Auf der „Königsallee“ ins Verderben

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(Vorbemerkung: Ich wollte nur eine kurze Kritik schreiben, in der steht, dass „Königsallee“ von Horst Eckert ein gutes Buch ist und ich ihm viele begeisterte Leser wünsche. Das gelang mir nicht.)

Seine ersten Romane waren düstere Polizeithriller in der Tradition von James Ellroy. Dafür erhielt Horst Eckert mehrere Krimipreise. In den vergangenen Jahren öffnete er seinen korrupten Polizeikosmos immer mehr der nicht minder korrupten großen Politik. Sein neuester Roman „Königsallee“ setzt diesen Weg konsequent und gelungen fort.

Bereits vor dem Erscheinen wies die Boulevardzeitung „Express“ auf Ähnlichkeiten zwischen Eckerts Roman und der Düsseldorfer Politikprominenz hin. Nun, für mich als Berliner sind natürlich die Ähnlichkeiten zwischen Eckerts Roman und der hiesigen Politikprominenz frappierend. Immerhin lebte Eckert lange in Berlin. Aber vielleicht sehen Münchner und Hamburger ihre korrupten Politiker porträtiert und freuen sich, dass es in Leipzig viel schlimmer ist.

Denn das Ausnutzen von Macht, Beziehungen und politischen Ämtern zum Schaden der Gemeinschaft ist nichts Düsseldorf-spezifisches. Dieser Klüngel gibt der Polizei die Richtlinien für Ermittlungen vor. So wird Kommissar Jan Reuter bei seinen Ermittlungen gegen die Organisierte Kriminalität immer wieder von oben ausgebremst.

In „Königsallee“ nimmt die Düsseldorfer Stadtpolitik einen großen Raum ein. Denn osteuropäische Verbrecher wollen sich in Düsseldorf einkaufen. Oberbürgermeister Dagobert Kroll findet den Gedanken, das Geld des Ölmilliardärs Vitali Karpow für den Bau seines gefährdeten Lieblingsprojektes anzunehmen ganz okay. Auch wenn die Quellen mehr als dubios sind.

Zur gleichen Zeit will Kommissar Jan Reuter von der Abteilung KK 22 (Bekämpfung der Organisierten Kriminalität) immer noch die Diebe des Max Beckmann-Gemäldes „Die Nacht“ finden. Er glaubt den Täter zu kennen. Aber er hat keine Beweise gegen den Koksbaron Manfred Böhr. Als das Gemälde mit der Hilfe von Jans Bruder, dem Anwalt Edgar Reuter, und gegen die Zahlung eines Lösegeldes wieder auftaucht, glaubt Jan Reuter, dass sein Bruder mit den Verbrechern zusammenarbeitet. Sein Verdacht verstärkt sich, als Edgar zusammengeschlagen wird und er im Krankenhaus nur einen polizeibekannten russischen Namen sagt.

Gleichzeitig hofft Jan Reuter über seinen Informanten Robert Marthau an weitere Informationen heranzukommen. Doch dieser wird bei einem nächtlichen Rauschgiftgeschäft ermordet. Die einzige Zeugin des Mordes ist die Tochter von Konrad Andermatt, bekannt als „Richter Gnadenlos“ am Düsseldorfer Landgericht und wahrscheinlich der zukünftige Innenminister. Sie durchlebt gerade ihre wilde Phase in der Halb- und Unterwelt der Landeshauptstadt und schwebt jetzt in Lebensgefahr.

Auch in Eckerts neuntem Roman treten wieder viele aus den früheren Romanen bekannte Charaktere, wie Benedikt Engel, Ela Bach und Alex Vogel, auf. Wie immer hat Horst Eckert eine neue Hauptfigur. Bekannt sind auch die Themen wie Korruption innerhalb der Polizei, die Schwierigkeiten der einzelnen Charaktere, die Grenze zwischen Recht und Unrecht nicht zu überschreiten und der genaue Einblick in die Strukturen und Arbeit der Polizei mit all ihren bürokratischen Hindernissen. Neu ist die schonungslose Analyse einer Kaste von Politikern, die sich den Staat zur Beute gemacht haben und der immer mehr verschwimmenden Grenze zwischen Politik und Organisierter Kriminalität, zwischen legalem und illegalem Geld.

In „Königsallee“ beschreibt Eckert treffend und ohne scheinheilige moralische Empörung das korrumptive Geflecht zwischen Politik, Wirtschaft, Justiz und Polizei. Alle schweigen und helfen mit, die Wahrheit zu vertuschen, weil sie letztendlich gut daran verdienen. Es ist der Teil der deutschen Realität, der viel zu selten zutreffend in deutschen Kriminalromanen beschrieben wird. Ad hoc fällt mir nur der Hamburger Frank Göhre mit seiner Kiez-Trilogie und dem vergangenes Jahr erschienenen Nachschlag „Zappas letzter Hit“ ein.

Gegen so ein Geflecht von Abhängigkeiten und Verbrechen ist ein einzelner Ermittler, wie Jan Reuter, solange er nicht den richtigen Zipfel zu fassen kriegt, machtlos. Deshalb ermittelt er gleichzeitig in mehreren Fällen und Horst Eckert erzählt souverän gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven mehrere Geschichten.

„Königsallee“ ist ein gelungener Politthriller, weil Horst Eckert in ihm die Geschichten hinter den Schlagzeilen in eine packende Erzählung überführt. Mit seinem neuesten Buch bestätigte er wieder einmal seinen Ruf als einer von Deutschlands besten Kriminalromanautoren.

(Nachbemerkung: Ich sage nicht bester, weil es mir schwer fällt Autoren wie Sportler in eine auf eine messbare Leistung basierende Rangfolge zu setzen.)

 

Horst Eckert: Königsallee

Grafit 2007

416 Seiten

18,90 Euro

 

Homepage des Autors: www.horsteckert.de

 

Meine Besprechung von „Der Absprung“: http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-zwanzigneun.html

Meine Besprechung von „617 Grad Celsius“: http://www.alligatorpapiere.de/spurensuchesechs-eckert-kemmer.html

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5 Responses to Auf der „Königsallee“ ins Verderben

  1. […] Horst Eckert hätte natürlich einen Platz auf den vorderen Plätzen verdient gehabt. Und Gisbert Haefs sollte für mich endlich wieder einen neuen Matzbach schreiben. Solange muss ich mich halt mit einem anderen Meisterdetektiv trösten. […]

  2. […] inzwischen als von Burghart Klaußner gelesenes Hörbuch vorliegt. Seinen neuesten Roman „Königsallee“ wird Eckert dagegen selbst vorlesen. Das Hörbuch soll noch vor Weihnachten erscheinen und […]

  3. […] über das Buch beim Verlag. ++ Mehr über den Autor auf seiner Homepage. ++ Besprechungen in der Kriminalakte, auf der Krimi-Couch, bei Watching the detectives, bei Literaturkritik.de und im Titel-Magazin. ++ […]

  4. […] Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“ […]

  5. […] das Buch beim Verlag. ++ Mehr über den Autor auf seiner Homepage. ++ Besprechungen in der Kriminalakte, auf der Krimi-Couch, bei Watching the detectives, bei Literaturkritik.de und im Titel-Magazin. […]

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