Washington, D. C.: Pelecanos berichtet aus den innerstädtischen Kampfzonen

George Pelecanos hat es in Deutschland wirklich nicht leicht. Während er in seiner Heimat Amerika und in England schon seit Jahren bei den gleichen Verlagen ist, diese ihn auch fördern und die Verkaufszahlen inzwischen seinem Ruf innerhalb der Krimiszene entsprechen, wandert er in Deutschland von einem Verlag zum nächsten. Nach Dumont, Rotbuch und Aufbau Verlag versucht jetzt der Rowohlt Taschenbuch Verlag sein Glück. Dass ich, als langjähriger Pelecanos-Fan, dem Verlag die Daumen drücke, dürfte kein großes Geheimnis sein. Auch wenn das Wort „Thriller“ auf dem Cover von „Der Totengarten“ (The night gardener) und der Klappentext die Erwartungen in eine falsche Richtung lenken. Denn „Der Totengarten“ ist alles außer einem 08/15-Serienkillerthriller. George Pelecanos schrieb auch noch nie einen herkömmlichen Rätselkrimi. Für ihn sind die Charaktere und deren Welt wichtiger als reine die Krimihandlung.

Deshalb ist in dem mit dem Barry ausgezeichneten „Der Totengarten“ die Frage nach dem Täter, obwohl Pelecanos die Identität des Serienmörders auf der letzten Seite enthüllt, vollkommen nebensächlich. In „Der Totengarten“ steht nicht die Jagd nach dem Serienmörder, sondern das Leben von drei Männern im Mittelpunkt.

1985 ermordete ein Serienkiller in Washington, D. C., mehrere Jugendliche, deren Name ein Palindrom (wie Ava oder Otto) war. Er tötete sie mit einem Kopfschuss und in ihrem Rektum wurden Spermaspuren entdeckt. Die Leichen wurden immer in Gemeindegärten gefunden. Sergeant T. C. Cook leitete damals die erfolglosen Ermittlungen.

Zwanzig Jahre später wird wieder eine Leiche gefunden. Detective Sergeant Gus Ramone fallen sofort die Ähnlichkeiten zu der alten Mordserie auf. Im Lauf seiner Ermittlungen bildet er mit dem pensionierten T. C. Cook und dem Ex-Polizisten Dan ‚Doc’ Holiday, der inzwischen als Chauffeur und Bodyguard arbeitet, ein Team. Dieses Mal wollen sie den ‚Palindrom-Mörder’ fangen.

In Pelecanos Werk hat „Der Totengarten“ eine Ausnahmestellung. Bis dahin waren seine Helden Privatdetektive, Kleinunternehmer, meistens Coffee-Shop-Betreiber oder Inhaber eines LP-Ladens, und Gangster. In „Der Totengarten“ sind es ein Polizist, ein pensionierter Polizist und ein Bodyguard.

Pelecanos konzentriert sich in „Der Totengarten“ vor allem auf die tägliche Polizeiarbeit des Polizisten Ramone und dessen Privatleben. Er ist verheiratet, hat eine Tochter, einen vierzehnjährigen Sohn, dessen Freund Asa Johnson das jüngste Opfer des Killers ist, und versucht ein guter Vater zu sein. Letzteres, die Beziehungen der Generationen zueinander, ist natürlich ein vertrautes Pelecanos-Thema. Neu ist dagegen der starke Fokus auf die Arbeit der Polizei. Weil Pelecanos damals auch einer der Produzenten und Drehbuchautoren der hochgelobten, realistischen Polizeiserie „The Wire“, für die auch Dennis Lehane und Richard Price Drehbücher schrieben, war, erstaunt das nicht so sehr.

In den USA wurde „Der Totengarten“ von den Kritikern abgefeiert, schaffte es auf zahlreiche Jahresbestenlisten und auch auf die New-York-Times-Bestsellerliste.

In seinem neuesten Roman „The Turnaround“ sind die traditionellen Genreelemente, ähnlich dem nicht übersetzten „Shame the Devil“, noch unwichtiger. Es wird zwar fünfunddreißig Jahre nach der Tat ein Mord aufgeklärt. Es gibt Erpressungen, Drogenhandel und mehrere Morde. Also alles das, was zu einem zünftigen Krimi gehört.

Aber in erster Linie erzählt Pelecanos ausführlich von dem normal-alltäglichen Leben von drei Männern, die sich 1972 in einer Nacht begegneten und heute wieder aufeinander treffen. Damals fuhren drei Jugendliche in das Schwarzenviertel Heathrow Heights. Als es zu einer von den Weißen provozierten Konfrontation kam, flüchtete Pete Whitten, Billy Cachoris wurde erschossen und Alex Pappas im Gesicht verunstaltet. Heute führt Pappas den von seinem Vater gegründeten Imbiss und er überlegt, ob er seinem Sohn das Geschäft übergeben soll. Der Afroamerikaner Raymond Monroe arbeitet als Therapeut im Walter-Reed-Veteranenhospital. Als sie sich dort treffen, will Monroe erfahren, wie Pappas heute lebt und ihn mit seinem Bruder James Monroe, der damals für die Tat verurteilt wurde und heute als Automechaniker arbeitet, bekannt machen.

Und der Kleingangster Charles Baker, der auch 1972 dabei war, versucht mit Erpressungen aus seinem Wissen Kapital bei Whitten und Pappas zu schlagen. Denn er glaubt, dass damals sein Leben verpfuscht wurde.

Aber Pelecanos entwickelt in „The Turnaround“ den Krimiplot nicht weiter. Er schleift ihn fast lustlos mit. So verteilt er die nicht sonderlich rätselhaften Ereignisse während der Nacht 1972 und wer damals der Todesschütze war über die gesamte Geschichte. Die amateurhafte Erpressung von Baker führt, wie es auch in der Realität wäre, nicht zu einer sich konflikthaft entwickelnden Dynamik zwischen Erpresser und Erpressten und Drogenhandel ist in Großstädten etwas sehr alltägliches.

Genau an diesem Punkt überzeugt Pelecanos. Er ist der düstere Chronist des Lebens in der Großstadt Washington, D. C., der Konflikte zwischen den Ethnien und des kleinen Mannes. „The Turnaround“ ist sicher die in jeder Hinsicht alltäglichste Chronik des Lebens in einer Großstadt. Nur das Ende ist zu märchenhaft-schmalzig.

George Pelecanos: Der Totengarten

(übersetzt von Anja Schünemann)

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2008

464 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

George Pelecanos: The night gardener

Little, Brown and Company, 2006

George Pelecanos: The Turnaround

Little, Brown and Company, 2008

304 Seiten

HInweise

Homepage von George Pelecanos

Newsweek: George Pelecanos nennt die für ihn fünf wichtigsten Romane (September 2008)

Film in Focus: Interview mit George Pelecanos (September 2008)

Newsvine: Interview mit George Pelecanos (September 2008)

Express Night Out: Georges Pelecanos, James Grady und andere beantworten Fragen zu Noir anläßlich der Veröffentlichung von „D. C. Noir 2“ (September 2008)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ “Wut im Bauch” (Hell to pay, 2002)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ „Drama City“ (2005)

Ansehbare Beweise

George Pelecanos spricht über „The Turnaround“

Der Trailer zu „Der Totengarten“

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6 Antworten zu Washington, D. C.: Pelecanos berichtet aus den innerstädtischen Kampfzonen

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