Neu im Kino/Filmkritik: Der Noir geht weiter: „Sin City 2: A Dame to kill for“

September 18, 2014

Dass der zweite „Sin City“-Film nicht mehr den Überraschungseffekt des ersten „Sin City“-Films hat, dürfte niemand überraschen. Denn als das Gemeinschaftswerk von Regisseur Robert Rodriguez und Comicautor und Zeichner Frank Miller, dessen Hollywood-Erfahrungen bis dahin eher ernüchternd waren und Rodriguez ihn mit dem Versprechen der absoluten Werktreue überzeugte, in die Kinos kam, war das im Kino absolut neu. Sie übertrugen Frank Millers formal sehr experimentellen in Schwarz und Weiß gehaltene „Sin City“-Comics, die sich lustvoll und gelungen durch die bekannten Noir- und Hardboiled-Klischees pflügten, Eins-zu-Eins auf die große Leinwand. Auch der Film war Schwarz-Weiß, mit wenigen Farbtupfern. Die Bilder wurden immer wieder zu abstrakten und stilisierten Montagen, teils auch zu Schattenrissen. Und weil die Schauspieler, eine beeindruckende Schar bekannter Gesichter, meistens vor einem Green Screen agierten, konnten später Stadtlandschaften und Räume hinzugefügt werden, die zwischen hyperreal und abstrakt schwankten. Und die Kamera musste sich wirklich nicht um die normalen Begrenzungen kümmern. In der von Frank Miller und Robert Rodriguez gedrehten Kinofassung verbanden sie in „Pulp Fiction“-Manier mehrere „Sin City“-Geschichten zu einem Film, der bei der Kritik, dem Publikum und den Comicfans gut ankam. Ein Klassiker, ein Kultfilm und eine der wirklich bahnbrechenden Comicverfilmungen.
Seitdem wurde über einen zweiten „Sin City“-Film gesprochen. Genug Geschichten waren vorhanden. Bei uns sind alle von Frank Miller geschriebenen „Sin City“-Geschichten bei Cross-Cult in sieben Büchern veröffentlicht worden. Die Namensliste der jetzt beim zweiten „Sin City“-Film beteiligten Schauspieler ist, wieder einmal, beeindruckend. Mickey Rourke, Jessica Alba, Josh Brolin, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson, Bruce Willis, Eva Green, Powers Boothe, Dennis Haysbert, Ray Liotta, Christopher Meloni, Jeremy Piven, Christopher Lloyd, Jamie King, Juno Temple, Stacy Keach, Marton Csokas, Jude Ciccolella, Jamie Chung, Julia Garner, Lady Gaga und Alexa Vega sind dabei. Das liest sich nach einem gelungen Mix aus aus dem ersten Film bekannten Gesichtern und neuen Charakteren. Die ersten Bilder aus dem Film hätte man auch als Promo-Bilder für den ersten „Sin City“-Film veröffentlichen können. Und dass Frank Millers Ruf in den vergangenen Jahren arg gelitten hat – geschenkt. Immerhin sollten ja ältere Werke von ihm verfilmt werden und Robert Rodriguez war ja auch dabei.
Entsprechend hoch waren die Erwartungen, die ziemlich umfassend enttäuscht werden. Unter anderem weil „Sin City 2: A Dame to kill for“ auf den ersten Blick wie „Sin City“ aussieht. Wieder SW, wieder mit einer Armada bekannter Namen, wieder wurde vor dem Green Screen gedreht.
Wobei das schon ein Problem des Films ist. Denn jetzt wurde nur noch vor dem Green Screen gedreht. Die Schauspieler hatten, außer Minimal-Requisiten wie einem Stuhl und einem Tisch, überhaupt keine Requisiten mehr. Im Endeffekt spielten sie in einer leeren Halle. Oft entstanden ihre gemeinsamen Szenen auch an verschiedenen Tagen und wurden dann im Schneideraum zusammengefügt. So gelungen das auf technischer Ebene ist, so leblos wirkt dann auch der gesamte Film, der fast ausschließlich am Computer entstand.
Das zweite Problem ist das nervige 3D. Denn, wie in Millers Comics, wird viel mit irrationalen Noir-Perspektiven gespielt, die in 3D noch extremer ausfallen. Dazu kommt der Regen (es regnet immer in Sin City) und das hohe Schnitttempo, das, in Verbindung mit 3D, eher für Verwirrung sorgt.
Vor allem weil Rodriguez und Miller wie kleine Kinder möglichst viel, gerne auch gleichzeitig ausprobieren wollen, wozu auch Spielereien mit Farben gehören. Das erinnert dann eher an einen Jahrmarktbesuch, auf dem einem nacheinander, sehr beliebig und marktschreierisch die verschiedenen Attraktionen angeboten werden.
Wieviel gelungener war dagegen Tim Burtons ebenfalls in SW gedrehter Stop-Motion-Film „Frankenweenie“. Er setzte 3D sehr überlegt ein und die Charaktere wurden auch alle lebendig. Im Gegensatz zu den „Sin City“-Pappkameraden, die alle fest in ihren Klischees stecken bleiben.
Dazu kam die fatale Entscheidung, die Geschichten hintereinander zu erzählen. Dabei nimmt die titelgebende Hauptgeschichte „A Dame to kill for“ (die der grandiosen Comicvorlage ziemlich genau folgt) die meiste Filmzeit in Anspruch. Vor dieser Geschichte werden mehrere „Sin City“-Charaktere knapp eingeführt und wir erleben „Just another Saturday Night“ mir Marv (Mickey Rourke), die mit einigen Leichen endet. Nach der tödlichen Dame gibt es noch die deutlich kürzeren Geschichten „The long, bad Night“ (über einen Spieler, der sich den falschen Gegner aussucht) und „Nancy’s last Dance“ (über Nancys Rache an dem Verantwortlichem für Hartigans Tod). Beide Stories schrieb Frank Miller extra für den Film. Formal zeigen uns Rodriguez und Miller daher, in dieser Reihenfolge, eine Kurzgeschichte, einen Roman, zwei Kurzgeschichten bzw. Subplot, Hauptplot, Subplot, Subplot. Emotional ist der Film allerdings mit dem Ende der „A Dame to kill for“-Geschichte zu Ende. Danach gibt es noch zwei Nachschläge, die man eher gelangweilt verfolgt, weil man sich für keinen der Charaktere interessiert. Auch weil man sich in dem Moment schon daran gewöhnt hat, dass jeder Charakter, dem auch nur etwas Individualität gestattet wird, eine sehr überschaubare Restlebenszeit hat.
Die Hauptgeschichte „A Dame to kill for“ ist dabei als typische Noir-Geschichte gar nicht so schlecht. Dwight McCarthy (Josh Brolin) arbeitet als Privatdetektiv und er hat ein Problem mit seinem Temperament. Da meldet sich seine frühere Freundin Ava Lord (Eva Green), die ihn für den reichsten Mann der Stadt verlassen hat, wieder bei ihm. Die Femme Fatale benutzt Männer wie Spüllappen, weshalb Dwight auch nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Aber er verfällt ihr wieder. Er glaubt ihr, dass sie von ihrem Mann Damien gefangen gehalten will. Als er sie befreien will, endet die Aktion mit Damiens Tod. Er selbst kann, angeschossen von Ava, schwer verletzt entkommen. Der Polizei erzählt Ava eine Lügengeschichte, die ihn zum Mörder und Psychopathen macht. Während Dwight seine Wunden leckt, becirct Ava den grundehrlichen ermittelnden Polizisten Mort (Christopher Meloni). Er soll Dwight umbringen.
„Sin City 2: A Dame to kill for“ ist ein ziemlich überflüssiger Nachschlag zu „Sin City“, der dem Original nichts Neues hinzufügt und mindestens acht Jahre zu spät kommt. Jedenfalls erscheint die Noir-Atmosphäre hier nur noch als ein liebloses, aus der Zeit gefallenes und unentschlossenes Abspulen der bekannten Klischees mit viel Sex und Gewalt. Beides eher lustlos, aber exzessiv präsentiert.

Sin City 2 - Plakat

Sin City 2: A Dame to kill for (Frank Miller’s Sin City: A Dame to kill for, USA 2014)
Regie: Frank Miller, Robert Rodriguez
Drehbuch: Frank Miller
LV: Frank Miller: Sin City: A Dame to kill for, 1993/1994 (Sin City: Eine Braut, für die man mordet)
mit Mickey Rourke, Jessica Alba, Josh Brolin, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson, Bruce Willis, Eva Green, Powers Boothe, Dennis Haysbert, Ray Liotta, Christopher Meloni, Jeremy Piven, Christopher Lloyd, Jamie King, Juno Temple, Stacy Keach, Marton Csokas, Jude Ciccolella, Jamie Chung, Julia Garner, Lady Gaga, Alexa Vega
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
-
Die Vorlage
Zum Filmstart veröffentlichte Cross-Cult die mit dem Eisner-Award ausgezeichnete Hauptgeschichte des Films in einer günstigen Ausgabe, die ein guter Einstieg in Frank Millers „Sin City“-Kosmos ist.

Miller - Sin City 2 - Eine Braut für die man mordet - Filmedition
Frank Miller: Sin City: Eine Braut, für die man mordet
(übersetzt von Karlheinz Borchert, Paul Scholz und Lutz Göllner)
Cross-Cult, 2014
224 Seiten
10 Euro
-
Originalausgabe
Sin City: A Dame to kill for
Dark Horse, 1993/1994
-
Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Sin City: A Dame to kill for“
Moviepilot über „Sin City: A Dame to kill for“
Metacritic über „Sin City: A Dame to kill for“
Rotten Tomatoes über „Sin City: A Dame to kill for“
Wikipedia über „Sin City: A Dame to kill for“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows „Hard Boiled“ (Hard Boiled, 1990/1992)

Meine Besprechung von Frank Miller/Dave Gibbons’ “Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)” (Give me liberty, 1990)

Meine Besprechung von Frank Miller/Jim Lee/Scott Williams’ “All-Star Batman” (All Star Batman & Robin: The Boy Wonder, 2005 – 2008)

Meine Besprechung von Frank Millers “Holy Terror” (Holy Terror, 2011)

Meine Besprechung von Robert Rodriguez’ “Machete Kills” (Machete Kills, USA 2013)

-

Ein Gespräch mit Frank Miller über den Film

Das Comic-Con-Panel mit den Regisseuren und einigen Schauspielern

Die Pressekonferenz vom 3. August 2014 in Los Angeles


„Die Entdeckung Deutschlands“ in einem ganz alten Science-Fiction-Film

September 15, 2014

Lange - Die Entdeckung Deutschlands

Das ist jetzt ein bisschen wie früher, als man spannende Texte über Filme las, die man spätestens danach unbedingt sehen wollte, aber aus verschiedenen Gründen nicht sehen konnte. Meistens war es eine Mischung aus im Kino läuft der Film nicht mehr, im Fernsehen läuft er auch nicht und auf Video gibt dieses obskure Zeug sowieso nicht.
Auch „Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewohner“ kann man sich nicht ansehen. Es ist einer der vielen verschwundenen Stummfilme. Es scheint auch kein wirklich großartiger Film gewesen zu sein, aber, wie Britta Lange in ihrem Essay „Die Entdeckung Deutschlands – Science-Fiction als Propaganda“ überzeugend zeigt, ist es ein durchaus wichtiger Film, der heute auch wegen seiner historischen Aufnahmen sehenswert wäre. Es wurde in München, Berlin und in Fabriken, die Kriegsgerät herstellten, wie der optischen Fabrik von Karl Zeiß in Jena, der Daimler Motorengesellschaft, der Werft der Aktiengesellschaft Weser und dem Martinstahlwerk von Friedrich Krupp in Essen, gedreht. Die ursprüngliche Länge, genehmigt durch die Berliner Polizeizensur, betrug 1729 Meter.
Heute gibt es in verschiedenen Filmarchiven nur noch einige Fragmente, Bilder und Texte zum und über den Film. Einiges von dem Material ist auch in Langes Buch abgedruckt.
„Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewoher“ entstand 1916 unter der Regie von Georg Jacoby und Richard Otto Frankfurter. Es war der erste deutsche Propagandafilm, der vor allem zeigen sollte, dass Deutschland, entgegen den Behauptungen der anderen Kriegsparteien nicht unter dem Krieg leidet. Aber wie kann man diese Botschaft vor allem im Ausland glaubwürdig verbreiten? Ein deutscher Journalist oder ein Beobachter aus einem befreundeten Staat wäre parteiisch. Ein Beobachter aus einem verfeindetem Land wäre als neutraler Berichterstatter ebenso unglaubwürdig. Also wurde ein Besuch einer Delegation vom Mars erfunden, die herausfinden soll, ob die Meldungen, dass Deutschland kurz vor dem Zusammenbruch stehe und die Bevölkerung demoralisiert sei und hungere, stimmen.
Nun, die Marsianer erleben ein Deutschland, in dem alles paradiesisch ist.
Britta Lange, Wissenschaftlerin am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universit#t Berlin, analysiert in ihrem Essay „Die Entdeckung Deutschlands – Science-Fiction als Propaganda“ vor allem die Konstruktion der Filmgeschichte, wie Propaganda im Gewand von Science-Fiction in diesem Film funktioniert, die historischen Hintergründe der Produktion, die Wirkung des Films und den Umgang mit Propaganda. Denn die Marsianer glauben nicht einfach, was die Medien verbreiten, sondern sie gehen zum Ort des Geschehens. Sie versuchen sich ein eigenes Bild von den Fakten zu machen, die – was natürlich eine schöne Wendung ist – so selbst für propagandistische Zwecke verwandt werden.
-
Britta Lange: Die Entdeckung Deutschlands – Science-Fiction als Propaganda
(Filit Band 13)
Verbrecher Verlag, 2014
112 Seiten
14 Euro


