Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

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Gleich auf der ersten Seite erhängt sich der neunzehnjährige Harold Chasen. Für den reichen Bengel hat das Leben einfach keinen Sinn. Seine Mutter, Mrs. Chasen, reagiert, während sie telefoniert, angemessen schockiert: „Also wirklich, Harold. Ich nehme an, du hältst das für wahnsinnig witzig. Es scheint dir völlig egal zu sein, dass die Crawfords heute zum Dinner kommen.“

Während des Dinners hat Harold Halsschmerzen und er verabschiedet sich früher. Wenig später liegt er blutend in der Badewanne. Jetzt reagiert Mrs. Chasen. Sie verlässt kreischend das Bad. In der darauf folgenden Sitzung bei seinem Psychiater Dr. Harley meint Harold zu seinem fünfzehnten inszenierten Selbstmord: „Es war der größte Erfolg, den ich in den letzten Wochen hatte.“

Wenn Harold nicht gerade, um endlich von seiner egozentrischen Mutter als Mensch wahrgenommen zu werden, Selbstmorde vorbereitet, fährt er mit einem Leichenwagen durch die Gegend und besucht Beerdigungen. Auf einer Beerdigung wird er von der fast achtzigjährigen, lebensfrohen Maude Chardin angesprochen. Während ihres ersten Gesprächs bemalt sie in der Kirche einige Heilige und klaut das Auto des Paters. Ihr Lebensmotto ist das genaue Gegenteil von Harolds Motto: „Probier jeden Tag was Neues. Schließlich leben wir, um das Leben zu entdecken. Man lebt ja nicht ewig.“

Schnell entsteht zwischen den beiden gegensätzlichen Charakteren eine tiefe Freundschaft. Harold will Maude sogar heiraten. In diesem Moment hört Mrs. Chasen ihm sogar einmal zu.

Die von Colin Higgins erfundene Geschichte von Harold und Maude traf 1971 natürlich den Zeitgeist des Programmkino-Publikums. Dort entwickelte sich der Film schnell zu einem Hit. Denn Higgins gelingt in seiner Geschichte die perfekte Balance zwischen Schwarzer Komödie, Gesellschaftssatire und Entwicklungsgeschichte. Harold entwickelt sich in wenigen Tagen, mit der tatkräftigen Hilfe einer antiautoritären Holocaust-Überlebenden, von einem todessehnsüchtigen zu einem lebensbejahenden Mann. Hal Ashby setzte die Geschichte adäquat mit einem beeindruckenden Ensemble und der Musik von Cat Stevens um.

Für die Romanfassung hielt sich Colin Higgins natürlich genau an die Szenenabfolge des Films (jedenfalls soweit ich mich im Moment an die Komödie erinnern kann). Er fügte nur das nötigste an erklärenden Sätzen bei. Marcel Keller übersetzte jetzt den Roman neu und „Harold und Maude“ ist immer noch eine berührende Geschichte. Denn die von Higgins geschaffenen Charaktere stehen für den zeitlosen Konflikt zwischen Lebensüberdruss und Lebensfreude.

 

Colin Higgins: Harold und Maude

(neu übersetzt und mit einem Nachwort von Marcel Keller)

Pendragon, 2007

168 Seiten

14,80 Euro

 

Originalausgabe:

Harold and Maude

J. B. Lippincott Company, 1971

 

Verfilmung:

Harold und Maude (Harold and Maude, USA 1971, Regie: Hal Ashby)

Drehbuch: Colin Higgins

Mit Bud Cort (Harold Chasen), Ruth Gordon (Maude), Vivian Pickles (Mrs. Chasen, Cyril Cusack (Glaucus), Charles Tyner (Onkel Victor), Ellen Geer (Sunshine Doré)

 

Hinweise:

Colin Higgins Foundation

„Harold and Maude“-Fanpage

Der Roman von Colin Higgins

Das Drehbuch von Colin Higgins

One Response to Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

  1. […] extrem selten gezeigte Gesellschaftssatire von „Harold und Maude“-Regisseur Hal Ashby, die damals ein Publikums- und Kritikererfolg war. Als ich sie als Teenager […]

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