„Jonny Double“ – Der erste Streich von Azzarello/Risso

San-Fransisco-Privatdetektiv Jonny Double ist in den ersten Bildern der typische Hardboiled-Detektiv, der in einer verkommenen Welt, mal mehr, mal weniger erfolgreich den rettenden Ritter spielt. Auch wenn die Welt ihm dies nicht dankt. Denn der Bedarf an edlen Rittern ist heute noch geringer als zu Chandlers Zeiten. Double haust in einem Hotelzimmer, ist notorisch pleite, trinkfest und seine letzte Rasur liegt schon einige Tage zurück. Ebenso seine Tage bei der Polizei. Das war in den Sechzigern. „Damals“, so Double, „gab’s Gemeinschaftssinn, kapito? Einer für alle, und so.“

Diesen Gemeinschaftssinn gibt es heute nicht mehr. Und die Sonnenseite des Lebens hat Jonny Double auch seit Jahren nicht mehr gesehen. Bereits auf der ersten Seite der grandiosen Noir-Graphic-Novel „Jonny Double“ von Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso wird Doubles Klient Earl Keegan ermordet. Double konstatiert lakonisch, dass damit sein Honorar flöten ging und er geht schnurstracks in seine Stammkneipe ein Bier trinken. Kurz darauf erwartet ihn in seinem Bruchbuden-Zimmer der vermögende Mr. Hart, der ihn trotz fehlenden Büros gefunden und schlechter Manieren beauftragt seine Tochter Faith zu suchen. Inzwischen haben Genre-Fans sich gemütlich in Doubles Welt eingerichtet. Denn das alles gehört, wenn auch etwas weniger desillusioniert, seit Chandlers Tagen zum festen Mobiliar einer Hardboiled-Privatdetektivgeschichte. Auch dass Double Faith schnell findet und ihr helfen will, dürfte für Genre-Aficionados keine große Überraschung sein.

Schließlich taucht Faith mit ihren Freunden regelmäßig in Doubles Stammkneipe auf. Double hängt mit ihnen in Angels Loft ab. Er erzählt von seiner Zeit als Polizist in den Sechzigern und warum er kündigte. Angel erzählt ihm von ihren großen und vollkommen ungefährlichen Plan. Sie haben zufällig das Bankkonto von Al Capone gefunden und möchten es jetzt auflösen. Jonny Double soll für sie den Strohmann spielen. Double lehnt zuerst ab. Aber dann verliebt er sich in Faith, macht wider besseres Wissen mit und spätestens jetzt, am Ende des ersten von vier Kapiteln, verlässt das Team Azzarello/Risso die bekannten Pfade einer Privatdetektivgeschichte, in denen der Detektiv sich niemals an kriminellen Geschäften beteiligt.

Nachdem sie das Bankkonto aufgelöst haben, beginnt der alte Mafiosi Vic „Die Blutwurst“ Dalenozzo sie zu suchen. Sein geheimnisumwitterter Killer Tommy Shiver soll die Diebe auf Mafia-Art bestrafen. Als in Doubles Hotel ein Päckchen mit abgehackten Händen abgegeben wird, weiß Double, dass sie alle sterben sollen.

„Jonny Double“, die erste Zusammenarbeit des Teams Azzarello/Risso, ist der hübsch doppeldeutig-eindeutige Titel für eine schnell erzählte, wendungsreiche Hardboiled-Geschichte, in der letztendlich jeder mit gezinkten Karten spielt. Sie ist spannend, düster, schwarzhumorig und mit einer satten Portion Sex und Gewalt. Ein feines Teil.

Nach der Miniserie „Jonny Double“ schufen Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso die mit mehreren Eisner Awards ausgezeichnete Serie „100 Bullets“. Doch das ist eine andere Geschichte.

Brian Azzarello/Eduardo Risso: Jonny Double

(übersetzt von Christian Langhagen)

Cross Cult/Amigo Grafik, 2007

104 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

Jonny Double: Two Finger Discount

DC Comics, 2002

Erstausgabe als Einzelhefte “Jonny Double 1 – 4“, 1998

Hinweise

Cross Cult über „Jonny Double“

Homepage von Eduardo Risso

Standard Attrition: Blog von Brian Azzarello und anderen Vertigo-Künstlern

Comics Bulletin: Interview mit Brian Azzarello

Sequential Tart – A Comics Industry Web Zine: Interview mit Brian Azzarello (1999)

Thrilling Detective über Jonny Double

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3 Responses to „Jonny Double“ – Der erste Streich von Azzarello/Risso

  1. […] Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002) […]

  2. […] Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002) […]

  3. […] Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002) […]

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