„Kaliber .64“ trifft dreimal ins Schwarze

Oktober 31, 2007

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Die neue „Kaliber .64“-Lieferung ist rundum geglückt. Robert Hültner, Edith Kneifl und Carlo Schäfer schrieben drei spannende Geschichten zum seit den frühen Tagen der Menschheit beherrschenden Thema „Mord und Totschlag“.

Vergesst Schenkel, lest Hültner. Bereits mit seinem Debüt „Walching“ legte Robert Hültner einen in den frühen Zwanzigern tief in der bayerischen Provinz  spielenden gelungenen Kriminalroman vor. Die weiteren Kajetan-Romanen spielten ebenfalls in diesem bewegten Jahrzehnt. Mit der 1921 in München spielenden Geschichte „Ende der Ermittlungen“ lässt er Kajetans Kollegen Pius Grohm ermitteln. Er soll den Mörder des erschossenen und in eine Sickergrube geworfenen Ganoven Franz Kern suchen. Dieser wollte mit seiner Künftigen, dem Freudenmädchen Thekla Meierhöfer, in Österreich ein neues Leben beginnen. Das Startkapital, denkt sich Grohm, konnte Kern nur mit einer Erpressung oder einem Diebstahl erlangen. Er verdächtigt vor allem einen französischen Diplomaten, der allerdings ein ausgezeichnetes Alibi hat, und die NSDAP-Ortsgruppe, in der Kern Mitglied war. Als Grohms Vorgesetzter ihm empfiehlt vor allem in die Richtung eines Streits unter Ganoven zu ermitteln, interessiert er sich nur noch für die anderen Spuren.

„Ende der Ermittlungen“ ist ein spannender Whodunit vor dem Hintergrund des politisch unruhigen München im Frühsommer 1921. Die Nazis beginnen sich in der Gesellschaft und der Polizei auszubreiten. Grohm, als Individualist, mag weder sie noch ihre politischen Gegner. Hültner treibt – schließlich hat er nur die reihenbestimmenden 64 Seiten – die Ermittlungen in pointierten Dialogen und knappen Szenen voran. Das München der frühen Zwanziger Jahre zeichnet er mit einigen kräftigen Strichen. So soll sich ein guter historischer Kriminalroman lesen.

Die Grundidee für „Der Tod ist eine Wienerin“ hat sich Edith Kneifl natürlich bei Patricia Highsmith ausgeborgt: zwei Fremde treffen sich in einem Zug und verabreden, für die andere Person einen Mord auszuführen. Bei Kneifl treffen sich vier Frauen im Besprechungszimmer einer „Beratungsstelle für Frauen in schwierigen Lebenslagen“, die in einem zerfallenden Mietshaus residiert. Die Teilnehmerinnen geben sich Pseudonyme und klagen sich gegenseitig ihr Leid mit ihren Männern, die sie gerne los wären, aber, meistens aus monetären Gründen, kommt eine Scheidung nicht in Frage. Da entsteht in der Runde die Idee, sich zu helfen und gegenseitig ihre Männer umzubringen.

Auch die Ich-Erzählerin Nora wäre ihren Mann gerne los. Sie lieben sich nicht mehr. Er ist arbeitslos. Seine Freundin ist schwanger und ebenfalls arbeitslos. Nora dagegen verdient als Anästhesistin im Allgemeinen Krankenhaus und hat von ihren Eltern eine große Erbschaft erhalten. Das Geld und die Häuser möchte sie behalten. Den Mann nicht. Nachdem sich ihr Mann bei einem Treffen wieder einmal daneben benimmt, ist sie mit einem tödlichen Unfall bei seiner abendlichen Joggingrunde einverstanden.

„Der Tod ist eine Wienerin“ ist eine hübsch-gemeine schwarzhumorige Geschichte, in der ohne Gewissensbisse Menschen umgebracht werden, weil sie den eigenen Zielen im Weg stehen.  Dass hier die Männer noch ziemlich nichtsnutzige Ekelpakete sind, erhöht natürlich nur die Bereitschaft zur Selbstjustiz – oder sollen wir besser sagen zur tätigen Nächstenliebe?

Einen Ehrenplatz in diesem Club der mordenden Frauen hätte sich Pfarrer Tobias Schmutz verdient, wenn er nicht der Held in Carlo Schäfers „Kinder und Wölfe“ wäre. Denn Schmutz („Schmuuz, mit langem ‚u’.“) ist ein Choleriker, Menschenhasser, Trinker und Faulpelz. Trotzdem will ihn die evangelische Kirche aus, auch für Schmutz nicht nachvollziehbaren Gründen, nicht entlassen. Stattdessen versetzt sie ihn auf eine halbe Stelle in Birgerberg, einer kleinen Winzergemeinde im Kaiserstuhl, in der schon seine Vorgänger ein Trümmerfeld hinterlassen haben. Erst als der fünfjährige Marvin Sänger ermordet wird, beginnt sich in Schmutz ein Rest von Mitgefühl zu regen. Er hält, auf Bitten der katholischen Eltern, die Trauerrede. Doch wirklich aktiv wird Schmutz erst, als die Polizei seinen Organisten, den alten, verwirrten Gremser verhaftet. Er muss einen Justizirrtum verhindern. Denn „Man ist kein Mörder, wenn man Orgel spielt.“.

Der Krimiplot ist in „Kinder und Wölfe“ nebensächlich. Dafür unterhält Pfarrer Schmutz mit seinen Eskapaden prächtig. Denn Schmutz pöbelt jeden an, benimmt sich immer wie ein Elefant im Porzellanladen, fühlt sich danach schlecht, vermeidet – meistens erfolgreich – die Aufgaben eines Pfarrers oder führt sie auf höchst unkonventionelle Art durch. Das Vorbild für Schäfers Pfarrer Schmutz ist daher nicht der nette Pater Brown, sondern Fitz, ohne dessen psychologisches Einfühlungsvermögen.

Nachdem bei den früheren „Kaliber .64“-Lieferungen einige Autoren Probleme hatten, eine Geschichte zu erzählen, die genau zur Reihenvorgabe passt, gelang es ihnen dieses Mal. Denn 64 Seiten sind mehr als eine Kurzgeschichte, aber weniger als ein Roman. Eine aufgeblähte Kurzgeschichte oder die Readers Digest-Version eines Romans sind schlechte „Kaliber .64“-Geschichten.

Dagegen konzentrieren sich Robert Hültner, Edith Kneifl und Carlo Schäfer in ihren Erzählungen immer auf einen Charakter und eine Geschichte, die dann in wenigen Szenen schnörkellos hin zu ihrem Ende erzählt wird. So haben sie drei kurzweilige Empfehlungen für sich geschrieben.

 

 

Robert Hültner: Ende der Ermittlungen

(Kaliber .64 Band 12, herausgegeben von Volkers Albers)

Edition Nautilus, 2007

64 Seiten

4,90 Euro

 

Homepage von Robert Hültner

 

Edith Kneifl: Der Tod ist eine Wienerin

(Kaliber .64 Band 11, herausgegeben von Volkers Albers)

Edition Nautilus, 2007

64 Seiten

4,90 Euro

 

Homepage von Edith Kneifl

 

Carlo Schäfer: Kinder und Wölfe

(Kaliber .64 Band 10, herausgegeben von Volkers Albers)

Edition Nautilus, 2007

64 Seiten

4,90 Euro

 

Homepage von Carlo Schäfer

 

Besprechungen der vorherigen „Kaliber .64“-Bücher:

Horst Eckert: Der Absprung

Gunter Gerlach: Engel in Esslingen

Frank Göhre: Der letzte Freier

Susanne Mischke: Sau tot

Regula Venske: Mord im Lustspielhaus

Gabriele Wolff: Im Dickicht

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TV-Tipp für den 1. November

Oktober 31, 2007

Die zweite von drei Leonard-Verfilmungen

Das Vierte, 18.30

Touch – Der Typ mit den magischen Händen (USA 1997, R.: Paul Schrader)

Drehbuch: Paul Schrader

LV: Elmore Leonard: Touch, 1987 (Blutsmale)

Seelsorger Juvenal kann Kranke heilen. Windige Geschäftemacher und religiöse Fanatiker wollen die übersinnlichen Kräfte Juvenals für ihre eigenen Interessen ausbeuten.

„Touch“ ist wahrscheinlich Leonards untypischstes Buch: eine Story über einen jungen Wunderheiler, der kein Scharlatan ist. Lange wusste kein Verleger, wie er „Touch“ auf den Mark bringen sollte. Erst zehn Jahre nachdem Leonard „Touch“ geschrieben hatte, wurde es veröffentlicht. 

Paul Schrader (u. a. Drehbuch zu „Taxi Driver“) hielt sich bei seiner Verfilmung eng an das Buch. Mit zahlreichen bekannten Schauspielern drehte er eine gelungene Satire auf den religiösen Wahn in den USA. Ein sträflich unterschätzter Film.

„Ein zutiefst humaner Film über Nächstenliebe und Aufrichtigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen, der nicht als theologischer Diskurs, sondern als Reflex auf die Defizite der modernen Gesellschaft angelegt ist. Durch den unaufdringlichen Charme des Hauptdarstellers und eine Inszenierung ohne aufgesetzte Dramatik ist ein feiner kleiner Film entstanden, der seinem großen Thema auf unprätentiöse Art und Weise gerecht wird.“ (Lexikon des internationalen Films)

Von Elmore Leonards Homepage: „“Touch“ had the Elmore Leonard sound as Schrader pretty much “shot the book.” The resulting film was somewhat subdued and low-key, but the film, like the book, takes a whimsical, black-comedy look at the exploitation of faith. The film had a tiny theatrical release and was overlooked by other Elmore Leonard films that came out the same year. The strong cast and Schrader’s feel for Elmore’s material make „Touch“ worth seeing.“

Auch in den deutschen Kinos lief die Groteske nur in wenigen Häusern und wird im Fernsehen selten und dann bevorzugt zu Videorekorderfreundlichen Zeiten gezeigt.

Mit Bridget Fonda, Christopher Walken, Skeet Ulrich, Tom Arnold, Gina Gershon, Lolita Davidovich, Paul Mazursky

Hinweise:

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von „Gangsterbraut“ (The Hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“


Die volle Ladung „St. Pauli Nacht“

Oktober 31, 2007

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Frank Göhre kommt einfach nicht weg vom Kiez. In den Achtzigern schrieb er die St. Pauli-Trilogie „Der Schrei des Schmetterlings“ (1986), „Der Tod des Samurai“ (1989) und „Der Tanz des Skorpions“ (1991). Für diese Bände recherchierte er viel auf Hamburgs bekanntester Straße. Als er mit „Der Tanz des Skorpions“ fertig war, schrieb er, inspiriert durch einen Brand und die Geschichten einer Nacht, mit dem Reigen „St. Pauli Nacht“ einen gelungenen Nachschlag. Denn Göhre hatte noch viele Kiezgeschichten in seinem Archiv.

„Ich habe zu jeder einzelnen Geschichte von ‚St. Pauli Nacht’ einen engen persönlichen Bezug. Wenn ich sie miteinander verknüpfe, kann ich nur sagen: Das ist für mich das Leben von St. Pauli, wahrer als das, was wir sonst in Fernsehserien oder im Kino sehen.“ (Frank Göhre)

Er erzählt in seiner knappen Prosa von Menschen, die auf der Reeperbahn mehr oder weniger legal arbeiten, und den Besuchern. Dabei sind ihre Schicksale locker, aber schicksalhaft, miteinander verknüpft. „St. Pauli Nacht“ ist ein Gemälde, das durch seinen skizzenhaften Charakter das Bild einer Großstadt zwischen Gosse und Nobelhotel entwirft.

