Ein sympathischer Winkeladvokat

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Wer einen Krimi mit einem Mord am Anfang und einer Aufklärung am Ende erwartet, wird mit „Der Lumpenadvokat“ von Hannelore Cayre nichts anfangen können. Wer einen Anwaltskrimi erwartet, in dem ein Anwalt einen aussichtslosen Fall übernimmt und die Unschuld seines Mandanten beweist, wird mit „Der Lumpenadvokat“ ebenfalls nichts anfangen können. Denn der Ich-Erzähler Christophe Leibowitz ist hier sein eigener Mandant und er sitzt auf der ersten Seite bereits rechtskräftig – und zu Recht – verurteilt im Gefängnis.

Schließlich hat sich Leibowitz auf eine Gefangenenbefreiung eingelassen und die Haft ist die kurze Tortur vor der Belohnung. Denn sein weitaus erfolgreicherer Anwaltskollege Lakdar hat dem am Hungertuch nagenden Anwalt Leibowitz ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte. Er soll mit einem inhaftierten Verbrecher die Kleider tauschen und ihm so zur Flucht verhelfen. Dafür erhält er nach seiner Haft eine Million Euro. Doch dann erfährt Leibowitz, dass Lakdar ihm das versprochene Geld nicht geben will.

Hannelore Cayre ist, wie ihr Held, Strafverteidigerin. Entsprechend gut kennt sie sich in den Verfahren und den ihnen innewohnenden Absurditäten des französischen Justizapparates aus. Dabei musste sie sich in „Der Lumpenadvokat“ zurücknehmen. Denn, so erzählt sie in dem dem Buch beigefügten Interview: „Im Roman wollte ich, dass alles plausibel ist. In der Wirklichkeit erlebt man aber unglaubliche Fälle. (…) Wenn ich das in einem Roman erzähle, würde jeder sagen, ich übertreibe.“

Doch auch ohne die groteskesten Fälle gelingt ihr ein erschreckendes Panoptikum eines riesigen Apparates mit den ihm innewohnenden langsamen Verfahren und Absurditäten: „Allein die Inhaftierung füttert den Rechtsanwalt durch. Kommt der Beschuldigte ohne Haft davon, geht der Anwalt wieder zurück auf ‚Los’ und zieht keine dreihundert Euro ein. Es lief demzufolge meinem eigenen Interesse zuwider, in der Akte irgendwelche Nichtigkeiten aufzuspüren und zu versuchen, ihm die Freiheit zu erhalten. Es lief meinen Interessen zuwider, meine Arbeit zu tun.“

Leibowitz, und das macht ihn sympathisch, ist ein in seinen Grenzen ehrliches Schlitzohr, das sich in „Der Lumpenadvokat“ mit einem Haufen Betrüger herumschlagen muss, die sich und ihn gegenseitig übers Ohr hauen wollen.  Dass dabei das französische Justizsystem nicht besonders gut wegkommt, trübt das Vergnügen an diesem schwarzhumorigen Debütkrimi nicht.

In Frankreich ist bereits ein weiterer Leibowitz-Krimi erschienen.

 

Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat

(Übersetzt von Stefan Linster)

Unionsverlag, 2007

160 Seiten

12,90 Euro

 

 

Originalausgabe:

Commis d’office

Éditions Métailié, Paris, 2004

 

Weitere Informationen über Hannelore Cayre beim Unionsverlag

One Response to Ein sympathischer Winkeladvokat

  1. […] Meine Besprechung von Hannelore Cayres “Der Lumpenadvokat” […]

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