Harry Bosch auf Terroristenhatz

„It was nice to revisit the story and pace it the way I wanted to. I think the original story in the Times had a lot of velocity but I think it has more in what I call the final version. The second level of enjoyment I got out of this is that I got a chance to revisit a story about eight months after it was supposedly finished”, sagt Michael Connelly in einem “Q & A” in der US-amerikanischen Taschenbuch-Ausgabe von “The Overlook”. Diese Harry-Bosch-Geschichte erschien zuerst zwischen September 2006 und Januar 2007 als sechzehnteiliger Fortsetzungsroman im New York Times Magazin. Für die Buchausgabe überarbeitete und erweiterte Connelly den Roman. Trotzdem ist „The Overlook“ immer noch um ein gutes Drittel kürzer als ein normaler Harry-Bosch-Roman. Wahrscheinlich hat der Heyne Verlag deshalb „The Overlook“, als „Kalter Tod“, gleich als großzügig gelayoutetes Taschenbuch veröffentlicht. Als Bonusmaterial gibt es das bereits aus Connellys Reportageband „L. A. Crime Report“ bekannte Nachwort „Das schwarze Herz“ von Jochen Stremmel und das seitdem nicht überarbeitete Werkverzeichnis. Fehlen tut in der deutschen Ausgabe dagegen Connellys für seine Mailingliste geschriebene und in der US-amerikanischen Taschenbuch-Ausgabe abgedruckte Bonuskapitel.

Soviel zu den verschiedenen Versionen, die es bei diesem Werk locker mit dem Versionenwirrwarr bei einigen DVDs aufnehmen kann. Die Geschichte ist dagegen in allen Buchveröffentlichungen gleich geblieben.

Sie beginnt mit einem nächtlichen Anruf bei Harry Bosch. Sein Supervisor bei Homicide Special schickt ihn, nachdem der „Echo Park“-Fall (deutsche Ausgabe im Februar 2009) chaotisch endete und er die Abteilung für ungelöste, alte Mordfälle verlassen musste, zu seinem ersten Außeneinsatz in seiner neuen Dienststelle.

An einem Aussichtspunkt am Mulholland Drive wurde Dr. Stanley Kent erschossen aufgefunden. Noch bevor Bosch und sein neuer Partner Ignacio „Iggy“ Ferras mit ihren Ermittlungen beginnen können, taucht FBI-Agentin Rachel Walling auf. Denn Kent war Medizinphysiker und hatte Kontakt zu radioaktivem Material, das auch für Terroristen interessant ist.

In Kents Haus finden Bosch und Walling dessen Frau Alicia nackt und gefesselt auf dem Bett liegend. Sie sagt, dass zwei maskierte Männer sie überwältigten. Sie schickten ihrem Mann ein Bild von ihr und forderten ihn auf, Caesium zu stehlen. Kent stahl das Caesium aus der St.-Aggy-Krebsklinik und brachte es den Erpressern zum Aussichtspunkt am Mulholland Drive.

Nach dem Caesium-Diebstahl wird Kents Tod für das FBI nur noch als Teil einer terroristischen Bedrohung gesehen. Für Harry Bosch bleibt es hingegen in erster Linie ein Mordfall. Er ist überzeugt, dass er das verschwundene Caesium findet, wenn er die Mörder von Kent gefunden hat.

In „Kalter Tod“ muss Harry Bosch sich erstmals in einer langen Nacht mit dem Problem des internationalen Terrorismus auseinandersetzen. Innerhalb von zwölf Stunden klärt er den Mordfall auf. Neben den Mordermittlungen muss er dieses Mal an mehreren Fronten kämpfen. Das FBI will ihm den Fall hinterrücks aus den Händen nehmen. Captain Don Hadley, der überforderten Leiter der Heimatschutz-Abteilung des LAPD und intern Captain Done Badley genannt, will sich wieder einmal vor der Presse als erfolgreichen Kämpfer gegen die terroristische Gefahr inszenieren. Und Harry Boschs neuer Partner ist überhaupt nicht begeistert von Boschs ruppigem und einzelgängerischem Ermittlungsstil. Denn Bosch ist inzwischen in dem Alter angelangt, in dem er die Vorschriften noch lässiger ignoriert als früher.

„Kalter Tod“ ist, wie die vorherigen Harry-Bosch-Romane, ein spannender Polizeithriller. Der einzige wirklich erkennbare Unterschied ist die Länge. „Kalter Tod“ ist deutlich kürzer als die anderen Bosch-Romane von Michael Connelly. Damit kann er gut als Einstiegsdroge in die Welt von Harry Bosch funktionieren. Für die Michael-Connelly-Fans verkürzt „Kalter Tod“ nur das halbe Jahr bis zum Erscheinen der schon lange überfälligen deutschen Ausgabe von „Echo Park“.

Michael Connelly: Kalter Tod

(übersetzt von Sepp Leeb)

Heyne, 2008

336 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

The Overlook

Little, Brown and Company, 2007

Hinweise

Homepage von Michael Connelly

Meine Besprechung von Michael Connellys „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report“ (Crime Beat, 2004)

Eye on Books: Bill Thompson redet mit Michael Connelly über “The Overlook”

Michael Connelly redet über „The Overlook“ und “The Brass Verdict”

Bonusmaterial

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One Response to Harry Bosch auf Terroristenhatz

  1. […] Meine Besprechung von Michael Connellys “Kalter Tod” (The Overlook, 2007) […]

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