Spenser in der Schule

parker-der-stille-schuler.jpg

Mit „Der stille Schüler“ von Robert B. Parker legt der Pendragon-Verlag seinen zweiten Spenser-Roman vor. Das klingt jetzt etwas umständlich, aber Robert B. Parker ist ein enorm produktiver Autor. Neben den jährlich erscheinenden Spenser-Romanen (2005 waren es sogar zwei) schreibt er fast ähnlich regelmäßig neue Jesse-Stone- und Sunny-Randall-Kriminalromane und zuletzt auch mehrere Einzelwerke. Die Plots sind oft locker gestrickt, aber immer gut geschrieben. Denn mit wenigen Sätzen charakterisiert er Personen und Orte. In „Der stille Schüler“ fragt sich Spenser, warum ein Schüler Amok läuft.

Ich betrat den ersten Klassenraum. Die Wände waren aus Gipskarton und wie der Flur gestrichen. Es gab eine Tafel, Fenster, Stühle mit Schreiblehne. Einen Lehrertisch vorn mit einem Stehpult darauf. Kreide auf der Ablage unten an der Tafel. Eine große, runde elektrische Uhr an der Wand über der Tür. Es hatte die Atmosphäre einer Verwahrzelle.

Ich konnte das Erstickende spüren, die Eingeschränktheit, die tödliche Langeweile, das schwerfällige Ticken der Uhr, während sie sich durch den Tag mahlte. Ich konnte mich daran erinnern, wie ich durch Fenster wie dieses zur Welt der Lebenden hinausgeschaut hatte. Zu Leuten, die sich tatsächlich frei bewegen durften.“

Dass Schule die Hölle ist, ist nach diesen Worten klar. Aber der 17-jährige Jared Clark wird von allen als stiller, unauffälliger und zurückhaltender Schüler beschrieben. Er soll zusammen mit Wendell Grant fünf Schüler und zwei Lehrer erschossen haben. Grant ergab sich und verpfiff Jared Clark an die Polizei. Clark gestand später die Tat. Damit ist der Fall offiziell geschlossen.

Doch nicht für Lily Ellsworth. Sie glaubt nicht, dass ihr Enkel Jared Clark die Morde begangen hat. Sie beauftragt Spenser, Clarks Unschuld zu beweisen. Spenser hält Clark, wie alle anderen, für schuldig. Doch ihm fällt bei seinen Ermittlungen sofort auf, dass alle, sogar Clarks Eltern, die beiden Amokläufer möglichst schnell und für immer wegsperren wollen. In der Dowling Privatschule befiehlt der Schulpräsident seinen Lehrern und den Schülern nicht mit Spenser zu reden. Der Polizeichef will ihn möglichst sofort aus der Stadt werfen und Clark hat einen vollkommen unerfahrenen Verteidiger.

Spensers Neugier ist jetzt geweckt. Im Gegensatz zu allen anderen will er herausfinden, warum ein stiller Schüler Amok läuft. Seine Suche nach der Wahrheit führt ihn durch alle Facetten des Lebens und der Teenage-Angst von Jugendlichen in den Vorstädten. Seit Spensers Schultagen ist allerdings der Druck sich anzupassen und gute Noten zu haben enorm gestiegen. Denn sie entscheiden heute über die Aufnahme am richtigen College und damit über das weitere Leben. Harlan Coben hat in seinem letzten Myron Bolitar-Roman „Ein verhängnisvolles Versprechen“ (Promise Me, 2006) ebenfalls diesen Leistungsdruck thematisiert. In US-amerikanischen Städten ist – im Gegensatz zu Deutschland mit der zentralen Studienplatzvergabe und der freien Wahl des Studienortes – die Frage, welche Universität einen annimmt, das den Sommer beherrschende Gespräch. Dies und zahlreiche andere Probleme des Erwachsenwerdens, wie Drogen, Sex und Zugehörigkeit zu Gruppen, thematisiert Robert B. Parker mit leichter Hand und ohne jemals zu moralisieren in witzigen Dialogen.

„Wie lautet unser Grundsatz für Klugscheißer hier?“

„Null Toleranz. Außer für mich.“

Mit „Der stille Schüler“ setzt Robert B. Parker seine Serie um den schlagfertigen und selbstironischen Bostoner Privatdetektiv Spenser gelungen fort, – auch wenn von Spensers Freunden nur Rita Fiore mitspielt. Susan Silverman ist auf einem Kongress und Hawk verdient Geld. Pearl versucht sich erfolglos als Wachhund und die vollbusigen Frauen geizen nicht mit eindeutigen Angeboten an Spenser.

Das gleiche wie immer. Susan ist unterwegs, und ich dachte, ich könnte für sie einspringen.“

„Du solltest dringend an deinen Hemmungen arbeiten.“

„Und sie in den Griff kriegen?“

„Nein. Überhaupt erst mal welche entwickeln.“

 

Robert B. Parker: Der stille Schüler – Ein Auftrag für Spenser

(übersetzt von Frank Böhmert)

Pendragon, 2007

216 Seiten

9,90 Euro

 

Originalausgabe:

School Days

G. P. Putnam’s Sons, New York, 2005

 

Homepage von Robert B. Parker

Pendragon-Homepage zu Robert B. Parker

Mein Porträt von Robert B. Parker und der Spenser-Serie in der Spurensuche

Mein Porträt von Harlan Coben und der Myron-Bolitar-Serie in der Spurensuche

Advertisements

5 Responses to Spenser in der Schule

  1. […] 5          (-)        Robert B. Parker: Der stille Schüler […]

  2. […] B. Parker (Der stille Schüler [School Days]) und Michael Connelly (Der Mandant [The Lincoln Lawyer]) sind wieder draußen. […]

  3. […] Robert B. Parker gibt dem Boston Globe ein Interview. Nicht […]

  4. […] Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005) […]

  5. […] Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005) […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: