Harlan Coben begräbt eine gute Idee

In seinem neuesten Roman „Das Grab im Wald“ verarbeitet Harlan Coben viele bekannte Themen und bekannte Charaktere wie Chefermittlerin Loren Muse und Privatdetektivin Cingle Shaker treten auf. Auch die Ausgangslage ist Coben-klassisch.

Paul Copeland ist in New Jersey ein vom Schicksal gebeutelter Bezirksstaatsanwalt vor dem Sprung in die Politik. Vor zwanzig Jahren wurden Copelands Schwester und drei weitere Jugendliche in einem Wald bei einem Ferienlager von einem Serienkiller umgebracht. Seine Frau starb vor fünf Jahren und jetzt zieht er seine Tochter alleine groß. Gerade bereitet er sich auf seinen bislang größten Fall, eine Klage wegen Vergewaltigung gegen die reichen Söhne Barry Marantz und Edward Jenrette, vor.

Da bitten ihn die Detectives Tucker York und Don Dillon, sich die Leiche des in Manhattan ermordeten Manolo Santiago anzusehen. Copeland sagt der Name nichts. Als er die Leiche sieht, ist er fassungslos. Denn Santiago ist der vor zwanzig Jahren mit seiner Schwester Camille und zwei weiteren Alterskameraden im Wald ermordete Gil Perez. Copeland fragt sich, was damals wirklich vorgefallen ist, warum die Mutter von Gil Perez bei der Leichenschau lügt und ob seine Schwester, schließlich wurde auch ihre Leiche niemals gefunden, noch am Leben ist.

Das klingt nach einem klassischen Coben-Pageturner, von denen ich bereits einige abgefeiert habe. Auch in seinen anderen Einzelwerken wird ein ganz normaler Mensch (meistens ein Mann) mit Ereignissen konfrontiert, die sein bisheriges Leben als auf einer Lüge aufgebaut erscheinen lassen und er die Wahrheit herausfinden will. Aber im Gegensatz zu seinen anderen Werken ist Harlan Cobens neuer Thriller „Das Grab im Wald“ letztendlich nur ein Langweiler.

Denn während Harlan Coben in seinen vorherigen Romanen aus ähnlichen Prämissen spannende Thriller schuf, verkrätzt er hier bereits auf Seite 30 mit einem Bruch der Perspektive. Bis dahin erzählte Paul Copeland die Geschichte. Im zweiten Kapitel wechselt Coben in die dritte Person und beginnt einen sich gleichzeitig ereignenden Subplot mit der Uniprofessorin Lucy Gold, die herausfinden möchte, welcher ihrer Studenten einen Text über einen Geschlechtsverkehr in einem Ferienlager (Ja, Sie vermuten richtig.) geschrieben hat. Später, besonders gegen Ende, wechselt Coben immer häufiger die Erzählperspektive. Solche Perspektivenwechsel stören wahrscheinlich Autoren und Kritiker, die sich darüber seeehr lange unterhalten können, mehr, als die meisten Leser.

Aber außerdem funktioniert in „Das Grab im Wald“ der Wechsel zwischen Haupt- und Nebenplots, die bis zum Ende weitgehend unverbunden nebeneinander herlaufen, überhaupt nicht. Denn mit zunehmender Zahl der Seiten beginnt Coben neben dem Hauptplot (der zwanzig Jahre zurückliegende Mord und die vielleicht noch lebende Schwester) und dem Subplot (die Gerichtsverhandlung) einen weiteren Subplot, der auf den ersten Blick nichts mit den beiden anderen Plots zu tun hat. Jemand versucht die Existenz von Copeland zu vernichten. Schnell findet Copeland heraus, dass Edward Jenrettes Vater die große Detektei MVD beauftragt hat, über ihn und die anderen am Verfahren beteiligten Personen Dinge herauszufinden, mit denen Jenrette sie erpressen kann. So möchte er vor allem den politisch ambitionierten Copeland zur Aufgabe der Anklage bewegen. Und dann trifft Copeland wieder seine Jugendliebe.

Dazu kommen immer wieder Coben-untypische Szenen, die entweder den Protagonisten als Idioten erscheinen lassen (so muss Cingle Shaker ihm über mehrere Seiten erklären, wie Treuetesterinnen arbeiten) oder den Fortgang der Geschichte unnötig verzögern (gegen Ende des Buches muss Muse wegen einem frauenfeindlichen Wärter an einer Schranke warten).

Dass die Lösung letztendlich nur in ihrer Vorhersehbarkeit überrascht, hat dann fast schon wieder etwas.

Sagen wir es zum Abschluss noch einmal ganz deutlich: Gemessen an Cobens Standard ist „Das Grab im Wald“ ein Desaster.

Harlan Coben: Das Grab im Wald

(übersetzt von Gunnar Kwisinski)

Goldmann, 2008

480 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The Woods

Dutton, 2007

Hinweise

Homepage von Harlan Coben

Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

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3 Responses to Harlan Coben begräbt eine gute Idee

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