DVD-Kritik: Charles Bronson jagt den „weißen Büffel“

‘Der weiße Hai’ im Wilden Westen“ war wohl in Hollywood der Pitch für diese Dino-De-Laurentis-Produktion gewesen. Und mit Charles Bronson, der damals in den Siebzigern einer der großen Stars war, einer Riege verlässlicher Nebendarsteller, „James Bond“-Komponist John Barry für die Musik, „Silent Movie“- und „Buffalo Bill und die Indianer“-Kameramann Paul Lohmann für die Bilder, einem üppigen Budget von gut fünf Millionen Dollar und Action-Routinier J. Lee Thompson („Die Kanonen von Navarone“, „Ein Köder für die Bestie“ und, nach diesem Film, etliche Charles-Bronson-Filme) als Regisseur sah es nach einem guten Geschäft zwischen all den anderen Tierfilmen, die im Gefolge von dem „Weißen Hai“, in den Kinos liefen („King Kong“, „Orca“, „Piranhas“,…), aus.

Dem war aber nicht so. In den USA wurde der Film kaum gezeigt. Die Kritiken waren vernichtend („nur mäßig spannender Monsterfilm…psychedelisch verbrämte Unsinn ist streckenweise von unfreiwilliger Komik.“ [Lexikon des internationalen Films]) und „Der weiße Büffel“ verschwand ohne eine nennenswerte Spur aus dem öffentlichem Bewusstsein. Im TV wurde er auch anscheinend nie gezeigt.

Dabei hat der Film als surrealer Alptraum durchaus seine Qualitäten; wobei unklar ist, ob die Macher das beim Dreh so geplant hatten. Denn in „Der weiße Büffel“ erinnert der Wilde Westen eher an die Studiokulissen aus den 30er-Jahre-Horrorfilmen irgendwo zwischen „Dracula“ und „Frankenstein“ und an Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Adaptionen, die alle in einer künstlichen, nebligen Kulissenwelt gedreht wurden. Vor allem wenn der weiße Büffel ein Indianerdorf ausradiert oder Häuptling Crazy Horse (Will Sampson) in einer verregneten Nacht eine Postkutsche verfolgt oder wenn Wild Bill Hickok (Charles Bronson) sich in einem Wirtshaus, das wie ein raumloses Purgatorium wirkt, mit einigen Bösewichtern duelliert, ist die Stimmung nicht von dieser Welt. Dass Hickok von Alpträumen und Vorahnungen geplagt ist und deshalb den weißen Büffel töten will und, in der zweiten Hälfte des Films, ein großer Teil der Handlung in einer Höhle in den verschneiten Bergen spielt, trägt nur noch zu der surrealen Stimmung bei. Ebenso die schlampig inszenierten Action-Szenen und die extrem billig gemachte Animation des Büffels, der ohne die dramatische Musik ungefähr so bedrohlich wie ein mechanischer Bulle ohne Strom ist.

Da hätte Hickok nicht den halben Film mit einer extrem unförmigen Brille herumlaufen müssen.

Doch gerade diese Fehler tragen zur irrealen Atmosphäre des Films bei, in dem die Hauptpersonen von Schuldgefühlen und Ängsten geplagt sind. Insofern ist der weiße Büffel kein echter weißer Büffel, sondern er symbolisiert Hickoks Urängste und er versucht seine Angst zu bekämpfen indem er gegen seine Angst antritt. Das macht aus „Der weiße Büffel“ dann ein ziemlich paranoides Werk, in dem Hickok und Crazy Horse mit falschen Namen durch die Berge laufen und sich nur aufgrund ihrer Taten kurzzeitig Vertrauen können. Diese Zweckehe von zwei echten Männern ist dann der fragile Gegenpol zu dem allumfassendem Misstrauen und Fatalismus, der in vielen Post-Watergate-Filmen und auch in diesem Western, vorhanden ist.

Als Abenteuerfilm oder als Western ist „Der weiße Büffel“ dagegen ein ziemlicher Totalausfall.

Der weiße Büffel (The white buffalo, USA 1977)

Regie: J. Lee Thompson

Drehbuch: Richard Sale

LV: Richard Sale: The white buffalo, 1975

mit Charles Bronson, Jack Warden, Will Sampson, Kim Novak, Clint Walker, Stuart Whitman, Slim Pickens, John Carradine, Ed Lauter

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DVD

Eurovideo

Bild: 1,85:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Mono)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Originaltrailer

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Hinweise

Wikipedia über „Der weiße Büffel“

Los Angeles Times: Nachruf auf Richard Sale

 Wider Screenings über “Der weiße Büffel”

Creature Features über “Der weiße Büffel”

The League of Dead Films über “Der weiße Büffel”

Meine Besprechung von J. Lee Thompsons „Der gefährlichste Mann der Welt“

Meine Besprechung des Charles-Bronson-Films „Yukon“

 

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