Zwei neue Autoren, zwei Frauen und drei Treffer

Die drei Metro-Romane „Das Meisterspiel“ von Hannelore Cayre, „Chamäleon Cacho“ von Raúl Argemí und „Ganz die Deine“ von Claudia Piñeiro sind mit 160, 160 und 192 Seiten kurz genug, um während einiger Metro-Fahrten gelesen zu werden. Sie können natürlich auch an einem anderen Ort genossen werden. Denn in jedem Fall lohnt sich die Lektüre.

Vergangenes Jahr eroberte Hannelore Cayre mit ihrem schnoddrigen Pariser Pflichtverteidiger Christophe Leibowitz im Sturm die Herzen der Leser. In „Der Lumpenadvokat“ ließ Leibowitz sich auf einen Gefangenenausbruch ein und landete im Knast. Den hat er am Anfang von „Das Meisterstück“ gerade hinter sich. Er hat einige Euro mehr auf seinem Bankkonto, ist schnell des müßigen Lebens überdrüssig und beginnt wieder zu arbeiten. Dieses Mal sogar in einem größeren Büro.

Er verteidigt Aziz Choukri. Aziz, einer der jüngeren Brüder der Kokainschieber und Verbrecherfamilie Choukri und passionierter Einbrecher in Nobelvillen mit einem jungfräulichen Strafregister, soll bei einem hohen Beamten des Finanzministeriums sieben wertvolle Bilder geklaut haben. Leibowitz fällt aus allen Wolken, als Aziz ihm sagt, die Bilder lägen noch im Versteck. Er veranlasst, dass die Gemälde zu einem anderen Versteck gebracht werden.

Sein zweiter Mandant ist der Mittsiebziger Marcel Lazare. Der Knaststammkunde verbüßt gerade eine fünfzehnjährige Haftstrafe. Er hat Darmkrebs im Endstadium und möchte seine letzten Tage in Freiheit genießen. Allerdings hält der Staatsanwalt ihn für einen Simulanten. Leibowitz erreicht die vorzeitige Entlassung von Lazare, befreundet sich mit ihm und bittet ihn später, als er von Aziz erfährt, dass die Bilder noch im Versteck sind, ihm zu helfen die sieben Bilder an einen sicheren Ort zu bringen. Da entdeckt Leibowitz ein achtes, ebenfalls von Aziz bei dem Beamten gestohlenes, Bild. Es wurde von Egon Schiele gemalt, ist in keinem der offiziellen Werkverzeichnisse und wurde nicht als gestohlen gemeldet. Es ist, wie er herausfindet, Beutekunst.

Leibowitz könnte jetzt zufrieden dem Lauf der Dinge folgen, wenn Aziz nicht seine Schwester, der wegen des Diebstahls eine Haftstrafe droht, beschützen möchte und Leibowitz deshalb die Bilder wieder in das Versteck zurückbringen müsste. Allerdings ist Lazare inzwischen mit den Gemälden verschwunden.

Und, schließlich ist auch Ärger im Dutzend billiger, glaubt die knallharte Steuerinspektorin Marie-France Rongier, dass Leibowitz in seiner Steuererklärung nicht alle seine Einkünfte angegeben hat.

Leibowitz steckt also wieder bis zum Hals im, teilweise selbstverschuldeten, Schlamassel.

Das ist mehr als genug Stoff für einige entspannte Stunden mit einem Rechtsanwalt, der wahrlich keine Zierde für seinen Berufsstand ist. Die sich über mehrere Monate erstreckende Geschichte in „Das Meisterstück“ ist trotz zweier sich gegenseitig beeinflussender Plots eher locker gestrickt und dient immer wieder als Aufhänger für die sarkastischen Bemerkungen von Ich-Erzähler Leibowitz über seinen Berufsstand, das Justizwesen und die Verbrechen der Reichen. Da werden dann notorische, aber altmodische Verbrecher wie Aziz und Lazare zu liebenswerten Gestalten. Außerdem erfreuen die kleinen Bosheiten, Winkelzüge und subtilen Beleidigungen während der verschiedenen Verfahren den stillen Beobachter.

Ebenfalls ziemlich tief im Schlamassel steckt in Raúl Argemís „Chamäleon Cacho“ der Journalist Manuel Carraspique. Während eines schweren Verkehrsunfalls starb sein Beifahrer. Er liegt vollgepumpt mit Betäubungsmitteln in einem Provinzkrankenhaus. Er fragt sich was vorher geschah, überlegt sich schon für die Polizei die geschönte Version und wittert im Nachbarbett die Geschichte seines Lebens. Dort liegt Márquez. Er soll auf einer abgelegenen Farm zuerst eine Teufelsaustreibung begangen, dann die Anwesenden getötet und sich selbst in Brand gesteckt haben. Jetzt liegt er mit schweren Brandwunden und ohne die Möglichkeit einer Identifizierung im Krankenhaus. Deshalb könnte er auch, wie ein Bundespolizist glaubt, ein gesuchter Drogenhändler sein. Die Krankenschwestern sind dagegen felsenfest davon überzeugt, dass der Mann mit den schweren Verbrennungen Marquez ist.

Carraspique beginnt Márquez auszuquetschen. Er soll ihm erzählen, was auf der Farm geschah. Doch Márquez erzählt ihm immer wieder von einem Mann namens Cacho, der nach seiner Zeit beim Militär eine bunte Karriere als skrupelloser Verbrecher hinter sich hat. Carraspique fragt sich, wer neben ihm liegt: ein abergläubisch-dummer Bauer, ein eiskalter Verbrecher oder einfach nur ein Märchenerzähler.

Raúl Argemis Noir lebt vor allem von der Frage, wer hier wen belügt und, damit verbunden, wie zuverlässig der unzuverlässige Erzähler Carraspique ist. Schließlich wird er ständig mit Sedativen ruhig gestellt, pendelt zwischen Wachsein und Traum, hat kein Zeitgefühl, kann die Krankenschwestern nicht auseinanderhalten und ist keineswegs ein Unschuldslamm.

„Bei ‚Chamäleon Cacho’ habe ich mich bewusst für einen kurzen Roman entschieden, um zu verhindern, dass der Leser das Buch aus der Hand legt oder nicht mehr fühlt, was da passiert. Der ‚Faustschlag’ dient letzlich dazu, den Leser zum Weiterdenken zu bewegen. Selbst ich denke noch viel über diesen Roman nach“, sagt Raúl Argemi über seinen kurzen Noir, der auch ein Fiebertraum ist.

Der auf den ersten Blick traditionellste Kriminalroman in dieser Kolumne ist Claudia Piñeiros Debütroman „Ganz die Deine“. Ich-Erzählerin Inés Pereyra ist die perfekte Ehefrau und Mutter. Sie managt den Haushalt mit soviel Verve, dass sie eigentlich ganz froh ist, sexuell von ihrem Mann Ernesto, der mit Beruf und Fortbildungen beschäftigt ist, nur selten belästigt zu werden. Schließlich gibt es dafür zur Not Konkubinen. Deshalb ist Inés auch nur mäßig beunruhigt von dem mit einem Lippenstift verzierten Zettelchen auf dem „Ich liebe dich – Die Deine“ steht. Sie ärgert sich vor allem über das mangelnde Feingefühl ihres Mannes, der den inkriminierenden Zettel in seinem Jackett vergaß, und beginnt ihn zu überwachen. Denn sicher ist sicher.

Als sie ihn eines Nachts in einen Park verfolgt, beobachtet sie ein Treffen von Ernesto mit seiner Geliebten, wie sie sich streiten, er sie von sich wegstößt und sie unglücklich fällt. Inés beschließt ihrem von dieser Situation hoffnungslos überforderten Mann heimlich zu helfen. Denn er versenkt zwar ohne ihre Hilfe die Leiche seiner Geliebten, die gleichzeitig seine Sekretärin war, in einem See. Aber ansonsten ist er furchtbar nachlässig im Verwischen seiner Spuren und die Tote hatte eine Nichte mit einem, aus Sicht von Inés, erschreckend großem Busen. Langsam, aber sicher, nehmen die Ereignisse ihren fatalen Lauf. Denn die eingestreuten Berichte der Polizei lassen keine Zweifel am Ende des Ehedramas aufkommen.

Claudia Piñeiros „Ganz die Deine“ ist ein kleiner, durchaus sarkastisch erzählter Krimi über eine argentinische Ehefrau, deren Versuche heimlich das Leben ihres untreuen Mannes zu beschützen zu einem tödlichen Eifersuchtsdrama führen. Dabei demontiert Piñeiro von der ersten Zeile an die heilig-heile Familie: der Vater geht heimlich fremd, die Mutter schafft heimlich Geld beiseite und die Tochter verheimlicht ihre Schwangerschaft und die geplante Abtreibung. Nur Inés glaubt noch an den nach Außen zu schützenden Schein der heilen Familie. Da ist es kein Wunder, dass ihr Versuch diese schon lange nicht mehr existierende Familie mit einigen Verbrechen zusammen zu halten, zum Scheitern verurteilt ist.

Alleinstehende können dieses Treiben besonders schadenfroh betrachten.

Hannelore Cayre: Das Meisterstück

(übersetzt von Rudolf Schmitt)

Unionsverlag, 2008

160 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Toiles de maitre

Èditions Métailié, Paris, 2005

Hinweise

Unionsverlag über Hannelore Cayre

Meine Besprechung von Hannelore Cayres “Der Lumpenadvokat”

Raúl Argemí: Chamäleon Cacho

(übersetzt von Susanna Mende)

Unionsverlag, 2008

160 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Penúltimo nombre de guerra

Algaida Editores, Sevilla, 2004

Hinweis

Unionsverlag über Raúl Argemí

Claudia Piñeiro: Ganz die Deine

(übersetzt von Peter Kultzen)

Unionsverlag, 2008

192 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Tuya

Ediciones Colihue, Buenos Aires 2003

Hinweis

Unionsverlag über Claudia Piñeiro

2 Responses to Zwei neue Autoren, zwei Frauen und drei Treffer

  1. […] (gefunden in “Chamäleon Cacho“) […]

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