Kaum war das Buch 1993 veröffentlicht, meldete sich nicht gerade Hollywood, aber zu irgendeinem Zeitpunkt war jeder gute deutsche Regisseur in die geplante Verfilmung involviert. Göhre meint zutreffend, dass das große Interesse und auch die Probleme an der offenen Struktur von „St. Pauli Nacht“ lagen. Jeder konnte seinen Lieblingscharakter herauspicken. Jeder konnte seine Filmgeschichte formulieren. Allerdings hatten Autor Göhre, der zugestimmt hatte, das Drehbuch zu schreiben, die Produzenten und die wechselnden Regisseure immer wieder verschiedene Vorstellungen über den zu drehenden Film. Irgendwann kam „Der bewegte Mann“ Sönke Wortmann an Bord. Er sagte, zur allgemeinen Erleichterung, dass sein Film möglichst nahe bei dem Buch bleiben sollte. Zwei existierende Drehbuchversionen gefielen ihm sehr gut. Bekannte Schauspieler sagten zu und Wortmanns Short Cuts auf der Reeperbahn wurde gedreht. Der etwas zu geleckte Film ist dann auch sehr Nahe am Buch: Struktur, Charaktere, Dialoge – alles wurde ohne große Änderungen übernommen.

Frank Göhre, der das prämierte Drehbuch zur Verfilmung schrieb, setzte sich für die Neuausgabe von „St. Pauli Nacht“ wieder an seinen Schreibtisch und überarbeitete das ursprüngliche Manuskript. Er straffte die Handlung, arbeitete die Beziehungen der Charaktere untereinander deutlicher heraus und überarbeitete den Text.

Schon die ersten Sätze zeigen die Richtung.

Im Original steht:

„Gegen halb sechs nachmittags hörte Johnny, dass er gekillt werden sollte, knapp drei Stunden später war er tot.

Es war Freitag, der 30. April, ein für die Jahreszeit ungewöhnlich sonniger und heißer Tag. Johnny hatte soeben eine erfrischende Dusche genommen und trat, nur mit einem um die Hüften geschlungenen Badetuch bekleidet, auf den Balkon der Drei-Zimmer-Albbauwohnung in der zweiten Etage.“

In der Neuveröffentlichung steht:

„Gegen halb sechs, am Vorabend einer Vollmondnacht, hörte Johnny, dass er gekillt werden sollte, knapp drei Stunden später war er tot.

Es war Mittwoch, der 19. Mai, der Tag vor Christi Himmelfahrt, und es war sonnig und angenehm warm. Johnny hatte soeben eine erfrischende Dusche genommen und trat nun, nur mit einem um die Hüften geschlungenen Badtuch bekleidet, auf den Balkon der Drei-Zimmer-Altbauwohnung in der zweiten Etage.“

Neben den stilistischen Änderungen und Straffungen warf Göhre das Kapitel „Karin“ heraus und schrieb das den Roman abschließende Kapitel „Fedder“ neu. Es bietet jetzt den Übergang zu der ebenfalls in der Neuausgabe abgedruckten Geschichte „Rentner in Rot“. Diese Kommissar Fedder-Geschichte erschien 1998 als erster Band der vom Hamburger Abendblatt herausgegebenen Reihe „Schwarze Hefte“.

In ihrer Wohnung wird die Rentnerin Inga Klausner nach einer Urlaubsreise erstochen. Fedder sucht in Eimsbüttel den Mörder.

Die auf tausend Exemplare limitierte Neuauflage von “St. Pauli Nacht” enthält außerdem ein informatives Nachwort von Frank Göhre und die DVD des nicht mehr erhältlichen Films „St. Pauli Nacht“. Insgesamt ein Schnäppchen und ein potentielles Sammlerstück.

 

Frank Göhre: St. Pauli Nacht

(einmalige, überarbeitete Sonderausgabe mit „Rentner in Rot“, einem Nachwort und der  Film-DVD)

Pendragon Verlag, 2007

224 Seiten

14,80 Euro

 

 

Vorherige Ausgaben:

St. Pauli Nacht

(mit Filmbildern, Informationen zu den Machern und einem Interview mit Frank Göhre und Sönke Wortmann)

Rororo, 1999

224 Seiten

 

St.-Pauli-Nacht

Rororo, 1993

208 Seiten

 

Rentner in Rot

Schwarze Hefte – Band 1, 1998

64 Seiten

 

Die Verfilmung:

St. Pauli Nacht (D 1999, R.: Sönke Wortmann)

Drehbuch: Frank Göhre

Mit Benno Führmann, Armin Rohde, Oliver Stokowski, Florian Lukas, Valerie Niehaus, Ill-Young Kim, Kathleen Gallego Zapata, Maruschka Detmers, Axel Milberg, Petr Sattmann, Christian Redl, Doreen Jacobi, Wotan Wilke Möhring, Ercan Durmaz, Heiner Lauterbach

 

Hinweise:

Homepage von Frank Göhre

Drehbuch „St. Pauli Nacht“

Meine Besprechung von „Zappas letzter Hit“

Meine Besprechung von „Der letzte Freier“

Alligatorpapiere über die Schwarzen Hefte

 

Frank Göhre liest auf den „Krimi Tage Berlin“ aus „Zappas letzter Hit“ (dem vierten Band seiner St. Pauli-Trilogie; Vorleser: Klaus Schindler):

Mittwoch, 31. Oktober, 20.00 Uhr, Muschiobermeier (Torstrasse 151)

Donnerstag, 1. November, 20.00 Uhr, KMA 36 (Karl-Marx-Allee 36)


TV-Tipp für den 31. Oktober

Oktober 31, 2007

Die erste von drei Leonard-Verfilmungen

RBB, 23.05

Schnappt Shorty (USA 1995, R.: Barry Sonnenfeld)

Drehbuch: Scott Frank

LV: Elmore Leonard: Get Shorty, 1990 (Schnappt Shorty)

Ein Mafia-Geldeintreiber aus Miami gerät in Hollywood an einen drittklassigen Filmproduzenten. Der Geldeintreiber möchte, dass sein Leben verfilmt wird. Aber diese Hollywood-Fritzen sind irgendwie anders.

Köstliche Leonard-Verfilmung über den Zusammenprall zweier Welten: eiskalter Profikiller trifft auf die Hollywood-Schickeria.

Mit John Travolta, Gene Hackman, Rene Russo, Danny DeVito, Dennis Farina, Delroy Lindo, James Gandolfini, Martin Ferrero, Miguel Sandoval, Harvey Keitel, Bette Midler

Hinweise:

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von „Gangsterbraut“ (The Hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“


John Rebus, Edinburgh und der G8-Gipfel

Oktober 30, 2007

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Langsam erreicht John Rebus das Pensionsalter. Doch in „Im Namen der Toten“ legt sich Ian Rankins Detective Inspector John Rebus noch einmal mit allen, vor allem Vorgesetzten und anderen mächtigen Männern, an. Dabei verwendet Rankin auf den ersten Blick kaum Zeit für den Kriminalfall, sondern viel mehr für ein Porträt von Edinburgh während des G8-Gipfels in Gleneagles 2005.

Denn vor dem Gipfel dachte Rankin, dass dieses Ereignis gut den Hintergrund für einen Rebus Roman abgeben könne. Während des Gipfels machte er sich eifrig Notizen. Nach dem Gipfel schrieb er „Im Namen der Toten“ und verknüpfte wieder einmal kunstvoll mehrere Geschichten miteinander.

Das haben sich die Vorgesetzten von John Rebus gut ausgedacht. Während die gesamte Polizei irgendwie mit dem G8-Gipfel beschäftigt ist, soll Rebus Dienst nach Vorschrift – und vor allem weit ab von den hohen Gästen – machen. Doch nachdem in Clootie Well bei Auchterade, mitten im Sperrgebiet um Gleneagles, an einem Baum ein Stück der Jacke des vor sechs Wochen ermordeten Cyril Collier gefunden wird, tummelt Rebus sich mit Detective Sergeant Siobhan Clarke am falschen Ort herum. Nur mühsam können sie ihre Ermittlungen beginnen. Schon bald erfahren sie, dass neben der Jacke noch Kleider von zwei weiteren, vor wenigen Wochen ermordeten Sexualstraftätern baumeln. Sie haben es mit einem Serientäter zu tun, dessen nächster Mord schon lange überfällig ist.

Bevor Rebus und Clarke erste Ergebnisse vorweisen können, bietet Gangsterboss Big Ger Cafferty seine Hilfe an. Immerhin hat Collier zuletzt für ihn gearbeitet und die Informationen, die er seinem Intimfeind Rebus gibt, sind brauchbar.

Als ob John Rebus mit der Suche nach dem Serienkiller nicht schon genug Arbeit hätte, muss er sich auch in den tödlichen Sturz des angesehenen, ehrlichen Außenpolitikers Ben Webster einmischen. Er war Parliamentary Private Secretary, die rechte Hand des Ministers und starb bei einem Sturz vom Edinburgh Castle. Auch hier legt sich Rebus sofort mit Commander David Steelforth an. Denn dieser soll für den sicheren Ablauf des Gipfels sorgen und dazu gehört auch, dass er Rebus keine Informationen gibt.

Wie in den vorherigen Rebus-Romanen, hantiert Ian Rankin in „Im Namen der Toten“ geschickt mit mehreren Plotlinien, die John Rebus und Siobhan Clarke ähnlich stark involvieren. Dabei sind die auf den ersten Blick nicht zusammenhängenden Geschichten letztendlich viel stärker miteinander verknüpft, als es beim Lesen wirkt. So hat Siobhan Clarkes Begegnung mit ihren Eltern, die als Demonstranten Edinburgh besuchen und ihre Jagd nach dem Mann, der ihre Mutter während einer Demonstration krankenhausreif schlug, zunächst nichts mit dem Mordfällen zu tun. Am Ende allerdings doch.

Denn Rankins Charaktere stoßen in den einzelnen Geschichten immer wieder Entwicklungen an, die sich auch auf die anderen Geschichten auswirken. Deshalb wirkt „Im Namen der Toten“ trotz der fast sechshundert Seiten sehr kompakt und kurzweilig. In der zweiten Hälfte lockern einige „Columbo“-hafte Szenen „Im Namen der Toten“ auf. Rebus und Clarke schlagen sich am 6. Juli in Gleneagles auf ihrer Suche nach Santal durch die verschiedenen Fronten und sorgen für ein gehöriges Chaos. Als Rebus am nächsten Tag von seinem Vorgesetzten zur Rede gestellt wird, schützt er eine beginnende Altersvergesslichkeit vor.

„Im Namen der Toten“ ist, obwohl der vorletzte Band der Rebus-Serie, eine ideale Möglichkeit in die Welt von John Rebus einzutauchen.

In England erschien vor wenigen Tagen „Exit Music“, der wahrscheinlich letzte Rebus-Roman. Im Moment schreibt Ian Rankin für die Scottish Opera Company ein Opernlibretto, für DC Comic ein Hellblazer-Comicbuch und er erweitert seinen fünfzehnteiligen New York Times-Fortsetzungsroman „Doors Open“ zu einem Roman.

 

Ian Rankin: Im Namen der Toten

 (übersetzt von Juliane Gräbener-Müller)

Manhattan, 2007

592 Seiten

19,95 Euro

 

Originalausgabe:

The Naming of the Dead

Orion Books, London, 2006

 

Die John Rebus-Romane:

1)     Verborgene Muster (Knotts & Crosses , 1987)

2)     Das zweite Zeichen (Hide & Seek, 1991)

3)     Wolfsmale (Wolfman; Tooth & Nail, 1992)

4)     Ehrensache (Strip Jack, 1992)

5)     Verschlüsselte Wahrheit (The Black Book , 1993)

6)     Blutschuld (Mortal Causes, 1994)

7)     Ein eisiger Tod (Let it Bleed, 1995)

8)     Das Souvenir des Mörders (Black & Blue, 1997)

9)     Die Sünden der Väter (The Hanging Garden, 1998)

10) Die Seelen der Toten (Dead Souls, 1999)

11) Der kalte Hauch der Nacht (Set in Darkness, 2000)

12) Puppenspiel (The Falls, 2001)

13) Die Tore der Finsternis (Resurrection Men, 2002)

14) Die Kinder des Todes (A Question of Blood, 2003)

15) So soll er sterben (Fleshmarket Close, 2004)  

16) Im Namen der Toten (The Naming of the Dead, 2006)

17) Exit Music, 2007

 

Die kurzen Auftritte von John Rebus:

A Good Hanging and other Stories, 1992 (Zwölf Rebus-Kurzgeschichten)

Death is not the End, 1998 (Novelle, später ausgearbeitet zu Dead Souls)

Beggars Banquet, 2002 (21 Kurzgeschichten, sieben davon mit John Rebus, und „Death is not the End“)

The Complete Short Stories, 2005 (enthält „A Good Hanging and other Stories“ und „Beggars Banquet“ und die neue Rebus-Geschichte „Atonement“)

 

Hinweise:

Homepage von Ian Rankin

Deutsche Ian Rankin-Seite

Meine Besprechung von „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

 

Ian Rankin auf Lesereise:

Montag, 3. Dezember: Berlin: Thalia Ring Center II

Dienstag, 4. Dezember: Hamburg: BH Weiland, Altona

Mittwoch, 5. Dezember: Wien: Rabenhof Theater, Rabengasse 3

Donnerstag, 6. Dezember: Zürich: Kaufleuten, Pelikanplatz


TV-Tipp für den 30. Oktober

Oktober 30, 2007

Pro 7, 20.15

Big Fish – Der Zauber, der ein Leben zur Legende macht (USA 2003, R.: Tim Burton)

Drehbuch: John August

Literaturvorlage: Daniel Wallace: Big Fish – A Novel of Mythic Proportions, 1998 (Big Fish)

Vertreter Edward Bloom ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Sein Sohn Will, der hinter den Geschichten nie den wahren Edward Bloom sah, brach deshalb vor Jahren entnervt den Kontakt zu ihm ab. Jetzt sitzt er an Edwards Sterbebett und versucht zum letzten Mal die Beziehung zu seinem Vater zu kitten. Aber dieser erzählt nur wieder einmal die altbekannten Geschichten aus seinem Leben und erfindet einige neue dazu.

Das Buch, eine lockere Sammlung von Episoden, ist bestenfalls solala. Aber der Film, der sich in vielen Teilen von dem Buch entfernt, die Episoden aus dem Buch und zahlreiche neue zu einer Biographie zusammenfügt und dabei das Thema des Buches deutlicher herausarbeitet,  ist eine zwischen trister Realität und farbenfreudiger Fantasie wechselnde Liebeserklärung an das Erzählen von Geschichten, die am Ende doch nicht so erfunden sind, wie der Sohn immer annahm.

Mit Ewan McGregor, Albert Finney, Billy Crudup, Jessica Lange, Helena Bonham Carter, Loudon Wainwright III, Steve Buscemi, Danny DeVito, Daniel Wallace (Econ Professor)

Wiederholung:

Freitag, 2. November, 02.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise:

Homepage von Daniel Wallace

Homepage/Blog von John August (In der Abteilung „Downloads“ gibt es das Drehbuch und weiteres informatives Material zu „Big Fish“.)

Tim Burton bei Film-Zeit

Senses of Cinema-Artikel von Ben Andac über Tim Burton (2003)


Ein bisschen Luxus – Kapitel 24 online

Oktober 30, 2007

Lernen Sie mit Diana und den bösen Jungs die Universität von Konstanz kennen.


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