TV-Tipp für den 6. Oktober: James Bond: Stirb an einem anderen Tag

Oktober 6, 2014

Nummer Vier der ZDF-James-Bond-Reihe

ZDF, 22..15

James Bond: Stirb an einem anderen Tag (USA/Großbritannien 2002, Regie: Lee Tamahori)

Drehbuch: Neal Purvis, Robert Wade

LV: Charakter von Ian Fleming

Buch zum Film: Raymond Benson: Die Another Day, 2002

Nachdem James Bond kurzzeitig von M gefeuert wird, darf er wieder die Welt retten. Aktuelle Schauplätze sind Nordkorea, Hongkong, Kuba, London und Island.

Vierter und letzter Bond-Film mit Pierce Brosnan, der sich nicht sonderlich von den vorherigen unterscheidet: kurzweiliges Popcornkino für die ganze Familie.

Mit Pierce Brosnan, Halle Berry, Rick Yune, Judi Dench, John Cleese, Toby Stephens, Michael Madsen, Rosamund Pike, Michael G. Wilson, Madonna

Wiederholung: ZDFneo, Dienstag, 7. Oktober, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “James Bond: Stirb an einem anderen Tag”

Wikipedia über “James Bond: Stirb an einem anderen Tag” (deutsch, englisch)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte

-

Bonushinweis

Markham - Colonel Sun
Cross-Cult ist weiterhin im James-Bond-Fieber. Nachdem alle von Ian Fleming geschriebenen James-Bond-Romane und Kurzgeschichten in neuen und damit werkgetreuen Übersetzungen (die alten Übersetzungen waren teilweise stark gekürzt und auch zensiert) erschienen sind, ist jetzt der erste Post-Ian-Fleming-James-Bond-Roman erschienen: „Colonel Sun“ von Robert Markham. Unter seinem richtigen Namen Kingsley Amis schrieb der Romancier („Lucky Jim“) bereits 1965 das Sachbuch „Geheimakte 007 – Die Welt des James Bond“.
In „Colonel Sun“ entführt der titelgebende Colonel, ein Chinese, der mit einem Nazi-Kriegsverbrecher eine weltweite Verschwörung plant, M, den Chef von James Bond. Bond fliegt, um M zu befreien, nach Griechenland.
Auch Markhams Roman wurde in der früheren deutschen Übersetzung „Liebesgrüße aus Athen“ (bzw. „Colonel Sun – Die Spur führt nach Griechenland“, „007 James Bond auf griechischer Spur“) kräftig gekürzt. Meine Taschenbuchausgabe umfasst 160 Seiten. Die aktuelle, großzügiger gelayoutete Ausgabe hat 352 Seiten und jeder kann sich vorstellen, wie viel damals unter den Tisch fiel. Nach meinem ersten Eindruck würde ich die alte Übersetzung eine freie Nacherzählung, die ich damals okay, aber nicht so gut wie die Fleming-Bonds fand, nennen.
Zusätzlich gibt es eine fünfseitige Einleitung, die Kingsley Amis 1991 schrieb.
-
Robert Markham: James Bond – Colonel Sun
(übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)
Cross Cult, 2014
352 Seiten
12,80 Euro
-
Originalausgabe
Colonel Sun
Jonathan Cape/Gildrose Productions, 1968


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über David Finchers Gillian-Flynn-Verfilmung „Gone Girl – Das perfekte Opfer“

Oktober 2, 2014

Viel Zeit lässt David Fincher sich nicht. Gleich in den ersten Minuten von „Gone Girl“ verschwindet Amy, die Ehefrau von Nick Dunne, spurlos. Im Wohnzimmer gab es einen Kampf. Die Polizei beginnt mit der Suche. Schnell gerät der Ehemann in den Fokus der Ermittlungen. Denn es meldet sich kein Entführer. Es gibt auch keine Spur von Amy. Aber es gibt viele Indizien, die dafür sprechen, dass Nick Amy ermordete. In der Küche wurde eine Blutlache weggewischt. Nick hat eine deutlich jüngere Geliebte. Er hat kein Geld. Aber seine Frau verfügt über ein ordentliches Vermögen. Immerhin haben ihre Eltern ihr Leben in einer idealisierten Version als „Amazing Amy“ in einer erfolgreichen Kinderbuchreihe versilbert und einen Teil davon für ihre Tochter angelegt. Vor der Finanzkrise war die finanzielle Reserve sogar noch größer.
Nachdem sie in New York ihre Jobs in der Zeitungsbranche verloren und sich die teure Wohnung in Manhattan nicht mehr leisten konnten, zogen sie nach North Carthage, Missouri, zu Nicks gebrechlichen Eltern um. Während die statusbewusste Großstädterin Amy mit der Kleinstadt fremdelte und ungewollt zur Hausfrau mutierte, eröffnete Nick mit seiner Zwillingsschwester die Bar „The Bar“. Gleichzeitig kam das Eheleben des kinderlosen Paares zum Erliegen. Alltag eben.
Als die von den Medien begleiteten Suchaktionen nach Amy nichts bringen und die Polizei ihn als Mörder verdächtigt, versucht Nick seine Unschuld zu beweisen. Aber wie soll man seine Unschuld beweisen, wenn es keine Leiche gibt und alle Beweise gegen einen sprechen? Und ist Nick wirklich unschuldig oder will er nur mit einem Mord davonkommen?
Nach der Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“ ist „Gone Girl“ David Finchers nächste Bestsellerverfilmung, die gediegen den gleichnamigen Bestseller illustriert. Die Änderungen zur gut sechshundertseitigen Vorlage sind minimal, verbessern sie aber durchgehend und es gibt eine erkennbar satirische Haltung zu dem Hipster-Ehepaar in der Kleinstadthölle, ergänzt um drei alptraumhafte Szenen, in denen „Nine Inch Nails“-Mastermind Trent Reznor und Atticus Ross, die bereits für die vorherigen Fincher-Filme den Soundtrack einspielten, sich akustisch austoben konnte.
Das ist, trotz der Länge von 150 Minuten, kurzweilig und spannend, auch wenn einiges, wie im Roman, nicht besonders glaubwürdig ist. Denn Fincher treibt die Geschichte unerbittlich voran. Weil bereits in der ersten Hälfte gezeigt wird, wie die Polizei immer wieder über Beweise für Nicks Schuld stolpert, wirkt Nick auch viel verdächtiger als im Roman. Und je mehr über die Beziehung von Nick und Amy bekannt wird, desto mehr wird deutlich, wie aus Liebe eine besonders unappetitliche Form von gegenseitiger Abhängigkeit wurde. In seiner grandiosen und grandios gemeinen Cornell-Woolrich-Verfilmung „Martha“ erzählte Rainer Werner Fassbinder von einem Ehepaar, das ähnlich voneinander abhängig ist und „Gone Girl“ erinnerte mich immer wieder an „Martha“.


Der gleichnamige Roman von Gillian Flynn, der auf dreihundert Seiten ein fieser, kleiner Noir hätte werden können, leidet dagegen unter seiner epischen Länge von gut sechshundert Seiten und seiner weitgehend vorhersehbaren Geschichte. So vermutete ich nach wenigen Seiten, nachdem Amy verschwunden ist, dass sie eine Variante von „The Game“ inszeniert. Ihr wisst schon, der David-Fincher-Film, in dem Sean Penn seinen Filmbruder Michael Douglas, wie wir am Filmende erfahren, mit einem Spiel beglückte, das ihn zu einem besseren Menschen machen soll. In Flynns Roman erfahren wir auf Seite 30, dass die verschwundene Amy zu jedem Hochzeitstag eine Schnitzeljagd für ihren Ehemann inszeniert, die zu einem Geschenk führt. Außerdem ist Nick vollkommen verstört von ihrem Verschwinden. Und weil Nick in diesem Teil der Ich-Erzähler ist, kann auch nicht an seinen Worten gezweifelt werden. Außer, natürlich, wenn Flynn irgendwann erklärt, dass Nick eine gespaltene Persönlichkeit hat. Aber eine solche Erklärung wäre eine ärgerliche Variante des Alles-nur-geträumt-Endes, das zeigt, dass der Autor selbst nicht wusste, wie er seine Geschichte beenden soll.
Bis zur Buchmitte, zum Nachschlagen Seite 307, gab es keinen Hinweis, der mich an meiner These zweifeln ließ. Dann gibt es eine Enthüllung – und die zweite Hälfte des Buches verläuft ebenso überraschungsarm auf das Ende der Geschichte zu. Dabei wechselt Flynn kapitelweise zwischen Nick und Amy als Erzähler, wobei Amys Tagebuch uns die Vergangenheit des Paares verrät. Im Buch nimmt diese Rückschau einen breiten Raum ein. Im Film wird sich auf die wichtigsten Tagebucheinträge konzentriert.
Diese Struktur mit dem beiden Erzählern wurde im Film weitgehend beibehalten und sie funktioniert, überraschenderweise, ausgezeichnet. Im Roman erfarhen wir erst langsam, dass Nick und Amy unzuverlässige Erzähler sind. Im Film überwiegt dagegen der satirische Ton, der ätzende Blick in die Ehehölle der Thirty-Somethings, die glauben, dass die Welt sich nur um sie dreht, und die Thriller-Mechanik, in der ein Unschuldiger versucht seine Unschuld zu beweisen.

Gone Girl - Plakat

Gone Girl – Das perfekte Opfer (Gone Girl, USA 2014)
Regie: David Fincher
Drehbuch: Gillian Flynn
LV: Gillian Flynn: Gone Girl, 2012 (Gone Girl – Das perfekte Opfer)
mit Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Tyler Perry, Carrie Coon, Kim Dickens, Patrick Fugit, David Clennon, Lisa Banes, Missi Pyle, Emily Ratajkowski, Casey Wilson, Sela Ward
Länge: 150 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
-
Die Vorlage

Flynn - Gone Girl - Movie Tie-In

Gillian Flynn: Gone Girl – Das perfekte Opfer
(übersetzt von Christine Strüh)
Fischer, 2014
592 Seiten
9,99 Euro
-
Die Hardcover-Ausgabe erschien 2013 bei Fischer.
-
Originalausgabe
Gone Girl
Crown Publishers, 2012
-
Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Gone Girl“
Moviepilot über „Gone Girl“
Metacritic über „Gone Girl“
Rotten Tomatoes über „Gone Girl“
Wikipedia über „Gone Girl“ (deutsch, englisch)
Homepage von Gillian Flynn
Meine Besprechung von David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“ (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)


Buchkritik/DVD-Kritik: „Ein Abenteuer in Raum und Zeit“ erlebt der erste Doctor Who – und es gibt „11 Doktoren – 11 Geschichten“

September 29, 2014

Als vor über fünfzig Jahren die erste Episode von „Doctor Who“ an einem Samstagnachmittag im BBC ausgestrahlt wurde, war es nur ein halbstündiges Überbrückungsprogramm, das Kindern und Erwachsenen gefallen sollte. Schnell wurde der Doktor ein Kult, den die BBC letztes Jahr zu einem umfassendem Jubiläumsprogramm inspirierte, das es inzwischen auch teilweise bei uns gibt.
In Deutschland war „Doctor Who“ bis vor kurzem, weil die Science-Fiction-TV-Serie mit den verschiedenen Reinkarnationen des Doktors (vulgo Schauspielerwechseln) bei uns erst 1989 auf RTLplus teilweise gezeigt wurde und weil nur einige Romane mit dem Doktor vor langer, langer Zeit übersetzt wurden, höchstens ein Nischenphänomen. Das änderte sich in den vergangenen Jahren, in denen „Doktor Who“, nach einer mit Büchern, Hörspielen und Einzelfilmen gut gefüllten TV-Pause von 1989 bis 2005, von einer halbstündigen TV-Serie auf 45 Minuten verlängert und zu einem weltweitem kulturellem Ereignis wurde, das von der BBC inzwischen auch mit viel TamTam zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zelebriert wird.
Ein Teil des 2013er Jubiläums ist der fünfhundert Seiten starke Sammelband „Doctor Who: 11 Doktoren – 11 Geschichten“, für den bekannte Autoren längere Kurzgeschichten schrieben, und der Spielfilm „Ein Abenteuer in Raum und Zeit“, der erzählt, wie die Geschichte von „Doctor Who“ begann.
Der für den Hugo nominierte Spielfilm erzählt in pointierten Szenen die Geschichte des ersten „Doctor Who“ von der ersten Idee über die Produktion und den Aufstieg von einer Pausenfüllersendung, die am 23. November 1963 erstmals gezeigt wurde, wegen der Ermordung von John F. Kennedy am 22. November fast sofort wieder gecancelt worden wäre, schnell zu einer beliebten Show wurde, bis zum Ausstieg von William Hartnell, dem Darsteller des ersten „Doctor Who“, aus der arbeitsintensiven Serie.
Autor Mark Gatiss („Sherlock“) und Regisseur Terry McDonough („Breaking Bad“, „The Gates“) erzählen das als vergnügliche Zeitreise, die allerdings eher an eine gute Reportage erinnert und einen ebenso pointierten, wie liebevollen Blick in die Welt des Fernsehens vor einem halben Jahrhundert wirft, als die Schauspieler die Serienfolge zuerst ausführlich probten und dann quasi live einspielten, als Frauen Sekretärinnen waren, aber BBC-Drama-Chef Sydney Newman einfach seine Assistentin Verity Lambert (die danach eine lange, erfolgreiche Karriere hatte) zur Produzentin ernannte und ein alternder Schauspieler zunächst mit seiner Rolle, die er als unter seiner Würde ansah, haderte und später den Ruhm genoss. Dass der 1975 verstorbene William Hartnell, als er den Doktor erstmals spielte 54 Jahre war, während David Bradley, der ihn im Film spielt, bereits 71 Jahre ist, sei hier nur als Randnotiz erwähnt.
Das Bonusmaterial ist mit einer knappen halben Stunde sehr knapp ausgefallen. Es besteht vor allem aus geschnittenen Szenen und zwei Featurettes. Eines über William Hartnell, eines über „Ein Abenteuer in Raum und Zeit“, die beide informativ, aber auch sehr kurz ausgefallen sind.
Bei Cross-Cult erschien der Sammelband „Doctor Who: 11 Autoren – 11 Geschichten“, in dem elf Autoren jeweils eine neue, etwa vierzigseitige Kurzgeschichte mit einem der Doktoren erzählen. Er ist ein Time Lord von Gallifrey, der in einer Polizei-Notrufzelle (die TARDIS) durch Raum und Zeit reist und mit nimmermüder Neugierde oft haarsträubende Abenteuer erlebt und der Probleme vor allem mit seiner Cleverness löst. Die kanonischen und damit wichtigen Inkarnationen des Doktors sind:
Erster Doktor: William Hartnell (1963–1966)
Zweiter Doktor: Patrick Troughton (1966–1969)
Dritter Doktor: Jon Pertwee (1970–1974)
Vierter Doktor: Tom Baker (1974–1981)
Fünfter Doktor: Peter Davison (1981–1984)
Sechster Doktor: Colin Baker (1984–1986)
Siebter Doktor: Sylvester McCoy (1987–1989)
Achter Doktor: Paul McGann (Fernsehsonderausstrahlung, 1996)
Neunter Doktor: Christopher Eccleston (2005)
Zehnter Doktor: David Tennant (2005–2010)
Elfter Doktor: Matt Smith (2010−2013)
Zwölfter Doktor: Peter Capaldi (ab 2013, daher nicht mehr in dem Buch verewigt)
und dann gibt es noch einige Inkarnationen, die zu kurz lebten, um in den „Doctor Who“-Kanon aufgenommen wurden.
Die Geschichten in dem Sammelband sind von Eoin Colfer, Michael Scott, Marcus Sedgwick, Philip Reeve, Patrick Ness, Richelle Mead, Malorie Blackman, Alex Scarrow, Charlie Higson, Derek Landy und Neil Gaiman. Einige der Autoren sind ja auch bei uns bekannt.
Sie erzählen vor allem actionreiche und fast immer witzige Abenteuer, die teils auf der Erde in verschiedenen Jahrhunderten und auf fremden Planeten mit sehr seltsamen Lebewesen spielen. So landet der Doktor mit seiner Begleiterin (die auch mit den Doktoren wechselten) auf einem Spukplaneten, der wie eine Version von einem „Die Rätselsucher“-Jugendkrimi aussieht. Jetzt muss der Doktor gegen eine erfundene Welt, die es nicht geben dürfte, kämpfen (Das Geheimnis des Spukhauses). Er trifft auf freundliche Daleks. Dabei wollen die Daleks immer nur alles zerstören (Wellen am Strand). Er muss sich mit den Kin auseinandersetzen, die aus ihrem Gefängnis entkommen konnten und die Erde entvölkern wollen. Ganz legal und mit viel Geld (Kein Uhr). In der Wüste von Nevada kämpft er gegen außerirdische Lebewesen, die die Erde bevölkern wollen und dafür innerhalb kürzester Zeit alles Leben zerstören, wenn nicht eine Frage, die Intelligenz beweist, richtig beantwortet wird (Die Spore). 1968 fällt ihm in London das Necronomicon in die Hände, und das ist kein guter Fund (Die namenlose Stadt). Um einen Physikalischen Temporalnexus („Äußerst gefährliche Dinger.“) an einen ungefährlichen Ort zu befördern, muss er zu den Wikingern reisen. Der Doktor und seine Begleiterin Jo geraten natürlich gleich in eine Schlacht (Der Speer des Schicksals). Er landet auf einem Baumplaneten, auf dem die Bewohner ihn seit Ewigkeiten erwarteten, um ihn zu töten. Da hilft auch seine angeborene Freundlichkeit nicht weiter (Die Wurzeln des Bösen). Er besucht auf dem Planeten Koturia, der wie Las Vegas aussieht, eine Hochzeit und muss gegen die Rani, eine extrem bösartige Frau, kämpfen (Etwas Geliehenes).
Ich kann zwar nicht beurteilen, ob die elf Autoren die elf Doktoren zutroffen beschreiben, aber mir haben die elf Geschichten durchgehend gut bis sehr gut gefallen. Es sind kurze Abenteuergeschichten, bei denen vor allem die ewige Neugierde und Erfahrung des Doktors, der schon einige Jahrhunderte auf dem Buckel hat, gefallen und sie haben eine verführerische Ich-lese-noch-eine-Geschichte-Länge.

Ein Abenteuer in Raum und Zeit - DVD-Cover - 4
Ein Abenteuer in Raum und Zeit (An Adventure in Space and Time, Großbritannien 2013)
Regie: Terry McDonough
Drehbuch: Mark Gatiss
mit David Bradley, Jessica Raine, Sacha Dhawan, Brian Cox, Claudia Grant
-
DVD
Polyband
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: William Hartnell: Der erste Doktor; Making of, Originalausschnitte von „An unearthly Child“, „Regeneration“, „Abschied von Susan“, „Weihachtsgrüße“, Titelvorspann, Deleted Scenes, Wendecover mit Retro-Cover, 8-seitiges Booklet
Länge: 83 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
-

Doctor Who - 11 Doktoren 11 Geschichten

Doctor Who: 11 Autoren – 11 Geschichten
(verschiedene Übersetzer)
Cross-Cult, 2014
528 Seiten
16,80 Euro
-
Originalausgabe
Doctor Who – 11 Doctors 11 Stories
Puffin Books, 2013
-
Hinweise

BBC über „Doctor Who“ (englisch, deutsch)

Wikipedia über „Doctor Who“ (deutsch, englisch)

BBC-YouTube-“Doctor Who“-Kanal (zum Abtauchen in den Strudel jenseits von Raum und Zeit)

Meine Besprechung von Stephen Baxters „Doctor Who: Rad aus Eis“ (Dcotor Who: The Wheel of Ice, 2012)


„I got Rhythm“ – die Comic-Biographie von Coco Schumann

September 22, 2014

Vor wenigen Wochen, am 14. Mai, feierte Coco Schumann seinen neunzigsten Geburtstag, was keine große Meldung wäre, wenn Schumann nicht Berliner (immerhin halten die Berliner sich dank Geburt für den Nabel des Universums), Musiker und Jude wäre. Genaugenommen Halbjude oder in der Nazi-Sprache „Geltungsjude“, weshalb er dann auch im KZ landete.
Davor, wie der schöne, aber auch etwas didaktische Comic „I got Rhythm – Das Leben der Jazzlegende Coco Schumann“ von Autorin Caroline Gille und Zeichner Niels Schröder zeigt, war er ein typischer Berliner Junge, dem vor allem die Musik in den Vergnügungslokalen gefiel und weil er schon früh seine Liebe zur Musik entdeckte, spielte er als Gitarrist in etlichen Bands mit. Beim Alter schwindelte er oft. Und nach 1933 auch bei seiner Herkunft.
1943 kam er nach Theresienstadt, dem Propaganda-KZ, in dem jüdische Künstler arbeiteten und für ausländische Besucher und den Film „Theresienstadt – Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ (auch bekannt als „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“) immer wieder eine Charade aufgezogen wurde. Schumann war auch Mitglied der „Ghetto Swingers“, die für Gäste gute Laune verbreiten durften. 1944 kam er dann nach Auschwitz.
Diese Jahre, über die Coco Schumann lange nicht sprach, stehen auch im Zentrum von „I got Rhythm“. Sein Leben nach dem Krieg wird dann eher flott abgehandelt: er heiratete Gertraud Goldschmidt, die ebenfalls im KZ war, sie zogen 1950 nach Australien und 1954 wieder zurück nach Berlin. Während seines ganzen Lebens war Schumann Musiker, Jazzgitarrist mit einer Liebe zum Swing, der aber Unterhaltungsmusik spielte, unter anderem zusammen mit Helmut Zacharias. Also die Schlager der fünfziger und sechziger Jahre, die nichts mit den heutigen Schlagern zu tun haben. Er begleitete auch verschiedene US-Stars bei ihren Berlin-Konzerten, wie Dizzy Gillespie und Louis Armstrong, und in dem Heinz-Erhardt-Film „Witwer mit fünf Töchtern“ war er auch dabei.
Einem jüngeren Publikum wurde er 1997 bekannt, als er seine Biographie „Der Ghetto-Swinger“ und Trikont mehrere CDs unter seinem Namen veröffentlichte.
Caroline Gille und Niels Schröder erzählen dieses Leben in ihrem Comic chronologisch nach. Die Panels sind Aquarelle, die gelungen die Atmosphäre der Geschichte wiedergeben. Der Text liest sich weitgehend wie eine mit historischen Fakten angereichterter Lexikonartikel, weshalb der Comic auch gut in der Schule oder der Bildungsarbeit eingesetzt werden kann.
Das ist deutlich braver als Will Eisners biographischer Comic „Zum Herzen des Sturms“ (To the Heart of the Storm, 1992) oder Art Spiegelmans „Maus – Die Geschichte eines Überlebenden“ (Maus – A Survivor’s Tale, 1991), die sich ebenfalls mit Fragen jüdischer Identität und dem Nationalsozialismus befassen.
Aber „Ghetto-Swinger“ Coco Schumann war auch nie ein Konventionen umstürzender Musiker. Insofern ist die Beschreibung „Jazzlegende“ doch arg hoch gegriffen und „I got Rhythm“ reflektiert treffend Coco Schumanns musikalisches Ideal.

Gille - Schröder - I got Rhythm - 2

Caroline Gille/Niels Schröder: I got Rhythm – Das Leben der Jazzlegende Coco Schumann
be.bra Verlag, 2014
160 Seiten
19,95 Euro
-
Hinweise

Homepage von Niels Schröder (Informatives zum Comic)

be.bra verlag über “I got Rhythm”

Trikont über Coco Schumann (viel Material)

Wikipedia über Coco Schumann


Neu im Kino/Filmkritik: Der Noir geht weiter: „Sin City 2: A Dame to kill for“

September 18, 2014

Dass der zweite „Sin City“-Film nicht mehr den Überraschungseffekt des ersten „Sin City“-Films hat, dürfte niemand überraschen. Denn als das Gemeinschaftswerk von Regisseur Robert Rodriguez und Comicautor und Zeichner Frank Miller, dessen Hollywood-Erfahrungen bis dahin eher ernüchternd waren und Rodriguez ihn mit dem Versprechen der absoluten Werktreue überzeugte, in die Kinos kam, war das im Kino absolut neu. Sie übertrugen Frank Millers formal sehr experimentellen in Schwarz und Weiß gehaltene „Sin City“-Comics, die sich lustvoll und gelungen durch die bekannten Noir- und Hardboiled-Klischees pflügten, Eins-zu-Eins auf die große Leinwand. Auch der Film war Schwarz-Weiß, mit wenigen Farbtupfern. Die Bilder wurden immer wieder zu abstrakten und stilisierten Montagen, teils auch zu Schattenrissen. Und weil die Schauspieler, eine beeindruckende Schar bekannter Gesichter, meistens vor einem Green Screen agierten, konnten später Stadtlandschaften und Räume hinzugefügt werden, die zwischen hyperreal und abstrakt schwankten. Und die Kamera musste sich wirklich nicht um die normalen Begrenzungen kümmern. In der von Frank Miller und Robert Rodriguez gedrehten Kinofassung verbanden sie in „Pulp Fiction“-Manier mehrere „Sin City“-Geschichten zu einem Film, der bei der Kritik, dem Publikum und den Comicfans gut ankam. Ein Klassiker, ein Kultfilm und eine der wirklich bahnbrechenden Comicverfilmungen.
Seitdem wurde über einen zweiten „Sin City“-Film gesprochen. Genug Geschichten waren vorhanden. Bei uns sind alle von Frank Miller geschriebenen „Sin City“-Geschichten bei Cross-Cult in sieben Büchern veröffentlicht worden. Die Namensliste der jetzt beim zweiten „Sin City“-Film beteiligten Schauspieler ist, wieder einmal, beeindruckend. Mickey Rourke, Jessica Alba, Josh Brolin, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson, Bruce Willis, Eva Green, Powers Boothe, Dennis Haysbert, Ray Liotta, Christopher Meloni, Jeremy Piven, Christopher Lloyd, Jamie King, Juno Temple, Stacy Keach, Marton Csokas, Jude Ciccolella, Jamie Chung, Julia Garner, Lady Gaga und Alexa Vega sind dabei. Das liest sich nach einem gelungen Mix aus aus dem ersten Film bekannten Gesichtern und neuen Charakteren. Die ersten Bilder aus dem Film hätte man auch als Promo-Bilder für den ersten „Sin City“-Film veröffentlichen können. Und dass Frank Millers Ruf in den vergangenen Jahren arg gelitten hat – geschenkt. Immerhin sollten ja ältere Werke von ihm verfilmt werden und Robert Rodriguez war ja auch dabei.
Entsprechend hoch waren die Erwartungen, die ziemlich umfassend enttäuscht werden. Unter anderem weil „Sin City 2: A Dame to kill for“ auf den ersten Blick wie „Sin City“ aussieht. Wieder SW, wieder mit einer Armada bekannter Namen, wieder wurde vor dem Green Screen gedreht.
Wobei das schon ein Problem des Films ist. Denn jetzt wurde nur noch vor dem Green Screen gedreht. Die Schauspieler hatten, außer Minimal-Requisiten wie einem Stuhl und einem Tisch, überhaupt keine Requisiten mehr. Im Endeffekt spielten sie in einer leeren Halle. Oft entstanden ihre gemeinsamen Szenen auch an verschiedenen Tagen und wurden dann im Schneideraum zusammengefügt. So gelungen das auf technischer Ebene ist, so leblos wirkt dann auch der gesamte Film, der fast ausschließlich am Computer entstand.
Das zweite Problem ist das nervige 3D. Denn, wie in Millers Comics, wird viel mit irrationalen Noir-Perspektiven gespielt, die in 3D noch extremer ausfallen. Dazu kommt der Regen (es regnet immer in Sin City) und das hohe Schnitttempo, das, in Verbindung mit 3D, eher für Verwirrung sorgt.
Vor allem weil Rodriguez und Miller wie kleine Kinder möglichst viel, gerne auch gleichzeitig ausprobieren wollen, wozu auch Spielereien mit Farben gehören. Das erinnert dann eher an einen Jahrmarktbesuch, auf dem einem nacheinander, sehr beliebig und marktschreierisch die verschiedenen Attraktionen angeboten werden.
Wieviel gelungener war dagegen Tim Burtons ebenfalls in SW gedrehter Stop-Motion-Film „Frankenweenie“. Er setzte 3D sehr überlegt ein und die Charaktere wurden auch alle lebendig. Im Gegensatz zu den „Sin City“-Pappkameraden, die alle fest in ihren Klischees stecken bleiben.
Dazu kam die fatale Entscheidung, die Geschichten hintereinander zu erzählen. Dabei nimmt die titelgebende Hauptgeschichte „A Dame to kill for“ (die der grandiosen Comicvorlage ziemlich genau folgt) die meiste Filmzeit in Anspruch. Vor dieser Geschichte werden mehrere „Sin City“-Charaktere knapp eingeführt und wir erleben „Just another Saturday Night“ mir Marv (Mickey Rourke), die mit einigen Leichen endet. Nach der tödlichen Dame gibt es noch die deutlich kürzeren Geschichten „The long, bad Night“ (über einen Spieler, der sich den falschen Gegner aussucht) und „Nancy’s last Dance“ (über Nancys Rache an dem Verantwortlichem für Hartigans Tod). Beide Stories schrieb Frank Miller extra für den Film. Formal zeigen uns Rodriguez und Miller daher, in dieser Reihenfolge, eine Kurzgeschichte, einen Roman, zwei Kurzgeschichten bzw. Subplot, Hauptplot, Subplot, Subplot. Emotional ist der Film allerdings mit dem Ende der „A Dame to kill for“-Geschichte zu Ende. Danach gibt es noch zwei Nachschläge, die man eher gelangweilt verfolgt, weil man sich für keinen der Charaktere interessiert. Auch weil man sich in dem Moment schon daran gewöhnt hat, dass jeder Charakter, dem auch nur etwas Individualität gestattet wird, eine sehr überschaubare Restlebenszeit hat.
Die Hauptgeschichte „A Dame to kill for“ ist dabei als typische Noir-Geschichte gar nicht so schlecht. Dwight McCarthy (Josh Brolin) arbeitet als Privatdetektiv und er hat ein Problem mit seinem Temperament. Da meldet sich seine frühere Freundin Ava Lord (Eva Green), die ihn für den reichsten Mann der Stadt verlassen hat, wieder bei ihm. Die Femme Fatale benutzt Männer wie Spüllappen, weshalb Dwight auch nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Aber er verfällt ihr wieder. Er glaubt ihr, dass sie von ihrem Mann Damien gefangen gehalten will. Als er sie befreien will, endet die Aktion mit Damiens Tod. Er selbst kann, angeschossen von Ava, schwer verletzt entkommen. Der Polizei erzählt Ava eine Lügengeschichte, die ihn zum Mörder und Psychopathen macht. Während Dwight seine Wunden leckt, becirct Ava den grundehrlichen ermittelnden Polizisten Mort (Christopher Meloni). Er soll Dwight umbringen.
„Sin City 2: A Dame to kill for“ ist ein ziemlich überflüssiger Nachschlag zu „Sin City“, der dem Original nichts Neues hinzufügt und mindestens acht Jahre zu spät kommt. Jedenfalls erscheint die Noir-Atmosphäre hier nur noch als ein liebloses, aus der Zeit gefallenes und unentschlossenes Abspulen der bekannten Klischees mit viel Sex und Gewalt. Beides eher lustlos, aber exzessiv präsentiert.

Sin City 2 - Plakat

Sin City 2: A Dame to kill for (Frank Miller’s Sin City: A Dame to kill for, USA 2014)
Regie: Frank Miller, Robert Rodriguez
Drehbuch: Frank Miller
LV: Frank Miller: Sin City: A Dame to kill for, 1993/1994 (Sin City: Eine Braut, für die man mordet)
mit Mickey Rourke, Jessica Alba, Josh Brolin, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson, Bruce Willis, Eva Green, Powers Boothe, Dennis Haysbert, Ray Liotta, Christopher Meloni, Jeremy Piven, Christopher Lloyd, Jamie King, Juno Temple, Stacy Keach, Marton Csokas, Jude Ciccolella, Jamie Chung, Julia Garner, Lady Gaga, Alexa Vega
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
-
Die Vorlage
Zum Filmstart veröffentlichte Cross-Cult die mit dem Eisner-Award ausgezeichnete Hauptgeschichte des Films in einer günstigen Ausgabe, die ein guter Einstieg in Frank Millers „Sin City“-Kosmos ist.

Miller - Sin City 2 - Eine Braut für die man mordet - Filmedition
Frank Miller: Sin City: Eine Braut, für die man mordet
(übersetzt von Karlheinz Borchert, Paul Scholz und Lutz Göllner)
Cross-Cult, 2014
224 Seiten
10 Euro
-
Originalausgabe
Sin City: A Dame to kill for
Dark Horse, 1993/1994
-
Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Sin City: A Dame to kill for“
Moviepilot über „Sin City: A Dame to kill for“
Metacritic über „Sin City: A Dame to kill for“
Rotten Tomatoes über „Sin City: A Dame to kill for“
Wikipedia über „Sin City: A Dame to kill for“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows „Hard Boiled“ (Hard Boiled, 1990/1992)

Meine Besprechung von Frank Miller/Dave Gibbons’ “Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)” (Give me liberty, 1990)

Meine Besprechung von Frank Miller/Jim Lee/Scott Williams’ “All-Star Batman” (All Star Batman & Robin: The Boy Wonder, 2005 – 2008)

Meine Besprechung von Frank Millers “Holy Terror” (Holy Terror, 2011)

Meine Besprechung von Robert Rodriguez’ “Machete Kills” (Machete Kills, USA 2013)

-

Ein Gespräch mit Frank Miller über den Film

Das Comic-Con-Panel mit den Regisseuren und einigen Schauspielern

Die Pressekonferenz vom 3. August 2014 in Los Angeles


„Die Entdeckung Deutschlands“ in einem ganz alten Science-Fiction-Film

September 15, 2014

Lange - Die Entdeckung Deutschlands

Das ist jetzt ein bisschen wie früher, als man spannende Texte über Filme las, die man spätestens danach unbedingt sehen wollte, aber aus verschiedenen Gründen nicht sehen konnte. Meistens war es eine Mischung aus im Kino läuft der Film nicht mehr, im Fernsehen läuft er auch nicht und auf Video gibt dieses obskure Zeug sowieso nicht.
Auch „Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewohner“ kann man sich nicht ansehen. Es ist einer der vielen verschwundenen Stummfilme. Es scheint auch kein wirklich großartiger Film gewesen zu sein, aber, wie Britta Lange in ihrem Essay „Die Entdeckung Deutschlands – Science-Fiction als Propaganda“ überzeugend zeigt, ist es ein durchaus wichtiger Film, der heute auch wegen seiner historischen Aufnahmen sehenswert wäre. Es wurde in München, Berlin und in Fabriken, die Kriegsgerät herstellten, wie der optischen Fabrik von Karl Zeiß in Jena, der Daimler Motorengesellschaft, der Werft der Aktiengesellschaft Weser und dem Martinstahlwerk von Friedrich Krupp in Essen, gedreht. Die ursprüngliche Länge, genehmigt durch die Berliner Polizeizensur, betrug 1729 Meter.
Heute gibt es in verschiedenen Filmarchiven nur noch einige Fragmente, Bilder und Texte zum und über den Film. Einiges von dem Material ist auch in Langes Buch abgedruckt.
„Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewoher“ entstand 1916 unter der Regie von Georg Jacoby und Richard Otto Frankfurter. Es war der erste deutsche Propagandafilm, der vor allem zeigen sollte, dass Deutschland, entgegen den Behauptungen der anderen Kriegsparteien nicht unter dem Krieg leidet. Aber wie kann man diese Botschaft vor allem im Ausland glaubwürdig verbreiten? Ein deutscher Journalist oder ein Beobachter aus einem befreundeten Staat wäre parteiisch. Ein Beobachter aus einem verfeindetem Land wäre als neutraler Berichterstatter ebenso unglaubwürdig. Also wurde ein Besuch einer Delegation vom Mars erfunden, die herausfinden soll, ob die Meldungen, dass Deutschland kurz vor dem Zusammenbruch stehe und die Bevölkerung demoralisiert sei und hungere, stimmen.
Nun, die Marsianer erleben ein Deutschland, in dem alles paradiesisch ist.
Britta Lange, Wissenschaftlerin am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universit#t Berlin, analysiert in ihrem Essay „Die Entdeckung Deutschlands – Science-Fiction als Propaganda“ vor allem die Konstruktion der Filmgeschichte, wie Propaganda im Gewand von Science-Fiction in diesem Film funktioniert, die historischen Hintergründe der Produktion, die Wirkung des Films und den Umgang mit Propaganda. Denn die Marsianer glauben nicht einfach, was die Medien verbreiten, sondern sie gehen zum Ort des Geschehens. Sie versuchen sich ein eigenes Bild von den Fakten zu machen, die – was natürlich eine schöne Wendung ist – so selbst für propagandistische Zwecke verwandt werden.
-
Britta Lange: Die Entdeckung Deutschlands – Science-Fiction als Propaganda
(Filit Band 13)
Verbrecher Verlag, 2014
112 Seiten
14 Euro


„Das Ende der Sicherheit“ ist das Ende des rationalen Diskurses

September 9, 2014

Solms-Laubach - Das Ende der Sicherheit - 2

„Das Ende der Sicherheit – Warum die Polizei uns nicht mehr schützen kann“ von Franz Solms-Laubach ist ein absolut ärgerliches Buch und, das mag jetzt etwas hart klingen, aber ich werde es noch begründen, ein Fall für die Mülltonne. Es ist einfach die „Bild“-Zeitung zwischen zwei Buchdeckeln. Der Autor ist „Bild“-Journalist, die Hauptquellen sind, neben der Polizeilichen Kriminalstatistik, vor allem das Artikelarchiv von „Bild“ und, deutlich weniger, „B. Z.“ und „Berliner Morgenpost“ (das Werk ist eh arg Berlin-lastig) und Rainer Wendt (Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft – DPolG), Oliver Malchow (Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei – GdP) und André Schulz (Vorsitzender des Bund deutscher Kriminalbeamter – BdK).
Oh, und Politiker, die zu einer der beiden C-Parteien gehören. Meist der CSU. Es kann auch sein, dass einmal ein SPDler etwas zitierfähiges sagte. Aber das lag dann auf CSU-Linie oder diente als schlechtes Beispiel.
Entsprechend einseitig ist „Das Ende der Sicherheit – Warum die Polizei uns nicht mehr beschützen kann“. Denn Solms-Laubauch sieht überall Bedrohungen für die Sicherheit, wie die steigende Kriminalität von Jugendlichen, von Alten, von Terroristen, Extremisten und, selbstverständlich, Ausländern und aus dem Internet. Und er hat darauf eine Antwort: mehr Polizei. Damit ist auch das „Warum die Polizei uns nicht mehr beschützen kann“ beantwortet: Personaleinsparungen.
Nun, es stimmt, dass bei der Polizei gespart wird. Wie auch in Kindergärten, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Theatern und im Sozialen.
Es stimmt auch – obwohl Solms-Laubach das nicht erwähnt -, dass die Ausstattung der Polizei nicht optimal ist. Ich meine jetzt nicht irgendwelchen Hightech-Kram, Body-Scanner und Taser (vulgo Elektroschockpistolen für jeden), sondern Dinge wie Funk, Pistolen (yeah, nicht jede Dienstwaffe ist das neueste Modell), Fahrzeuge (einige Autos haben schon einige Jahre auf dem Buckel), Computer in den Diensträumen (für Schreibarbeiten) und, ganz wichtig, Fortbildungen und Trainings. Denn die beste Waffe nützt nichts, wenn der Beamte sie nicht bedienen kann.
Aber mit der Aus- und Fortbildung der Polizisten beschäftigt Solms-Laubach sich überhaupt nicht.
Außerdem ist die von Solms-Laubach gegebene Antwort „mehr Polizisten, mehr Sicherheit“ Unfug. Denn nur mit „mehr Polizei“ wird es – außer man will einen Polizeistaat mit Uniformträgern an jeder Ecke – niemals für eine sichere Gesellschaft, die auch eine lebenswerte Gesellschaft sein, reichen.
Wenn wir, auch wenn es schwer fällt, die ideologische Komponente von Solms-Laubachs Antwort ignorieren, fällt durch das gesamte Buch auf, wie selektiv Solms-Laubauch Daten benutzt und wie oft er Dinge weglässt. Dafür finden sich auf jeder Seite Beispiele. Ganz links liegen lässt er alle Erklärungen für Verbrechen und die verschiedenen Lösungsansätze, wie die alte, immer noch zutreffende Erkenntnis, dass eine gute Sozialpolitik die beste Verbrechensprävention ist. Dazu gehört auch ein gutes Schulsystem. Denn Bildung verhindert Verbrechen. Jedenfalls die von Solms-Laubach als so bedrohlich hingestellte Kriminalität. Über Wirtschaftskriminalität, die Weiße-Kragen-Kriminalität, die auch laut der Polizeilichen Kriminalstatistik (die hier einen sehr konservativen Ansatz bei der Schadensberechnung verfolgt) enorme Kosten verursacht, sagt er nichts. Denn bei ihm ist ein Wohnungseinbruch schlimmer als ein kompletter Vermögungsverlust durch eine betrügerische Geldanlage.
Werfen wir also, weil auf jeder Seite Mumpitz steht, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit, einen Blick auf die von Solms-Laubach angeführten Beispiele und Behauptungen. Denn: „Nur wer die Fakten kennt, ist auch in der Lage, die vorhandenen Lösungsvorschläge einzuordnen.“ (Solms-Laubach, Seite 11)

 

Die Prämisse ist falsch

 

Solms-Laubach behauptet, dass das Verbrechen zunimmt und vertieft sich dafür in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). In ihr listet die Polizei auf, welche Fälle sie im vergangenen Kalenderjahr bearbeitete. Es ist also ein Arbeitsnachweis, der aus Anzeigen von Betroffenen und eigenen Ermittlungen (vor allem im Bereich Drogendelikte, die durch Razzien aufgeplustert werden) besteht. Es gibt auch die Verstöße gegen das Ausländerrecht, was oft ein Verstoß gegen die Residenzpflicht (also das Verlassen eines Landkreises) ist, und die ein reines Kontrolldelikt ist. Es gibt auch ein Dunkelfeld (über das wegen der in Deutschland fehlenden Dunkelfeldforschung wenig bekannt ist), veränderte Gesetze und Erfassungskriterien. So ist „Häusliche Gewalt“ ein eher neues Delikt. Bis vor einigen Jahren war zum Beispiel die Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar. Homosexualität dagegen schon. Es gibt auch ein verändertes Anzeigenverhalten. So wurde früher eine Vergewaltigung oder eine Dorfschlägerei nicht angezeigt. Und manchmal gibt es auch veränderte Anweisungen von den Arbeitgebern. Dann muss jede Schulhofklopperei angezeigt werden und – Überraschung! – bestimmte Fallzahlen gehen nach oben. Das muss man wissen, wenn man sich die PKS ansieht. Das wird auch in der PKS erklärt und dass die PKS bestimmte Einschränkungen hat, hätte Solms-Laubach erwähnen müssen. Dann ist sie immer noch, wie jede Statistik, ein sinnvolles Arbeitsmittel. Vor allem wenn man sich eine Zeitreihe, also die Entwicklung über viele Jahre, ansieht. Die PKS ist, wenn sie mit anderen Statistiken verknüpft wird, auch zur Kriminalitätsbekämpfung ein viel sinnvolleres Instrument als das von Solms-Laubach so oft beschworene „subjektive Sicherheitsgefühl“, nach dem sich nach seiner Meinung die Kriminalitätspolitik ausrichten sollte. Denn dieses Gefühl basiert vor allem auf sensationsheischenden Boulevard-Berichten.
„Bild“-Journalist Solms-Laubach veranstaltet im ersten Kapitel „Wo stehen wir gerade?“ (Seite 15 – 92) PKS-Zahlenvoodoo, indem er über Seiten einige Delikte ausbreitet, sich auf die letzten beiden Jahre konzentriert und versucht, aus den minimalen Veränderungen irgendetwas zu schließen. Wobei er immer schließt, dass das Verbrechen zunimmt. Denn er behauptett: „die Kriminalität wird zunehmen“.
Nach der PKS ist das Quatsch. Denn laut der PKS gab es
1993: 6.750.613 Fälle
1999: 6.302.316 Fälle.
2013: 5.961.662 Fälle beziehungsweise „Straftaten insgesamt“.
Und diese Entwicklung liegt insgesamt im Trend von einer abnehmenden Kriminalität. Es gab um 2004 eine erhöhte Zahl, aber seitdem sinkt die Zahl, mit geringen, statistisch nicht signifikanten Schwankungen, wobei die Gesamtzahl nichts über Verschiebungen zwischen verschiedenen Delikten und regionalen Besonderheiten aussagt.
Besonders intensiv kümmert sich Solms-Laubach um Einbrüche, Überfälle und die Jugendkriminalität. Halt die Kriminalität, die das subjektive Sicherheitsgefühl des Normalbürgers gefährdet. Das Sicherheitsgefühl und die realen Bedrohungen von Homosexuellen, Obdachlosen, Ausländern, Asylbewerbern und Frauen sind ihm dagegen egal. Denn Taten gegen diese Gruppen erwähnt Solms-Laubach nicht. Damit fällt auch das gesamte Feld des „Hate-Crime“ weg.
Doch kommen wir zurück zu den von Solms-Laubach erwähnten Delikten und Personengruppen. Auch hier ergibt sich im langfristigen Trend, wie den „Straftaten insgesamt“ ein ähnliches Bild. Die Zahl der jugendlichen Straftäter sinkt kontinuierlich.
Bei den Kindern (bis 14 Jahre) von 150.626 (1999) auf 69.275 Tatverdächtige (2013). Nichtdeutsche waren 1999 27.275 und 2013 12.786.
Bei den Jugendlichen von 296.781 (1999) auf 190.205 (2013).
Bei den Heranwachsenden (18 bis unter 21 Jahre) von 240.109 (1999) auf 188.670 (2013).
Für diese Entwicklung, genauso wie das Ansteigen der tatverdächtigen Erwachsenen ab 60 Jahe, gibt es eine ganz einfache Erklärung. Es gibt weniger Kinder und es gibt mehr Alte.
Wie Solms-Laubach aus diesen Zahlen schließen kann „Das Verbrechen wird immer jünger“ (Solms-Laubach, Seite 175) folgern kann, erschließt sich mir nicht.
Es wird auch immer schlimmer: „In der Bundeshauptstadt Berlin kommt es bei rund 3,5 Millionen Einwohnern im Schnitt jeden Tag zu 120 Körperverletzungsdelikten. Wenn nicht bald mehr Polizisten eingestellt werden, wird diese Zahl steigen.“ (Solms-Laubach, Seite 95)
120 Körperverletzung pro Tag; eine ganze Menge, die allerdings nichts darüber aussagt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich Opfer einer solchen Straftat werde. Immerhin kommen zu den Einwohnern auch noch die Pendler, Besucher und Touristen. Jedenfalls wären 120 tägliche Körperverletzungen im Jahr (bei 365 Tagen) 43.800 Delikte. In der aktuellen Berliner-PKS (bzw. im ebenfalls lesenswertem Kriminalitätsatlas) werden für 2013 insgesamt 41.795 Körperverletzungen genannt, was 2.000 Körperverletzungen weniger sind als Solms-Laubach behauptet. 2012 war die Zahl etwas höher und 2004 lag sie bei 45.052 Fällen. Da stellt sich doch die Frage, wie Solms-Laubach zu seiner Behauptung kommt, dass die Zahl steigen wird. Wenn eine Tendenz absehbar ist, dann ist sie entweder stagnierend oder leicht sinkend, während die Einwohner- und Besucherzahl steigt. Und dass mehr Polizisten in der sehr großflächigen Hauptstadt etwas dagegen tun können, darf in seiner Pauschalität bezweifelt werden. Aber glücklicherweise für die Polizei werden die meisten Körperverletzungen in den Innenstadtbezirken angezeigt. Den Ausgeh- und Touristenbezirken.
Ach ja: seit zehn Jahren ist die Fallzahl in Berlin ziemlich unverändert bei 500.000 Fällen. Die Fallzahlen bei „Raub insgesamt“ nahmen in den vergangenen Jahrzehnten ab.
Ebenso die Gewaltkriminalität von 21.501 (2004) auf 17.276 (2013); die niedrigste Fallzahl seit zehn Jahren (PKS Berlin 2013, Seite 97).
Aber es könnte ja sein, dass die Taten zwar abnehmen, die Täter aber immer brutaler werden. Ein entsprechend schockierender Einzelfall fällt sicher jedem ein. Solms-Laubach erwähnt öfter den Tod von Jonny K.. Und die Raubüberfälle auf der Straße könnten zunehmen. Solms-Laubach bezieht sich auf Seite 45 da auf „Sonstige Raubüberfälle auf Straßen, Wegen und Plätzen“ (Schlüssel 217000 – es gibt auch Überfälle auf Taxifahrer, Geldboten, bestimmte Gebäude, Handtaschenraub undsoweiter).
Die waren 1993 bundesweit 25.865. Der Höhepunkt war 1997 mit 32.822 Fällen. Seitdem sank die Fallzahl. Seit sechs Jahren bewegt sie sich um die 20.000 Fälle.
Interessant ist hier auch ein Blick auf „gefährliche und schwere Körperverletzung auf
Straßen, Wegen oder Plätzen“ (Schlüssel 222100). Die hatte von 1993 an bis 2008 einen starken Anstieg von 30.501 auf 72.904 Fälle. Seitdem sinkt sie kontinuierlich auf 57.875 Fälle 2013.
Die Verwendung von Schusswaffen sank, nach der aktuellen PKS, von 19.292 (1999) auf 10.093 Fälle (2013). Geschossen wurde auch seltener. Von 6.844 (1999) auf 5.153 Fälle (2013).
In der PKS wird das Tatmittel „Messer“ nicht erfasst. In der Berliner PKS wird es dennoch seit 2008 bei bestimmten Delikten erfasst. Bei Raub sind sie steigend von 799 (2008) auf 962 Fälle (2013), was ungefähr der Zahl der vorherigen drei Jahre entspricht. Bei „Gefährliche und schwere Körperverletzung“ sank sie von 822 Fälle (2008) auf 608 (2013) Fälle.
Der Schusswaffengebrauch der Polizei nahm allerdings zu.

 

Die Polizei bei der Arbeit – über jede Kritik erhaben

 

Das ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um einen Blick auf das zweite Kapitel „Die Polizeiarbeit aus der Innensicht“ (Seite 93 – 161) zu werfen, in dem er die Arbeitsbelastung, die Sparmaßnahmen und die Überalterung der Polizei schildert und dabei konsequent die Sicht der Polizeigewerkschaften übernimmt.
Deshalb fragt er auch niemals, ob die Gefahrenanalysen der Polizei vor Großereignissen, wozu auch die vielen Fußballspiele, Demonstrationen (von denen fast alle friedlich verlaufen) und Veranstaltungen stimmig sind. So schildert Solms-Laubach genau, wie viele Polizisten während des Eurovision Song-Contest im Einsatz waren und wie viele Polizisten gleichzeitig bei anderen Veranstaltungen, vor allem Fußballspielen waren. Une er fordert – Überraschung! -: mehr Polizei.
In Punkto Auslassungen sind hier vor allem die Kapitel „Wie stark die Gewalt gegen Polizisten zunimmt“, „Die Polizei als Zielscheibe von rechtsextremer Gewalt“ und „Die Kritik an der Polizei wächst“ wiederum sehr interessant, wenn auch nicht überraschend. Denn Gewalt von Polizisten gegen Bürger, andere Opfer von rechtsextremer Gewalt und berechtigte Kritik an der Polizei gibt es bei Solms-Laubach nicht.
Es gibt aber zunehmend Widerstand gegen Staatsbeamte und zunehmend Gewalt gegen Polizisten. So nennt Solms-Laubach als Beleg für diese Behauptung Zahlen der Innenverwaltung des Landes Berlin von 2011. Natürlich ohne auf die Jahre davor oder danach einzugehen. Dass die Zahlen in der PKS niedriger sind und eine andere Tendenz (nämlich abnehmend!) festgestellt wird (Polizei Berlin, PKS 2013, Seite 82/83 und Seite 135/136) dürfte inzwischen wenig überraschen. Es gibt sogar eine ‘Erklärung': „Wozu die Übergriffe noch anzeigen, wenn die Täter kaum oder wenn, dann nur gering bestraft werden? Das fragen sich viele Polizisten nicht zu Unrecht.“ (Solms-Laubach, Seite 142).
Nach Solms-Laubach sollten mehr Menschen, die die Anweisungen von Polizisten nicht befolgen oder sie angreifen, bestraft werden. Möglichst lange. Länger als wenn sie einen Mitbürger angreifen würden. Diese populistische Forderung klingt gut, dürfte aber in der Realität kaum einen Angreifer abhalten. Denn laut der Berliner PKS war über die Hälfte der Menschen, die „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ leisteten, alkoholisiert.
Dass kaum ein Polizist verurteilt wird, wenn er von einem Bürger angezeigt wird, verschweig Solms-Laubach, der solche Fälle, wenn ich seine Ausführungen im Kapitel „Die Kritik an der Polizei wächst“ richtig verstehe, wohl allesamt für unbegründet hält.
Zum Beispiel an dem Polizeikessel in Frankfurt am Main im Juni 2013. Dabei sollte inzwischen jeder Polizist wissen, dass ein Kessel illegal ist. Und wenn dann noch die normale Demonstrationsausrüstung, wie Regenschirme, Sonnenbrillen, Stöcke für Transparente und Werkzeug, zur Bewaffnung erklärt wird, ist klar, wie ungerechtfertigt der Grundrechtseingriff war. Aber dafür wurden 954 Menschen gut zehn Stunden festgehalten. Derzeit wird der Kessel noch vor Gericht verhandelt. Ebenso dreißig Klagen wegen Platzverweisen und dem Einsatz von Pfefferspray.
Dass es für Solms-Laubach Gewalt von Polizisten und Racial Profiling nicht gibt, verwundert da nicht mehr. Das eine sind Einzelfälle, das andere ist polizeiliches Erfahrungswissen, das über jede Kritik erhaben ist und nicht kontrolliert werden muss, auch wenn einem jetzt sofort Dutzende von Fällen einfallen. Deshalb lehnt Solms-Laubach auch eine Beschwerdestelle, die sich unter anderem um solche Fälle kümmern soll, ab.

Was tun? Zum Beispiel Vorratsdatenspeicherung

 

Bei den Vorschlägen wird es kurz interessant. Nicht, weil die Vorschläge neu sind. Sie stehen schon seit Jahren in CDU-Programmen und werden so monoton von den Sicherheitsbehörden vorgetragen, mit wechselnden Begründungen von Organisierter Kriminalität (denken Sie jetzt bitte nicht an die italienische Mafia oder riesige Gangstersyndikate, sondern besser an eine Bande Kleinkrimineller), Terrorismus (auch wenn einige Terrorgruppen wohl vor allem in den Köpfen der Nachrichtendienste herumspuken und die letzten Terroranschläge nicht von gut organisierten Gruppen à la RAF oder IRA, sondern von Einzeltätern und autonomen Kleinstgruppen gemacht wurden; uh, und vor allem nicht in Europa oder den USA.) und Kinderpornographie.
Natürlich fordert Solms-Laubach die Vorratsdatenspeicherung von einem halben Jahr. Mndestens.
Solms-Laubach nennt dann drei Beispiele, die belegen sollen, dass die Vorratsdatenspeicherung sehr wichtig für die Verbrechensbekämpfung ist. Diese Beispiele sind aus einem 158-seitigem Dokument des BKA (wobei die Länge nichts über die Qualität und Textmenge aussagt), in dem seit 2010 Fälle gesammelt werden, die wegen der fehlenden Vorratsdatenspeicherung nicht oder nur erschwert aufgeklärt werden konnten. Nun sind gewisse Erschwernisse bei Ermittlungen gewollt, um die freiheitlich-bürgerlich-demokratische Gesellschaft zu schützen. So darf ein Polizist nicht einfach so eine Wohnung durchsuchen oder jemand verhaften.
Ich denke mal, dass Solms-Laubauch die schlimmsten Beispiele herausgesucht hat. Jedenfalls sind es Beispiele, bei denen „zur Strafverfolgung eine Mindestspeicherfrist für die Vorratsdaten von sechs Monaten nötig gewesen“ (Solms-Laubach, Seite 225) wäre.
Im ersten Fall verschickte jemand über hundert Briefe, in denen er Schulen, Unis und Privatpersonen mit Sprengstoffanschlägen drohte, falls nicht eine bestimmte Geldsumme gezahlt würde. Der Erpresser kontaktierte dann über studiVZ die Person, die fälschlicherweise als Erpresser genannt wurde. Weil die dynamische IP-Adresse beim Internet-Provider nicht gespeichert war, konnte der Absender nicht festgestellt werden.
Ob der Täter über andere Wege ermittelt werden konnte und wie ernst die Briefe waren, wird nicht erwähnt.
Im zweiten Fall drohte jemand einem „Münchner Verein mit religiöser Ausrichtung“, dass in deren Räumen eine Bombe explodieren werde. Eine Bombe wurde nicht gefunden. Der Anrufer ebenfalls nicht; – davon ausgehend, dass er von seinem Privat-Handy und nicht aus einer Telefonzelle angerufen hat.
Im dritten Fall geht es um die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland, indem der Täter Videos auf einem YouTube-Kanal online stellte.
Wir haben also ein Propagandadelikt, eine Bombendrohung ohne Bombe (könnte auch ein Scherz gewesen sein) und eine Erpressung, bei der unklar ist, wie ernst sie gemeint ist. Das sollen die Fälle sein, für die wir die Vorratsdatenspeicherung brauchen?
Immerhin fordert Solms-Laubach sie nicht, wie Bundeskriminalamt-Chef Jörg Ziercke (ein SPDler, weshalb der BKA-Chef in dem Buch nicht erwähnt wird) unmittelbar nach der Verhaftung von Beate Zschäpe, reflexhaft, zur Aufklärung der NSU-Taten.
Zur Videoüberwachung, die der „Bild“-Journalist selbstverständlich fordert, sage ich jetzt nichts.
Denn es dürfte inzwischen offensichtlich sein, dass „Das Ende der Sicherheit“ ein von der ersten bis zur letzten Seite ein erschreckend dummes Pamphlet ist, das nur zeigt, dass „Bild“ zwischen zwei Buchdeckeln nicht besser wird, sondern immer noch selektiv ausgewählte Fakten mit Halbwahrheiten und Unwahrheiten zu einem unbekömmlichen Brei verrührt.

-

Franz Solms-Laubach: Das Ende der Sicherheit – Warum die Polizei uns nicht mehr schützen kann
Droemer, 2014
256 Seiten
18 Euro
-
Hinweise

BKA-Seite zur PKS (mit verschiedenen Tabellen)

Polizei Berlin: Eingangsseite zur PKS (lesenswert, weil die erstellende Abteilung der Polizei sich bemüht, die Zahlen einzuordnen und damit die Zahlen analysiert und in einen umfassenderen Zusammenhang stellt)

Wikipedia über die Polizeiliche Kriminalstatistik

BMJ: Erster periodischer Sicherheitsbericht (2001)

BMJ: Zweiter periodischer Sicherheitsbericht (2006 – beide Male wurde versucht, ein umfassendes Bild der Kriminalität und der Bedrohungen zu zeichnen)

Bildblog (prüft den Unwahrheitsgehalt der „Bild“ – und wird fast täglich fündig)


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 43 Followern an

%d Bloggern gefällt das: