TV-Krimi-Buch-Tipps online

September 28, 2007

Die neuen TV-Krimi-Buch-Tipps sind hier mit vielen Plakaten, Buchcovers und Filmbildern online. Denn in der Kriminalakte gibt es nur das Intro:

Klasse statt Masse scheint die Parole der kommenden beiden Wochen zu sein. Es gibt zwei Premieren: die letzte Folge von „Heißer Verdacht“ (auch „Das Finale“ erhielt bereits zahlreiche Preise) und die Ani-Verfilmung „German Angst“ in der Reihe „Kommissarin Lucas“. Die weiteren Höhepunkte sind Oliver Stones John-Ridley-Verfilmung „U-Turn – Kein Weg zurück“, Quentin Tarantinos Elmore-Leonard-Verfilmung „Jackie Brown“, Jules Dassins Eric-Ambler-Verfilmung „Topkapi“ und seine Auguste-le-Breton-Verfilmung „Rififi“ (also Ende und Anfang des Caper-Movies), Ladislao Vajdas Friedrich-Dürrematt-Verfilmung „Es geschah am hellichten Tag“ (Oder warum in Deutschland Kindermörder immer wie Gert Fröbe aussehen.), Roman Polanskis Klassiker „Chinatown“ (nach einem Drehbuch von Robert Towne), Fred Schepisis John-le-Carré-Verfilmung „Das Rußland-Haus“ (mit Sean Connery), Sidney Lumets John-Hopkins-Verfilmung Sein Leben in meiner Gewalt“ (wieder mit Sean Connery), David Lynchs Barry-Gifford-Verfilmung „Wild at heart – Die Geschichte von Sailor und Lula“, Jean-Luc Godards Debüt „Außer Atem“ (da erschien später sogar ein Roman zum Film), Robert Wise pessimistische William-P.-McGivern-Verfilmung „Wenig Chancen für morgen“ und Francis Ford Coppolas „Cotton Club“ (bei dem Drehbuch beteiligten sich auch William Kennedy und Mario Puzo).


Eine funkige Reise mit Maceo Parker

September 27, 2007

parker-roots-grooves.jpg

„Roots & Grooves“, die neue Doppel-CD von Maceo Parker ist der beste Ersatz für eines seiner schweißtreibenden Konzerte. Sein Handwerk erlernte Parker in der Band von James Brown. Er prägte entscheidend dessen rhythmusorientierten Funkstil. „Papa got a brand new Bag“ und „Cold Sweat“ stammen aus dieser Zeit. Er spielte in den Bands von George Clinton und Bootsy Collins und ist auf Platten von Bryan Ferry, Keith Richards, Prince, Living Colour, Jane’s Addiction und den Red Hot Chili Peppers zu hören.

In den frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts startete er eine erfolgreiche Solokarriere. Den Durchbruch hatte er mit dem in Köln aufgenommenen Livealbum „Life on Planet Groove“. Sein Werbespruch aus dieser Zeit, „98 Prozent Funk, 2 Prozent Jazz“, gibt die immer noch gültige Richtung vor. Der Altsaxophonist spielt mitreisenden Funk and Soul der alten, immer noch guten Schule.

Doch „Roots & Grooves“ ist nicht nur – was schon ein guter Grund zum Kaufen wäre – eine weitere brillant aufgenommene Live-CD des Mittsechzigers. Die Doppel-CD dokumentiert die erste Zusammenarbeit mit der WDR Big Band. Maceo Parker war von den gemeinsamen Konzerten im Februar und März dieses Jahres so begeistert, dass er unbedingt weitere Konzerte mit der Big Band geben möchte. Immerhin sorgen vierzehn Bläser gleich für einen ganz anderen Druck auf der Bühne und diese Energie ist auch unverfälscht auf den CDs dokumentiert.

Außerdem spielte Parker nicht nur seine alten Hits in neuen Arrangements, sondern er bekennt sich hier erstmals auf Albumlänge zu seinem großen Idol Ray Charles. Vor zehn Jahren spielte Parker mit seiner Band drei Wochen im Vorprogramm von Ray Charles und er stand damals auch gemeinsam mit seinem Jugendidol auf der Bühne. „Ich hörte seinen Gesang an und versuchte, ihm mit dem Saxophon zu entsprechen. Ich dachte: ‚Wenn ich doch nur dasselbe soulige Feeling bekommen würde, das er hat, wenn er eine Ballade sing.’ Das war etwas, woran ich arbeitete. Ich weiß nicht, ob ich es je bekommen habe, aber das war das Ziel.“, beschreibt Parker seine bis in seine Teenagerjahre zurückreichende Beziehung zu Ray Charles. Jetzt widmete er ihm ein halbes Konzertprogramm und sang auch bei vielen Stücken.

„Roots & Grooves“ von Maceo Parker ist eine mitreisende CD. Wenn dieser Mann mit dem Saxophon in ihrer Nähe auftaucht, gehen sie hin. Ihr Fitnesstrainer wird es ihnen danken.  

 

Maceo Parker: Roots & Grooves

Intuition/Sunny Moon

 

CD 1 – Tribute to Ray Charles:

Hallelujah I love her so (Ray Charles)

Busted (Howard Harlan)

Them that’s got (Ray Charles, Ricci Harper)

You don’t know me (Eddy Arnold, Cindy Walker)

Hit the Road, Jack (Percy Mayfield)

Margie (Russel J. Robinson, Con Conrad)

Georgia on my Mind (Hoagy Carmichael, Stuart Gorrell)

What’d I say (Hill, Range)

 

CD 2 – Back to Funk

Uptown up (Maceo Parker)

To be or not to be (Maceo Parker)

Off the Hook (Maceo Parker)

Advanced Funk (Maceo Parker)

Shake everything you got (Maceo Parker)

Pass the Peas (Brown, Starks, Bobbit)

 

Hinweise:

Homepage von Maceo Parker

Homepage von Intuition Music

Bill Milkowski über Maceo Parker und “Roots & Grooves“


TV-Tipp für den 28. September

September 27, 2007

Das kommt jetzt natürlich nicht vollkommen überraschend:

RTL II, 01.55

Jackie Brown (USA 1997, R.: Quentin Tarantino)

Drehbuch: Quentin Tarantino

LV: Elmore Leonard: Rum Punch, Jackie Brown, 1992 (Jackie Brown)

Stewardess Jackie Brown hat Probleme mit der Polizei und dem Gangster Ordell, der sein Schwarzgeld-Konto mit Jackies Hilfe auflösen will.

Tarantinos sehr werkgetreue Huldigung von Leonard und Pam Grier: cool (Leonards Dialoge!), etwas langatmig (Warum muß jedes Lied ausgespielt werden? Warum bemüht sich Tarantino so krampfhaft, die Antithese zu Pulp Fiction zu drehen? Warum nicht 20 Minuten kürzer?) und mit Starbesetzung (Robert de Niro, Samuel L. Jackson, Bridget Fonda, Robert Foster, Michael Keaton, Chris Tucker)

Von Leonards Homepage: „When Quentin Tarantino was a kid, he stole a copy of Elmore Leonard’s The Switch and got caught. Unrepentant, he later went back to the same store and stole the book again. Elmore Leonard was a beacon, lighting the direction that he would soon take in his films. He wrote a movie directed by Tony Scott called True Romance which he said was “an Elmore Leonard novel that he didn’t write.” It certainly was an homage; it even opens in Detroit. After Reservoir Dogs came out, Elmore wrote Rum Punch which reprises the three main characters from Tarantino’s shoplifted book, The Switch. Tarantino read it and wanted to buy it but didn’t have the money. Elmore and his agent, Michael Siegel, offered to hold it for him. When he finally did acquire the book and moved forward on the Rum Punch film project, Tarantino did not contact Elmore Leonard for a long time. When he did, he confessed a reluctance to call sooner. Elmore said, “Why, because you changed the name of my book and cast Pam Grier in the lead?“ No worry. Elmore was down with that. He said, “That’s Ok, just make a good movie.” And Quentin did.

Jackie Brown is Elmore Leonard on the screen. Taking nothing away from Get Shorty and Out of Sight, Tarantino’s manic absorption of Elmore’s essence comes through in a way that only he could pull off especially for a long movie. The acting, the direction, the dialog are all great. There are so many great bits, especially with Jackson, De Niro, Chris Tucker and Bridget Fonda; and then there’s Hattie Winston as Simone the Supreme. Jackie Brown is the Elmore Leonard experience.“

Hinweise:

Wiederholung: Sonntag, 30. September, 02.10 Uhr (Taggenau!)

Homepage von Elmore Leonard:

http://www.elmoreleonard.com/

Meine Besprechung von „Up in Honey’s Room“ (2007) in der Spurensuche:

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-vierzig.html  

Meine Besprechung von „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004) in der Spurensuche:

http://www.alligatorpapiere.de/spurensuche-dreissig-sechs.html

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“:

http://www.nordpark-verlag.de/krimikritiksieben-jahrbuch-2006.html


Magnus Gäfgen, Eva Herman und Lee Goldbergs „Fast Track“

September 27, 2007

Erinnern Sie sich noch an den Fall Magnus Gäfgen? Der Jura-Student entführte ein Kind, brachte es um und gestand seine Tat. Allerdings drohte ihm die Polizei vorher mit unerträglichen Schmerzen, vulgo Folter. Jetzt beschäftigt sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte mit dem Fall und es könnte sein, dass der freikommt. Der Grund?

Die Richter sahen Anhaltspunkte, dass die deutschen Behörden gegen das Verbot der Folter und gegen das Grundsatz des fairen Verfahrens verstoßen haben. Diese Fragen wollen die Juristen nun genauer prüfen – ein Etappensieg für Gäfgens Anwalt Michael Heuchemer. (Spiegel Online)

Wenn Gäfgen deshalb freikäme, hätte ich nichts dagegen. Denn im Gegensatz zu den milden Urteilen für die Polizisten, die es okay fanden einen Verdächtigen zu foltern, würde ein solches Urteil eindeutig zeigen, dass Beweise, die mit den falschen Mitteln gefunden werden, vor Gericht nichtig sind. Wir Krimifans kennen diese Konstruktion der „Früchte vom verbotenen Baum“ aus zahlreichen US-amerikanischen Krimis. Sie ist in einem Rechtstaat sehr sinnvoll.

Eva Herman meint, dass sie vor einigen Wochen falsch verstanden wurde und daher auch zu Unrecht ihren Job beim Fernsehen verlor. Deshalb hat sie jetzt das Originalzitat auf ihre Homepage gestellt. – (Kurze Lesepause.) – Wenn ich aus diesem Gebrabbel von Halbsätzen einen vollständigen und sinnvollen Satz machen sollte, käme bei mir genau das heraus, was bereits vor Wochen in den Medien gemeldet wurde. Nur das 68er-Bashing fehlt.

Aber es ist doch immer wieder ämusant, wenn Promis sich falsch verstanden fühlen, dann über die bösen Medien herziehen und ihre Version publizieren, die zeigt, dass die Medien sie genau richtig verstanden haben. Erinnern Sie sich noch an diesen Radfahrer?

Schon seit einigen Tagen ist der Trailer für „Fast Track“ zu sehen. Es ist eine Produktion von action concept (Genau, „Alarm für Cobra 11“) und sieht wie eine Kopie von „The Fast and the Furios“ aus. Aber Lee Goldberg schrieb das Drehbuch und er ist der verantwortliche Produzent/Creator. Seine Monk-Romane (mehr ist von ihm bis jetzt nicht auf Deutsch erschienen) sind jedenfalls sehr gelungen. Deshalb erwarte ich von „Fast Track“ auch viel mehr als der Trailer zeigt.


Die Dokus „The Trap“ und „Taxi to the Dark Side“ und der Thriller „Death Sentence“

September 27, 2007

In den vergangenen Tagen habe ich einige Dokus für das One-World-Festival gesehen. Es ist vom 14. bis 23. November in Berlin und wir von der Humanistischen Union (natürlich wird die Aufgabe irgendwie an mir hängen bleiben) präsentieren einige Filme und vielleicht noch einige andere Sachen. Das sage ich jetzt so vage, weil wir noch beim Planen sind.

Gesehen habe ich den BBC-Dreiteiler „The Trap: What happened to our dream of freedom“ von Adam Curtis. In drei Stunden zeichnet er nach, wie sich während des Kalten Krieges ein reduzierter Begriff von Freiheit und ein ebenso reduziertes ökonomisches Menschenbild (ich sage nur Rational Choice und Public Choice) zuerst in der Wissenschaft und später in der Politik durchsetzte. Er zeigt, wie Ideen die Welt verändern können. Er zeigt, wie das Rational-Choice-Menschenbild und der Glaube, alles messen zu können, die Politik beeinflusst. Denn wenn die Politiker nur noch von selbstinteressierten Menschen ausgehen, werden sie eine bestimmte Politik machen. Eine Politik die bestimmt ist von Misstrauen und Paranoia. Denn eine der Kernpunkte des Rational-Choice-Menschenbildes ist, dass man niemand vertrauen kann. Ein anderer, dass jeder nur noch nach seinem eigenen Glück streben solle. So etwas wie Gemeinschaft, Vertrauen undsoweiter gibt es nicht.

Dann habe ich „Taxi to the Dark Side“ von Alex Gibney gesehen. Der läuft am 8. Oktober als „Taxi zur Hölle“ auf Arte. Gibney thematisiert die Folterungen von US-Soldaten in Afghanistan und wie es dazu kommen konnte. „Taxi to the Dark Side“ ist eine gut recherchierte, beängstigende, spielfilmlange Dokumentation, die gerade wegen ihrer ruhigen Machart mehr beeindruckt als die kommerziell erfolgreicheren, auf kurzfristige Effekte und Lacher angelegten Dokumentationen von Michael Moore.

Vielleicht habe ich nach diesen beeindruckenden Dokumentationen den Rachethriller „Death Sentence – Todesurteil“ (Regie: James Wan, Drehbuch: Ian Jeffers) nur als bittere Allegorie auf den Kampf gegen den Terror sehen können. Kevin „Ich-spiele-die-Rolle-des-Arschlochs“-Bacon spielt einen braven, glücklichen Familienvater. Eines Tages wird sein ältester Sohn von einigen Gangstern umgebracht. Er hat einen der Täter gesehen. Als der Staatsanwalt ihm erklärt, dass aufgrund der Beweise nur eine kurze Gefängnisstrafe möglich sei, beschließt Bacon das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen. So weit, so gut. Auch der Rest folgt, immerhin ist die Vorlage ein Krimi von Brian Garfield aus den Siebzigern, dem vertrauten Schema von Gewalt und eskalierender Gegengewalt bis hin zum tödlichen Ende für die Bösen. Der einzige Unterschied auf dieser Ebene zu den Rachethrillern der Siebziger ist, dass die Morde brutaler sind.

Irritierend und unangenehm für uns Zuschauer wird der Film, wenn er jede Glorifizierung für den amoklaufenden Familienvater vermissen lässt. Wir wollen ihn als Helden sehen, denn er nimmt, nachdem der Staat versagt, stellvertretend für uns das Recht in die eigenen Hände. Das ist der stille Vertrag zwischen uns Zuschauern im dunklen Kinosaal und dem Mann mit der Knarre auf der Leinwand. Aber Bacon unterscheidet sich immer weniger von den Bösen. Er verliert seine bürgerlichen Bindungen. Er verliert seine Seele. Er verliert letztendlich die Rechtfertigung für seine Kampf: seine Familie. Wenn er in der letzten Szene leichenblass und blutend auf seiner Couch sitzt, dann ist er der Verlierer, weil er sich mit den falschen Mitteln gegen die Bösen wehrte.

„Death Sentence – Todesurteil“ ist eine klinische Studie über Gewalt mit einem zutiefst pessimistischen Ende.

