„Coronado“: Schwacher Lehane-Sammelband

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Während Dennis Lehane an seinem neuesten Opus – einer dicken Chronik über zwei Familien im 19. Jahrhundert – arbeitet, veröffentlicht er für die ganz hungrigen Fans eine Sammlung von fünf Kurzgeschichten und einem Theaterstück. „Coronado“ ist allerdings nur für die Fans, die wirklich alles von ihm haben wollen. Alle anderen sollten zu einem der Romane von Lehane greifen.

Das Theaterstück ist ein langweiliges Desaster und auch die Kurzgeschichten können kaum überzeugen. Sie sind fast immer erstaunlich spannungslos erzählte Beschreibungen eines Zustandes oder Stilübungen, die besser im Schreibtisch des Autors verschwunden wären. „Runter nach Corpus“ beschreibt, wie einige Jugendliche einem Footballkameraden einen Denkzettel verpassen wollen und stattdessen das Haus seiner Eltern verwüsten. In der Kafka-Variation „Intensivstation“ flüchtet ein Mann vor unbekannten Verfolgern in ein Krankenhaus. In „Pilze“ gerät eine junge Frau in einen Kampf zwischen Verbrechern. In „Schluss mit den Hunden“ sucht sich ein Mann, nachdem er alle streunenden Hunde erschossen hat, neue Ziele. In „Bis zu Gwen“ will ein Vater von seinem Sohn die Beute aus einem Überfall haben. „Coronado: Ein Stück in zwei Akten“ erweitert diese Geschichte auf mehrere Generationen.

Das klingt jetzt interessanter, als es ist. Denn die meisten Geschichten haben kein richtiges Ende. „Intensivstation“ hört einfach auf. Das neunseitige „Pilze“ kann kaum Geschichte genannt werden. „Runter nach Corpus“ hat ein seltsam-offenes Ende. Nur „Schluss mit den Hunden“ und „Bis zu Gwen“ funktionieren als eigenständige Geschichten.

Doch „Bis zu Gwen“ springt auch wieder so willkürlich zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her, dass weniger die Geschichte atemlos verfolgt, als langsam im Kopf des Lesenden zusammengesetzt wird. Auch die den Hauptcharakter/Leser direkt ansprechende Stimme des Erzählers und die – bis auf „Schluss mit den Hunden“ – Wahl des Präsens als Erzählzeit sind schwer erträglich. Es ist einfach schwierig im Präsens elegant zu formulieren und fast jeder Satz von Lehane bestätigt diese Binsenweisheit: „Spät am nächsten Morgen wirst du von deinem Vater geweckt, er erzählt dir, er hätte Mandy nach Hause gefahren, ihr hättet einiges zu erledigen, Leute zu treffen.“

Auch bei den Dialogen lässt Dennis Lehane jedes Gespür vermissen. Das wird besonders offensichtlich bei seinem Theaterstück „Coronado: Ein Stück in zwei Akten“:

„Und, wie war sie?“

„Ich hab sie nach Hause geschickt.“

„Vorher oder nachher?“

„Mittendrin.“

„Wie kann man eine Nutte mittendrin wegschicken?“

„Sie hat sich ständig beim Blasen unterbrochen, um sich über die Vorzüge von Michael Bays Filmen auszulassen.“

„Wer ist das denn?“

Schauspieler, die solchen Sätzen irgendeine tiefere Bedeutung geben müssen, sind zu bedauern. Beim Lesen – auch mit der Anweisung im Hinterkopf, dass die Szenen zu verschiedenen Zeiten spielen – erschließt sich erst im zweiten Akt, was Lehane mit den verschiedenen Szenen beabsichtigt und wie sie miteinander verknüpft sind. Denn die Idee, dass ein bestimmtes Verhalten über mehrere Generationen durch Vererbung und Umfeld weitergegeben wird, ist gut. Aber in „Coronado“ wird sie ganz schlecht präsentiert. Ed Gorman hat dies wesentlich besser und prägnanter in seiner Kurzgeschichte „En Famille“ illustriert.

In „Coronado“ überzeugt nur die bereits acht Jahre alte Geschichte „Schluss mit den Hunden“. Lehane erzählt, wie in dem Kaff Eden in den frühen Siebzigern der Bürgermeister will, dass alle streunenden Hunde erschossen werden. Blue erledigt die Aufgabe. Denn: „Für die Aufgabe brauchte man lediglich jemanden, der gerne auf einem Baum hockte und auf Sachen schoss. Verdammt, Blue war in seinem Element.“ Aber nachdem es keine Hunde mehr gibt, will er weiter töten. Sein Jugendfreund, der Vietnamveteran Elgin Bern, steht vor einer schweren Entscheidung.

 

Dennis Lehane: Coronado

(übersetzt von Andrea Fischer)

Ullstein, 2007

224 Seiten

7,95 Euro

 

Originalausgabe:

Coronado

Harper Collins, 2006

240 Seiten

 

Enthält:

Schluss mit den Hunden (Running Out of Dog, Erstveröffentlichung in Otto Penzler: Murder and Obsession, 1999)

Intensivstation (ICU, Erstveröffentlichung in Beloit Fiction Journal, Frühling 2004, Vol. 17)

Runter nach Corpus (Gone down to Corpus, Erstveröffentlichung in Otto Penzler: The mighty Johns, New Millenium Press, 2002)

Pilze (Mushrooms)

Bis zu Gwen (Until Gwen, Erstveröffentlichung in John Harvey: Men from Boys, Arrow Books, 2003, US-Veröffentlichtung: The Atlantic, Juni 2004)

Coronado: Ein Stück in zwei Akten (Coronado: A Play in two Acts)

 

Homepage von Dennis Lehane: http://www.dennislehanebooks.com/

 

Hinweis:

Die Geschichte “En Famille” von Ed Gorman ist abgedruckt in dem von Lawrence Block herausgegebenen Sammelband “Die Meister lassen morden” (Master’s Choice: Mystery Stories by Today’s Top Writers and the Masters Who Inspired Them, Berkeley Publishing Group, 1999, deutsch bei Goldmann).

Wenn Sie das Buch in einem Antiquariat sehe, kaufen Sie es. Es lohnt sich.

Im Original kann Gormans Geschichte unter anderem im Ellery Queen’s Mystery Magazin Nr. 658 (Juni 1996), The Collected Ed Gorman Volume 1 – Out there in the Darkness, oder verschiedenen E-Paper-Portalen gelesen werden.

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6 Responses to „Coronado“: Schwacher Lehane-Sammelband

  1. […] Meine Besprechung von Dennis Lehanes Kurzgeschichtensammlung „Coronado“ […]

  2. […] Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006) […]

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