„Das Ende der Sicherheit“ ist das Ende des rationalen Diskurses

September 9, 2014

Solms-Laubach - Das Ende der Sicherheit - 2

„Das Ende der Sicherheit – Warum die Polizei uns nicht mehr schützen kann“ von Franz Solms-Laubach ist ein absolut ärgerliches Buch und, das mag jetzt etwas hart klingen, aber ich werde es noch begründen, ein Fall für die Mülltonne. Es ist einfach die „Bild“-Zeitung zwischen zwei Buchdeckeln. Der Autor ist „Bild“-Journalist, die Hauptquellen sind, neben der Polizeilichen Kriminalstatistik, vor allem das Artikelarchiv von „Bild“ und, deutlich weniger, „B. Z.“ und „Berliner Morgenpost“ (das Werk ist eh arg Berlin-lastig) und Rainer Wendt (Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft – DPolG), Oliver Malchow (Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei – GdP) und André Schulz (Vorsitzender des Bund deutscher Kriminalbeamter – BdK).
Oh, und Politiker, die zu einer der beiden C-Parteien gehören. Meist der CSU. Es kann auch sein, dass einmal ein SPDler etwas zitierfähiges sagte. Aber das lag dann auf CSU-Linie oder diente als schlechtes Beispiel.
Entsprechend einseitig ist „Das Ende der Sicherheit – Warum die Polizei uns nicht mehr beschützen kann“. Denn Solms-Laubauch sieht überall Bedrohungen für die Sicherheit, wie die steigende Kriminalität von Jugendlichen, von Alten, von Terroristen, Extremisten und, selbstverständlich, Ausländern und aus dem Internet. Und er hat darauf eine Antwort: mehr Polizei. Damit ist auch das „Warum die Polizei uns nicht mehr beschützen kann“ beantwortet: Personaleinsparungen.
Nun, es stimmt, dass bei der Polizei gespart wird. Wie auch in Kindergärten, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Theatern und im Sozialen.
Es stimmt auch – obwohl Solms-Laubach das nicht erwähnt -, dass die Ausstattung der Polizei nicht optimal ist. Ich meine jetzt nicht irgendwelchen Hightech-Kram, Body-Scanner und Taser (vulgo Elektroschockpistolen für jeden), sondern Dinge wie Funk, Pistolen (yeah, nicht jede Dienstwaffe ist das neueste Modell), Fahrzeuge (einige Autos haben schon einige Jahre auf dem Buckel), Computer in den Diensträumen (für Schreibarbeiten) und, ganz wichtig, Fortbildungen und Trainings. Denn die beste Waffe nützt nichts, wenn der Beamte sie nicht bedienen kann.
Aber mit der Aus- und Fortbildung der Polizisten beschäftigt Solms-Laubach sich überhaupt nicht.
Außerdem ist die von Solms-Laubach gegebene Antwort „mehr Polizisten, mehr Sicherheit“ Unfug. Denn nur mit „mehr Polizei“ wird es – außer man will einen Polizeistaat mit Uniformträgern an jeder Ecke – niemals für eine sichere Gesellschaft, die auch eine lebenswerte Gesellschaft sein, reichen.
Wenn wir, auch wenn es schwer fällt, die ideologische Komponente von Solms-Laubachs Antwort ignorieren, fällt durch das gesamte Buch auf, wie selektiv Solms-Laubauch Daten benutzt und wie oft er Dinge weglässt. Dafür finden sich auf jeder Seite Beispiele. Ganz links liegen lässt er alle Erklärungen für Verbrechen und die verschiedenen Lösungsansätze, wie die alte, immer noch zutreffende Erkenntnis, dass eine gute Sozialpolitik die beste Verbrechensprävention ist. Dazu gehört auch ein gutes Schulsystem. Denn Bildung verhindert Verbrechen. Jedenfalls die von Solms-Laubach als so bedrohlich hingestellte Kriminalität. Über Wirtschaftskriminalität, die Weiße-Kragen-Kriminalität, die auch laut der Polizeilichen Kriminalstatistik (die hier einen sehr konservativen Ansatz bei der Schadensberechnung verfolgt) enorme Kosten verursacht, sagt er nichts. Denn bei ihm ist ein Wohnungseinbruch schlimmer als ein kompletter Vermögungsverlust durch eine betrügerische Geldanlage.
Werfen wir also, weil auf jeder Seite Mumpitz steht, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit, einen Blick auf die von Solms-Laubach angeführten Beispiele und Behauptungen. Denn: „Nur wer die Fakten kennt, ist auch in der Lage, die vorhandenen Lösungsvorschläge einzuordnen.“ (Solms-Laubach, Seite 11)

 

Die Prämisse ist falsch

 

Solms-Laubach behauptet, dass das Verbrechen zunimmt und vertieft sich dafür in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). In ihr listet die Polizei auf, welche Fälle sie im vergangenen Kalenderjahr bearbeitete. Es ist also ein Arbeitsnachweis, der aus Anzeigen von Betroffenen und eigenen Ermittlungen (vor allem im Bereich Drogendelikte, die durch Razzien aufgeplustert werden) besteht. Es gibt auch die Verstöße gegen das Ausländerrecht, was oft ein Verstoß gegen die Residenzpflicht (also das Verlassen eines Landkreises) ist, und die ein reines Kontrolldelikt ist. Es gibt auch ein Dunkelfeld (über das wegen der in Deutschland fehlenden Dunkelfeldforschung wenig bekannt ist), veränderte Gesetze und Erfassungskriterien. So ist „Häusliche Gewalt“ ein eher neues Delikt. Bis vor einigen Jahren war zum Beispiel die Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar. Homosexualität dagegen schon. Es gibt auch ein verändertes Anzeigenverhalten. So wurde früher eine Vergewaltigung oder eine Dorfschlägerei nicht angezeigt. Und manchmal gibt es auch veränderte Anweisungen von den Arbeitgebern. Dann muss jede Schulhofklopperei angezeigt werden und – Überraschung! – bestimmte Fallzahlen gehen nach oben. Das muss man wissen, wenn man sich die PKS ansieht. Das wird auch in der PKS erklärt und dass die PKS bestimmte Einschränkungen hat, hätte Solms-Laubach erwähnen müssen. Dann ist sie immer noch, wie jede Statistik, ein sinnvolles Arbeitsmittel. Vor allem wenn man sich eine Zeitreihe, also die Entwicklung über viele Jahre, ansieht. Die PKS ist, wenn sie mit anderen Statistiken verknüpft wird, auch zur Kriminalitätsbekämpfung ein viel sinnvolleres Instrument als das von Solms-Laubach so oft beschworene „subjektive Sicherheitsgefühl“, nach dem sich nach seiner Meinung die Kriminalitätspolitik ausrichten sollte. Denn dieses Gefühl basiert vor allem auf sensationsheischenden Boulevard-Berichten.
„Bild“-Journalist Solms-Laubach veranstaltet im ersten Kapitel „Wo stehen wir gerade?“ (Seite 15 – 92) PKS-Zahlenvoodoo, indem er über Seiten einige Delikte ausbreitet, sich auf die letzten beiden Jahre konzentriert und versucht, aus den minimalen Veränderungen irgendetwas zu schließen. Wobei er immer schließt, dass das Verbrechen zunimmt. Denn er behauptett: „die Kriminalität wird zunehmen“.
Nach der PKS ist das Quatsch. Denn laut der PKS gab es
1993: 6.750.613 Fälle
1999: 6.302.316 Fälle.
2013: 5.961.662 Fälle beziehungsweise „Straftaten insgesamt“.
Und diese Entwicklung liegt insgesamt im Trend von einer abnehmenden Kriminalität. Es gab um 2004 eine erhöhte Zahl, aber seitdem sinkt die Zahl, mit geringen, statistisch nicht signifikanten Schwankungen, wobei die Gesamtzahl nichts über Verschiebungen zwischen verschiedenen Delikten und regionalen Besonderheiten aussagt.
Besonders intensiv kümmert sich Solms-Laubach um Einbrüche, Überfälle und die Jugendkriminalität. Halt die Kriminalität, die das subjektive Sicherheitsgefühl des Normalbürgers gefährdet. Das Sicherheitsgefühl und die realen Bedrohungen von Homosexuellen, Obdachlosen, Ausländern, Asylbewerbern und Frauen sind ihm dagegen egal. Denn Taten gegen diese Gruppen erwähnt Solms-Laubach nicht. Damit fällt auch das gesamte Feld des „Hate-Crime“ weg.
Doch kommen wir zurück zu den von Solms-Laubach erwähnten Delikten und Personengruppen. Auch hier ergibt sich im langfristigen Trend, wie den „Straftaten insgesamt“ ein ähnliches Bild. Die Zahl der jugendlichen Straftäter sinkt kontinuierlich.
Bei den Kindern (bis 14 Jahre) von 150.626 (1999) auf 69.275 Tatverdächtige (2013). Nichtdeutsche waren 1999 27.275 und 2013 12.786.
Bei den Jugendlichen von 296.781 (1999) auf 190.205 (2013).
Bei den Heranwachsenden (18 bis unter 21 Jahre) von 240.109 (1999) auf 188.670 (2013).
Für diese Entwicklung, genauso wie das Ansteigen der tatverdächtigen Erwachsenen ab 60 Jahe, gibt es eine ganz einfache Erklärung. Es gibt weniger Kinder und es gibt mehr Alte.
Wie Solms-Laubach aus diesen Zahlen schließen kann „Das Verbrechen wird immer jünger“ (Solms-Laubach, Seite 175) folgern kann, erschließt sich mir nicht.
Es wird auch immer schlimmer: „In der Bundeshauptstadt Berlin kommt es bei rund 3,5 Millionen Einwohnern im Schnitt jeden Tag zu 120 Körperverletzungsdelikten. Wenn nicht bald mehr Polizisten eingestellt werden, wird diese Zahl steigen.“ (Solms-Laubach, Seite 95)
120 Körperverletzung pro Tag; eine ganze Menge, die allerdings nichts darüber aussagt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich Opfer einer solchen Straftat werde. Immerhin kommen zu den Einwohnern auch noch die Pendler, Besucher und Touristen. Jedenfalls wären 120 tägliche Körperverletzungen im Jahr (bei 365 Tagen) 43.800 Delikte. In der aktuellen Berliner-PKS (bzw. im ebenfalls lesenswertem Kriminalitätsatlas) werden für 2013 insgesamt 41.795 Körperverletzungen genannt, was 2.000 Körperverletzungen weniger sind als Solms-Laubach behauptet. 2012 war die Zahl etwas höher und 2004 lag sie bei 45.052 Fällen. Da stellt sich doch die Frage, wie Solms-Laubach zu seiner Behauptung kommt, dass die Zahl steigen wird. Wenn eine Tendenz absehbar ist, dann ist sie entweder stagnierend oder leicht sinkend, während die Einwohner- und Besucherzahl steigt. Und dass mehr Polizisten in der sehr großflächigen Hauptstadt etwas dagegen tun können, darf in seiner Pauschalität bezweifelt werden. Aber glücklicherweise für die Polizei werden die meisten Körperverletzungen in den Innenstadtbezirken angezeigt. Den Ausgeh- und Touristenbezirken.
Ach ja: seit zehn Jahren ist die Fallzahl in Berlin ziemlich unverändert bei 500.000 Fällen. Die Fallzahlen bei „Raub insgesamt“ nahmen in den vergangenen Jahrzehnten ab.
Ebenso die Gewaltkriminalität von 21.501 (2004) auf 17.276 (2013); die niedrigste Fallzahl seit zehn Jahren (PKS Berlin 2013, Seite 97).
Aber es könnte ja sein, dass die Taten zwar abnehmen, die Täter aber immer brutaler werden. Ein entsprechend schockierender Einzelfall fällt sicher jedem ein. Solms-Laubach erwähnt öfter den Tod von Jonny K.. Und die Raubüberfälle auf der Straße könnten zunehmen. Solms-Laubach bezieht sich auf Seite 45 da auf „Sonstige Raubüberfälle auf Straßen, Wegen und Plätzen“ (Schlüssel 217000 – es gibt auch Überfälle auf Taxifahrer, Geldboten, bestimmte Gebäude, Handtaschenraub undsoweiter).
Die waren 1993 bundesweit 25.865. Der Höhepunkt war 1997 mit 32.822 Fällen. Seitdem sank die Fallzahl. Seit sechs Jahren bewegt sie sich um die 20.000 Fälle.
Interessant ist hier auch ein Blick auf „gefährliche und schwere Körperverletzung auf
Straßen, Wegen oder Plätzen“ (Schlüssel 222100). Die hatte von 1993 an bis 2008 einen starken Anstieg von 30.501 auf 72.904 Fälle. Seitdem sinkt sie kontinuierlich auf 57.875 Fälle 2013.
Die Verwendung von Schusswaffen sank, nach der aktuellen PKS, von 19.292 (1999) auf 10.093 Fälle (2013). Geschossen wurde auch seltener. Von 6.844 (1999) auf 5.153 Fälle (2013).
In der PKS wird das Tatmittel „Messer“ nicht erfasst. In der Berliner PKS wird es dennoch seit 2008 bei bestimmten Delikten erfasst. Bei Raub sind sie steigend von 799 (2008) auf 962 Fälle (2013), was ungefähr der Zahl der vorherigen drei Jahre entspricht. Bei „Gefährliche und schwere Körperverletzung“ sank sie von 822 Fälle (2008) auf 608 (2013) Fälle.
Der Schusswaffengebrauch der Polizei nahm allerdings zu.

 

Die Polizei bei der Arbeit – über jede Kritik erhaben

 

Das ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um einen Blick auf das zweite Kapitel „Die Polizeiarbeit aus der Innensicht“ (Seite 93 – 161) zu werfen, in dem er die Arbeitsbelastung, die Sparmaßnahmen und die Überalterung der Polizei schildert und dabei konsequent die Sicht der Polizeigewerkschaften übernimmt.
Deshalb fragt er auch niemals, ob die Gefahrenanalysen der Polizei vor Großereignissen, wozu auch die vielen Fußballspiele, Demonstrationen (von denen fast alle friedlich verlaufen) und Veranstaltungen stimmig sind. So schildert Solms-Laubach genau, wie viele Polizisten während des Eurovision Song-Contest im Einsatz waren und wie viele Polizisten gleichzeitig bei anderen Veranstaltungen, vor allem Fußballspielen waren. Une er fordert – Überraschung! -: mehr Polizei.
In Punkto Auslassungen sind hier vor allem die Kapitel „Wie stark die Gewalt gegen Polizisten zunimmt“, „Die Polizei als Zielscheibe von rechtsextremer Gewalt“ und „Die Kritik an der Polizei wächst“ wiederum sehr interessant, wenn auch nicht überraschend. Denn Gewalt von Polizisten gegen Bürger, andere Opfer von rechtsextremer Gewalt und berechtigte Kritik an der Polizei gibt es bei Solms-Laubach nicht.
Es gibt aber zunehmend Widerstand gegen Staatsbeamte und zunehmend Gewalt gegen Polizisten. So nennt Solms-Laubach als Beleg für diese Behauptung Zahlen der Innenverwaltung des Landes Berlin von 2011. Natürlich ohne auf die Jahre davor oder danach einzugehen. Dass die Zahlen in der PKS niedriger sind und eine andere Tendenz (nämlich abnehmend!) festgestellt wird (Polizei Berlin, PKS 2013, Seite 82/83 und Seite 135/136) dürfte inzwischen wenig überraschen. Es gibt sogar eine ‘Erklärung': „Wozu die Übergriffe noch anzeigen, wenn die Täter kaum oder wenn, dann nur gering bestraft werden? Das fragen sich viele Polizisten nicht zu Unrecht.“ (Solms-Laubach, Seite 142).
Nach Solms-Laubach sollten mehr Menschen, die die Anweisungen von Polizisten nicht befolgen oder sie angreifen, bestraft werden. Möglichst lange. Länger als wenn sie einen Mitbürger angreifen würden. Diese populistische Forderung klingt gut, dürfte aber in der Realität kaum einen Angreifer abhalten. Denn laut der Berliner PKS war über die Hälfte der Menschen, die „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ leisteten, alkoholisiert.
Dass kaum ein Polizist verurteilt wird, wenn er von einem Bürger angezeigt wird, verschweig Solms-Laubach, der solche Fälle, wenn ich seine Ausführungen im Kapitel „Die Kritik an der Polizei wächst“ richtig verstehe, wohl allesamt für unbegründet hält.
Zum Beispiel an dem Polizeikessel in Frankfurt am Main im Juni 2013. Dabei sollte inzwischen jeder Polizist wissen, dass ein Kessel illegal ist. Und wenn dann noch die normale Demonstrationsausrüstung, wie Regenschirme, Sonnenbrillen, Stöcke für Transparente und Werkzeug, zur Bewaffnung erklärt wird, ist klar, wie ungerechtfertigt der Grundrechtseingriff war. Aber dafür wurden 954 Menschen gut zehn Stunden festgehalten. Derzeit wird der Kessel noch vor Gericht verhandelt. Ebenso dreißig Klagen wegen Platzverweisen und dem Einsatz von Pfefferspray.
Dass es für Solms-Laubach Gewalt von Polizisten und Racial Profiling nicht gibt, verwundert da nicht mehr. Das eine sind Einzelfälle, das andere ist polizeiliches Erfahrungswissen, das über jede Kritik erhaben ist und nicht kontrolliert werden muss, auch wenn einem jetzt sofort Dutzende von Fällen einfallen. Deshalb lehnt Solms-Laubach auch eine Beschwerdestelle, die sich unter anderem um solche Fälle kümmern soll, ab.

Was tun? Zum Beispiel Vorratsdatenspeicherung

 

Bei den Vorschlägen wird es kurz interessant. Nicht, weil die Vorschläge neu sind. Sie stehen schon seit Jahren in CDU-Programmen und werden so monoton von den Sicherheitsbehörden vorgetragen, mit wechselnden Begründungen von Organisierter Kriminalität (denken Sie jetzt bitte nicht an die italienische Mafia oder riesige Gangstersyndikate, sondern besser an eine Bande Kleinkrimineller), Terrorismus (auch wenn einige Terrorgruppen wohl vor allem in den Köpfen der Nachrichtendienste herumspuken und die letzten Terroranschläge nicht von gut organisierten Gruppen à la RAF oder IRA, sondern von Einzeltätern und autonomen Kleinstgruppen gemacht wurden; uh, und vor allem nicht in Europa oder den USA.) und Kinderpornographie.
Natürlich fordert Solms-Laubach die Vorratsdatenspeicherung von einem halben Jahr. Mndestens.
Solms-Laubach nennt dann drei Beispiele, die belegen sollen, dass die Vorratsdatenspeicherung sehr wichtig für die Verbrechensbekämpfung ist. Diese Beispiele sind aus einem 158-seitigem Dokument des BKA (wobei die Länge nichts über die Qualität und Textmenge aussagt), in dem seit 2010 Fälle gesammelt werden, die wegen der fehlenden Vorratsdatenspeicherung nicht oder nur erschwert aufgeklärt werden konnten. Nun sind gewisse Erschwernisse bei Ermittlungen gewollt, um die freiheitlich-bürgerlich-demokratische Gesellschaft zu schützen. So darf ein Polizist nicht einfach so eine Wohnung durchsuchen oder jemand verhaften.
Ich denke mal, dass Solms-Laubauch die schlimmsten Beispiele herausgesucht hat. Jedenfalls sind es Beispiele, bei denen „zur Strafverfolgung eine Mindestspeicherfrist für die Vorratsdaten von sechs Monaten nötig gewesen“ (Solms-Laubach, Seite 225) wäre.
Im ersten Fall verschickte jemand über hundert Briefe, in denen er Schulen, Unis und Privatpersonen mit Sprengstoffanschlägen drohte, falls nicht eine bestimmte Geldsumme gezahlt würde. Der Erpresser kontaktierte dann über studiVZ die Person, die fälschlicherweise als Erpresser genannt wurde. Weil die dynamische IP-Adresse beim Internet-Provider nicht gespeichert war, konnte der Absender nicht festgestellt werden.
Ob der Täter über andere Wege ermittelt werden konnte und wie ernst die Briefe waren, wird nicht erwähnt.
Im zweiten Fall drohte jemand einem „Münchner Verein mit religiöser Ausrichtung“, dass in deren Räumen eine Bombe explodieren werde. Eine Bombe wurde nicht gefunden. Der Anrufer ebenfalls nicht; – davon ausgehend, dass er von seinem Privat-Handy und nicht aus einer Telefonzelle angerufen hat.
Im dritten Fall geht es um die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland, indem der Täter Videos auf einem YouTube-Kanal online stellte.
Wir haben also ein Propagandadelikt, eine Bombendrohung ohne Bombe (könnte auch ein Scherz gewesen sein) und eine Erpressung, bei der unklar ist, wie ernst sie gemeint ist. Das sollen die Fälle sein, für die wir die Vorratsdatenspeicherung brauchen?
Immerhin fordert Solms-Laubach sie nicht, wie Bundeskriminalamt-Chef Jörg Ziercke (ein SPDler, weshalb der BKA-Chef in dem Buch nicht erwähnt wird) unmittelbar nach der Verhaftung von Beate Zschäpe, reflexhaft, zur Aufklärung der NSU-Taten.
Zur Videoüberwachung, die der „Bild“-Journalist selbstverständlich fordert, sage ich jetzt nichts.
Denn es dürfte inzwischen offensichtlich sein, dass „Das Ende der Sicherheit“ ein von der ersten bis zur letzten Seite ein erschreckend dummes Pamphlet ist, das nur zeigt, dass „Bild“ zwischen zwei Buchdeckeln nicht besser wird, sondern immer noch selektiv ausgewählte Fakten mit Halbwahrheiten und Unwahrheiten zu einem unbekömmlichen Brei verrührt.

-

Franz Solms-Laubach: Das Ende der Sicherheit – Warum die Polizei uns nicht mehr schützen kann
Droemer, 2014
256 Seiten
18 Euro
-
Hinweise

BKA-Seite zur PKS (mit verschiedenen Tabellen)

Polizei Berlin: Eingangsseite zur PKS (lesenswert, weil die erstellende Abteilung der Polizei sich bemüht, die Zahlen einzuordnen und damit die Zahlen analysiert und in einen umfassenderen Zusammenhang stellt)

Wikipedia über die Polizeiliche Kriminalstatistik

BMJ: Erster periodischer Sicherheitsbericht (2001)

BMJ: Zweiter periodischer Sicherheitsbericht (2006 – beide Male wurde versucht, ein umfassendes Bild der Kriminalität und der Bedrohungen zu zeichnen)

Bildblog (prüft den Unwahrheitsgehalt der „Bild“ – und wird fast täglich fündig)


DVD- und Buchkritik: Der Alpen-Western „Das finstere Tal“

September 8, 2014

Das gelingt nur ganz wenigen Filmen: hier in Berlin läuft „Das finstere Tal“ immer noch in ganz normalen Kinos und es gab fast keinen Tag, an dem man sich seit dem Kinostart am 13. Februar Andreas Prochaskas Alpen-Western nicht hätte ansehen können. Der Film erhielt acht deutsche Filmpreise und ist jetzt der Oscar-Kandidat von Österreich für den besten ausländischen Film.
Die Filmgeschichte könnte den Amerikanern gefallen. Schon die ersten Bilder sind reinstes Americana: ein Mann reitet in den Bergen in ein einsam gelegenes Dorf, das im Winter komplett von der Welt abgeschnitten ist. Die Bewohner beäugen ihn misstrauisch. Mit einem Sack voll Gold erkauft er sich ein Quartier für den Winter. Was die Bewohner nicht wissen, aber jeder, der schon zwei Western gesehen hat, nach den atmosphärischen Bildern weiß: der Mann will sich an den Dörflern für ein in der Vergangenheit liegendes Ereignis rächen. Die Überlebenschancen der Bösewichter tendieren gegen Null, wozu auch die gar nicht so unschuldigen Dorfbewohner zählen, wenn sie nicht schnell genug in Deckung gehen.
Dennoch lässt sich Prochaska (u. a. einige Folgen für „KDD – Kriminaldauerdienst“, die TV-Filme „Spuren des Bösen“, „Das Wunder von Kärnten“, „In 3 Tagen bist du tot“ und die Fortsetzung) viel Zeit, bis es die erste Leiche gibt: ein scheinbar unglücklicher Unfall beim Transport von Bäumen in einer Baumrutsche.
Greider (Sam Riley), so heißt der schweigsame Fremde, der behauptet, mit seiner Kamera Fotos machen zu wollen, kam aus den USA zurück in die Alpen. In Wirklichkeit will er seine Eltern rächen. Sie wurden von dem Brenner-Bauer, der seit Jahrzehnten als unumstrittener Patriarch über das abgelegene Tal herrscht, und seinen Söhnen, unterstützt vom Dorfpfarrer, vergewaltigt und getötet.
Diese Geschichte, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Alpen spielt, verweist immer wieder auf den Western. Die Cinemascope-Bilder, der konsequente Verzicht auf typisch alpenländische Attribute (es gibt keinen Sepplhut und bei den Kleidern wurde konsequent stilisiert) und die karge Landschaft mit ihren ebenso kargen Gebäuden (so steht die Kirche, ein Steingemäuer, auf einem waldlosem Hügel und sie wirkt wie eine ungastliche Trutzburg) erinnert dann an die bekannten Bilder aus US-und Italo-Western, wie Sergio Corbuccis im Schnee spielender Western „Leichen pflastern seinen Weg“. Auch Robert Altmans „McCabe & Mrs Miller“, dessen Finale ebenfalls im Schnee spielt, fällt einem ein. Und natürlich die zahllosen, konsequent ironiefreien Rachewestern der vergangenen Jahrzehnte, gerne mit Clint Eastwood in der Hauptrolle.
Das alles ist so gut, dass gerade die Kleinigkeiten umso deutlicher auffallen. So ist der Brenner-Bauer, der als kranker Herrscher, kaum noch sein Haus und Bett verlässt, als greifbarer Bösewicht kaum vorhanden. Diese Rolle des Bösewichts müssen seine Söhne übernehmen, die aber auch weitgehend austauschbare Handlanger des Bösewichts bleiben. Im Film allerdings weniger als im Roman, wo sie nur eine anonyme Masse sind.
Auch die Rolle Brenners bei der Kindererzeugung (er hat das Recht auf die erste Nacht) und die Beziehungen der Brenner-Buben zu ihren Frauen werden nur sparsam angedeutet.
In diesen Momenten hätten sich Filmemacher noch deutlicher von der Vorlage entfernen können. Denn der Film folgt dem Roman sehr genau. Thomas Willmann bedankt sich im Nachwort seines Romandebüts bei Ludwig Ganghofer und Sergio Leone, wobei der Roman für meinen Geschmack zu viel Ganghofer und zu wenig Leone hat. Denn wer den Film nicht kennt und auch nicht den Klappentext gelesen hat, liest sich im ersten Drittel durch das Porträt einer Dorfgemeinschaft und der beginnenden Liebe von Luzi zu ihrem künftigem Bräutigam. Auch nach dem ersten Todesfall nehmen die Hochzeitsvorbereitungen viel Raum ein und nach der Romanmitte gibt es eine sechzigseitige Rückblende, in der wir erfahren, was mit Greiders Mutter geschah. Im Film ist das eine kurze Montage.
Auffallend sind zwei große Änderungen. Die erste ist, dass die Filmgeschichte von Luzi erzählt wird. Im Roman gibt es dagegen einen neutralen Erzähler, der einfach, wie ein Zeitungsreporter berichtet, was geschieht. Die zweite ist, dass Greider im Roman ein Maler, im Film ein Fotograf ist. Beide Änderungen sind nachvollziehbar und gerade bei der zweiten Änderung wundert es, dass Willmann, der auch Filmjournalist ist, das nicht selbst tat. Immerhin gibt es in Western öfter Fotografen als Maler.
Auf den ersten Blick wirkt das Bonusmaterial vernachlässigbar. Drei entfallene Szenen, ein Making of und ein Audiokommentar. Aber beim Ansehen fällt auf, wie gut es ist. Das gut 45-minütige, absolut sehenswerte „Making of“ gibt einen umfassenden und werbefreien Blick in den gesamten Entstehungsprozess des Films mit Interviews mit allen Beteiligten und einigen Blicken hinter die Kulissen. Und der Audiokommentar (den Filmton hätte man etwas leiser drehen können) ist absolut hörenswert. Regisseur Andreas Prochaska lud den Filmjournalisten Christian Fuchs als Gesprächspartner ein und, auch wenn Fuchs kaum etwas sagt, hatte Prochaska damit einen Gesprächspartner, dem er alles über den Film erzählen konnte. Entsprechend informativ fällt der Audiokommentar aus.

Das Finstere Tal - DVD-Cover - 4

Das finstere Tal (Österreich/Deutschland 2013)
Regie: Andreas Prochaska
Drehbuch: Martin Ambrosch, Andreas Prochaska
LV: Thomas Willmann: Das finstere Tal, 2010
mit Sam Riley, Tobias Moretti, Paula Beer, Clemens Schick, Erwin Steinhauer, Hans-Michael Rehberg, Carmen Gratl, Helmuth A. Häusler, Martin Leutgeb, Florian Brückner
-
DVD
Warner Brothers/X-Edition
Bild: 2.35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Audiokommentar von Regisseur Andreas Prochaska und Filmjournalist Christian Fuchs, Making of, Entfallene Szenen, Trailer, Audiodeskription
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
-
Die Vorlage

Willmann - Das finstere Tal - 2

Thomas Willmann: Das finstere Tal
Ullstein, 2014
320 Seiten
9,99 Euro
-
Erstausgabe
Liebeskind, 2010
-

Hinweise

Homepage zum Film

Perlentaucher über „Das finstere Tal“

Film-Zeit über „Das finstere Tal“

Moviepilot über „Das finstere Tal“

Wikipedia über „Das finstere Tal“


Im Verhörzimmer: Joe R. Lansdale über seinen neuen Roman „Das Dickicht“

August 27, 2014

Lansdale - Das Dickicht - 4

Für die Kriminalakte ist das Erscheinen des neuen Romans „Das Dickicht“ von Joe R. Lansdale eine gute Gelegenheit, dem Mann einige Fragen zu stellen.

Der Texaner Joe R. Lansdale schrieb in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Romane und Kurzgeschichten in unterschiedlichen Genres, die alle irgendwie zur Spannungsliteratur gehören: Kriminalromane, Thriller, Horror-Geschichten, Western und abgedrehte Variationen davon. Einige Comics schrieb er auch und er schnüffelte an den Rändern von Hollywood herum. Ein kleiner Klassiker ist „Bubba Ho-Tep“. Don Coscarelli verfilmte mit Bruce Campbell Lansdales gleichnamige Kurzgeschichte, in der im Altersheim Elvis Presley und John F. Kennedy (ein Schwarzer) gegen eine ägyptische Mumie kämpfen. Ein großer Spaß. Demnächst läuft auf dem Fantasy-Filmfest die brandneue, prominent besetzte Romanverfilmung „Cold in July“ von Jim Mickle, mit Michael C. Hall, Don Johnson und Sam Shepard.

Äußerst beliebt bei Krimilesern sind seine knochentrockenen Geschichten mit Hap Collins und Leonard Pine. Neun Romane mit dem seltsamen Paar sind bereits erschienen.

In den vergangenen Jahren, vor allem seit dem mit dem Edgar ausgezeichntem „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms), schrieb Lansdale auch mehrere Romane, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts in seiner Heimat Osttexas spielen. Protagonist ist oft ein sehr junger Mensch und die Rassenfrage wird immer thematisiert.

Auch die Abenteuergeschichte „Das Dickicht“ spielt zu Beginn des letzten Jahrhunderts: Autos und Telefone gibt es schon, aber normalerweise bewegt man sich auf einem Pferd von einem Ort zum nächsten. Der sechzehnjährige Jack Parker macht sich, nach dem Pockentod seiner Eltern und der Ermordung seines Großvaters auf dem Sabine River, mit dem Afroamerikaner Eustace Cox, seinem Wildschwein Keiler, dem Zwerg Shorty, dem Freudenmädchen Jimmie Sue und dem Sheriff und früheren Kopfgeldjäger Winton auf die Jagd nach dem Mörder seines Großvaters und den Entführern seiner jüngeren Schwester. Das sind Cut Throat Bill, Nigger Pete und Fatty Worth, drei skrupellose Banditen, die im titelgebenden Dickicht, einer gesetzlosen Gegend, untergetaucht sind.

 

 

Was war die Inspiration für „Das Dickicht“?

 

Die Hauptinspiration für „Das Dickicht“ waren Geschichten über Ost-Texas, die ich als Jugendlicher hörte. Dazu kam die Lektüre von Mark Twain und pure Einbildung. Ich nehme gerne etwas, das einen Bezug zur Realität hat und entfessele meine Fantasie. Mein Vater, zum Beispiel, hatte als Kind Pocken. Er wurde 1909 geboren, ein Jahr bevor Mark Twain starb. Er hörte viele Geschichten über Ost-Texas, das große Dickicht, wo meine Geschichte spielt, und ich verwendete Geschichten, die ich von meiner Großmutter hörte. Und einige Kleinigkeiten von meiner Mutter. Wieder einmal verschmolz ich meine Fantasie mit diesen Geschichten und so entstand dieser Roman. Der Zwerg Shorty war für mich eine Überraschung. Über seinen Ursprung kann ich nichts sagen.

 

 

In den vergangenen Jahren, vor allem seit „The Bottoms“ spielen viele ihrer Geschichten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und oft erzählen sie die Abenteuer von jungen Menschen. Woher kommt ihr Interesse an dieser Zeit und den jugendlichen Charakteren?

 

 

Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert. Meine Eltern waren während dieser Zeit junge Erwachsene und Erwachsene. Es war eine schwere Zeit, also war ich neugierig. Wie ich schon bei der vorherigen Frage sagte: ich hörte viele Geschichten über die Große Depression. Sie hatte, wie du dir denken kannst, einen großen Einfluss auf meine Eltern. Meine anderen Romane entstanden, wie „Das Dickicht“, ausgehend vom Hörensagen oder eher mündlichem Geschichtenerzählen. Einige Geschichten, die mir erzählt wurden, waren wahr. Andere nicht. Manchmal waren es nur alte Geschichten, die weitererzählt wurden und nichts mit meiner Familie zu tun hatten. Aber es waren die Erfahrungen und Geschichten von anderen.

Ich denke, ich bin einer der letzten, der noch da war, um diese alten Geschichten zu hören, weil meine Eltern, als ich geboren wurde, älter waren als die Eltern von meinen Klassenkameraden. Sogar mein Bruder ist siebzehn Jahre älter als ich. Daher hat er etwas andere Erfahrungen als ich und ich habe viele Dinge von ihm gelernt. Das war so nicht geplant. Es geschah einfach.

Ich bin ein guter Zuhörer, wenn es um Geschichten geht. Vorausgesetzt, sie interessieren mich. Während die anderen Kinder spielten, saß ich bei den Erwachsene und hörte ihnen zu.

 

 

Sie schreiben in vielen verschiedenen Genres und Comics. Woher wissen Sie, welches Genre das richtige Genre für die Geschichte ist und was sind die Vorteile von Genres?

 

 

Wenn mich jemand fragt, ob ich einen Kriminal-, Horror- oder was auch immer für eine Genre-Geschichte schreiben soll, dann kenne ich die Richtung. Aber das ist auch alles. Zuerst muss es mich interessieren, und dann habe ich die grobe Richtung in die die Erzählung sich bewegen soll. Aber danach lasse ich die Geschichte ihren eigenen Weg finden. Manchmal setzte ich mich einfach hin und beginne mit dem Schreiben. Ausgehend von einer Stimmung oder einer einzigen Idee. Dann entwickelt sich die Geschichte und sie wird, was immer sie werden will.

Ich denke, ich kann nur schreiben, indem ich die Geschichte ihre Stimme finden lasse. Ich kann gelenkt, aber nicht kontrolliert werden.

 

 

Können Sie uns etwas über ihren Schreibprozess erzählen? Wie entsteht ein Lansdale-Roman?

 

Ich recherchiere ohne zu denken, dass ich recherchiere. Ich lese einfach, was mich interessiert oder fasziniert, Erzählungen und Sachbücher. Ich lese viel über Geschichte; Biographien und so. Ich lese viel und ich lese fast ständig, mit kurzen Pausen, weil ich es sowieso tun würde und es mir gefällt.

Ich schreibe gern. Normalerweise schreibe ich am Morgen, kurz nachdem ich aufstehe. Ich versuche täglich mindestens drei bis fünf Seiten zu schreiben, und oft wird es mehr. Ich mache das fünf bis sieben Tage pro Woche, manchmal auch im Urlaub. Aber ich arbeite selten mehr als drei Stunden. So tue ich regelmäßig etwas und ich fühle mich jeden Tag wie ein Held.

Ich schreibe eine sehr gewissenhafte erste Fassung, mit Überarbeitungen während des Schreibens. Danach wird diese Fassung noch einmal in Details überarbeitet.

Manchmal habe ich eine Geschichte, die eine größere Überarbeitung erfordert, aber während des Schreibens überarbeite ich bereits das Geschriebene und am nächsten Tag überarbeitete ich die Arbeit des vorherigen Tages und tauche so wieder in die Geschichte ein. So erledige ich viele Überarbeitungen während des Schreiben.

Mehrere Fassungen mag ich nicht. Es deprimiert mich einfach und meine Geschichten werden mit dieser Methode nicht besser, sondern schlechter.

Am besten funktioniert für mich: Sorgfältig jetzt, kleine Veränderungen später.

 

 

Welche fünf Bücher würden Sie für den späten Sommerurlaub empfehlen?

 

Adventures of Huckleberry Finn (Die Abenteuer des Huckleberry Finn; Huckleberry Finn; Huckleberry Finns Abenteuer), von Mark Twain

To Kill a Mocking Bird (Wer die Nachtigall stört), von Harper Lee

True Grit (Die mutige Mattie, True Grit), von Charles Porties

The Great Gatsby (Der große Gatsby), von F. Scott Fitzgerald

The Martian Chronicles (Die Mars-Chroniken), von Ray Bradbury

Diese Liste kann sich verändern, aber diese Bücher gehören immer zu meinem Lieblingsbüchern.

Wenn ich etwa schwindeln darf, indem ich eine Kurzgeschichtensammlung hinzufüge, empfehle ich

A Good Man is hard to find, von Flannery O’Connor (diese Sammlung wurde so anscheinend nicht übersetzt, aber die Kurzgeschichten von Flannery O’Connor erschienen in verschiedenen, antiquarisch erhältlichen Sammelbänden)

-

Joe R. Lansdale: Das Dickicht

(übersetzt von Hannes Riffel)

Tropen, 2014

336 Seiten

19,95 Euro

-

Originalausgabe

The Thicket

Mulholland Books, 2013

-

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Machos und Moneten“ (Captains Outrageous, 2001)

Mulholland Books: Joe R. Lansdale über die Ursprünge von “Das Dickicht”


Hap Collins und Leonard Pine treffen in Mexiko auf „Machos und Macheten“

August 27, 2014

Lansdale - Machos und Macheten - 2

Das hat verdammt lange gedauert. Immerhin erschien die Originalausgabe von „Machos und Macheten“ in den USA bereits 2001. Aber ein neues Abenteuer von Hap Collins, weiß, hetero und eher friedliebend, und Leonard Pine, schwarz, schwul und sehr schlagkräftig, ist wie alter Wein. Er wird mit der Zeit besser.

Am Anfang von „Machos und Macheten“ arbeiten Hap und Leonard als Nachtwächter in East Texas in einer Geflügelfarm. Der Job ist ziemliche Hühnerkacke, bezahlt aber die Miete. Eines Nachts sieht Hap nach Dienstschluss, wie ein Irrer direkt vor der Farm eine Frau vergewaltigen will. Er stürzt sich ins Getümmel und, mit etwas Hilfe von einer Kollegin, gelingt es ihm, den Irren, der vorher einige Drogen eingeworfen hat, zu überwältigen. Weil die Frau die sechzehnjährige Tochter von Elmer Bond, dem Besitzer der Geflügelfarm, ist, erhält Hap eine saftige Belohnung und die Erlaubnis für einen längeren Urlaub, den er dann auch mit seinem Kumpel Leonard nimmt. Eine Kreuzfahrt, die für die Beiden beim ersten Landgang endet. Denn es gelang ihnen, sich auf dem Schiff so viele Feinde zu machen, dass das Schiff ohne sie weiterfuhr.

In Playa del Carmen, Mexiko, treffen sie dann auf einige Strauchdiebe, die sie ausrauben wollen. Noch während sie sich mit ihnen prügeln, taucht Ferdinand auf und schlägt sie mit seiner Machete in die Flucht. Von einer Anzeige sehen sie ab, weil die Strauchdiebe Polizisten waren.

Und es kommt noch schlimmer. Denn das Boot von Ferdinand, der eine hübsche Tochter hat, in die Hap sich sofort verliebt, wurde von einem blonden Arschloch für viel Geld und der Option auf absolute Narrenfreiheit während des Ausflugs gemietet, weshalb er Beatrice als unwillige Gespielin betrachtet. Schnell, ungefragt und gegen Beatrices Wunsch mischen die beiden Kumpels sich ein.

Der Angelausflug endet in einem Desaster, die beträchtliche Heuer wird nicht bezahlt und Beatrice und ihr Vater Ferdinand sitzen in der Patsche. Denn die Heuer sollte ihre Schulden bei dem Kartellchef Juan Miguel begleichen, der jetzt die Schulden anderweitig eintreiben will, was dazu führt, dass Hap und Leonard, mal wieder, Ärger haben und es auch einige Leichen gibt.

Machos und Macheten“, das sechste Collins-Pine-Abenteuer, ist ein herrlich abgedrehter Hardboiled-Krimi-Spaß voller Witze und Gewalt. Denn auch südlich der Grenze machen die beiden Kumpels das, was sie am Besten können: blöde Sprüche, sich mächtig Ärger einhandeln und dabei die Pläne von einigen Verbrechern stören.

Und Joe R. Lansdale erzählt das in seiner üblichen schnörkellosen Prosa mit einer gehörigen Portion schwarzen Humor.

-

Joe R. Lansdale: Machos und Macheten

(übersetzt von Heide Franck)

Golkonda, 2014

280 Seiten

16,90 Euro

-

Originalausgabe

Captains Outrageous

Mysterious Press, 2001

-

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

 

 


Vorbereitende Lektüre mit den „Guardians of the Galaxy“

August 26, 2014

Bendis - Guardians of the Galaxy - CollectionBendis - Guardians of the Galaxy - 3

Am Donnerstag startet James Gunns kurzweiliger Science-Fiction-Abenteurfilm „Guardians of the Galaxy“, der in den USA seit einem Monat sehr erfolgreich im Kino läuft, endlich auch in Deutschland. Das ist wenig, aber noch genug Zeit, um einen Blick in die gezeichnete Vorlage zu werfen.

Gunns Film basiert auf der von Dan Abnett und Andy Lanning erfundenen Inkarnation der „Guardians of the Galaxy“. In „Guardians of the Galaxy – Collection“ und „Guardians of the Galaxy – Kampf um die Erde“ erzält Brian Michael Bendis, der die Serie 2013 übernahm, eine Geschichte mit den Rettern der Galaxis, die sich in zwei Punkten vom Film unterscheidet: sie ist ernster und Peter Quill, der Anführer der Guardians, nennt sich nicht wegen irgendwelcher größenwahnsinniger Anwandlungen Star-Lord, sondern der Erdling (mütterlicherseits) ist der Sohn des Herrschers von Spartax und in dem Comic „Guardians of the Galaxy – Collection“ (enthält „Guardians of the Galaxy – Vol. 1 – 7“) und „Guardians of the Galaxy – Kampf um die Erde (Band 3)“ (enthält „Guardians of the Galaxy – Vol. 8 – 10“) sind die Guardians, also ‘Star-Lord’ Peter Quill, Kriegerin Gamora (sie ist auch die Adoptivtochter von Thanos), Waschbär Rocket Raccoon, Baumwesen Groot und Kämpfer Drax schon länger zusammen. Im Film finden sie sich erst.

In dem Comic müssen sie die Erde beschützen. Denn der Tyrann Thanos will die Erde vernichten, weil dieser Planet nur Probleme verursacht und so die verschiedenen Herrscherfamilien des Weltalls munter, wie wir es schon von den griechischen Göttern kennen, gegeneinander intrigieren können.

Die Guardians und Iron-Man Tony Stark (uh, ja, der spielt im Film nicht mit; – außer er hat in der Abspann-Sequenz, die ich nicht kenne, einen Auftritt) versuchen die Erde zu retten.

Später, in „Kampf um die Erde“, hilft ihnen auch noch Angela. Die Kriegerin gelangte durch einen Riss im Raum-Zeit-Gefüge in die Welt von Star-Lord und sie hilft den Guardians bei ihrem Kampf gegen Thanos.

Das liest sich flott und vergnüglich weg, wird aber zunehmend auf eine episodische Endlosigkeit angelegt, was sich besonders deutlich daran zeigt, dass der „Kampf um die Erde“ mal schnell in den erdnahen Orbit und auf andere Welten verlagert wird und nicht endet, weil erst der für den vierten „Guardians of the Galaxy“-Sammelband angekündigte „Prozess gegen Jean Grey“ durchgeführt werden muss. Das wäre dann schon das nächste Crossover, dieses Mal mit den X-Men, und es setzt die beliebte Marvel-Strategie fort, verschiedene Serien miteinander zu verknüpfen. Denn dieses „Guardians of the Galaxy“-Abenteuer von Bendis ist auch mit dem großen „Infinity“-Crossover verknüpft. Das Verknüpfen verschiedener Serien erfreut natürlich das Herz des Fanboys und des Alles-Sammlers, aber wer neu einsteigt oder nur eine Serie verfolgen will, fühlt sich doch, wieder einmal, etwas außen vor gelassen.

Und dann gibt es noch Probleme mit dem Raum-Zeit-Kontinuum, was leider auch zu einer Anything-can-happen-Einstellung führt.

Abnett-Lanning - Guardians of the Galaxy - Vorgeschichte

 

Ergänzend zum Film gibt es „Guardians of the Galaxy – Die offizielle Vorgeschichte zum Film“, die von Dan Abnett und Andy Lanning, den Erfindern der aktuellen „Guardians of the Galaxy“-Inkarnation, geschrieben wurde. In dem Heft werden zwei kurze Geschichten erzählt. In der ersten kämpfen die beiden Killerinnen und Töchter von Thanos, Gamora und Nebula, mit- und gegeneinander bei verschiedenen Killer-Trainings. Auf Praxius kämpfen sie gegeneinander um den Orb.

Witziger und deutlich gelungener ist die zweite Geschichte, in der es Söldner-Action mit Rocket Racoon und Groot auf der Raumstation Hub gibt. Weil sie mal wieder Pleite sind, übernehmen sie für den Verbrecherboss Zade Scraggot den Auftrag, aus der gut gesicherten Zollstation eine Kiste zu klauen. Als sie erfahren, was in der Kiste ist, verändert sich alles.

Aber eine Vorgeschichte zum Film, die wichtige Informationen zur Filmhandlung liefert, konnte ich nicht erkennen.

-

Brian M. Bendis/Steve McNiven/Sara Pichelli: Guardians of the Galaxy – Collection (Marvel Now)

(übersetzt von Alexander Rösch)

Panini, 2014

188 Seiten

16,99 Euro

-

enthält

Guardians of the Galaxy 0, 1 – 7

Marvel, 2013

-

Brian M. Bendis/Francesco Francavilla/Kevin Maguire: Guardians of the Galaxy – Kampf um die Erde (Band 3) (Marvel Now)

(übersetzt von Alexander Rösch)

Panini, 2014

100 Seiten

12,99 Euro

-

enthält

Guardians of the Galaxy 8 – 10

Guardians of the Galaxy: Tomorrow’s Avengers (2013) 1

Marvel 2013/2014

-

Dan Abnett/Andy Lanning/Wellinton Alves: Guardians of the Galaxy – Die offizielle Vorgeschichte zum Film

(übersetzt von Alexander Rösch)

Panini, 2014

52 Seiten

4,99 Euro

-

enthält

Guardians of the Galaxy – Prelude

Marvel, 2014

-

Die Verfilmung

Guardians of the Galaxy (Guardians of the Galaxy, USA 2014)

Regie: James Gunn

Drehbuch: James Gunn, Nicole Perlman

LV: Comic/Charaktere von Dan Abnett und Andy Lanning

mit Chris Pratt, Zoe Saldana, David Bautista, Vin Diesel (nur Stimme), Bradley Cooper (nur Stimme), Lee Pace, Michael Rooker, Karen Gillan, Djimon Hounsou, John C. Reilly, Glenn Close, Benicio Del Toro, Gregg Henry, Stan Lee, Nathan Fillion (nur Stimme), James Gunn

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

-

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Guardians of the Galaxy“

Moviepilot über „Guardians of the Galaxy“

Metacritic über „Guardians of the Galaxy“

Rotten Tomatoes über „Guardians of the Galaxy“

Wikipedia über „Guardians of the Galaxy“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brian Michael Bendis (Autor)/Michael Avon Oemings (Zeichner) „Powers: Wer ermordete Retro Girl? (Band 1)“ (Powers: Who killed Retro Girl?, 2000/2012)

Meine Besprechung von Brian Michael Bendis (Autor)/Alex Maleevs (Zeichner) „Scarlet: Kinder der Revolution (Band 1)“ (Scarlet 1 – 5, Juli 2010 – März 2011)

Meine Besprechung von Brian Michael Bendis (Autor)/Kelly Sue Deconnick (Autor)/Lan Medinas (Zeichner) „Richard Castles Deadly Storm – Tödlicher Sturm: Ein Fall für Derrick Storm“ (Castle: Richard Castle’s Deadly Storm, 2011)


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 43 Followern an

%d Bloggern gefällt das: