeitreise ist zuerst einmal der Aufhänger für einen spannenden Thriller mit vielen falschen Fährten und Überraschungen, und danach ein moralischer Diskurs über Verantwortung (ohne zu moralisieren), Realität und der alten Zeitreise-Frage, ob die Gegenwart verändert werden kann (und muss) und ob wir dann wissen, dass die Gegenwart verändert wurde. D. h. gibt es parallele Welten und wenn ja, wie viele?

Duncan Jones zeigt auch in seinem zweiten Spielfilm, dass ein guter Science-Fiction-Film keine epischen Weltraumschlachten oder ausufernde Kämpfe auf der Erde braucht, sondern nur eine gute Idee. Oder eine alte Idee (Zeitreise in die Vergangenheit ist für SF-Fans wirklich ein alter Hut), der neue Facetten abgewonnen werden. In „Source Code“ gelingt das in neunzig straff erzählten Minuten, die keine Zeit für langwierige Nebengeschichten lassen.

Source Code (Source Code, USA 2011)

Regie: Duncan Jones

Drehbuch: Ben Ripley

mit Jake Gyllenhaal, Michelle Monaghan, Vera Farmiga, Jeffrey Wright, Michael Arden, Cas Anvar

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

-

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Source Code“

Wikipedia über “Source Code” (deutsch, englisch)

Script Shadow redet mit Drehbuchautor Ben Ripley über “Source Code” (9. Februar 2010)

We got this covered redet mit Ben Ripley über “Source Code” (20. März 2011)

Trailer Addict stellt Ben Ripley einige Fragen über “Source Code”

WGA redet mit Ben Ripley über “Source Code”

Indie Wire unterhält sich mit Ben Ripley und Duncan Jones über “Source Code” (15. März 2011)

Meine Besprechung von Duncan Jones’ “Moon”

About these ads

5 Antworten zu Neu im Kino/Filmkritik: „Source Code“ – der zweite Streich von Duncan Jones

  1. [...] Source Code, Ben Ripley (Drehbuch), Duncan Jones (Regie) (Summit) [...]

  2. [...] Source Code, Drehbuch von Ben Ripley; Regie Duncan Jones (Vendome Pictures) [...]

  3. [...] ist so ein Film, der wirklich, wie „Moon“ und „Source Code“ Spaß macht und zum Nachdenken anregt. Nicht unbedingt über Zeitreisen (die Paradoxien bleiben [...]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 42 Followern an

%d Bloggern gefällt das: