DVD-Kritik: Der brutale Western „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Juni 27, 2011

Als „härtester Western der Geschichte“ ging Ralph Nelsons „Das Wiegenlied vom Totschlag“ in die Filmgeschichte ein. Damals konnte und sollte das Massaker am Filmende nur als Allegorie auf das Wüten der amerikanischen Soldaten in Vietnam gesehen werden und, ebenfalls konform zum Zeitgeist, als Abrechnung mit der amerikanischen Geschichte, ihrem Umgang mit den Ureinwohnern und auch, wenn auch in geringerem Umfang, als Verklärung des Lebens der Indianer als edle, friedliebende Wilde in der freien, schönen Natur (Sehen Sie sich nur die ersten Minuten an: während Buffy Sainte-Marie „Soldier Blue“ singt, gibt es atmosphärische Landschaftsbilder und, mit dem Ende des Songs, das Bild von einer Horde verdreckter, müder und schwitzender Soldaten, die ohne Uniform Filmschurken wären).

Heute sind die Vietnam-Referenzen weniger deutlich, aber dafür können wir an Afghanistan denken.

Außerdem fällt aus heutiger Sicht die Umkehrung der traditionellen Geschlechterrollen auf. Candice Bergen („Boston Legal“ für die Jüngeren; die Älteren kennen sie ja noch von früher) spielt Cresta Lee, eine New Yorkerin, die zwei Jahre Gefangene der Cheyenne und auch die Frau des Häuptlings Gefleckter Wolf war, und jetzt wieder zu den Weißen (und ihrem neuen Mann, einem Soldaten) zurückkehren will. Bei einem Überfall auf einen Geldtransporter der US-Army überleben nur sie und Honus Gant (Peter Strauss in seinem zweiten Film und seiner ersten Hauptrolle), ein wahres Greenhorn vor dem Herrn und überheblicher Hasenfuß, der selbstverständlich alles besser weiß, aber in der Wildnis keinen halben Tag überleben würde. Lee kennt sich dagegen in der Wildnis aus und sie übernimmt ohne zu zögern die Initiative. Gant stolpert dagegen von einem Ungeschick ins nächste und er ist extrem schüchtern und verklemmt.

Der gesamte Mittelteil des Films schildert dann die beschwerliche Reise von Cresta Lee und Honus Gant durch die Wildnis zum Lager der Soldaten und wie die beiden sich auf dem Marsch durch die Wildnis näherkommen und – Überraschung! – auch ineinander verlieben.

Das erzählt der TV-Routinier Nelson in seinem bekanntestem Film energisch, ohne Durchhänger und mit einer ordentlichen Portion Humor, der manchmal etwas von einer Screwball-Comedy hat.

Diese vergnügliche Liebesgeschichte hängt aber dramaturgisch in der Luft, weil sie mit dem Massaker am Anfang wenig und dem am Ende nichts zu tun hat. In ihr geht es halt nicht um das Verhältnis von Weißen zu Indianern, sondern von Frauen zu Männern und um die Beziehung von einem Greenhorn zu einer Person, die den Wilden Westen wie ihre Westentasche kennt und das Greenhorn durch die Wildnis schleppen muss. Dass sie außerdem eine Frau ist, steigert nur – zu unserem Vergnügen – die Minderwertigkeitskomplexe des Greenhorns.

In den letzten zwanzig Minuten des Western zeigt Nelson dann seine Version des historisch verbürgten Massakers am Sand Creek, Colorado. Am 29. November 1864 schlachtete eine 700 Mann starke Einheit der US-Kavallerie über 500 Indianer, mehr als die Hälfte Frauen und Kinder, und skalpierte über 100 Männer, die sich vor dem Kampf ergeben hatten, bestialisch ab. Die Bilder von Soldaten, die Frauen vergewaltigen und erschießen, Kinder erschießen, Arme abhacken, Wehrlose köpfen, aufschlitzen, erschießen, pfählen und zum Ausbluten aufhängen, beunruhigen immer noch. Nicht weil sie so drastisch sind. Da haben moderne Horrorfilme mehr zu bieten. Es ist die in den Bildern spürbare Wut, Empörung und Hilflosigkeit über das barbarische Verhalten der Soldaten die wehrlose, friedfertige Menschen töten und die Beiläufigkeit, in der es gezeigt wird. Fast als habe ein Reporter einfach mit seiner Kamera draufgehalten und die besten Bilder ausgewählt. In diesen Minuten ist „Das Wiegenlied vom Totschlag“ gar nicht so weit von damals zeitgenössischen Horrorfilmen, wie „Die Nacht der lebenden Toten“ und „The Texas Chainsaw Massacre“, die ebenfalls Allegorien auf den Vietnam-Krieg sind, Jedes Bild fragt, warum wir die Weißen für die Guten halten sollen.

Allerdings werden die Indianer erst am Ende des Films als hilflose Unschuldslämmer gezeigt. Am Anfang, wenn sie aus heiterem Himmel den gut geschützten Geldtransport überfallen und alle Soldaten töten und skalpieren, sind sie die Bösewichter und man kann die Empörung von Gant über das Ermorden seiner Kompanie verstehen. Dass die Indianer den Transport, wie ihm Cresta Lee erklärt, nur überfallen haben, um sich Geld für Waffen zu besorgen und sie das Skalpieren vom weißen Mann gelernt haben, ist in diesem Moment nur die Behauptung einer Frau, die aus der Sicht von Gant, viel zu lange unter Indianern lebte und eine Verräterin ist. Dennoch sind die Indianer jetzt als Bösewichter eingeführt, gegen die Lee und Gant sich auf ihrem Fußmarsch durch die Wildnis verteidigen müssen.

Und ohne das Massaker am Ende, das wie angeklebt wirkt, um dem Film eine sofort erkennbare gesellschaftspolitische Relevanz zu verschaffen, wäre „Das Wiegenlied vom Totschlag“ nur ein weiterer 08/15-Western. Vergnüglich, unterhaltsam, aber nicht weiter aufregend und wahrscheinlich schon lange ebenso vergessen wie die anderen Filme von Ralph Nelson.

Insofern ist „Das Wiegenlied vom Totschlag“ sehenswert als historisches Dokument, wegen des drastischen Massakers (das, obwohl die Soldaten in Wirklichkeit viel schlimmer gewütet haben sollen, allerdings einen stark spekulativen Charakter hat und sicher haben die Macher beim Dreh auch die Kinokasse im Blick gehabt) und der schön erzählten Liebesgeschichte. Aber „Das Wiegenlied vom Totschlag“ ist kein Klassiker. Dafür klaffen die formale Gestaltung, die erzählte Geschichte, der implizit formulierte Anspruch eine Anklage gegen die US-Regierung zu sein und die Durchführung zu weit auseinander.

Das Wiegenlied vom Totschlag (Soldier Blue, USA 1970)

Regie: Ralph Nelson

Drehbuch: John Gay

LV: Theodore V. Olson: Arrow in the Sun, 1969 (nach dem Filmstart auch als „Soldier Blue“ veröffentlicht)

mit Candice Bergen, Peter Strauss, Jorge Rivero, John Anderson, Donald Pleseance, Dana Elcar

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Blu-ray

Kinowelt

Bild: 2,35:1 (1080/24p Full HD)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch (Mono DTS-HD MA)

Untertitel: Deutsch, Dänisch, Finnisch, Italienisch, Norwegisch, Schwedisch, Spanisch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

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Hinweise

Wikipedia über „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (deutsch, englisch)

Cinema Retro über “Das Wiegenlied vom Totschlag”

Ikonen über “Das Wiegenlied vom Totschlag”

Nothing is written mag “Das Wiegenlied vom Totschlag” überhaupt nicht

DVD Talk: Paul Mavis über “Das Wiegenlied vom Totschlag”

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Bonus (das bekanntere Plakat/DVD-Cover)


TV-Tipp für den 27. Juni: Gran Torino

Juni 27, 2011

ZDF, 22.15

Gran Torino (USA 2008, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: Nick Schenk (nach einer Geschichte von Dave Johannson und Nick Schenk)

Das Leben des verbitterten, rassistischen Korea-Veteranen Walt Kowalski gerät aus den gewohnten Bahnen, als er einen Hmong-Nachbarjungen gegen eine Straßengang verteidigt (sie hatten den Fehler begangen ihren Streit auf Kowalskis Rasen austragen zu wollen). Kowalski wird zum Helden der asiatischen Gemeinschaft und die Straßengang will die erlittene Schmach vergelten.

Der bislang letzte Leinwandauftritt von Clint Eastwood. Danach drehte er noch einige weitere Filme, der nächste, „J. Edgar“, wird gerade geschnitten und das Biopic über den FBI-Chef J. Edgar Hoover soll am 16. Februar 2012 bei uns anlaufen. Denn Eastwood zaudert nicht lange, wenn ihm das Buch gefällt. Oft verfilmt er sogar die erste Fassung (in Hollywood bekannt als die Fassung, mit der die Gespräche beginnen, die aber vor dem Dreh noch mehrmals überarbeitet werden muss). Auch bei „Gran Torino“ änderte Eastwood nichts am Drehbuch.

Gedreht wird auch schnell. „Million Dollar Baby“ war vor der geplanten Drehzeit fertig (und die war mit 39 Tagen auch nicht gerade üppig) und kostete deutlich weniger, als zuerst von den Produzenten zuerst gesagt wurde (normalerweise dürfte es umgekehrt sein; Oh, und auch die zuerst genannten Kosten waren gar nicht so hoch.). Bei „Gran Torino“ waren 35 Drehtage angesetzt. Nach 33 Tagen war der Film im Kasten.

Tja, und, wie schon bei „Million Dollar Baby“ und „Erbarmungslos“ war die Kritik begeistert und wurde nicht müde, über „Gran Torino“ als Alterswerk das ein gutes Vermächtnis wäre, zu fabulieren. Dabei erzählt der Film doch einfach nur eine gute Geschichte.

Trotzdem hat „Gran Torino“ den Dagger als „best big-screen crime thriller story“, den César als bester ausländischer Film und die ganzen anderen Preise verdient.

Mit Clint Eastwood, Christopher Carley, Bee Vang, Ahney Her, Brian Haley, Geraldine Hughes, Dreama Walker, Brian Howe

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gran Torino“

Wikipedia über “Gran Torino” (deutsch, englisch)

CTV.ca: AP-Artikel über Nick Schenk

Kriminalakte: Glückwünsche zum achtzigsten Geburtstag von Clint Eastwood

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Hereafter”

Clint Eastwood in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 26. Juni: Columbo: Der Tote in der Heizdecke

Juni 26, 2011

Super RTL, 22.15

Columbo: Der Tote in der Heizdecke (USA 1993, R.: Vincent McEveety)

Drehbuch: Peter Falk

Erfinder: Richard Levinson, William Link

Lauren (Faye Dunaway) bringt ihren fremdgehenden Liebhaber um und verschafft sich ein perfektes Alibi. Aber sie hat nicht mit Lieutenant Columbo gerechnet.

Eine ungewöhnliche Episode: Peter Falk schrieb das Drehbuch (sein einziges) und Faye Dunaway erweist sich als echte femme fatale, die Columbo so heftig umgarnt, dass der dabei anscheinend seine detektivischen Fähigkeiten verliert. Der Lohn waren drei Golden-Globe-Nominierungen und ein Emmy für Faye Dunaway.

Der Tote in der Heizdecke“ gehört zu den besseren der späten Columbo-Fälle, die ab 1989, nach einer elfjährigen Pause, entstanden.

Super RTL zeigt an den kommenden Sonntagen weitere „Columbo“-Filme.

mit Peter Falk, Faye Dunaway, Claudia Christian, Armando Pucci, Bill Macy, John Finnegan

Hinweise

Wikipedia über „Columbo“ (deutsch, englisch)

The Museum of Broadcast Communications über “Columbo”

Fernsehlexikon über “Columbo”

“Columbo”-Fanseite

Deutsche “Columbo”-Fanseite

Noch eine deutsche “Columbo”-Fanseite

TV Time Machine: Audiointerview mit Peter Falk und Mark Dawidziak

Mein Nachruf auf Peter Falk


R. i. P. Newton Thornburg, Peter Falk

Juni 25, 2011

 

Newton Thornburg (Harvey, Illinois, 13, Mai 1929 – Bothell, Washington, 9. Mai 2011)

Via The Rap Sheet habe ich erfahren, dass Newton Thornburg bereits am 9. Mai gestorben ist. Am bekanntesten ist sein 1976 erschienener Roman „Cutter and Bone“, der damals wegen seiner literarischen Qualitäten im Rahmen einer spannend erzählten Genregeschichte (also kein „literarischer Kriminalroman“) gelobt wurde.

George Pelecanos sagt: „There are very few novels, in fact, that have rocked my world to the degree that ‘Cutter and Bone’ did the first time I read it.“

Heute ist das Buch vor allem als die Vorlage für den Film „Bis zum bitteren Ende“ (Cutter’s Way, USA 1981) von Ivan Passer mit Jeff Bridges, John Heard, Lisa Eichhorn und Stephen Elliott bekannt. Jeffrey Alan Fiskins Drehbuch erhielt den Edgar und inzwischen ist der Krimi ein kleiner Klassiker.

Nach einem Schlaganfall 1998 konnte Thornburg keine weiteren Bücher mehr schreiben und er verschwand aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Danach unterhielten sich Bob Cornwell (Tangled Web) und Santa Barbara Independent mit ihm.Einen Nachruf gibt es im Guardian.

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Peter Falk (New York City, New York, 16. September 1927 – Beverly Hills, Kalifornien, 23. Juni 2011)

Lieutenant Columbo ist tot.

Neben dieser Rolle, die Peter Falk erstmals 1968 in dem TV-Film „Mord nach Rezept“ (Prescription: Murder) spielte und ab 1971 in der „Columbo“-Serie fast siebzigmal bis 2003 verkörperte, spielte er auch in zahlreichen kleinen Filmen, wie „Ehemänner“ (Husbands, USA 1970) und „Eine Frau unter Einfluss“ (A woman under the influence, USA 1974), beide inszeniert von seinem Freund John Cassavetes (ein weiterer Grenzgänger zwischen klassischem Hollywood- und radikalem Independent-Kino), Wim Wenders „Der Himmel über Berlin“ (D 1987), und, nun, normalen Hollywood-Filmen, wie „Eine Leiche zum Dessert“ (Murder by Death, USA 1976), „Das große Ding bei Brinks“ (The Brink’s Job, USA 1978) und „Die Braut des Prinzen“ (The Princess Bride, USA 1987), mit. Peter Falks letzter Filmauftritt war 2009 in der schwarzen Komödie „American Cowslip“.

Aber er wird immer der scheinbar trottelige Lieutenant Columbo bleiben, der mit seiner Schusseligkeit, seinen schlecht sitzenden Kleidern und „Eine Frage hätte ich noch“ die von ihrem Status, ihrem Geld und ihrer Macht überheblich gewordenen Mörder fängt. Insofern sind die „Columbo“-Filme Klassenkampf.

Nachrufe gibt es bei Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Washington Post, L. A. Times, New York Times und im Rap Sheet.

Und Super RTL zeigt am Sonntag, den 26. Juni, um 22.15 Uhr die für drei Golden Globes nominierte Columbo-Folge „Der Tote in der Heizdecke“ (USA 1993). Peter Falk schrieb das Drehbuch, Faye Dunaway (die einen Emmy für ihre Rolle erhielt) ist der Bösewicht und Columbo hat da noch eine Frage.

 


TV-Tipp für den 25. Juni: Erbarmungslos

Juni 25, 2011

RBB, 23.55

Erbarmungslos (USA 1992, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: David Webb Peoples

Wyoming, 1880: Als der ehemalige Revolverheld William Munny erfährt, dass die Huren von Big Whiskey ein Kopfgeld von 1000 Dollar auf zwei Cowboys aussetzten, die eine von ihnen verstümmelte, schnallt er wieder seinen Colt um. Denn er braucht das Geld für sich und seine beiden Kinder; – auch wenn er es mit zwei Gefährten teilen muss.

„‘Erbarmungslos’ ist offensichtlich ein feinfühlig gemachter und ausbalancierter Film, und, wenn man seine Einsichten in die menschliche Natur bedenkt, so düster, wie ein Genrefilm überhaupt nur sein kann. Aber er präsentiert sich nicht finster, was er teilweise seinen Autoren verdankt. (…) Abgesehen von ‘revisionistisch’ , war das von den Kritikern am häufigsten verwendete Wort ‘Meisterstück’.“ (Richard Schickel: Clint Eastwood – Eine Biographie)

„ein vorzüglicher Spätwestern, der wie seit Peckinpahs ‘The Wild Bunch’ nicht mehr verstört.“ (Fischer Film Almanach 1993)

„Erbarmungslos“ erhielt vier Oscars, unter anderem als bester Film. Clint Eastwood erhielt für seine Regie und sein Spiel zahlreiche Preise und Nominierungen.

Das Drehbuch war für den Edgar, Oscar, Golden Globe und WGA Award nominiert und erhielt von den Western Writers of America den Spur Award als bestes Western-Drehbuch.

Außerdem erhielt „Erbarmungslos“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards.

Bei Rotten Tomatoes liegt der Frischegrad für diesen Western bei 96 Prozent.

Auf einer 2008 veröffentlichten Liste der zehn besten Western setzte das American Film Institute „Erbarmunglos“ auf den vierten Platz.

mit Clint Eastwood, Gene Hackman, Morgan Freeman, Richard Harris, Jaimz Woolvett, Saul Rubinek, Francis Fisher, Jeremy Ratchford

Hinweise

Wikipedia über „Erbarmungslos“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Unforgiven“ von David Webb Peoples (Production Draft Sript, 23. April 1984)

epd Film: Rudolf Worschech über Clint Eastwood (2010)

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


DVD-Kritik: David Lynch auf der „Lost Highway“

Juni 24, 2011

 

Im Rückblick war „Lost Highway“ der letzte große Film von David Lynch. Danach drehte er das für ihn absolut untypische Drama „The Straight Story“ (ein schöner Film, aber wirklich nicht das, was wir bei David Lynch erwarten), das als TV-Serie geplante, dann als Kinofilm realisierte „Mulholland Drive“ (was man beim Sehen auch bemerkte; außerdem kopierte Lynch schamlos die Struktur von „Lost Highway“), viele Kurzfilme, das als Spielfilm unansehbare „Inland Empire“ (als Kurzfilm-Compilation oder Kunstinstallation vielleicht okay, aber drei Stunden im Kino?) und, auch hier in Berlin, seltsame Auftritte.

Aber ist „Lost Highway“ vierzehn Jahre nach seiner Deutschlandpremiere, die am 10. April 1997 war, heute noch so faszinierend wie damals?

Machen wir den Test mit der neuen DVD-Ausgabe des Films, für die der Film auch geremastered wurde. Bild und Ton sind deutlich besser. Man sieht mehr Details, das Bild ist heller und die Farben sind auch natürlicher. Während man bei der alten DVD bei den Nachtaufnahmen fast nichts erkannte, sieht man bei der neuen DVD die Details sehr deutlich.

Das Bonusmaterial der neuen Ausgabe ist zwar etwas umfangreicher als bei der alten Veröffentlichung von Universum Film, aber immer noch kärglich. Damals gab es vier Interviewschnipsel mit Lynch und den Hauptdarstellern. Heute gibt es mehrere Ausschnitte aus dem Interview mit Lynch, die sich auf knappe fünf Minuten summieren. Dafür fehlen die anderen Interviews. Es gibt zehn Minuten Aufnahmen von den Dreharbeiten. Und den Trailer. Das war’s. Mehr wird nicht geboten.

Und jetzt zum Film, dessen Geschichte nicht wirklich nacherzählbar ist.

Nachdem David Lynch 1990 Barry Giffords Noir „Wild at heart“ verfilmte, schrieben sie für „Lost Highway“ gemeinsam das Drehbuch. In ihm geht es um einen eifersüchtigen Jazz-Musiker Fred Madison (Bill Pullman). Er und seine Frau Renee (Patricia Arquette) erhalten seltsame Briefe mit Videocassetten, auf denen Bilder von ihrem Haus aufgenommen wurden. Dieser unbekannte Beobachter bricht auch bei ihnen ein, filmt sie und schickt ihnen anschließend die Aufnahme. Die beiden Polizisten finden keine Spuren eines Einbruchs.

Nach dem Tod seiner Frau wird Madison zum Tode verurteilt. Immerhin existiert eine Videoaufnahme auf der man sieht, wie er sie im Schlafzimmer tötet. In der Todeszelle verwandelt er sich in einen anderen Mann. Aus Fred Madison wird Pete Dayton (Balthazar Getty). Die Polizei lässt Pete Dayton frei. Der junge Automechaniker kommt mit seinem Leben nach dieser seltsamen Erfahrung (denn auch für ihn ist unerklärlich, wie er in die Todeszelle kam) nicht mehr klar. Er verliebt sich in Alice Wakefield (Patricia Arquette), die Geliebte des Gangsters und Pornofilmproduzenten Mr. Eddy aka Dick Laurent (Robert Loggia). Aber in den ersten Minuten des Films sagte eine unbekannte Stimme Madison an der Sprechanlage seines Hauses, dass Dick Laurent tot sei. Und es gibt noch viel mehr Fragen, die sich im Lauf des Films stellen, ohne dass David Lynch und Barry Gifford sie im Film auch nur halbwegs beantworten. Denn egal welche Erklärung man sich zurechtbastelt, keine funktioniert wirklich. Wobei die Erklärung, dass Madison sich im Gefängnis in eine Fantasiewelt als junger Automechaniker flüchtet, trotz aller Fragen, noch die befriedigendste ist.

Aber Lynch und Gifford sind auch überhaupt nicht an einer stringenten, logischen Geschichte, in der am Ende alle wichtigen Fragen beantwortet sind, interessiert. In „Lost Highway“ folgen sie der Logik des Alptraums, aber ohne den absurden Humor von „Twin Peaks“ (der von David Lynch vorher inszenierten und produzierten TV-Serie). Auch ein geheimnisvoller Mann (Robert Blake in seiner bislang letzten Rolle), der dem Zwerg aus „Twin Peaks“ verdächtig gleicht, ist dabei und er bringt etwas von der irrealen „Twin Peaks“-Atmosphäre in den Film, in dem es nichts zu lachen gibt.

Denn „Lost Highway“ ist ernst, düster, fatalistisch und die Charaktere (vor allem der Protagonist Fred Madison) sind in ihren eigenen seelischen Gefängnissen gefangen. Entsprechend zäh, auch weil in etlichen Szenen nichts geschieht, ist „Lost Highway“ immer wieder. Gleichzeitig gibt es viele beeindruckende Szenen. Die erste Begegnung von Alice Wakefield, die in Mr. Eddys Auto sitzt, und Pete Dayton ansieht, während Lou Reeds „This magic moment“ erklingt. Wer da nicht an die Schwarze Serie denkt, muss noch einige Stunden in seine Filmbildung investieren. Oder Mr. Eddys Ausraster am Mulholland Drive oder die Begegnungen von Madison und dem geheimnisvollem Mann. Oder wenn Dayton während eines Einbruchs (der mit einem Mord enden soll) entdeckt, dass seine Freundin Alice Wakefield in einem Porno mitspielte und dazu die Teutonen-Rocker Rammstein „Heirate mich“ skandieren.

Sowieso ist der Soundtrack fantastisch. Denn David Lynch beauftragte damit, neben seinem Hauskomponisten Angelo Badalamenti, „Nine Inch Nails“-Mastermind Trent Reznor, der damals mit „The downward spiral“ und seinem Soundtrack für Oliver Stones „Natural Born Killers“ everybody’s darling war. Auch für „Lost Highway“ stellte er eine gelungene Mischung aus bekannten Songs von ihm und anderen Musikern (allein schon die geniale Idee, den Film mit David Bowies „I’m deranged“ und den Bildern einer nächtlichen Autobahnfahrt zu beginnen, stimmt sofort auf die kommenden beiden Stunden ein) und neuen Stücken zusammen. Ohne die Musik, die die Bilder kongenial ergänzt und kommentiert, wäre „Lost Highway“ nur halb so gut.

Diese Mischung war damals sehr beeindruckend und sorgte für etliche Diskussionen. Heute wirkt einiges arg gekünstelt. Dennoch ist „Lost Highway“ immer noch ein faszinierender zwischen Hysterie und Langeweile pendelnder Alptraum. Ziemlich „deranged“ eben.

Lost Highway (Lost Highway, USA 1997)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch, Barry Gifford

mit Bill Pullman, Patricia Arquette, Robert Blake, Balthazar Getty, Robert Loggia, Gary Busey, Michael Massee, Lucy Butler

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DVD

Concorde Home Entertainment

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch(DD 5.1, DTS), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making-of (in Wirklichkeit ein „Behind the Scenes“), Interview mit David Lynch, Kinotrailer

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

(BluRay und DVD-Box [mit „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“] identisch)

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Hinweise

Homepage von Barry Gifford

Homepage von David Lynch

Deutsche David-Lynch-Seite

Wikipedia über „Lost Highway“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Lost Highway“ von David Lynch und Barry Gifford

Charlie Rose unterhält sich mit David Lynch (12. Januar 2000; – und damit vor allem über “The Straight Story”)

 


TV-Tipp für den 24. Juni: Der Manchurian Kandidat

Juni 23, 2011

Pro 7, 20.15

Der Manchurian Kandidat (USA 2004, R.: Jonathan Demme)

Drehbuch: Daniel Pyne, Dean Georgaris

LV: Richard Condon: The Manchurian Candidate, 1959 (Botschafter der Angst, Der Manchurian Kandidat)

Der weltumspannende Konzern “Manchurian Global” hat einer Golfkrieg-I-Einheit falsche Erinnerungen implantiert. So wollen sie den vielversprechenden Politiker Raymond Shaw ins Weiße Haus bringen. Doch Shaws ehemaliger Vorgesetzter Ben Marco zweifelt an seinen Erinnerungen und will die Wahrheit herausfinden.

Gut besetztes Remake des Kalter Krieg-Klassikers „Botschafter der Angst“. Etliche der Nebendarsteller sind aus anderen Zusammenhängen oder aus verschiedenen hochkarätigen TV-Serien und Filmen bekannt. Der Film selbst ist gut – obwohl für mich die Prämisse heute schlechter funktioniert als vor über vierzig Jahren, als Frank Sinatra die Rolle von Denzel Washington spielte. Davon abgesehen gibt es zahlreiche grandiose Szenen (ich sage nur Meryl Streep), eine beeindruckende Vision des zu viels an Informationen, überraschende Verknüpfungen von Szenen und eine träumerische Stimmung. Fast immer könnte es sein, dass Ben Marco aus einem Alptraum aufwacht.

Insgesamt ist der Polit-Thriller „Der Manchurian Kandidat“ ein gelungenes, eigenständiges Remake, das besonders beim porträtieren der Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft ein gespenstisches Bild der USA entwirft.

Mit Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight, Kimberly Elise, Jeffrey Wright, Bruno Ganz, Vera Farmiga, Robyn Hitchcock (eigentlich Musiker), Al Franken (als TV-Interviewer fast als er selbst), Paul Lazar, Roger Corman, Zeljko Ivanek, Walter Mosley (eigentlich Krimiautor), Charles Napier, Jude Ciccolella, Dean Stockwell, Ted Levine, Miguel Ferrer, Sidney Lumet

Wiederholung: Samstag, 25. Juni, 00.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Der Manchurian Kandidat“

Drehbuch „The Manchurian Candidate“ von Daniel Pyne und Dean Georgaris

Wikipedia über Richard Condon (deutsch, englisch)

Kirjasto über Richard Condon

Wired for Books: Don Swain redet mit Richard Condon (1982, 1986, 1990 – jeweils eine knappe halbe Stunde)


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