Stephen King und Ich

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„Im Hetton House begann John, Geschichten zu schreiben. Es waren holprige Sachen, mit starken Anleihen bei den Filmen, die er sich mit Blaze ansah, aber allmählich verschaffte er sich mit ihnen eine gewisse Popularität unter den Gleichaltrigen. Die anderen Jungs fanden es nicht gut, wenn man klug war, aber sie bewunderten eine gewisse Art von Cleverness. Und sie liebten Geschichten. Sie sehnten sich nach Geschichten.

Bei einem ihrer Ausflüge sahen sie sich einen Vampirfilm mit dem Titel Messias des Bösen an. John Cheltzmanns Version gipfelte darin, dass Graf Igor Yorga einer halb nackten jungen Schönheit ‚mit bebenden Brüsten, so groß wie Wassermelonen’, den Kopf abriss und dann mit dem Kopf unter dem Arm in den Fluss Yorba sprang. Der Titel dieses seltsamen Underground-Klassikers lautete Yorga beobachtet dich.“

Wenn wir Stephen Kings unterhaltsamer Mischung aus Schreibratgeber und Memoiren „Das Leben und das Schreiben“ (On Writing – A Memoir of the Craft) glauben dürfen, war King genau wie der in seinem gerade erschienenen Schubladenroman „Qual“ beschriebene John Cheltzmann. Ein Junge, der Geschichten aufsog, schrieb und bereits auf dem Schulhof verkaufte. Seitdem hat sich nur sein Schulhof vergrößert.

Meine erste Begegnung mit Stephen King war „Carrie“. Ich fand sein Debüt, diese Mischung aus Carries Geschichte und den Zeitungsartikeln, grauenhaft und schwor mir nie wieder ein Buch von King zu lesen. Denn damals wurde der neue König des Horrorromans bereits exzessiv abgefeiert und ich dachte mir, wenn seine anderen Bücher genauso sind, kann ich meine Lesezeit besser investieren. Später las ich dann „Dead Zone“ und „Feuerkind“. Beide Bücher – irgendwie King-untypisch mehr Thriller als Horrorroman – gefielen mir viel besser und seitdem las ich immer wieder Romane, Novellen (dazu gehört bei King alles zwischen dreißig und zweihundert Seiten) und Kurzgeschichten von ihm.

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schien auch kein Monat ohne eine neue Stephen-King-Verfilmung zu vergehen. „Carrie“ (von 1976), „Shining“, „Christine“, „Dead Zone“, „Stand by me“ und “Misery” waren die guten. Etliche andere Verfilmungen von Romanen und Kurzgeschichten des produktiven Horrorautors sind inzwischen ziemlich vergessen. Eine kleine Ausnahme bildet die verfilmte Kurzgeschichte „Kindes des Korns“. Kritiker ließen kein gutes Haar an dem Film. Aber es gingen genug Menschen ins Kino, um fünf Fortsetzungen zu rechtfertigen, die oft die schon nicht herausragende Qualität des Originals unterboten. Bei „Rhea M. – Es begann ohne Warnung“ (Maximum Overdrive) führte King Regie und wurde als schlechtester Regisseur für einen Razzie nominiert. Prince gewann.

King schrieb in diesen Jahren „Cujo“ (anscheinend im Vollrausch), „Friedhof der Kuscheltiere“, „Christine“, „Sie“ (Misery) und „Stark – The Dark Half“. In letzterem bereitet ein lebendig werdendes Pseudonym einem Autor massive Probleme. „Stark“ war natürlich auch eine Abrechnung mit Richard Bachman. King hatte unter diesem Pseudonym einige Romane veröffentlicht, weil sein Verlag meinte, die Leser würden nicht so viele King-Bücher kaufen, wie er schrieb. Außerdem wollte King wissen, ob seine Bücher wegen seinem Namen oder dem Inhalt gekauft würden. Nachdem das Pseudonym enthüllt war, verkauften sich auch die Richart-Bachman-Romane prächtig.

Das Jahrzehnt schloss mit der Uncut-Edition des schon im Original unglaublich dicken „The Stand – Das letzte Gefecht“ ab. Bereits die kurze Version von um die 900 Seiten legte ich nach etwa einem Drittel weg. Die Schicksale der verschiedenen Charaktere, die auf getrennten Wegen durch ein entvölkertes Amerika gehen und sich am Ende zu dem titelgebenden letzten Gefecht treffen, faszinierten mich nicht so sehr. Außerdem lagen damals sicher einige Bücher von Jim Thompson auf meinem Nachttisch.

Die Neunziger Jahre begann Stephen King mit einem „Dark Tower“-Wälzer.

Das war für mich dann entschieden zuviel Fantasy (mit einer Portion Horror) und zu wenig Krimi. Aber ich griff trotzdem immer wieder zu einer Kurzgeschichte oder einem Roman von Stephen King und sie gefiel mir jedes Mal.

Inzwischen ebbte hier die große mediale King-Euphorie ab. Denn er war nicht mehr die neue Sensation, sondern ein etablierter Autor. Die ersten Bücher über das Phänomen King landeten bereits auf den Ramschtischen. Die Verfilmungen wurden seltener. Jedenfalls die Verfilmungen, die im Kino liefen. Denn auf Video erschienen zahlreiche weitere Verfilmungen. Außerdem gab es im Fernsehen Miniserien, die selten wiederholt werden; falls sie in Deutschland gezeigt wurden.

Die beste King-Verfilmung der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts basierte auf einem Kurzroman, war ein Krimi und wurde im Kino nicht als King-Verfilmung beworben. Denn „Die Verurteilten“ hat einfach nichts mit übernatürlichem Horror zu tun.

Zwei weitere „Dark Tower“-Romane folgten. Er schrieb 1996 den Fortsetzungsroman „The Green Mile“. Und er gründete mit anderen Schriftstellern die Rockband „Rock Bottom Remainders“.

In den vergangenen Jahren zog Stephen King (der allerdings noch nie einen Ruf als Partylöwe zu verlieren hatte) sich aus der Öffentlichkeit etwas zurück. Schuld daran war im Juni 1999 ein schwerer Autounfall. Während eines Spaziergangs wurde er von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Bis er wieder in seinem normalen Tempo Schreiben konnte, verging viel Zeit. In „Das Leben und das Schreiben“ erzählte er von dem Unfall und seiner Genesung.

Die Zahl der Verfilmungen ebbte nicht ab. In Deutschland bekamen wir davon allerdings wenig mit, weil nur wenige Verfilmungen im Kino starteten und viele weder auf DVD noch im Fernsehen gezeigt wurden. In den USA startete die erfolgreiche TV-Serie „Dead Zone“. In Deutschland wurde nur etwas mehr als die Hälfte der Episoden ausgestrahlt.

Ich begann wieder mehr von Stephen King zu lesen. Es begann mit “Das Leben und das Schreiben”. In dem Buch erzählt King viel von sich und gibt nützliche Tipps zum Schreiben von Geschichten. Danach gab es bei Hard Case Crime seine sehr umstrittene Novelle „The Colorado Kid“ (Bei King gelten immer noch andere Maßstäbe für die Seitenzahl.). Denn „Colorado Kid“ ist eine Kriminalgeschichte. King sagt „Softboiled“. Sie hat keine richtige Auflösung. Aber mir gefiel es, den beiden alten Journalisten zuzuhören, wie es ihnen so gelingt, die junge Frau letztendlich von dem Job in der Provinzzeitung zu überzeugen. Da schrieb ein Erzähler auf der Höhe seines Könnens.

Zuletzt veröffentlichte Stephen King „Blaze“ (hat hier den unpassenden Titel „Qual“). Diesen Kriminalroman schrieb Stephen King als Richard Bachmann bereits vor ungefähr 35 Jahren und, auch nach den Überarbeitungen, gibt er immer noch einen Blick in die Anfangstage des Königs des Horrorromans.

Heute feiert Stephen King seinen sechzigsten Geburtstag. Er lebt immer noch in Maine. Er ist immer noch mit Tabitha King verheiratet. Seine Söhne Joe Hill und Owen King schreiben ebenfalls.

Herzlichen Glückwunsch!

Hinweise:

Homepage von Stephen King

Fantastic Fiction listet die Werke von Stephen King, die wichtigsten Nominierungen und Preise und die Bücher über Stephen King auf (dürfte ziemlich vollständig sein)

Meine Besprechung von „Qual“

Meine Besprechung der in „Die hohe Kunst des Mordens (herausgegeben von Ed McBain) enthaltenen Kurzgeschichte „Nachgelassene Dinge“

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5 Responses to Stephen King und Ich

  1. […] Mein Porträt zu Stephen Kings sechzigstem Geburtstag […]

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