Gute Idee, schlechte Ausführung

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1977 erhielt James Patterson für sein Debüt „The Thomas Berryman Number“ (Die Toten aber wissen gar nichts) einen Edgar. Seinen Durchbruch hatte er in den Neunzigern mit der auch verfilmten Alex-Cross-Reihe. Inzwischen gehört er zu den Autoren, die fast jeden Monat ein Buch veröffentlichen. Viele Bücher schreibt er zusammen mit anderen Autoren. In den USA stehen, im Gegensatz zu Deutschland, beide Namen auf dem Cover und sein Name steht ständig in den Bestsellerlisten. Er gehört, für England wurden kürzlich die Zahlen veröffentlicht, aber in den USA und Deutschland dürfte es ähnlich aussehen, zu den meistverkauften und ausgeliehenen Autoren.

Deshalb wollte ich jetzt herausfinden, warum James Patterson so populär ist und, direkt damit verbunden, warum sein Name das Markenzeichen für eine bestimmte Art von Spannungsromanen ist. Das Einzelwerk „Im Affekt“ (The Quickie, 2007) schien mir ein guter Startpunkt zu sein. Denn die Grundidee klingt vielversprechend.

NYPD-Detective Lauren Stillwell beobachtet während der Mittagspause ihren Mann Paul mit einer fremden Frau ein Hotel betreten. Als sie ihn abends nach seiner Mittagspause befragt, belügt er sie. Sie beschließt ihren Mann mit dem gutaussehenden Kollegen Scott Thayer zu betrügen. Nach dem Sex in seiner Wohnung beobachtet sie, wie Scott auf offener Straße zusammengeschlagen wird. Von ihrem Ehemann.

Kurz darauf steht sie vor Scott Thayers Leiche. Sie soll, schließlich ist sie die beste Ermittlerin im Dezernat, die Ermittlungen leiten.  Um ihren Mann zu beschützen, riskiert sie ihre Karriere. Sie legt falsche Spuren, manipuliert Beweise und lässt Beweise verschwinden. Das gelingt ihr so gut, dass sie ungefähr in der Buchmitte ihrem Chef einen allgemein akzeptierten und toten Polizistenmörder präsentieren kann.

Doch so einfach lässt sich ein Mord nicht aus der Welt schaffen. Die Gangsterfreunde des falschen Polizistenmörders wollen Gerechtigkeit und sie muss unangenehme Tatsachen über Scott Thayer und ihren Ehemann Paul erfahren. Denn beide sind nicht so edel, wie sie geglaubt hat.

„Im Affekt“ könnte ein Noir mit starken Thrillerelementen sein. Aber James Patterson und Michael Ledwidge verlieren sich vor allem in der zweiten Hälfte in zahllose, kaum miteinander zusammenhängende Episoden, die immer zufälliger wirken und die Charaktere immer wieder entgegen ihrer Persönlichkeit handeln lassen. Außerdem ist „Im Affekt“ kein harter Thriller, sondern ein geschwätziger Romantic-Thriller, mit einer Ich-Erzählerin, die vor allem als durchaus patent-liebenswerte Frau an sich und ihrem Leben zweifelt. Sie agiert oft nicht wie ein guter Detective der New Yorker Polizei, sondern wie eine Hausfrau. So versucht sie nichts über die Affäre ihres Mannes (den sie immer noch wie am ersten Tag liebt) herauszufinden, sondern stürzt sich gleich in eine Affäre mit einem Kollegen. Nachdem sie beobachtet hat, wie ihr Mann ihren One-Night-Stand umbrachte, beginnt sie sofort Spuren zu vernichten und bringt so ihre Karriere in Gefahr. Dabei versucht sie überhaupt nicht herauszufinden, wie ihr Mann etwas von ihrer Affäre erfahren hat. Die erfahrene Polizistin und ehemalige Jurastudentin denkt auch nicht daran, dass mit einem guten Anwalt die schlimmsten Folgen für ihren Mann abgewendet werden könnten. Undsoweiter. Undsofort.

Das klingt jetzt genau nach dem langweilig-unlogischen Desaster, das keinem echten Krimifan gefallen kann.

Aber einige Punkte können den Erfolg von „Im Affekt“ und, damit verbunden, den der anderen Werken von James Patterson erklären. Die Prämisse ist stark. Man will wissen, ob Lauren Stillwell ihre Karriere und ihre Ehe retten kann. Man verspricht sich eine aufregende Lektüre.

Die Kapitel sind kurz. Meistens zwei bis drei, selten mehr, Seiten. Oft wird eine Szene, wie die erste Besichtigung des Tatortes, in mehrere Kapitel unterteilt. Diese kurzen Kapitel, die vielen Absätze und Dialoge suggerieren ein hohes Erzähltempo. Beim Lesen werden die Seiten – die Originalausgabe ist noch großzügiger als die deutsche Ausgabe gelayoutet – in einem atemberaubenden Tempo umgeblättert.

Vor allem in der zweiten Hälfte treiben Patterson und Ledwidge die Geschichte in kurzen Episoden, die vorherige Gewissheiten immer wieder in Frage stellen, voran. Diese dramaturgisch gut aufgebauten Episoden sind nicht besonders lang. Sie können immer wieder zwischendurch, zum Beispiel in der U-Bahn, auf der Toilette, während des Kochens, gelesen werden. So nach der Methode: Pizza in den Backofen geschoben, zwei Kapitel gelesen, Pizza fertig. Dass dabei die Ich-Erzählerin immer wieder widersprüchlich handelt, kann zwischen der Hin- und Heimfahrt in der U-Bahn vergessen werden.

Letztendlich ist „Im Affekt“ eskapistisches Thriller-Fastfood, das vertraute Handlungsmuster teilweise geschickt und mainstreamkompatibel ausfüllt. Es gibt den anspruchslosen Lesern etwas Spannung, etwas Gefühl, etwas Sex und lenkt von den alltäglichen Problemen ab.

 

Anmerkung: Das Titelbild hat nichts mit dem der Geschichte zu tun. „Im Affekt“ spielt in New York.

 

James Patterson/Michael Ledwidge: Im Affekt

(übersetzt von Helmut Splinter)

Goldmann, 2008

336 Seiten

8,95 Euro

 

Original
The Quickie

Little, Brown and Company, New York, 2007

 

Hinweise

Homepage von James Patterson

The Rap Sheet über James Patterson

Fantastic Fiction über James Patterson 

James Patterson auf der Krimi-Couch

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