Sallis überzeugt hundertprozentig

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Perfekt. Damit ist schon alles über das neue Buch des Noir-Poeten James Sallis gesagt. „Driver“ ist ein Noir-Roman. „Driver“ ist hohe Literatur. Er wird aber nicht als literarischer Kriminalroman beworben, weil das für Krimifans ein Warnsignal ist. Denn ein literarischer Kriminalroman ist meisten das Synonym für einen schlechten Krimi, der mit etwas hochkulturellem Wissen aufgepeppt wurde, ist. Nein, „Driver“ ist die volle Ladung auf 160 Seiten. Kein Wort zuviel. Keines zuwenig.

Und das macht es auch so schwer über „Driver“ zu schreiben. Denn allzu leicht entsteht der Eindruck, dass James Sallis einen Roman vorgelegt hat, in dem er mit seinem Wissen protzt und der Rezensent das mit seinem Wissen überbieten will. Dabei ist „Driver“ beim Lesen vor allem ein atemberaubend genau konstruierter, gut geschriebener, sich seiner literarischen und filmischen Vorbilder sehr bewusster, höchst unterhaltsamer, düsterer Gangsterkrimi.

Schon die ersten Zeilen sind stark. Driver liegt schwer verwundet in einem Hotelzimmer. Er hat sich an einem Überfall beteiligt, der schief gegangen ist. In diesem Moment endet sein altes Leben als Stuntman und unbeteiligter Fahrer von Fluchtfahrzeugen bei Überfällen. Sein neues Leben beginnt. Auf den folgenden Seiten erzählt Sallis, gekonnt zwischen Gegenwart und Vergangenheit springend, die Lebensgeschichte von dem namenlosen Fahrer. Mit wenigen Worten porträtiert er einen Mann am Rand der Gesellschaft, der sich in dieser Position bequem eingerichtet hat. Ohne ihn würde es zwar keinen Actionfilm und keinen Banküberfall geben, aber niemand kennt ihn.

Auch nicht in der Populärkultur. Bislang gibt es nur Walter Hills fast dreißig Jahre alten Actionfilm „Driver“ in dem der ebenfalls namenlose Fluchtwagenfahrer auch der Held ist. Aber in dem Thriller geht es um das Duell zwischen einem fanatischen Polizisten und einem Fluchtwagenfahrer. Sicher kennt Sallis den Film, aber noch nicht einmal der Originaltitel ist von dem Film übernommen. Denn im Original heißt der Roman „Drive“. Nicht viel besser sieht es mit Stuntmen als Hauptperson in einer Geschichte aus. Es gibt den Kopfgeldjäger-Stuntman Colt Seavers in der langlebigen TV-Serie „Ein Colt für alle Fälle“. Es gibt den durchgeknallten Stuntman Mike in Quentin Tarantinos „Death Proof“. Beide Stuntmänner haben mit James Sallis’ „Driver“, außer dem Beruf, nichts zu tun.

Dagegen hat James Sallis lakonischer Stil viel mit den stilisierten Gangsterdramen eines Jean-Pierre Melville und dem Jazz in seinen kühlen Varianten zu tun.

 

P. S.: Auf Seite 4 steht „Ed McBain, Donald Westlake und Larry Block gewidmet – drei großen amerikanischen Schriftstellern“.

P. P. S.: Universal Studio hat die Filmrechte gekauft. Die Drehbuchautoren sind, wie der Übersetzer, nicht zu beneiden. Denn alles in „Driver“ widersetzt sich einer angemessenen Verfilmung.

 

James Sallis: Driver

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Liebeskind, 2007

160 Seiten

16,90 Euro

 

Originaltitel:

Drive

Poisoned Pen Press, Scottsdale, Arizona, 2005

 

Hinweise:

Homepage von James Sallis

Crimespace: Criminal Calender: Barbara Peters interviewt James Sallis (2007? – sehr bescheidene Qualität mit vielen Bild- und Tonsprüngen; Sallis redet hauptsächlich über die verschiedenen Arten einen Roman zu schreiben)

3am: Richard Marshall interviewt James Sallis (2002)

Mordlust über James Sallis

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12 Responses to Sallis überzeugt hundertprozentig

  1. […] 1          (3)       James Sallis: Driver […]

  2. […] 1          (1)       James Sallis: Driver […]

  3. […] spricht für die Qualität dieses Buches, dass es (zum Beispiel) bei Axel Bussmer, dpr und Tobias Gohlis zu unterschiedliche Lesarten führt, wobei sich die Rezensenten dann doch in […]

  4. […] 1. Platz: James Sallis: Driver (Drive, 2005) […]

  5. […] einige den Noir-Roman “Driver” von James Sallis mit dem in Deutschland gleichnamigen Film von Walter Hill verglichen, gibt es jetzt wieder die […]

  6. […] 1          James Sallis: Driver […]

  7. […] Meine Besprechung von “Driver” (Drive, 2005) […]

  8. […] Dreharbeiten für die James-Sallis-Verfilmung „Drive“ (Driver) beginnen am 20. September. Ryan Gosling übernimmt die Hauptrolle, Nicholas Winding Refn führt […]

  9. […] zweiminütige Ausschnitt sind die ersten Bilder aus der James-Sallis-Verfilmung „Drive“ (deutscher Titel des Noir ist „Driver“) und sie gefallen mir verdammt […]

  10. […] hat lange gedauert, bis „Drive“ verfilmt wurde. Denn Hollywood hatte die Filmrechte an dem Noir von James Sallis bereits nach […]

  11. […] viel, dennoch ist er atmosphärisch sehr dicht. Oder wie Axel Bussmer in seiner Kriminalakte sagte: „Perfekt“. Eine Verfilmung des Romans war aufgrund des Erfolgs abzusehen, aber Nicolas Winding Refn hat […]

  12. […] Ende von „Driver“, dem auch erfolgreich verfilmten Überraschungserfolg von James Sallis, taucht der namenlose […]

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