(P. S.: In früheren Posts habe ich auf Interviews mit Garfield, den Trailer und die Homepage des Films hingewiesen. Über die Suchen-Funktion müssten die Teile schnell zu finden sein.)


TV-Tipp für den 27. September

September 27, 2007

Das Vierte, 20.15

Das Wespennest (F 1983, R.: Philippe Labro)

Drehbuch: Jacques Labib, Philippe Labro, Jean-Patrick Manchette

Inspektor Martin Griffon soll den Mord an einem bekannten Richter untersuchen. Schnell entdeckt er ein korrumptives Geflecht.

Typisch französischer Kriminalfilm, der den Polizeifilm mit dem Politthriller mischt, wahre Fälle als Inspiration nimmt und die französische Gesellschaft als stockkorrupt zeichnet.

Der lange nicht mehr gezeigte Polizeifilm hat mir vor Jahren sehr gut gefallen. Deshalb: ein unterschätzter Krimi.

„’La Crime’ ist vor allem ein Retro-Werk, ein Film, der viele bekannte Elemente neu ordnet, und allenfalls in seiner rigiden Absage an jede Hoffnung auf ein Durchbrechen des Kreises von Gewalt und Korruption darüber hinausgeht. ‚Die Polizisten’, so heißt es einmal dezidiert, ‚haben gelernt, sich wie Kriminelle zu verhalten.’“ (Georg Seeßlen: Copland)

Mit Claude Brasseur, Jean-Claude Brialy, Jean-Lous Trintignant

Nachtrag:  „Das Vierte“ sendete nicht diesen guten Kriminalfilm, sondern irgendsoeinen Zweiter-Weltkriegs-Murks mit Rock Hudson in der Hauptrolle. Gleicher Titel, falsche Baustelle. Aber wenn die Sender die falschen Filme ankündigen oder ihr Programm kurzfristig ändern,…


Mörderische Berliner Unterwelt

September 25, 2007

 

Ich liebe bei DVDs die „Geschnittenen Szenen“. Am liebsten sogar mit einem Audiokommentar des Regisseurs oder Produzenten, in dem sie sagen warum eine eigentlich gute Szene doch nicht die letzte Schnittfassung überlebte. Die Macher sagen dann immer wieder, sie hätten die Szene gestrichen, weil sie von der eigentlichen Geschichte ablenkte oder diese nicht voranbrachte oder die Information bereits in einer anderen Szene vermittelt wurde.

Beim Lesen von Marcel Feiges Roman „Wut“ dachte ich immer wieder, wie viele überflüssige Szenen in dem Wälzer sind und ohne Verluste gestrichen werden könnten. Ganze Handlungsstränge bringen die Geschichte nicht voran. So erfahren wir alles Mögliche über einen Boulevardreporter. Aber nichts davon hat etwas mit der Jagd nach dem Mörder zu tun. Das gleiche gilt für Jessy Kalkbrenner; die erwachsene Tochter des Kommissars. Es ist für die Handlung vollkommen egal, dass sich ihre Eltern gerade scheiden lassen, dass sie ihren Vater nie ans Telefon bekommt, dass sie in einer Kneipe jobbt, wie anstrengend die Arbeit ist und dass sie mit ihren Freunden einen Geburtstag feiern will. Nichts davon hat etwas mit der Jagd nach dem Mörder zu tun. Nichts davon verrät uns wirklich etwas über die Charaktere. Diese bleiben letztendlich doch nur die aus dem Fernsehen bekannten Klischeefiguren. Denken Sie nur an die zahlreichen Kinder der „Tatort“-Kommissare die auch in ihren Zwanzigern immer noch aus dem elterlichen Nest wollen. An die Myriaden von TV-Kommissare, die gerne mal einen Sexualverbrecher so richtig hart rannehmen würden, keine Zeit für ihre Familie haben, der beste Ermittler der Stadt sind und suspendiert werden.

Außerdem sind in „Wut“ viele Szenen redundant. Nachdem Kommissar Kalkbrenner bei seinem ersten Auftritt ein Treffen mit seiner Tochter verpasst, wissen wir, dass für ihn der Beruf wichtiger als die Familie ist. Wir müssen das nicht unzählige Male mit kleinen Variationen immer wieder lesen. Ebenso müssen wir nicht zweimal lesen, dass Kalkbrenners demente Mutter wieder in ihre alte Wohnung geht und der Nachmieter ein doofer Stinkstiefel ist. Es bringt die Handlung nicht voran. Es sagt auch in der Wiederholung nicht mehr über den Charakter aus. Dramaturgisch gesehen ist es die gleiche Situation und das gleiche Verhalten. Also überflüssig.

Doch so füllt Feige letztendlich hunderte von Seiten. Dabei bewegt sich sein Hauptplot, die Jagd nach dem Mörder, ohne große Wendungen auf ihr Ziel zu. Dieser Plot verläuft sogar so geradlinig, dass der Klappentext fast alles verrät, weil er nicht anders kann.

Denn vor dem ersten Mord führt Feige Kommissar Paul Kalkbrenner, den Studenten Leif Nehring, Kalkbrenners Tochter Jessica, Kommissar Richard Stäuber und den Boulevardjournalisten Harald Sackowitz ein. Wer davon für die Geschichte wichtig sein wird und wer nicht, ist bis dahin – wenn man den Klappentext nicht kennt – vollkommen unklar. Geübte Krimileser dürften richtig vermuten, dass Kalkbrenner und Nehring die beiden Hauptcharaktere sind. Während Kalkbrenner den Mörder sucht und dabei weitere Leichen im Untergrund von Berlin findet, beginnt Nehring seine Sozialstunden beim Obdachlose e. V. abzuleisten. Er versorgt im Untergrund von Berlin Menschen mit Medikamenten. Als er den Dealer Ramon, dem er seine Strafe zu verdanken hat, sieht, verfolgt er ihn in den Untergrund und beobachtet, wie Ramon von einem Mann erschossen wird. Nehring kann flüchten. Als er später wieder zur Sozialstation geht, wird er bereits von Kalkbrenner erwartet. Bei dem Gespräch verheddert Nehring sich in Widersprüche und – jetzt habe ich ein Problem. Bis jetzt sind zwei Drittel des Romans um. Feige enthüllt bei diesem Gespräch die Identität des Mörders. Im letzten Drittel gibt es dann noch den Mord an einer US-Botschaftsangehörigen, ein Besäufnis, eine Kneipenschlägerei, mehrere Auftritte von anzugtragenden Bösewichtern und schließlich ein weiteres Treffen zwischen Kalkbrenner und Nehring, die nur gemeinsam die Mordserie stoppen können.

Letztendlich liest sich „Wut“ wie die Vorlage für den gähnend langweiligen „Großen Fernsehfilm der Woche“. Nie wird das Verhältnis von Haupt- und Nebengeschichten in ein sinnvolles Verhältnis gesetzt. Nie wird deutlich, wer die Hauptcharaktere und wer die Nebencharaktere sind und welche Bedeutung sie für die Geschichte haben. Alles ist in dem fast fünfhundertseitigen Werk irgendwie gleich wichtig. Früher hätte ein Pulpautor auf zweihundert Seiten die gleiche Geschichte mit zwei, drei weiteren Twists und einem weniger vorhersehbarem, gemeinerem Ende erzählt. Das wäre dann ein spannender Thriller und ein düsteres Großstadtporträt geworden.

 

Marcel Feige: Wut

Goldmann, 2007

480 Seiten

8,95 Euro

 

Homepage des Autors

 

Lesung

Marcel Feige liest aus seinem Thriller „Wut“ am Donnerstag, den 27. September, um 20.30 Uhr in den Räumen der Berliner Unterwelten (Brunnenstraße 108a). Vor der Lesung gibt es eine Führung durch die historische Luftschutzanlage im U-Bahnhof Gesundbrunnen. Der Treffpunkt ist die südliche Vorhalle des U-Bahnhofs Gesundbrunnen (Ausgang Humboldthain/Brunnenstraße). 

(Weitere Informationen zur Lesung)


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