Nicht so überzeugendes Debüt

Hier in Berlin ist das Romandebüt „Zwillingsspiel“ des Drehbuchautors und ehemaligen Journalisten Markus Stromiedel Stapelware. Das liegt sicher zu einem guten Teil an dem Ort der Handlung: nämlich Berlin. Das Thema – terroristische Anschläge in der Hauptstadt – ist auch interessant. Schließlich sollen nicht immer nur in Washington und New York Bomben explodieren. Aber eine terroristische Anschlagserie in Hintertupfingen wirkt auch nicht besonders glaubwürdig.

Bei einem Blick in das Buch fällt auf, dass es mit den vielen Kapiteln und Dialogen wie ein US-amerikanisches Buch aussieht. Die ersten Seiten bestätigen den Eindruck. Nach einem kurzen Prolog beginnt „Zwillingsspiel“ gleich mit einem Attentat, der Kommissar tritt auf und Stromiedel entwirft auf den ersten Seiten zügig die verschiedenen Handlungsstränge und präsentiert gelungen die wichtigen Charaktere. Neben Kommissar Paul Selig sind das seine als persönliche Referentin des Innenministers arbeitende Zwillingsschwester Lisa Westphal und der geschasste Politikberater und Quartalstrinker Alexander Kaskan.

Dennoch ist „Zwillingsspiel“ kein vollkommen überzeugendes Buch.

Das beginnt mit der gekünstelten Ausgangslage. Kommissar Paul Selig, die Lusche vom Dienst, soll die Ermittlungen in einem Bombenattentat am S-Bahnhof Savignyplatz leiten. Der Anschlag, bei dem sieben Menschen starben, ist der dritte Anschlag innerhalb von zwei Wochen. Selig wird, zu seinem Erstaunen, der Fall nicht sofort entzogen. Stattdessen soll er die Ermittlungen, als eigenverantwortlicher Zuarbeiter zur Sonderkommission, leiten.

Als er feststellt, dass der Dienstplan vor dem Anschlag so manipuliert wurde, dass der Kommissar mit der schlechtesten Aufklärungsrate den Fall erhält, packt ihn der Ehrgeiz, das Komplott in den eigenen Reihen aufzudecken.

Mit dieser unnötig vertrackten Ausgangslage macht Stromiedel es dem Leser unnötig schwer, in die Geschichte einzusteigen. Gleichzeitig ist es schon erstaunlich, wie mühelos Selig und seine Mitarbeiter das Komplott in den eigenen Reihen (immerhin vermutet er, dass ein Kollege in den Tod von sieben Menschen involviert ist) akzeptieren.

Noch merkwürdiger – oder einfach vollkommen unglaubwürdig ist, dass sich ganz Deutschland von den drei schweren Anschlägen innerhalb eines halben Monats auf die S-Bahnhöfe Alexanderplatz, Friedrichstraße und Savignyplatz in ihrem Alltagsleben überhaupt nicht stören lässt.

Stromiedel streift die zwei vorherigen Anschläge, die über siebzig Tote forderten, mit wenigen Worten. Auch den islamistischen Terrorismus streift er nur kurz. Und, immerhin lässt er seine Geschichte wenige Monate vor einer Bundestagswahl spielen, die Regierung legt in diesem Moment, milde beunruhigt von den sinkenden Umfragewerten, die Hände in den Schoß. Kein Aktionismus. Nichts. Der wirkliche Politikbetrieb wäre dagegen schon nach dem ersten Anschlag – wir erinnern uns an 9/11 und die umfassenden Gesetzespakete von Otto Schily, die Rasterfahndung nach islamistischen Terroristen, den Initiativen auf EU-Ebene zum Abbau der Bürgerrechte, der Folterdebatte – bereits Amok gelaufen und spätestens nach dem dritten Anschlag würden sie schon nicht mehr über die Anwendung der Notstandsgesetze nachdenken.

Dieses Verkennen der politischen Wirklichkeit findet seinen Höhepunkt in diesem Dialog, der drei Monate nach dem letzten Anschlag stattfindet:

„Das Beste“, fuhr Lisa fort, „was einem Kandidaten im Wahlkampf passieren kann, ist eine nationale Katastrophe. Deine Worte.“

Kaskan grinste. „Soll ich in der Eifel ein Erdbeben bestellen? Oder Liechtenstein den Krieg erklären?“

Lisa blieb ernst. „Wir haben längst eine nationale Katastrophe. Bei welchen Ereignissen sind erst kürzlich achtundsiebzig Menschen gestorben?“

Kaskan winkte ab. „Das ist längst kein Thema mehr. Die Bombenanschläge liegen Monate zurück.“

Ein weiteres Problem liegt in der Struktur der Geschichte. „Zwillingsspiel“ zerfällt in zwei etwa gleich lange Teile, die beide innerhalb weniger Tage, im Abstand von mehreren Monaten spielen. Durch diese Struktur liegt, auch wenn Stromiedel „Zwillingsspiel“ von Anfang an als Roman konzipierte, der Gedanke an einen TV-Zweiteiler nahe. Im ersten Teil stehen die Ermittlungen von Selig im Vordergrund. Sie enden mit dem Tod des mutmaßlichen Täters.

Der zweite Teil beginnt vierzehn Wochen nach diesen Ereignissen. Die gesamte Dynamik des ersten Teils ist weg. Stattdessen muss erst langwierig erzählt werden, was in den vergangenen Wochen geschah und Selig ein triftiger Grund für weitere Ermittlungen geliefert werden. Für alle, die ein Buch nicht in der Mitte beginnen, geschieht über viele Seiten nichts Weltbewegendes. Außerdem rücken jetzt, immerhin befinden wir uns in den letzten Tagen des Wahlkampfs, die politischen Ränkespiele in den Vordergrund. Selig wird zu einer Nebenfigur, die den Hintermann für den Anschlag am S-Bahnhof Savignyplatz sucht. Er vermutet, dass der Anschlag einer bestimmten, im Zug sitzenden Person galt. Gleichzeitig nimmt die Geschichte, wie Titel und Prolog andeuten, eine Wende ins Familiäre. Oh, und die für die beiden anderen Anschläge verantwortliche Terrorzelle wird von Stromiedel quasi nebenbei zwischen zwei U-Bahn-Stationen erledigt.

Der Mordplan ist dann elaboriert genug für die Freunde des abseitigen Rätselns und wirklichkeitsfremder Verschwörungsthriller. Denn der für den Anschlag auf dem S-Bahnhof Savignyplatz verantwortliche Hintermann musste in seinen Plan viele Menschen mehr oder weniger einweihen, dafür sorgen dass eine bestimmte Person zu einer bestimmten Zeit in einer S-Bahn sitzt, die dann bei der Einfahrt in den Bahnhof so zerstört wird, dass das Ziel auch wirklich tot ist. Dafür hat er zahlreiche andere Opfer billigend in Kauf genommen und gehofft, dass trotzt der umfassenden Ermittlungen, keine Spuren auf ihn deuten. Das ist ziemlich viel Vorbereitung und Beherrschen von vielen Unbekannten, wenn das gleiche Ziel auch mit einem popeligen Autounfall mit Fahrerflucht oder einem als Selbstmord getarnten Sturz aus hoher Höhe erreicht worden wäre.

Letztendlich liest sich „Zwillingsspiel“ wie das Buch zum Film für einen heftig umworbenen TV-Zweiteiler, bei dem bereits vor dem Dreh die Vision des Autors auf das vom Budget leistbare (so richtet die Bombe am S-Bahnhof Savignyplatz nur einen verhältnismäßig geringen Sachschaden an und die beiden vorherigen Anschlagsorte werden nicht besichtigt) und von den Gremien akzeptierte (siehe das Motiv für den dritten Anschlag und die positive Darstellung des Islam) zurechtgestutzt wurde. Dennoch ist „Zwillingsspiel“ gut genug geschrieben, um Markus Stromiedel eine zweite Chance zu geben. Aber dann bitte mit einer glaubwürdigeren Geschichte.

Markus Stromiedel: Zwillingsspiel

Knaur, 2008

432 Seiten

7,95 Euro

Hinweise

Homepage von Markus Stromiedel (Romanautor – schöne Seite)

Homepage von Markus Stromiedel (Drehbuchautor)

Markus Stromiedel im Knaur Killer Club: Das Phantom (Teil 5)

Markus Stromiedel im Knaur Krimi Podcast

Stichwort Drehbuch: Audiointerview mit Markus Stromiedel (Hörenswert)

Homepage zu „Zwillingsspiel“

2 Responses to Nicht so überzeugendes Debüt

  1. […] Sara Paretsky, Barry Eisler, Max Allan Collins und zu drei Filmen Markus Stromiedel (Zwillingsspiel) hat in der FAZ den Artikel “Wie das Fernsehen seine Autoren vernichtet” über seine […]

  2. […] Meine Besprechung von Markus Stromiedels „Zwillingsspiel“ […]

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