James Sallis besucht Deutschland

Oktober 31, 2008

Für „Driver“ erhielt James Sallis den Deutschen Krimipreis, war Jahressieger der KrimiWelt-Bestenliste, sammelte euphorische Kritiken und auch den Lesern gefiel der schmale Band über einen Stuntman und Fluchtwagenfahrer, der in eine böse Geschichte hineingerät und alle seine Prinzipien zur Disposition stellen muss.

Der vor wenigen Wochen erschienene Roman „Deine Augen hat der Tod“ erschien bereits 1999 in der kurzlebigen Dumont-Noir-Reihe und ist eine sperrige Mischung aus Agententhriller und Road-Movie. In ihm muss Ex-Agent David sein beschauliches Leben hinter sich lassen und einen Kameraden suchen, der mordend durch Amerika zieht.

Bei Dumont erschienen auch die ersten beiden Lew-Griffin-Romane „Die langbeinige Fliege“ (The Long-Legged Fly, 1992) und „Nachtfalter“ (Moth, 1993). Griffin ist Privatdetektiv, Professor, Dichter, Blues-Fan, Autor, Alkoholiker und Afroamerikaner. In New Orleans ist das keine erfolgversprechende Mischung. Nach sechs Bänden beendete Sallis die hochgelobte Lew-Griffin-Serie und startete 2003 eine inzwischen aus drei, noch nicht übersetzten, Bänden bestehende Serie mit John Turner. Auch er ist als Ex-Polizist, Ex-Betrüger, Ex-Therapeut und, ab dem zweiten Band, Deputy Sheriff in einer Kleinstadt in der Nähe von Memphis, Tennessee, ein vielschichtiger Charakter. Die Geschichten mit Griffin und Turner sind, im Gegensatz zu den Einzelwerken „Driver“ und „Deine Augen hat der Tod“, tief in den Südstaaten verwurzelt. Vergleiche mit James Lee Burke und seinem Helden Dave Robicheaux liegen nahe und sind auch gar nicht so verkehrt.

Bevor James Sallis unter die Krimiautoren ging, schrieb er mehrere Bücher über Jazzgitarristen, Biographien und Essays über Samuel R. Delany, Chester Himes, Jim Thompson und David Goodis, übersetzte Raymond Queneau und war, als Science-Fiction-Fan, in den Sechzigern Redakteur des avantgardistischen britischen Science-Fiction-Magains „New World“.

Musikalisch ausgedrückt sind die Einzelwerke von James Sallis Cool Jazz und die Serien Blues. Beide Male spielt er souverän mit bekannten Formen. Bei den Lesungen wird es daher literarischen Cool Jazz geben. Den Sallis-Blues wird Liebeskind in den nächsten Jahren veröffentlichen.

Die Tournee:

Sonntag, 2. November, 11:00 bis 13:00 Uhr
Katholische Akademie Schwerte

“Mord am Hellweg“

Bergerhofweg 24 – 58239 Schwerte

Moderation: Ekkehard Knörer

Eintritt: VVK 7/5 €; TK 10/8 €

Karten: Ruhrtal-Buchhandlung 02304 / 18 0 40

Montag, 3. November, 20:00 Uhr

Stage Club in der Neuen Flora

„Krimifestival Hamburg“

Stresemannstraße 163 – 22769 Hamburg

Moderation: Denis Scheck

Deutsche Textlesung: Mechthild Großmann

Eintritt: 10 €

Karten: Buchhandlung Heymann 480 93-0 / Abendblatt-Ticket-Hotline 30 30 98 98

Dienstag, 4. November, 20:00 Uhr
Literaturhaus Stuttgart

Breitscheidstraße 4 – 70174 Stuttgart
Moderation: Denis Scheck

Deutsche. Textlesung: Rudolf Guckelsberger

Eintritt: 8,- € / 6,- €

Karten: Buchhandlung im Literaturhaus, 28 42 90 4

Mittwoch, 5. November, 20:00 Uhr

Ampere / Muffatwerk, München

Zellstraße 4, 81667 München

Moderation/Deutsche. Textlesung: Hans Jürgen Stockerl

Eintritt: VVK 6,- € / Abendkasse 8,- €

Karten an allen bekannten Vorverkaufsstellen und München Ticket, 54 81 81 81

Kooperation: Krimibuchhandlung Glatteis

Donnerstag, 6. November, 20:00 Uhr

Valentin Gasthaus Am Südstern, Berlin

Körtestraße 21 / 10967 Berlin
Moderation Thomas Wörtche

Deutsche Textlesung: Karsten Weinert

In Kooperation mit der Krimibuchhandlung Hammett

Eintritt: € 5 / € 4

Karten bei Hammett 691 58 34

Die derzeit auf Deutsch erhältlichen Werke:

James Sallis: Deine Augen hat der Tod

(Death will have your eyes, 1997)

Aus dem Englischen von Bernd W. Holzrichter

Liebeskind, München 2008 (Neuausgabe)

192 Seiten

16,90 Euro

James Sallis: Driver

(Drive, 2005)

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger

Liebeskind, München 2007

160 Seiten

16,90 Euro

Hinweise

Homepage von James Sallis

Meine Besprechung von “Driver” (Drive, 2005)

(Das ist der erste Teil eines sechsteiligen Gesprächs mit James Sallis)


TV-Tipp für den 31. Oktober

Oktober 31, 2008

SRTL, 22.15

Columbo: Mord nach Rezept (USA 1968, R.: Richard Irving)

Drehbuch: Richard Levinson, William Link

LV: Richard Levinson, William Link: Prescription: Murder, 1962 (Theaterstück)

Kurz nach dem zehnten Hochzeitstag wird die Frau von Dr. Flemming von einem Einbrecher ermordet. Lt. Columbo zweifelt an der Einbrechertheorie und knöpft sich den Gatten vor.

Bevor Columbo 1971 als Teil der „NBC Mystery Movies“ in Serie ging, gab es bereits zwei TV-Auftritte des schusseligen Polizisten, die selten gezeigt werden, und daher nicht so richtig zum offiziellen Kanon gehören.

SRTL beschert uns ein kleines Columbo-Wochenende mit „Mord nach Rezept“ (heute), „Lösegeld für einen Toten“ (morgen) und „Tödliche Trennung“ (Sonntag). Der Anlass? Hm, „Vierzig Jahre Columbo“.

Mit Peter Falk, Gene Barry


Kleinkram: Über Tom Piccirilli, Martina Cole, J. D. Rhoades, einige Drehbücher (der neue Eastwood, Darabont-Indiana-Jones,…), und James Bond

Oktober 30, 2008

Tom Piccirilli (Killzone) blogt seit wenigen Tagen unter „The Cold Spot“ (Gleichzeitig der Titel seines neuesten Buches.) eifrig über Filme (eine Ehrenrettung für die schrottige James-M.-Cain-Verfilmung „Butterfly – Der blonde Schmetterling“), Bücher (ein Abfeiern von David Schows Hard-Case-Crime-Buch „Gun Work“ und Tony Hillerman) und warum er vom Horror- zum Thrillergenre/Neo-Noir wechselte:

The older I’ve gotten the less interested I’ve been in the fantastical, for some reason. Maybe it’s just yet another sign of my mid-life crisis, but I find the world at large to be a more disturbing place than anything I’m likely to find in horror/dark fantasy fiction. Maybe this was always the case, but it never felt like it before.

The Rap Sheet berichtet über die Präsentation des neuen Buches „The Business“ von Martina Cole.

J. D. Rhoades (noch kein deutscher Verleger, aber eine Shamus-Nominierung) gesteht:

And the truth is, even though I believe stupidity and chaos are more to blame for the bad stuff in the  world, I like  good conspiracy fiction (even some bad, cheesy conspiracy fiction) as much as the next guy.

Das von George Lucas abgelehnte Drehbuch von Frank Darabont für den vierten Indiana-Jones-Film ist inzwischen hier gelandet.

Universal Pictures und Paramount haben für das Oscar-Rennen bereits die ersten beiden Drehbücher online gestellt. Es sind

„Changeling“ (Der Fremde Sohn, Regie: Clint Eastwood, Drehbuch: Michael Straczynski)

– „Frost/Nixon“ (Regie: Ron Howard, Drehbuch: Peter Morgan, nach seinem Theaterstück)

„Defiance“ (Regie: Edward Zwick, Drehbuch: Clayton Frohman, Edward Zwick)

– „The Ducess“ (Regie: Saul Dibb, Drehbuch: Jeffery Hatcher, Anders Thomas Jensen, Saul Dibb)

Bis auf „Defiance“ (noch kein deutscher Starttermin) sind alle Filme für Februar/März 2009 angekündigt.

Gestern war die Weltpremiere des neuen James-Bond-Films „Ein Quantum Trost“ (Quantum of Solace). Spiegel und Frankfurter Rundschau berichten.

Die Kritiken für den Film sind gemischt, aber im grünen Bereich. In einer Woche, nach der Deutschlandpremiere, wissen wir mehr.

Bis dahin:


Zitat des Tages: Christa Faust über unterschiedliche Krimikulturen

Oktober 30, 2008

Vor einigen Tagen besuchte Christa Faust Deutschland, stellte ihren grandiosen Krimi „Hardcore Angel“ (Money Shot) vor und bemerkte einen gravierenden Unterschied zwischen der deutschen und der amerikanischen Krimikultur:

It took me several days to wrap my brain around this fact, but apparently in Germany hardboiled pulp (vintage or modern) is basically considered lowbrow trash on the level of supermarket romance. I had several interviewers ask me about how it feels not to be taken seriously, and I honestly didn’t get what they meant at first. After all, hardboiled and noir fiction is taken very seriously in the US. It’s more the cozy or chick-lit writers who get no respect. But the Germans have this idea that crime fiction ought to be much more literary and “serious.” Apparently this means no explicit sex or violence, just lots of depressed, angst-ridden (male, of course) detectives brooding and contemplating the meaning of life. In fact, there was a scathing write-up in the local paper about my reading in Leipzig (published before the reading even took place.) The author was complaining that it was stupid and pointless to feature a trashy hardboiled writer at a venue meant for more serious literary fiction. I really had a blast blowing everyone’s expectations out of the water. I may be a trashy pulp writer, but I have no problem talking about the underlying gender issues and other socially relevant “serious” themes in Money Shot. I hope I did my part as a hardboiled missionary in a land of unbelievers. I’ll bet I opened up a mind or two.


TV-Tipp für den 30. Oktober

Oktober 30, 2008

Sat.1, 21.15

Dr. Molly & Karl: Der Mann mit den Kopfschmerzen (D 2008, Regie: Franziska Meyer Price)

Drehbuch: Martin Rauhaus

Mit Sabine Orléans, Susanna Simon

Wiederholung: Freitag, 31. Oktober, 00.15 Uhr (Taggenau! – und auf der Sat.1-Homepage)


Heute läuft die zweite Folge von „Dr. Molly & Karl“, einer neuen Sat.1-Serie, die von etlichen Kritikern ziemlich wohlwollend aufgenommen wurde. Zum Beispiel taz, Spiegel („intelligente Unterhaltung“), Frankfurter Rundschau („verbale Duelle“), Berliner Zeitung („so ziemlich das Beste, was in letzter Zeit an deutschen Serien ausgedacht wurde…großartige Dialoge“), tip („Falls der rhetorische Rambo sein Pulver nicht schon in Folge eins verschossen hat, ist der Donnerstag für Serienfans erst mal gerettet.“ Und „’Scrubs’ trifft ‚Dr. House’“; was eine ziemlich hohe Messlatte ist)

Nach der ersten Folge frage ich mich: Was haben die gesehen?

Und dann fragte ich mich: Wie kann ich meiner Freundin in ein, zwei Sätzen erklären, worum es in der Serie geht und warum sie heute Abend den Fernseher anschalten soll.

Hm. Hm.

Also, die Serie spielt in einem Krankenhaus. Die Hauptpersonen sind eine geniale Hirnchirurgin und eine Psychologin.

Und jetzt komme ich schon ins Schwimmen. Denn das Konzept, soweit es in der ersten Folge erkennbar war, und die Vorwerbung senden so unterschiedliche Signale aus, dass ein Desaster vorprogrammiert ist.

Das beginnt schon bei den Namen der beiden Hauptcharaktere. Dr. Susanne Molberg, genannt „Molly“, manchmal auch „Dr. Molly“, ist, wie der Name vermuten lässt mollig und soll eine menschliche Dampframme mit null Mitgefühl sein.

Ihre Gegenspielerin, die Psychologin Dr. Carlotta Edelhardt, von Molberg „Karl“ genannt (Nee, sind wir heute wieder witzisch.) ist sehr edelmütig. Blond ist sie auch noch.

Beide Namen platzieren die Serie zwischen Unterhaltung für Kleinkinder und hirnloser Comedy. Das restliche Team ist mit ähnlich idiotischen Namen gesegnet: Priester Jack Gildenstein, Professor Werner Klarholdt und Sonnenschein (Hm, das kann natürlich auch ein Spitzname sein….). Das klingt alles nach sehr seichten Gewässern.

Aber „Dr. Molly & Karl“ wurde als deutsches „Dr. House“ angekündigt. „tip“ sah sogar eine Mischung aus „Scrubs“ und „Dr. House“; also eine hundsgemeine, tiefschwarze Satire auf das menschliche Verhalten, teils avantgardistisch dargestellt.

Jedenfalls wäre Molberg ein menschenverachtenes Ekelpaket. Einige vorher eifrig kolportierte, nur auf den Effekt und die Zitierfähigkeit ausgelegte plumpe Beleidigungen von Molberg, wie „Ihre Brüste sprechen zu mir! Sie sagen: ‚Wir sind zu zweit, alleinstehend und hängen hier nur so rum.’“, tendieren in diese Richtung.

Dann tun die Macher alles, um Molberg (allein schon die Verniedlichung „Molly“ nimmt ihr jeden Schrecken. Oder haben Sie schon mal gehört, wie jemand „Housi“, „Bondi“ oder „Rambolein“ gesagt hat?) als mitfühlenden Menschen erscheinen zu lassen. Sie heult fast Rotz und Wasser, wenn der Patient Angst vor einer Untersuchung hat und nimmt ihn mütterlich in den Arm. Sie ist nicht Dr. House, sondern, auch wenn die Serie in Frankfurt am Main spielt und alle Hochdeutsch reden, eine typische Berlinerin mit Herz und Schnauze. Also eigentlich ganz sympathisch.

Das ist nur genau das, was sie nach dem postulierten Konzept nicht sein sollte! Ein Ekelpaket würde dem Patienten nichts von ihren Ängsten erzählen, sondern einfach eine Spritze in den Hintern rammen und dann mit der Untersuchung fortfahren.

Nachdem der Hauptcharakter schon widersprüchlich angelegt ist (der Rest fungiert nur als austauschbarer Stichwortgeber), ist auch der Tonfall der Serie unklar. Für eine Comedy ist sie nicht witzig genug. Ich konnte ein-, zweimal schmunzeln. Aber lachen?

Für eine Krankenhaus-Soap ist es nicht seifig genug. Und für ein Drama nicht dramatisch genug. Es ist von allem etwas und von nichts etwas.

Da ist die panische Angst vor guten Szenen verständlich. Denn in diesen Momenten müssten die Macher Farbe bekennen. Sie müssten sagen, ob sie Comedy oder Drama oder Soap wollen.

Betrachten wir einmal den zentralen Konflikt des Pilotfilms: In der ersten Folge lehnt die Mutter ab, dass Dr. Molberg die Operation durchführt, weil sie sie nicht mag. Ihr Assistent soll es tun. Wir aber wissen, dass der Assistent bei einer Trockenübung der Operation versagte. Er hätte den Patienten getötet.

Schnitt zu einer Montage aus OP-Vorbereitungen und OP. Da dauert es dann einige Zeit, bis deutlich wird, dass die Operation doch von Molberg durchgeführt wird.

Also hat sie die Mutter überzeugt, dass doch der beste Arzt die gefährlich-komplizierte Operation machen soll.

Nur wie?

Das erfahren wir nicht; aber es könnte sein, dass Molberg mit der Mutter von Mutter zu Mutter gesprochen hat. Das wäre in der Wirklichkeit sicher eine gute Methode, jemand zu überzeugen. Die Psychologin hat diese Methode vorgeschlagen. Aber nachdem Molberg als nicht mitfühlendes Ekelpaket angekündigt wurde, ist die Soap-Lösung nicht glaubwürdig. Außerdem wird Molberg in der ersten Folge nicht müde zu betonen, dass sie von der Meinung der Psychologin nichts hält.

Die Drama-Lösung, in der der Assistent mit der Operation beginnt, versagt, Molberg in letzter Sekunde in den OP stürmt und das Leben des Jungen rettet, geht auch nicht. Sie leitet die Operation ja von der ersten Sekunde an.

Also, wie hat sie die Mutter überzeugt?

Wir wissen es nicht.

Aber diese Szene wäre eine starke Szene gewesen. Denn in ihr hätte die Ärztin auf ihre ganz eigene Art die Mutter überzeugen müssen, das Beste für ihr Kind zu tun.

Die „Dr. House“-Methode des Überzeugens sieht so aus:

Wow, das ist eine starke Szene! Davon will ich mehr sehen. Die „Dr. Sommerfeld“-Methode können Sie sich denken.

Aber „Dr. Molly & Karl“ (Argh, was für ein Titel!) will es allen Recht machen und macht so alles falsch. Denn: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.

Hinweis

Sat.1-Seite zu „Dr. Molly & Karl“


Blicke in die Vergangenheit in die Zukunft

Oktober 29, 2008

Dieses Buch ist eine Frechheit! Jedes Jahr wirft Wolfgang Jeschke, inzwischen zusammen mit Sascha Mamczak, auf’s schäbigste unterstützt vom Heyne Verlag ein über tausendseitiges Werk auf den Markt. Dieses Jahr hat „Das Science Fiction Jahr 2008“ 1504 Seiten. Als Taschenbuch! Es kann kaum in der Hand gehalten werden. Es passt in keine Hosentasche. Auch nicht in die großen Taschen einer dieser modischen Cargo-Hosen oder einer Jacke. Es kann nur zu Hause gelesen werden. Und dann scheint den Autoren auf die Frage „Wie lang soll mein Text sein?“ immer „Ist egal. Wir haben Platz.“ gesagt worden zu sein. Immerhin schreibt Uwe Neuhold 100 Seiten über den Klimawandel: „Science oder Fiction?“. Für den Besuch im Museum des neuen Menschen benötigt er nur knappe 80 Seiten.

Dieser Text ist ein Teil des über 300-seitigen Schwerpunkts „Utopia mon amour“, in dem es – und das ist die nächste Frechheit des Werkes – zu viele lesenswerte Texte zu den Vorstellungen von Zukunft im Wandel der Zeit gibt: von den großen Zukunftsentwürfen der vergangenen Jahrhunderte über das ambivalente Verhältnis von positiver und negativer Utopie (Betrachten Sie einmal die positiven Utopien und fragen sich dann, ob Sie, erstens, wirklich in dieser Welt leben wollen und, zweitens, zu welchem Preis dieses Paradies erkauft wurde.), wie wir die großen Utopien des vergangenen Jahrhunderts, wie die Besiedlung des Weltalls, in den letzten Jahrzehnten immer stärker ad acta legten und welche Utopien es heute gibt.

Es gibt selbstverständlich auch lesenswerte Texte von bekannten S-F-Autoren. Thomas M. Disch fragt: „Was wird aus der Science Fiction, wenn wir alle intelligenter und gleichzeitig dümmer werden?“. Die Rede von John Clute vor dem „Centre for the Future“ vom September 2007 ist abgedruckt. Es gibt Interviews mit Ursula K. Le Guin, Charles Stross und Andreas Brandhorst.

Auf über 200 Seiten werden die S-F-Filme und S-F-Serien des Jahres 2007 Revue passieren gelassen. Auch dies geschieht, wie in den vergangenen Jahren, mit einem Gesamtüberblick, Schwerpunktartikeln (hier über Hollywoods Hang zu nicht immer geglückten Remakes) und Nachrufen auf Michelangelo Antonioni (eine eher ungewöhnliche Wahl, aber einige Seiten vorher wurde Christian Petzolds „Yella“ mit fünf von sechs möglichen Sternen gewürdigt), Freddie Francis und Curtis Harrington, zwei in Fankreisen anerkannte Regisseure. Die Nachrufe auf die unlängst verstorbenen Autoren, wie Arthur C. Clarke, Kurt Vonnegut, Ira Levin, Marc Behm und John Gardner (die auch Krimis schrieben), gibt es einige hundert Seiten früher.

Es gibt Kapitel über „Kunst“ (unter anderem über Michael Moorcocks Beziehung zu den Rockbands „Hawkwind“, „Blue Öyster Cult“ und „The Deep Fix“), „Hörspiel“ (die S-F-Hörspiele des vergangenen Jahres), „Comic“ (aufgeteilt wie die „Film“-Kategorie), „Computer“, „Rezensionen“ (knappe 100 Seiten mit oft mehrere Seiten langen Buchbesprechungen) und die „Marktberichte“ aus Deutschland, USA und England. Oh, und die 2007 vergebenen S-F-Preise werden ebenfalls aufgelistet.

Den Abschluss bildet, wie gewohnt und soviel Eigenwerbung darf sein, die Bibliographie der 2007 bei Heyne erschienenen phantastischen Literatur.

Damit wurde das seit dem ersten „Science Fiction Jahr“-Buch 1986 erprobte Konzept kein Jota geändert. Und das ist gut so. Denn einen besseren Überblick (in jeder Hinsicht) über das Science-Fiction-Jahr gibt es in Deutschland nicht. Deshalb ist es erfreulich, dass der Heyne Verlag jedes Jahr einen neuen Band vorlegt. Denn ein Verkaufsschlager kann das voluminöse Werk nicht sein. Aber für S-F-Fans und an dem S-F-Genre Interessierte ist es unverzichtbar.

Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2008

Heyne Verlag, 2008

1504 Seiten

22 Euro

Hinweis

Das vollständige Inhaltsverzeichnis


TV-Tipp für den 29. Oktober

Oktober 29, 2008

ZDF, 00.55 (VPS 00.40)

Letzter Aufruf Tempelhof: Abschied von einer Berliner Legende

Die Mainzer bringen nur eine nach Mitternacht versteckte Sendung zu der Schließung des Westberliner Flughafens (Ich sag nur „Rosinenbomber“).

Unser Hauptstadtsender RBB widmet dagegen ab 20.15 Uhr das gesamte morgige Abendprogramm dem Ende des Flugbetriebs auf Tempelhof. Nach dem Winterschlaf soll dann im Frühjahr das Flughafengelände für die Berliner geöffnet werden. Warten wir’s ab. Denn der rot-rote Senat ist immer wieder für eine Überraschung gut.


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