John Rebus, Edinburgh und der G8-Gipfel

rankin-im-namen-der-toten.jpg 

Langsam erreicht John Rebus das Pensionsalter. Doch in „Im Namen der Toten“ legt sich Ian Rankins Detective Inspector John Rebus noch einmal mit allen, vor allem Vorgesetzten und anderen mächtigen Männern, an. Dabei verwendet Rankin auf den ersten Blick kaum Zeit für den Kriminalfall, sondern viel mehr für ein Porträt von Edinburgh während des G8-Gipfels in Gleneagles 2005.

Denn vor dem Gipfel dachte Rankin, dass dieses Ereignis gut den Hintergrund für einen Rebus Roman abgeben könne. Während des Gipfels machte er sich eifrig Notizen. Nach dem Gipfel schrieb er „Im Namen der Toten“ und verknüpfte wieder einmal kunstvoll mehrere Geschichten miteinander.

Das haben sich die Vorgesetzten von John Rebus gut ausgedacht. Während die gesamte Polizei irgendwie mit dem G8-Gipfel beschäftigt ist, soll Rebus Dienst nach Vorschrift – und vor allem weit ab von den hohen Gästen – machen. Doch nachdem in Clootie Well bei Auchterade, mitten im Sperrgebiet um Gleneagles, an einem Baum ein Stück der Jacke des vor sechs Wochen ermordeten Cyril Collier gefunden wird, tummelt Rebus sich mit Detective Sergeant Siobhan Clarke am falschen Ort herum. Nur mühsam können sie ihre Ermittlungen beginnen. Schon bald erfahren sie, dass neben der Jacke noch Kleider von zwei weiteren, vor wenigen Wochen ermordeten Sexualstraftätern baumeln. Sie haben es mit einem Serientäter zu tun, dessen nächster Mord schon lange überfällig ist.

Bevor Rebus und Clarke erste Ergebnisse vorweisen können, bietet Gangsterboss Big Ger Cafferty seine Hilfe an. Immerhin hat Collier zuletzt für ihn gearbeitet und die Informationen, die er seinem Intimfeind Rebus gibt, sind brauchbar.

Als ob John Rebus mit der Suche nach dem Serienkiller nicht schon genug Arbeit hätte, muss er sich auch in den tödlichen Sturz des angesehenen, ehrlichen Außenpolitikers Ben Webster einmischen. Er war Parliamentary Private Secretary, die rechte Hand des Ministers und starb bei einem Sturz vom Edinburgh Castle. Auch hier legt sich Rebus sofort mit Commander David Steelforth an. Denn dieser soll für den sicheren Ablauf des Gipfels sorgen und dazu gehört auch, dass er Rebus keine Informationen gibt.

Wie in den vorherigen Rebus-Romanen, hantiert Ian Rankin in „Im Namen der Toten“ geschickt mit mehreren Plotlinien, die John Rebus und Siobhan Clarke ähnlich stark involvieren. Dabei sind die auf den ersten Blick nicht zusammenhängenden Geschichten letztendlich viel stärker miteinander verknüpft, als es beim Lesen wirkt. So hat Siobhan Clarkes Begegnung mit ihren Eltern, die als Demonstranten Edinburgh besuchen und ihre Jagd nach dem Mann, der ihre Mutter während einer Demonstration krankenhausreif schlug, zunächst nichts mit dem Mordfällen zu tun. Am Ende allerdings doch.

Denn Rankins Charaktere stoßen in den einzelnen Geschichten immer wieder Entwicklungen an, die sich auch auf die anderen Geschichten auswirken. Deshalb wirkt „Im Namen der Toten“ trotz der fast sechshundert Seiten sehr kompakt und kurzweilig. In der zweiten Hälfte lockern einige „Columbo“-hafte Szenen „Im Namen der Toten“ auf. Rebus und Clarke schlagen sich am 6. Juli in Gleneagles auf ihrer Suche nach Santal durch die verschiedenen Fronten und sorgen für ein gehöriges Chaos. Als Rebus am nächsten Tag von seinem Vorgesetzten zur Rede gestellt wird, schützt er eine beginnende Altersvergesslichkeit vor.

„Im Namen der Toten“ ist, obwohl der vorletzte Band der Rebus-Serie, eine ideale Möglichkeit in die Welt von John Rebus einzutauchen.

In England erschien vor wenigen Tagen „Exit Music“, der wahrscheinlich letzte Rebus-Roman. Im Moment schreibt Ian Rankin für die Scottish Opera Company ein Opernlibretto, für DC Comic ein Hellblazer-Comicbuch und er erweitert seinen fünfzehnteiligen New York Times-Fortsetzungsroman „Doors Open“ zu einem Roman.

 

Ian Rankin: Im Namen der Toten

 (übersetzt von Juliane Gräbener-Müller)

Manhattan, 2007

592 Seiten

19,95 Euro

 

Originalausgabe:

The Naming of the Dead

Orion Books, London, 2006

 

Die John Rebus-Romane:

1)     Verborgene Muster (Knotts & Crosses , 1987)

2)     Das zweite Zeichen (Hide & Seek, 1991)

3)     Wolfsmale (Wolfman; Tooth & Nail, 1992)

4)     Ehrensache (Strip Jack, 1992)

5)     Verschlüsselte Wahrheit (The Black Book , 1993)

6)     Blutschuld (Mortal Causes, 1994)

7)     Ein eisiger Tod (Let it Bleed, 1995)

8)     Das Souvenir des Mörders (Black & Blue, 1997)

9)     Die Sünden der Väter (The Hanging Garden, 1998)

10) Die Seelen der Toten (Dead Souls, 1999)

11) Der kalte Hauch der Nacht (Set in Darkness, 2000)

12) Puppenspiel (The Falls, 2001)

13) Die Tore der Finsternis (Resurrection Men, 2002)

14) Die Kinder des Todes (A Question of Blood, 2003)

15) So soll er sterben (Fleshmarket Close, 2004)  

16) Im Namen der Toten (The Naming of the Dead, 2006)

17) Exit Music, 2007

 

Die kurzen Auftritte von John Rebus:

A Good Hanging and other Stories, 1992 (Zwölf Rebus-Kurzgeschichten)

Death is not the End, 1998 (Novelle, später ausgearbeitet zu Dead Souls)

Beggars Banquet, 2002 (21 Kurzgeschichten, sieben davon mit John Rebus, und „Death is not the End“)

The Complete Short Stories, 2005 (enthält „A Good Hanging and other Stories“ und „Beggars Banquet“ und die neue Rebus-Geschichte „Atonement“)

 

Hinweise:

Homepage von Ian Rankin

Deutsche Ian Rankin-Seite

Meine Besprechung von „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

 

Ian Rankin auf Lesereise:

Montag, 3. Dezember: Berlin: Thalia Ring Center II

Dienstag, 4. Dezember: Hamburg: BH Weiland, Altona

Mittwoch, 5. Dezember: Wien: Rabenhof Theater, Rabengasse 3

Donnerstag, 6. Dezember: Zürich: Kaufleuten, Pelikanplatz

Werbeanzeigen

4 Responses to John Rebus, Edinburgh und der G8-Gipfel

  1. […] Rankin (zuletzt “Im Namen der Toten“)  ist ab Montag auf […]

  2. […] von Tobias Gohlis genossen werden. Schönes Teil. Es geht hauptsächlich um Rankins neuestes Buch “Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006). Die Übertragung war bei mir etwas ruckelig, aber immerhin hat die ZDF Mediathek bei Rankin […]

  3. […] die chronologische Reihenfolge). ++ Besprechungen des Titels findet man hier, hier, hier, hier und hier. ++ Ein Interview von 2007 mit Tobias Gohlis. ++ Ganz neu erschienen: Der neueste und angeblich […]

  4. […] die chronologische Reihenfolge). ++ Besprechungen des Titels findet man hier, hier, hier, hier und hier. ++ Ein Interview von 2007 mit Tobias Gohlis. ++ Ganz neu erschienen: Der neueste und angeblich […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: