Rebus gegen die bösen Russen

Die ewige Jugend beliebter Charaktere wie Spenser, Mike Hammer, James Bond und Jerry Cotton ist unrealistisch, aber dank dieser alterslosen Helden kann eine Serie bis in alle Ewigkeit fortgeschrieben werden. Wenn die Charaktere, wie Harry Bosch und John Rebus, in Echtzeit altern, rückt irgendwann die Pensionsgrenze und damit das Ende der Serie in greifbare Nähe. Bei dem von Ian Rankin erfundenen Detective John Rebus war es vergangenes Jahr soweit. Rankin schrieb mit „Exit Music“ die Chronik der letzten Dienstwoche von John Rebus. Jetzt ist der im November 2006 spielende Roman als „Ein Rest von Schuld“ auf Deutsch erschienen.

Detective John Rebus beschäftigt seine Partnerin Siobhan Clarke mit alten, ungeklärten Fällen. Da wird in einer dunklen Gasse neben einem Parkhaus der russische Dissidentendichter Alexander Todorow erschlagen. Als Rebus und Clarke kurz darauf herausfinden, dass eine russische Handelsdelegation sich in Edinburgh einkaufen will und ‚Big Ger’ Cafferty sich mit den Russen getroffen hat, vermuten sie einen Zusammenhang zwischen der Delegation, den Interessen schottischer Politiker und Banker und dem Mord an Todorow.

Kurz darauf verbrennt Charlie Riordan in seinem Haus. Der Toningenieur nahm zuletzt unter anderem eine Lesung von Todorow auf und hatte für ein Kunstprojekt eine umfangreiche Tondokumentation über die Arbeit des Parlamentes erstellt. Diese Tondokumente wurden im Brand fast vollständig vernichtet.

Für John Rebus hängen die beiden Morde miteinander zusammen. Für seine Vorgesetzten nicht und es gelingt ihm, wenige Tage vor seiner Pensionierung, suspendiert zu werden. Doch davon lässt er sich nicht weiter irritieren. Denn für Rebus ist der Fall die letzte Gelegenheit, sich an seinem Intimfeind Cafferty zu rächen.

Auch wenn Rankin den letzten Auftritt von Detective John Rebus mit „Exit Music“ (es gibt einen gleichnamigen Radiohead-Song) betitelte, ist er keine laue Abschiedsvorstellung und auch keine wehmütige Versammlung der aus den früheren Romanen bekannten Charaktere, die hier noch einmal auftreten und sich versöhnlich die Hand geben. „Exit Music“ (ich halte diesen Titel für treffender und schöner als „Ein Rest von Schuld“) ist eine leicht melancholische Abschiedsvorstellung, in der Rebus noch einmal zu großer Form aufläuft. Er legt sich mit seinen Vorgesetzten, Politikern, Diplomaten und Bankern an. Er fragt sich, was er nach seiner Pensionierung tun wird. Er weiß es nicht. Schließlich hat der Single neben seiner Arbeit keine Hobbys, – außer Rauchen (inzwischen vor der Bar) und Trinken.

Und Rankin verknüpft den Krimiplot von „Exit Music“, wie zuletzt in „Im Namen der Toten“, mit aktuellen politischen Ereignissen. Da war es der G-8-Gipfel in Gleneagles. Hier ist es die nahende Abstimmung über die schottische Unabhängigkeit, die geplanten Investitionen von Russen und der Tod des Regimekritikers Alexander Litwinenko.

Der Kriminalfall ist dagegen eher zweitrangig und die Lösung nach über fünfhundert spannenden Seiten mau. Mehr kann ich allerdings nicht verraten, ohne allzu deutliche Hinweise auf die Lösung zu geben. In Gesprächen gibt Ian Rankin zu, dass für ihn die Frage, wer der Täter sei, nicht besonders wichtig sei. Und das ist auch hier spürbar.

Insgesamt ist „Ein Rest von Schuld“ der würdige Abschluss einer grandiosen Krimireihe. Jedenfalls vorläufig. Denn Ian Rankin schließt weitere Romane mit John Rebus nicht aus.

Ian Rankin: Ein Rest von Schuld

(übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini)

Manhattan, 2008

544 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Exit Music

Orion Books, London, 2007

Hinweise

Homepage von Ian Rankin

Ian Rankin über „Exit Music“

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

Anmerkungen

Bei der Besprechung zu „Im Namen der Toten“ gibt es eine John-Rebus-Bibliographie und, wie üblich, weiterführende Links.

Die Taschenbuch-Ausgabe von „Der diskrete Mr. Flint“ ist jetzt erhältlich.

5 Responses to Rebus gegen die bösen Russen

  1. […] die November-Bestenliste der KrimiWelt bei mir ein. Im Gegensatz zu meiner Prognose haben es Ian Rankin und George Pelecanos nicht auf die aktuelle Liste geschafft. Aber dafür ist Allan Guthries Debüt […]

  2. […] 6 (-) Ian Rankin: Ein Rest von Schuld […]

  3. […] 5 (6) Ian Rankin: Ein Rest von Schuld […]

  4. […] Meine Besprechung von Ian Rankins “Ein Rest von Schuld“ (Exit Music, 2007) […]

  5. […] 6 (5) Ian Rankin: Ein Rest von Schuld […]

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