Gut, aber zu lang

Neben der überaus erfolgreichen Lincoln Rhyme/Amelia Sachs-Reihe will Jeffery Deaver mit Kathryn Dance eine weitere Reihe etablieren. Dance trat bereits in dem Rhyme/Sachs-Roman „Der gehetzte Uhrmacher“ (The cold moon, 2006) auf und in „Die Menschenleserin“ haben Rhyme/Sachs einen kurzen telefonischen Auftritt.

Aber im Mittelpunkt steht Kathryn Dance vom California Bureau of Investigation. Die alleinerziehende Mutter (ihr Mann starb bei einem Unfall) ist Verhörspezialistin. Aus den Reaktionen der Verhörten folgert sie, welche Aussagen stimmen und welche nicht.

Jetzt soll sie im Bezirksgericht von Salinas Daniel Pell verhören. Pell wurde vor acht Jahren verurteilt. „Charlie Mansons Sohn“, so nannte ihn die Anklage, hatte mit seinen Jüngern eine Familie ermordet. Vor kurzem tauchten Beweise auf, die ihn mit einem weiteren Mord in Verbindung bringen. Dance soll herausfinden, ob Pell auch diesen Mord begangen hat. Schnell bringt sie Pell in Rage und er bricht das Verhör ab. Im Büro des leitenden Staatsanwalts von Monterey County bemerkt Dance, dass die Beweise gefälscht waren, damit Pell aus dem Hochsicherheitsgefängnis zu einem Verhör in das schlechter gesicherte Bezirksgefängnis gebracht wurde. Als Dance die anderen Polizisten über den geplanten Ausbruch informieren will, ist es bereits zu spät. Eine Bombe explodiert und Pell kann in dem anschließenden Chaos ausbrechen. Dabei bringt er drei Menschen um und verletzt einen weiteren Polizisten schwer. Sie sind nicht die letzten Opfer auf seiner Flucht.

Doch in Kathryn Dance hat Pell einen ebenbürtigen Gegner gefunden. Bereits am ersten Tag seiner Flucht kann er ihr, zusammen mit der in ihn verliebten Fluchthelferin, mehrmals nur knapp entkommen.

Im Folgenden bietet Jeffery Deaver einige Action-Szenen, viel Suspense und etliche Szenen, in denen die Verhörspezialistin Dance mit ihren Fähigkeiten brillieren kann, indem sie mit den ehemaligen weiblichen Opfern von Pell redet. Und natürlich sind die Hintergründe für Pells Ausbruch Deaver-typisch komplizierter als sie auf den ersten Blick scheinen.

Aber gerade im direkten Vergleich mit den in „Gezinkt“ (More twisted, 2006 – Besprechung folgt) versammelten Kurzgeschichten enttäuscht „Die Menschenleserin“. Während die Kurzgeschichten ohne große Erklärungen auf eine Schlusspointe zusteuern, verbringt Deaver in „Die Menschenleserin“ viel zu viel Zeit mit überflüssigen Erklärungen. So erklärt er auf fünf Zeilen, was „Waco“ ist. Bei über fünfhundert Seiten sind fünf Zeilen zwar nicht viel, aber jeder Amerikaner kennt Waco. Jedes Verhör von Dance wird mit langen Erklärungen über die verschiedenen kinesischen Signale verlängert. Vieles davon ist einfach überflüssig, wie diese Ausführungen: „Das Verb ‚glauben’ ist für Verhörspezialisten von großer Bedeutung, denn es zählt zu den charakteristischen Formulierungen für eine Verleugnung – wie ‚ich kann mich nicht erinnern’ oder ‚vermutlich nicht’. Seine Bedeutung: Ich winde mich, sage aber nicht einfach nein. Dance schloss daraus, dass das Paar die Kinder problemlos im Griff hatte.“

Bei diesen länglichen Erklärungen, die sich wie ein Copy&Paste aus einem Lehrbuch lesen, und dem Ende in mehreren Häppchen drängt sich der Eindruck auf, dass Deaver eine bestimmte Menge von Seiten schreiben wollte. Gerade gegen Ende, wenn die Flucht von Daniel Pell endet, ist der Roman noch lange nicht zu Ende. Stattdessen serviert Deaver noch einige Plottwists, die ohne große Mühe wirkungsvoller mit dem Ende von Pells Flucht aufgedeckt worden wären.

Deshalb ist „Die Menschenleserin“ nur ein weiterer zu lang geratener Thriller, der gekürzt zu einem besseren Buch geworden wäre.

Jeffery Deaver: Die Menschenleserin

(übersetzt von Thomas Haufschild)

Blanvalet, 2008

544 Seiten

19,95 Euro

Originaltitel

The sleeping doll

Simon & Schuster, Inc., New York, 2007

Hinweise
Homepage von Jeffery Deaver

Blanvalet Homepage über Jeffery Deaver

Amazon.com: Interview mit Jeffery Deaver zu “The sleeping doll”

Meine Besprechung von “Auf ewig” (Forever, 2005)

Werbeanzeigen

7 Responses to Gut, aber zu lang

  1. […] Meine Besprechung von „Die Menschenleserin“ (The sleeping doll, 2007) […]

  2. Somehow i missed the point. Probably lost in translation 🙂 Anyway … nice blog to visit.

    cheers, Councilperson

  3. […] Meine Besprechung von “Die Menschenleserin” (The sleeping doll, 2007) […]

  4. […] Deaver: Der gehetzte Uhrmacher (Taschenbuch-Ausgabe – Verhörspezialistin Kathryn Dance, die mit „Die Menschenleserin“ ihre eigene Serie erhielt, trat erstmals in diesem Lincoln-Rhyme-Amelia-Sachs-Roman auf. Gemeinsam […]

  5. […] Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Die Menschenleserin“ (The sleeping doll, 2007) […]

  6. […] Jeffery Deaver: Die Menschenleserin (Taschenbuch-Ausgabe) […]

  7. […] Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Die Menschenleserin“ (The sleeping doll, 2007) […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: