KrimiWelt-Bestenliste Juni 2008

Mai 31, 2008

Was gibt’s am letzten Wochenende im Monat? – Richtig, die Bestenliste der KrimiWelt. Für den Juni haben die Kritiker diese internationale Liste erstellt:

1 (-) Matti Rönkä: Bruderland

2 (1) Robert Littell: Die Söhne Abrahams

3 (-) Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse

4 (8 ) Matt Beynon Rees: Der Verräter von Bethlehem

5 (5) David Peace: 1983

6 (4) Lawrence Block: Verluste

7 (2) Lee Child: Sniper

8 (7) Marek Krajewski: Festung Breslau

9 (-) Magdalen Nabb: Vita Nuova

10 (10) Stuart MacBride: Der erste Tropfen Blut

Allan Guthrie ist ein Wiedereinstieg; in der Klammer ist immer die Platzierung vom Vormonat.

Der Stuart MacBride liegt immer noch ungelesen bei mir herum. Andere Bücher, wie der neue John Harvey „Schlaf nicht zu lange“ (empfehlenswert) oder Sebastian Faulks Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (erster Eindruck: naja bis mau; nach einem guten Anfang wird’s zunehmend zäh), waren wichtiger.

Den Littell finde ich etwas überbewertet. Beim Rönkä reißt es letztendlich die Sprache heraus. Child und Block liefern die gewohnte Qualität. Peace schließt sein Red Riding Quartet gewohnt brachial ab. Guthrie ist eine spannende neue Stimme für die Freunde des Gangsterromans. Wenn Sie Ted Lewis mögen, sollten sie unbedingt Guthrie anlesen.

Meine Besprechung der hier erwähnten Bücher von Lawrence Block und Allan Guthrie gibt es demnächst in der Juni-Spurensuche bei den Alligatorpapieren.

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TV-Tipp für den 31. Mai

Mai 31, 2008

Das Vierte, 20.15

Der Anderson-Clan (USA 1970, R.: Sidney Lumet)

Drehbuch: Frank Pierson

LV: Lawrence Sanders: The Anderson Tapes, 1970 (Die Anderson-Bänder)

Einbruchspezialist Duke Anderson, gerade frisch aus dem Knast entlassen, plant seinen letzten großen Coup. Aber er und seine Kumpels werden pausenlos überwacht.

In seinem auf Tatsachen beruhenden Kassenknüller zeichnet Lumet ein düsteres Bild einer totalen Überwachung der Gesellschaft. Weil die verschiedenen staatlichen Stellen, die das Gebäude überwachen, keinen Kontakt zueinander haben und jeweils eigene Interessen verfolgen, können sie mit den belauschten Gesprächen nichts anfangen.

Mit Sean Connery, Dyan Cannon, Martin Balsam, Ralph Meeker, Christopher Walken, Val Avery

Hinweise

Thrilling Detective über Lawrence Sanders

New York Times: Nachruf auf Lawrence Sanders


Film Noir Collection 2: Spiel mit dem Tode

Mai 30, 2008

George Stroud (Ray Milland) sitzt gewaltig in der Patsche. Er wird in einem riesigen, leeren Bürohaus von den Wachleuten gesucht. Dabei war er vor 36 Stunden noch ein glücklich verheirateter Mann, der in wenigen Stunden in die verspäteten Flitterwochen aufbrechen wollte, und der Leiter des respektierten Magazins „Crimeways“. Sein Chef, der Zeitungsmogul Earl Janoth (Charles Laughton), schätzt ihn als Mitarbeiter, der sein Geld wert ist. Gerade hat er wieder einen flüchtigen Verbrecher ausfindig gemacht und so die Grundlage für massive Verkaufszuwächse der nächsten Ausgaben von „Crimeways“ geschaffen. Janoth möchte, dass Stroud sich weiter um die Berichte über den gefundenen Verbrecher kümmert. Aber Stroud lehnt ab. Er hat seiner Frau Georgette (Maureen O’Sullivan) die Reise versprochen. Der Konflikt zwischen Janoth und Stroud eskaliert – und Stroud kündigt.

Am Abend betrinkt er sich in einer Bar und gerät mit der schönen Blondine Pauline York (Rita Johnson) ins Gespräch. Sie betrinken sich, ziehen durch die Kneipen und landen schließlich in ihrer Wohnung. Als Stroud sie am nächsten Tag verlässt, um zu seiner Frau zu gehen, bewegt sich der Fahrstuhl nach oben. Stroud geht zur Treppe und beobachtet, wie sein ehemaliger Chef Earl Janoth den Fahrstuhl verlässt und Paulines Apartment betritt.

Stroud fährt zu seiner Frau in die Flitterwochen. Währenddessen bringt Janoth in einem Anfall von Eifersucht seine Geliebte um und beichtet seinem Assistenten Steve Hagen (George Macready) die Tat und dass er beim Betreten des Apartments von einem Nebenbuhler beobachtet wurde. Hagen, der in Janoths Imperium weiter aufsteigen will, schlägt vor, George Stroud aus den Flitterwochen zurückzuholen und mit der Jagd nach dem Unbekannten zu beauftragen.

Stroud ist einverstanden – und beginnt, während er versucht den Mörder zu überführen, sich selbst zu jagen.

Von Kenneth Fearing ist die Idee, des Unschuldigen, der sich selbst jagt. Jonathan Latimer, selbst ein erfolgreicher Noir-Autor, verarbeitete Fearings Roman „The Big Clock“ zu einem Noir-Klassiker, der in den hellen Gängen und Büros eines riesigen Pressehauses spielt, und 1949 für den Edgar als bester Kriminalfilm des Jahres nominiert war. „Kennwort 777“ erhielt den Preis.

Latimer hatte in Hollywood als Drehbuchautor fast vierzig Jahren lang mehr Erfolg als die ungleich bekannteren Hardboiled-Autoren Dashiell Hammett und Raymond Chandler. Er schrieb die Bücher zur Hammett-Verfilmung „Der gläserne Schlüssel“ (mit Alan Ladd und Veronika Lake), der Cornell-Woolrich-Verfilmung „Die Nacht hat tausend Augen“ (mit Edward G. Robinson), der David-Dodge-Verfilmung „Das geheimnisvolle Testament“ (mit Glenn Ford, bei beiden führte John Farrow Regie), für zwanzig Perry-Mason-Folgen (mit Raymond Burr) und, als letzte Arbeit, für den Columbo-Krimi „Die Blumen des Bösen“ (mit Ray Milland). Auch „Spiel mit dem Tode“ lebt von dem durchdachten Drehbuch, das den guten Schauspielern die Möglichkeit für große Auftritte gibt und Regisseur John Farrow unterstützt das mit seiner fast schwerelosen Kameraführung. Immer wieder gleitet sie, als ob es keine Wände gäbe, von einem Raum in den nächsten. So ist Laughtons erster Auftritt eine eindrückliche Demonstration seiner Macht. Er kommt später zu einer Besprechung seiner Chefredakteure, staucht sie wie kleine Kinder zusammen, lässt sich von vorne bis hinten bedienen und die Kamera verfolgt ihn mit dem gleichen bewundernd-demütigenden Blick, den auch die am Tisch sitzenden Journalisten haben. Sowieso ist Charles Laughton als geckenhafter, über scheinbar unbegrenzte Macht und eine unbegrenzte Armee williger Angestellter verfügender Zeitungsmogul, der immer die träge Freundlichkeit einer Kobra kurz vorm Zubeißen ausstrahlt, ein grandioser Bösewicht (Dagegen ist Gene Hackman im Remake „No way out – Es gibt kein zurück“ als verbrecherischer Verteidigungsminister zwar formal mächtiger, aber weniger furchteinflößend.).

Ray Milland als brav-bürgerlicher Journalist, der zwischen Beruf und Familie, zwischen Schuld (immerhin hat er seine fünfte Hochzeitsnacht bei einer anderen Frau verbracht) und Unschuld immer verzweifelter versucht, seine Unschuld zu beweisen und den wahren Mörder zu überführen, ist dagegen der Jedermann, der nach einem kleinen Schritt vom Pfad der Tugend immer tiefer in den Schlamassel gerät. Denn je besser er seine Arbeit macht und den unerwünschten Zeugen sucht (der dann der Justiz als Mörder präsentiert werden soll), umso mehr bringt er sein eigenes Leben in Gefahr.

Zwischen diesen beiden Männern stehen eine Armada von Vorzimmerdamen, eifrigen Journalisten und Lakaien, wie Steve Hagen. In dieser durchkapitalisierten Männerwelt hat Maureen O’Sullivan als brave Ehefrau nur die Rolle des schmückenden Beiwerks. Die Staatsmacht taucht hier nur noch als Witzfigur, gespielt von einem Schauspieler, auf.

Spiel mit dem Tode (The Big Clock, USA 1947)

Regie: John Farrow

Drehbuch: Jonathan Latimer

LV: Kenneth Fearing: The big clock, 1945

Mit Ray Milland, Charles Laughton, Maureen O’Sullivan, George Macready, Rita Johnson, Elsa Lanchester, Harold Vermilyea

Koch Media – Film Noir 2 (90 Minuten, Deutsch/Englisch, Untertitel. Englisch)

DVD-Bonus: Bildergalerie, Original Kinotrailer, 12-seitiges Booklet, alte und neue deutsche Synchronisation

Hinweise

Noir of the Week über „The Big Clock“

Modern American Poetry: Kenneth Fearing

Mystery File: John Fraser über Jonathan Latimer

Thrilling Detective über Jonathan Latimer

Kirjasto über Jonathan Latimer

Krimi-Couch über Jonathan Latimer

Mordlust über Jonathan Latimer


TV-Tipp für den 30. Mai

Mai 30, 2008

Arte, 21.00

Das Gelübde (D 2007, R.: Dominik Graf)

Drehbuch: Markus Busch, Dominik Graf

LV: Kai Meyer: Das Gelübde, 1998

Dülmen, 1818: der frisch bekehrte Clemens Brentano protokolliert die Visionen der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick und fragt sich, ob es den Teufel wirklich gibt.

Ein Historiendrama, das unter den Händen von Dominik Graf nicht schlecht sein kann.

Mit Misel Maticevic, Tanja Schleiff, Anke Sevenich, Maren Eggert, Johann von Bülow

Wiederholung: Mittwoch, 4. Juni, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Arte zum Film (mit Interview und Pressemappe)

Homepage von Kai Meyer

Phantastik-Couch redet mit Kai Meyer


TV-Krimi-Buch-Tipps online

Mai 29, 2008

Wegen Urlaubs (Alligator-Alfred erholte sich unter südlichen Olivenhainen) erscheinen die TV-Krimi-Buch-Tipps erst heute in der schönen Version. Die Kriminalakte liefert nur den groben Überblick:

Willkommen zu zwei Wochen delikat angerichteter Leichen und weiterer Straftaten. Besonders empfehlenswerte Deliktvarianten finden Sie im ersten Trimmel-Tatort „Taxi nach Leipzig“ (nach dem unlängst wieder veröffentlichten Roman von Friedhlem Werremeier), José Giovannis „Endstation Schafott“, Jules Dassins Eric-Ambler-Verfilmung „Topkapi“, Robert Rodriguez Frank-Miller-Verfilmung „Sin City“, Alfred Hitchcocks Frederick-Knott-Verfilmung „Bei Anruf Mord“ und seiner Patrick-Hamilton-Verfilmung „Cocktail für eine Leiche“ (oder Warum Theater nicht langweilig ist.), Alan Parkers William-Hjortsberg-Verfilmung „Angel Heart“, Jacques Tourneurs Richard-Matheson-Verfilmung „Ruhe sanft GmbH“, Sidney Lumets Lawrence-Sanders-Verfilmung „Der Anderson-Clan“, Steven Spielbergs Frank-Abagnale-Verfilmung „Catch me if you can“, Sam Peckinpahs Jim-Thompson-Verfilmung „Getaway“ (nach dem Drehbuch von Walter Hill), Walter Hills John-Godey-Verfilmung „Johnny Handsome“, Claude Pinoteaus Francis-Ryck-Verfilmung „Ich – Die Nummer eins“ und Don Coscarellis Joe-R.-Lansdale-Verfilmung „Bubba Ho-Tep“ gibt sich wieder die Ehre.
Andreas Kleinerts Christine-Grän-Verfilmung „Hurenkinder“ feiert endlich seine TV-Premiere.


Neu im Kino: Remakes, oh Remakes!!!

Mai 29, 2008

Eins davon können wir mit gutem Gewissen unter Krimi verbuchen, die zwei anderen nicht (einmal Horror, einmal Geschlechterkampf), aber es passt so schön zusammen.

Funny Games U. S. (USA 2007, R.: Michael Haneke)

Drehbuch: Michael Haneke

Michael Haneke macht ein eins-zu-eins-Remake von seinem 1997er Film. Das verschafft ihm sicher in den USA einige Zuschauer, aber für die Kenner des Originals stellt sich die Frage, warum sie sich Naomi Watts und Tim Roth statt Susanne Lothar und Ulrich Mühe ansehen sollen. Und Haneke liefert auch keinen Grund: „Habe ich es zu aktualisieren? Eigentlich nicht. Die Aktualität ist innerhalb dieser zehn Jahre gewachsen, und inhaltlich fiel mir nichts Neues dazu ein.“

Mit Naomi Watts, Tim Roth, Michael Pitt, Brady Corbet, Devon Gearhart

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Funny Games U. S.“

Tip: Interview mit Michael Haneke (Oder „Das Remake eines Interviews“ – Extended Version ist angekündigt, aber derzeit ist nur der Promo-Cut vorhanden)

The Eye (USA 2008, R.: David Moreau, Xavier Palud)

Drehbuch: Sebastian Gutierrez

Ein weiteres US-Remake eines asiatischen Horrorfilms. Dieses Mal muss „Gin Gwai“ (China 2002) dran glauben. Jessica Alba spielt eine blinde Violinistin, die mit ihren neuen Augen plötzlich Geister sieht. Dass das nicht gut enden wird, erfordert keine hellseherischen Fähigkeiten.

Mit Jessica Alba, Parker Posey

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Eye“

Interview (USA/NL 2007, R.: Steve Buscemi)

Drehbuch: Steve Buscemi, David Schechter

Remake Nummer 3: 2003 kreuzten Pierre Bokma und Katja Schuurman in Theo van Goghs (er wurde 2004 von islamischen Extremisten ermordet) Film „Interview“ die Klingen. Jetzt fetzen sich Steve Buscemi und Sienna Miller als abgefuckter Reporter und dumme Soapblondine. Natürlich ist sie nicht so dumm und gefühllos, wie der Journalist glaubt – und dieses Remake (natürlich im Wesentlichen ein Zwei-Personen-Theaterstück) scheint wirklich auch für die, die das Original kennen, einen Blick wert zu sein.

Mit Steve Buscemi, Sienna Miller

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Interview“


Besprechung „Endstation Kabul“ online

Mai 29, 2008

In der Berliner Literaturkritik erschien meine Besprechung von Achim Wohlgethans „Endstation Kabul – Als deutscher Soldat in Afghanistan“. Wie die Überschrift „Endstation Langeweile“ verrät, hält sich meine Begeisterung für dieses Buch in sehr überschaubaren Grenzen.


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