Peitsche, Degen, Kamm – und ein Kristallkopf

Fast zeitgleich mit James Bond kehrte ein zweiter Held der Popkultur, nachdem in Hollywood jahrelang Drehbücher geschrieben, verworfen, neu geschrieben und Harrison Ford sagte, wenn der Film nicht bald gedreht würde, wäre er zu alt, zurück. Nach „Jäger des verlorenen Schatzes“, „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ und „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ feierte „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ in Cannes Weltpremiere und kurz darauf startete der Film in den Kinos. Die Kritiken waren solala bis gut und das Einspielergebnis der ersten Wochen ist, wenig überraschend, überzeugend.

Neben dem Film rollte auch die bei Blockbustern fast normale Merchandising-Welle (besonders wenn der Film aus dem Hause George Lucas stammt) mit DVDs, CDs und Büchern los. Den Auftrag für das Buch zum Film erhielt der bekannte Thriller-Autor James Rollins.

Der Film…

Bevor ich mir „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ ansah, beging ich im Nachhinein einen großen Fehler. Ich sah mir wieder die ersten drei Indiana-Jones-Filme an. Ich war wieder begeistert von den Filmen. Die Story ist zwar immer nur eine Abfolge von Cliffhangern und Verfolgungsjagden (Indiana Jones gibt vor allem als Gejagter ein prächtiges Bild ab). Dieses Mal fiel mir bei den drei ersten Indiana-Jones-Filmen vor allem auf, wie genau und liebevoll das Team Lucas/Spielberg in ihren Hommagen die Welt der Serials rekonstruierte. Überrascht war ich teilweise, besonders bei „Jäger des verlorenen Schatzes“, von der Brutalität der Filme.

Entsprechend erwartungsvoll ging ich ins Kino – und erlitt einen vollgequasselten Actionfilm mit einem lahmen Mittelteil und nervigem Außerirdischengedöns.

Denn der neue Indiana-Jones-Film spielt 1957 (Was war 1957? Aliens, Aliens, Aliens, Atomtests in der Wüste, Rock’n’Roll, und Außerirdische.). Außerdem haben die Russen die Nazis in der Wirklichkeit und im Film als Bösewichte abgelöst. Aber auch sie wollen historische Artefakte mit denen sie die Welt beherrschen können haben. Ihr neuestes Ziel ist eine Gruppe von dreizehn Kristallschädeln, die, so sagt eine Legende, wenn sie zusammengebracht werden, überirdische Macht verleihen. Eine andere Legende sagt, dass vor Jahrhunderten ein Kristallschädel aus Akator, auch bekannt als El Dorado, gestohlen wurde und die Person, die den Schädel in den dortigen Tempel zurückbringt, die Kontrolle über seine Kräfte erhält.

Dr. Irina Spalko sucht für die Russen diese Kristallschädel. Sie hat bereits Indys alten Freund, Professor „Ox“ Oxley, der sein Leben der Suche nach Akator gewidmet und kürzlich einen Schädel gefunden hat, entführt und aus einem Militärlager in der Wüste von Nevada einen Kristallschädel entwendet. Zusammen mit Oxs Adoptivsohn Mutt Williams macht Indiana Jones sich auf den Weg in den südamerikanischen Dschungel.

Das klingt jetzt nach genug Story für einen Indiana-Jones-Film, der vor allem unterhaltsames Popcorn-Kino mit viel Action und flotten Sprüchen ist.

Doch schon der Anfang des Films ist lahm. Vor der ersten Action wird – im Gegensatz zu den anderen Filmen – minutenlang gequasselt. Auch später werden wir bis zum Gehtnichtmehr mit archäologischem Wissen gefüttert. In den ersten Indiana-Jones-Filmen erzählte das Team Lucas/Spielberg in diesen Szenen oft noch eine zweite Geschichte. Denken Sie nur an das vergiftete Essen im ersten Indiana-Jones-Film. Während Jones und ein Freund Archäologengespräche führten, essen sie. Wir wissen, dass die Früchte vergiftet sind und hoffen, dass Indiana Jones keine davon isst. Oder das Dinner in „Indiana Jones und der Tempel des Todes“. Während Indy mit den Gastgebern über irgendwelche untergegangenen Kulte redet, werden verschiedene Köstlichkeiten (Schlangen, Affenhirn, undsoweiter) aufgetischt. Sängerin Willie Scott arbeitet sich von einem Schreikrampf über den nächsten bis zur finalen Ohnmacht vor. Im Kino war von den Dialogen kein Wort mehr zu verstehen – und niemanden hat’s gestört.

Aber jetzt muss bei dem Gerede zugehört werden. Denn dieses Mal haben Lucas/Spielberg und ihr Drehbuchautor David Koepp in diesen Momenten Indiana Jones bevorzugt mit einer zweiten Person in einen Raum gesetzt. Das ist dann mehr TV als Kino.

Wenn dann irgendwann gekämpft wird, ist es teils schnell vorbei (Friedhof), oder die Computereffekte sind deutlich zu sehen (Urwald).

Die Witze sind, im Gegensatz zu den ersten drei Filmen, dialoglastig – und Indys jugendlicher Begleiter Mutt Williams hat die besseren Szenen. Während Indiana Jones nur einige halbgare Einzeiler zwischen „Fahr zur Hölle, Genosse“, „Halbtags“ und „Oh, das hat nichts Gutes zu bedeuten“ murmelt, hat Mutt Williams mehr gute Sprüche, etliche Actionszenen und einen echten Lacher, wenn ihm Dr. Spalko ihr Schwert an die Kehle hält, er sie um eine Sekunde bittet, sich die Haare kämmt und dann sagt: „Okay, jetzt können Sie weitermachen.“

Doch in den früheren Filmen gab es unter anderem den Schuss auf den Schwertkämpfer, die Flucht vor der Armada von Schwertkämpfern und den ein-Schuss-drei-Tote-Moment. Im Neuen ist kein ähnlich überraschender Moment enthalten.

Tiefpunkt der Peinlichkeiten ist die Szene, in der Indiana Jones und Marion Ravenhurst in einer Trockensandgrube versinken. Mutt holt eine riesige Erdnatter aus dem Dschungel und will die beiden mit der Schlange als Seil aus der Grube ziehen. Indiana Jones kann die Schlange (inzwischen scheint seine Abneigung gegen Schlangen einer schieren Panik vor Schlangen gewichen zu sein) erst anfassen, nachdem Mutt und Marion die Schlange „Seil“ nennen.

Wirklich gelungen ist in „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ nur die Ausstattung. Wurde in den ersten drei Filmen die Welt der Dreißiger und der Serials wiederbelebt, sind es jetzt die Fünfziger. Aber wer geht schon wegen der Ausstattung in einen Film?

… und das Buch zum Film

Als der bekannte Thrillerautor James Rollins gefragt wurde, ob er das Buch zum Film schreiben möchte, war dieses Desaster noch nicht abzusehen. Denn das Buch sollte zeitgleich mit dem Film veröffentlicht werden. Die meisten Buch-zum-Film-Autoren arbeiten deshalb mit einem Drehbuch, das nicht unbedingt eins-zu-eins verfilmt wird. Wenn sie Glück haben, erhalten sie auch weitere Informationen. James Rollins schreibt auf seiner Webseite, er habe zuerst sogar zum Lesen des Drehbuchs zu den Lucasfilm Studios fahren müssen. Später erhielt er, von seinem PC aus, Zugang zu exklusivem Material und die Erlaubnis, Szenen zu schreiben, die nicht im Film enthalten sind. Doch, und da endet die Freiheit jedes Buch-zum-Film-Autors, die Hauptgeschichte muss der des Films folgen.

Deshalb kann James Rollins nicht die Geschichte von „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ vorgeworfen werden. Ihm gelingt sogar das Kunststück, aus einem schlechten Film ein besseres Buch zu machen. Er verbindet die einzelnen Szenen des Films schlüssiger. Die peinlichsten Szenen des Films dampft er auf das nötigste ein. So lässt er in der eben erwähnten Szene mit der Schlange das Umbenennen der „Schlange“ in „Seil“ fallen. Rollins schreibt nur:

Marion und Mutt schrien ihn im Chor an: „JONES!“

Mutt sah, wie sich das Gesicht des Mannes vor Widerwillen verzerrte. Dann aber streckte Jones die Hand nach der braunen Erdnatter aus, schloss die Augen und wandte sein Gesicht ab.

Ähnlich ökonomisch geht Rollins vor, wenn Mutt sich später wie Tarzan durch den Dschungel schwingt:

Mutt packte eine nahe Ranke und zog einmal fest daran, um zu testen, ob sie sein Gewicht hielt. Zufrieden klemmte er sich das Schwert zwischen die Zähne, klammerte sich an der Ranke fest und stieß sich von dem Ast ab.

Er schwang hinter den Affen her durch die Luft, passte sich ihrem Tempo und Rhythmus an, bewegte sich von Ranke zu Ranke, folgte ihrem Weg.

Auch der Kristallschädel, der im Film immer brüllt „Ich bin ein Außerirdischer“, ist im Buch einfach nur ein Schädel, dem mythische Kräfte zugeschrieben werden. Allein schon diese kleinen Veränderungen machen die Geschichte glaubwürdiger.

Daneben verrät James Rollins auch mehr über die Gedanken und Gefühle der einzelnen Charaktere und erfüllt so die Comiccharaktere mit einem tieferen Leben, ohne sie zu sehr zu psychologisieren. Immerhin ist „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ ein Abenteuerthriller. Eine weitere kluge Entscheidung von James Rollins war, größere Teile seines Romas aus der Perspektive von Mutt Williams zu erzählen. Er übernimmt, wie Dr. Watson in den Sherlock-Holmes-Geschichten, die Rolle des den Helden letztendlich atemlos bewundernden Begleiters.

Wenn Sie also überlegen, wofür Sie ihre neun Euro ausgeben wollen, kaufen Sie das Buch – und danach vielleicht ein weiteres Buch von James Rollins.

James Rollins: Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels

(übersetzt von Andreas Kasprzak)

Blanvalet, 2008

384 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull

Del Rey/The Ballantine Publishing Group, 2008

Film

Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels (Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull, USA 2008 )

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: David Koepp (nach einer Geschichte von George Lucas und Jeff Nathanson, basierend auf einem Charakter von George Lucas und Philip Kaufman)

Mit Harrison Ford (Indiana Jones), Cate Blanchett (Irina Spalko), Karen Allen (Marion Ravenwood), Shia LaBeouf (Mutt Williams), Ray Winstone (‚Mac‘ George McHale), John Hurt (Professor ‚Ox‘ Oxley), Jim Broadbent (Dean Charles Stanforth), Igor Jijikine (Dovchenko)

Hinweise

Homepage von James Rollins

Amerikanische Homepage von Indiana Jones

Deutsche Homepage von Indiana Jones

11 Responses to Peitsche, Degen, Kamm – und ein Kristallkopf

  1. Darena sagt:

    Danke – für das Lesevergnügen! 😉

  2. Matthias sagt:

    Vielen Dank für die kritischen Töne zum Film, ich war genauso enttäuscht und ich hatte mir auch die drei Vorgänger genüsslich zuvor angeschaut. Für mich ist und bleibt Indy aus den Filmen 1-3, Nr. 4 verdränge ich.

  3. […] INDIANA JONES AND THE KINGDOM OF THE CRYSTAL SKULL (Indiana Jones und das Königreich des Kristallsc… […]

  4. […] Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull (Indiana Jones und das Königreich des Kristallsc… […]

  5. […] seinen Roman “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” hat James Rollins kürzlich den Scribe-Award gewonnen. In den USA promotet er derzeit seinen neuen Roman “The […]

  6. […] Buch zum Film: James Rollins: Indiana Jones and the kingdom of the skull, 2008 (Indiana Jones und das Königreich d… […]

  7. […] Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschäde… […]

  8. […] damaligen Hollywood-Wunderknaben George Lucas und Steven Spielberg zusammengetan. 2008 folgte mit „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ (Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull) eine rundum enttäuschende weitere […]

  9. […] Meine Besprechung des vierten Indiana-Jones-Films “Indiana Jones und das Königreich des Krist… […]

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