Biographie eines Mafia-Killers aus dem Ruhrpott

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Mafia ist etwas, das es in Italien, USA und auch Russland gibt. Aber nicht in Deutschland. Diesen Eindruck muss man nach dem Genuss der deutschen Presse und von deutschen Krimis, inzwischen wieder gewinnen.

Aber auf dem Cover des von Andreas Ulrich geschriebenen Sachbuchs „Das Engelsgesicht“ steht „Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland“. Damit räumt der Spiegel-Reporter gleich mit zwei Vorurteilen auf: nämlich dass es in Deutschland keine Organisierte Kriminalität gibt und dass es in Deutschland keine Killer gibt. Am Ende der Biographie von Giorgio Basile können wir uns dann doch etwas beruhigt zurücklehnen. Immerhin beging Giorgio Basile seine meisten Taten in Italien. Aber nicht alle.

Giorgio Basiles kriminelle Karriere begann in Deutschland. Er wurde am 28. Juni 1960 in Corigliano Calabro geboren. Als Achtjähriger kommt er nach Mühlheim an der Ruhr. Seine Mutter jobbt, er hat drei Geschwister und sein Vater kümmert sich nicht um die Familie. Basile ist nicht dumm, aber in der Schule versagt er komplett. Er ist ein typischer Kleinkrimineller mit großen Plänen. Doch im Gegensatz zu anderen Kleinkriminellen ist Basile intelligent genug, um sie umzusetzen. Und der Liebhaber seiner Mutter, der Verbrecher Antonio Giovagnone De Cicco, hilft ihm. Basile betreibt eine Pizzeria und später erfolgreich die Diskothek „Flair“ in Mühlheim.

Am 7. Januar 1986 wird er wegen Beteiligung an der Ermordung des Duisburger Disco-Besitzers und –Vermieters Rudolph Möhlenbeck zu neun Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Im Knast organisiert Basile den Drogenhandel. Doch er fällt nicht auf und wird wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Im September 1991 wird er aus Deutschland abgeschoben. Das hindert ihn aber nicht daran, mit falschen Pässen, immer wieder nach Deutschland zu Reisen. Mit dem Wegfall der Grenzkontrollen wurde das sogar noch leichter.

In seiner kalabrischen Heimat steigt er im dortigen ’Ndrangheta-Clan auf. Auch hier nützt ihm sein Instinkt für lohnende Geschäfte. Er erschließt mit dem Drogenhandel und dem Reinvestieren von Schutzgeldern neue Geschäftsfelder. Er wird, weil er den Ehrenkodex der ’Ndrangheta achtet, aber immer wieder sieht, dass sich die ’Ndrangheta-Mitglieder nicht daran halten, kein Mitglied der ’Ndrangheta. Aber die Bosse verdanken ihm einen großen Teil ihres Reichtums und deshalb steigt er immer weiter auf. Er ist, im Duktus der ’Ndrangheta, eine sehr vertraute, aber keine getaufte Person.

Kurz vor seiner Verhaftung am 2. Mai 1998 in Kempten im Allgäu bringt er seinen Freund Domenico Sanfilippo in Holland um. Dieser Mord nagt an seinem Gewissen. Außerdem weiß er, dass sein Leben als Verbrecher vorbei ist. Die deutsche und die italienische Justiz bereiten Anklagen gegen ihn vor. In Deutschland müsste er auch die restliche Strafe an dem Möhlenbeck-Mord verbüßen. Basile redet und sorgt so für die Verurteilung vieler Verbrecher. Seitdem lebt er unter falschem Namen.

Weil Andreas Ulrich sich in der Biographie „Das Engelsgesicht – Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland“ ausschließlich auf Basile konzentriert, erscheint er öfters als die einzige menschliche und vernünftige Seele unter lauter Unmenschen. Seine Morde werden eher en passant erwähnt und seine kriminellen Aktivitäten haben oft den Schein von Dummer-Junge-Streich. Wenn er mit einigen Freunden Einbrüche verüben will, die dann wegen der schlechten Planung scheitern, ist das eher amüsant. So kommt am Ende des Buches die Anklageschrift, nach der Basile zeitweise der einzige Geldbeschaffer des Carelli-Clans war und er der deutschen Polizei dreißig Morde gesteht, doch ziemlich schockieren.

Außerdem wird nie wirklich deutlich, wie sehr die verschiedenen Verbrecherclans und –organisationen zusammenarbeiten und welche Dimension ihre Arbeit auch in Deutschland hat. Diese Infiltration der Gesellschaft wird von Ulrich am Ende, wenn er kurz von der Gerichtsverhandlung berichtet, erwähnt. Das ist der Preis, den Ulrich für seine auf eine Person fokussierte und sich vor allem auf Aussagen dieser Person stützende Biographie zahlen muss.

Trotzdem ist „Das Engelsgesicht“ ein empfehlenswertes Buch. Denn es zeigt, dass es auch in Deutschland das Organisierte Verbrechen gibt und es sich oft erschreckend wenig von dem unterscheidet, was aus den USA und Italien bekannt ist. Denken Sie nur an „Goodfellas“, die Biographie des Mafia-Aussteigers Henry Hill, oder „Donnie Brasco“, die Dokumentation des jahrelangen Undercover-Einsatzes von Joseph D. Pistone gegen den Bonanno-Clan. Nur der Glamour, den amerikanische Gangster um sich verbreiten, der fehlt bei dem ‚Engelsgesicht’ Giorgio Basile.

Andreas Ulrich: Das Engelsgesicht – Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland

Spiegel Buchverlag/Goldmann, 2007

320 Seiten

9, 95 Euro

Die Erstausgabe erschien 2005 in der Deutsche Verlags-Anstalt.

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4 Responses to Biographie eines Mafia-Killers aus dem Ruhrpott

  1. […] Dieses Mal geht es nicht um den islamistischen Terrorismus, sondern um „Das verborgene Netz der kalabrischen Mafia“ (Untertitel). Zu den Interviewpartnern der beiden Filmemacher gehört auch das „Engelsgesicht“ Giorgio Basile. […]

  2. […] Meine Besprechung von Andreas Ullrichs „Das Engelsgesicht“ (Biographie über Giorgio Basile) […]

  3. nico sagt:

    Würde gerne bei der verfilmung mitspielen ich kenne die ganze geschichte mitlerweile schon.

  4. Toller Artikel. Vielen Dank.

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