Dreimal Hochspannung mit Ed Brubaker

In seiner Heimat ist Ed Brubaker bereits seit Jahren als einer der besten Comic-Autoren bekannt. Mehrere prestigeträchtige Eisner-Nominierungen und erhaltene Eisner-Preise sprechen eine deutliche Sprache. Inzwischen wollen die Hollywood-Größen Sam Raimi und Tom Cruise seine Graphic-Novel „Sleeper“ verfilmen.

In Deutschland kennen ihn, außerhalb der Hardcore-Comic-Szene, Unterabteilung Superhelden-Comics/Marvel-Universum, bislang nur wenige. Mit dem ersten „Criminal“-Band „Feigling“, in dem er zusammen mit Zeichner Sean Phillips eine Überfall-Geschichte erzählte, änderte sich das etwas. Mit dem zweiten „Criminal“-Band „Blutsbande“, dem ersten „Sleeper“-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ und „Point Blank“, dem eigenständigen Vorspiel zur „Sleeper“-Serie, die alle die Tage erschienen sind, müsste sich das grundlegend ändern. Denn alle drei Comic-Bücher erzählen schnelle, wendungsreiche Hardboiled-Geschichten, die einer alten Formel so viel neues Blut verpassen, dass sie frisch und neu sind, ohne ihre Ursprünge zu verraten.

Die Comics „Point Blank“ und „Sleeper“, beide erschienen 2003 bei Wildstorm/DC Comics, verknüpfen gekonnt gewalttätigen Noir mit etwas abgehalftertem Superhelden-Gedöns. Denn einerseits haben die wichtigen Charaktere, teilweise bekannt aus dem WildC.A.T.S.-Kosmos, nach genetischen Manipulationen (Gen-Faktor genannt) übermenschliche Fähigkeiten, andererseits können sie letztendlich nichts Richtiges damit anfangen. Die Superkräfte scheinen sogar eher eine Belastung zu sein.

Der Held von „Point Blank“ ist der abgebrannt in Kneipen herumhängende Ex-Elitesoldat Cole „Grifter“ Cash. Er gehörte zur supergeheimen von John Lynch geleiteten Regierungsorganisation International Operations.

Eines Tages bittet ihn sein alter Chef Lynch um Hilfe. Er braucht, um einen von ihm gemachten „Fehler“ zu korrigieren jemand, dem er vertrauen kann. Diese Korrektur bedeutet, dass sie auf der Suche nach einem Carver mehrere Menschen foltern und töten müssen.

Als Lynch bei einem Mordversuch lebensgefährlich verletzt wird, beginnt Cash den Täter zu suchen. Seine Spur führt ihn zum kriminellen Superhirn Tao, der eine geheime Superwesen-Organisation befehligt.

Zusammengefasst klingt „Point Blank“ (dass der Comic den gleichen Titel wie der erste Parker-Roman von Richard Stark hat, ist sicher kein Zufall) nach einer banalen Rachegeschichte. Aber Ed Brubaker erzählt die Geschichte mit zahlreichen Rückblenden, die sich organisch in die Geschichte einfügen und nur durch den wechselnden Zeichenstil von Colin Wilson auffallen. So spiegelt die Erzählweise auch den geistigen Zustand von Cash wieder. Gleichzeitig bewegt sich die Geschichte in dem vertrauten Noir-Kosmos, in dem ein Mann, der mit seinen eigenen Dämonen kämpft, sich für einen Mord (auch wenn Lynch dank seiner Superheldenkräfte nur im Koma liegt) verantwortlich fühlt. Als er am Ende Tao gegenübersteht, endet die Begegnung ganz anders, als er es sich in seinen schlimmsten Alpträumen ausmalen hätte können.

„Ich dachte mir: Es wäre doch interessant, einen Comic über jemanden zu machen, der vorgibt, jemand anderes zu sein, und dann nach und nach nicht mehr unterscheiden kann zwischen sich selbst und der Rolle, die er spielt.“

Ed Brubaker über „Sleeper“

Am Ende von „Point Blank“ findet Cash den von Lynch verzweifelt gesuchten Holden Carver, der von Lynch als Undercover-Agent in die Organisation von Tao eingeschleust wurde. Carver soll herausfinden, was Tao vorhat. Denn Lynch kann sich keinen Reim auf die Anschläge und Verbrechen von Tao machen. Carvers Einsatz ist so gefährlich und geheim, dass nur Lynch die Wahrheit kennt.

Nachdem in „Point Blank“ ein ziemlich verrückter Einzelkämpfer im Mittelpunkt stand und die Erzählung entsprechend fragmentiert war, ist „Das Schaf im Wolfspelz“ eine Übung in Selbstbeherrschung – und sich langsam auflösenden Grenzen. Entsprechend der ursprünglichen Erscheinungsweise als einzelne Comichefte hat der erste „Sleeper“-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ eine weitgehend episodische Struktur, die in sechs relativ klar getrennten Episoden vom Aufstieg Carvers in der Superwesen-Organisation von Tao und seiner entflammenden Liebe zu Miss Misery, der Vertrauten Taos, erzählt. Gleichzeitig versucht Holden, tief im Inneren, seine ursprüngliche Identität zu bewahren.

Denn Carver ist nach dem jahrelangen Undercover-Einsatz immer mehr zwischen den beiden Identitäten aufgerieben und besonders seitdem Lynch im Koma liegt, fragt er sich, wie er jemals wieder in sein altes Leben zurückkehren kann; – falls er das überhaupt will.

Der erste „Sleeper“-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ eröffnet fulminant die düstere Geschichte eines Undercover-Agenten, dessen Weg zurück in ein bürgerliches Leben ihm zunehmend versperrt ist. Brubaker/Phillips erzählten die Geschichte von Carver in den noch folgenden drei „Sleeper“-Bänden weiter. Sie etablierten sich in der Comicszene mit dieser Serie als ein Team für düstere Hardboiled-Geschichten.

Dabei ist Carvers Geschichte von einem Undercover-Mann, der sich die Finger schmutzig machen muss und bei den Verbrechern immer mehr Freunde findet, keine neue Geschichte. Zahlreiche, teilweise auf wahren Begebenheiten beruhende, Kriminaldramen über die langen Undercover-Einsätze von Polizisten, die zunehmend zwischen ihren verschiedenen Loyalitäten zerrissen sind, und der fast zeitgleich entstandene Hongkong-Thriller „Infernal Affairs“ (der in den USA erst nach der Veröffentlichung von „Sleeper“ startete) erzählen in Teilen ähnliche Geschichten. Doch „Sleeper“ ist düsterer und gewalttätiger als die meisten anderen Geschichten. Brubaker verknüpft hier schamlos eine Noir-Geschichte, die irgendwo zwischen Gangster- und Spionagethriller schwankt, mit einer Superheldengeschichte, baut mehr Storytwists ein als bei „24“ und lässt auf kein gutes Ende hoffen.

„Point Blank“ und „Sleeper: Das Schaf im Wolfspelz“ haben in der deutschen Ausgabe mit den informativen Nachworten von Jochen Ecke auch ein lohnenswertes Bonus-Feature, das an die US-amerikanischen Heftausgaben von „Criminal“ erinnert. Dort gibt es, geschrieben von Brubaker und anderen Autoren, als Bonus zu den Comics Texte über die für die „Criminal“-Gesichte n wichtigen Noir-Einflüsse und, jüngst, ein Interview mit Hard-Case-Crime-Herausgeber Charles Ardai.

„One of my intentions with this series was to create a book that could handle any and every story I wanted to tell. The cast of the book is a loose-knit gang of crooks – a pickpocket, a hit-man, and a crooked cop, for starters – who each take center stage at different times. This way I can do a heist story, follow that with a revenge drama, and then a prison breakout, all while using the same characters. And as each story unfolds, the mysterious past that connects these characters is revealed, so readers can watch the puzzle of their twisted history being put together.“

Ed Brubaker über “Criminal”

Nach „Sleeper“ schrieb Ed Brubaker etliche Geschichten für bekannte Marvel-Charaktere, wie Captain America, Catwoman, Daredevil und X-Men, und erfand zusammen mit Greg Rucka die im Batman-Universum spielende Serie „Gotham Central“. 2006 widmete Brubaker sich dann, wieder zusammen mit Zeichner Sean Phillips, kompromisslos dem Noir und startete die gefeierte, im heutigen Amerika spielende „Criminal“-Serie. Letztes Jahr erhielt „Criminal“ den Eisner Award für Beste neue Serie und Ed Brubaker einen Eisner als Bester Autor des Jahres. Der erste Band „Feigling“, in dem die Geschichte eines misslungenen Überfalls erzählt wird, überzeugte restlos als sehr stilbewusste und eigenständige Genregeschichte. „Blutsbande“, der zweite „Criminal“-Band erzählt, nicht minder überzeugend, eine eiskalte Rachegeschichte.

Als Alternative zum Knast ging Tracy Lawless zum Militär, kämpfte in Bosnien, Afghanistan und dem Irak, verweigerte Befehle, wurde in ein Militärgefängnis eingesperrt und erfuhr erst ein Jahr nach dem Tod seines kleineren Bruders Broderick davon. Lawless kehrt, um den feige ermordeten Rick zu rächen, unter falschem Namen in seine alte Heimatstadt zurück, hängt in der Bar „The Undertow“ ab und beobachtet Rickys alte Bande. Als sie kurz vor einem neuen kriminellen Coup stehen, bringt er ihren Fahrer Davey um und bietet sich ihnen als neuer Fluchtwagenfahrer an. Als Fürsprecher benutzt er den in Untersuchungshaft sitzenden Fluchtwagenfahrer und Rickys besten Freund Leo Patterson (Genau, der „Feigling“ hat seine selbstmörderische Aktion am Ende des ersten Bandes überlebt.).

Tracy Lawless wird in der Bande aufgenommen und beginnt die Gangster gegeneinander auszuspielen. Denn er will wissen, wer von ihnen seinen Bruder ermordete.

Dank des geschickten Einsatzes von Rückblenden, ein von Brubaker gerne benutztes Stilmittel, wird genug von Tracy Lawless Vergangenheit bekannt, um ihn als tragischen Charakter, der immer seinen kleinen Bruder beschützen wollte, zu erkennen. Der auf den ersten Blick illusionslos-harte Lawless kann nämlich seiner Vergangenheit und den Verpflichtungen gegenüber der Familie, auch wenn alle Familienmitglieder tot sind, nicht entkommen. So ist das Ende von „Blutsbande“ für Tracy Lawless ähnlich bitter wie das Ende von „Feigling“ für Leo Patterson.

„Nur wenige Leute wissen, was eine gute Kriminal-Story ausmacht. Man denke nur an die alten Batman-Filme und so ziemlich jeden Versuch in Sachen Film Noir, seit das Kino farbig wurde: das Dunkle und das Schmutzige ist nur Fassade. Aber die innere Finsternis, die jede gute Kriminal-Story enthüllt und befreit, findet nie statt. Deine Geschichten sind haargenau richtig und wunderbar unerbittlich. Und das Beste: Sie nehmen sich ernst, und das mit erhobenen Haupt.“

Frank Miller (Sin City) über „Criminal“

Ed Brubaker/Colin Wilson: Point Blank

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2008

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Point Blank

Wildstorm, DC Comics 2003

(Erstausgabe in Einzelheften: Point Blank 1 – 5, 2002/2003)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2008

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Sleeper: Out in the Cold

Wildstorm, DC Comics 2004

(Erstausgabe in Einzelheften: Sleeper 1 – 6, 2003)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 2 – Blutsbande

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2008

128 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Criminal 2: Lawless

Marvel Comics, 2007

(Erstausgabe in Einzelheften: Criminal 6 – 10, 2007)

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Blog über „Criminal“

Meine Besprechung von „Criminal 1: Feigling“ (mit weiteren Hinweisen)

Der zweite „Sleeper“-Band „Die Schlinge zieht sich zu“ erscheint im November.

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3 Responses to Dreimal Hochspannung mit Ed Brubaker

  1. […] Nachtrag 1: Meine Besprechung von Sleeper. […]

  2. […] Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 2 – Blutsbande, 2008 (Criminal 2: Lawless, 2007) […]

  3. […] • Criminal, von Ed Brubaker und Sean Phillips […]

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