Angel Dare räumt auf

Das erste Mal begegnen wir Angel Dare, als sie gefesselt und für tot zurückgelassen im Kofferraum eines Honda Civic liegt. Auf den folgenden Seiten von Christa Fausts grandiosem „Hardcore Angel“ wird Angel Dare noch einige weitere Kofferräume kennenlernen und sich bis zu einem Chrysler 300 hocharbeiten. Doch zunächst muss sie sich aus dem Civic befreien. Während sie ihre Fesseln in mühseliger Kleinarbeit löst, erzählt sie uns, wie sie im Kofferraum landete. Es begann wenige Stunden früher mit einem Anruf von ihrem alten Freund Sam Hammer. Er drehte mit ihr in der Vergangenheit etliche Pornos und sie wurde zum Porno-Star. Später eröffnete Angel Dare, die inzwischen auf die vierzig zugeht und eindeutig zu alt für Pornos ist, die hochklassige Pornomodel-Agentur „Daring Angels“ und vermittelt seitdem nur noch Jobs. Doch jetzt bittet Sam sie um Hilfe. Ein Mädchen hat ihn bei einem Dreh sitzengelassen und Hauptdarsteller Jesse Black, der neue Stern am Pornohimmel, will unbedingt eine Szene mit ihr haben. Sie ist einverstanden (Hey, immerhin will Jesse Black sie vor laufender Kamera vögeln!), fährt zum Drehort und stolpert in eine Falle. Zwei Männer verlangen von ihr einen Koffer voll Geld, den eine verzweifelte Blondine mit Dracula-Akzent bei sich hatte, als sie vor der Mittagspause bei „Daring Angels“ auftauchte und nach Zandora Dior (natürlich ein…) fragte. Angel Dare hilft der Blondine Lia, indem sie einen von Lia geschriebenen Brief an Zandora faxt. Dann haut Lia ab und zwei Schläger fragen nach Lia. Da ahnen Angel Dare und ihre Empfangsdame Didi, die zu Zeiten von „Deep Throat“ ein Star gewesen war, noch nicht, dass sie in die Schusslinie von einigen skrupellosen Gangstern geraten sind.

Angel Dare kann sich schließlich aus dem Kofferraum befreien und über eine verlassene Industriebrache zu einem Telefon stolpern. Sie ruft Malloy, einen Ex-Cop, den sie neuerdings als Begleitschutz für ihre Models engagiert, an. Er sagt ihr, dass sie untertauchen müsse, weil die Polizei sie als Mörderin von Sam Hammer sucht.

Und dann – wir sind jetzt erst auf Seite 45 – beginnen sie gemeinsam den Koffer mit dem Geld und den Mörder von Sam Hammer zu suchen.

Mit „Hardcore Angel“ wurde Christa Faust vor gut neun Monaten in den USA zur „the ‚First Lady’ of Hard Case Crime“ ernannt. Das war einerseits keine große Leistung. Denn bis zum vierzigsten Hard-Case-Crime-Band veröffentlichte Hard-Case-Crime-Herausgeber Charles Ardai nur von Männern geschriebene Krimis. Andererseits ist es eine große Leistung, denn bis dahin hatte Charles Ardai keine Frau gefunden, die gelungen den kaltschnäuzigen Hardboiled-Stil der Hard-Case-Crime-Reihe bedient. Christa Faust, die in den USA bereits mehrere Bücher und das mit dem Scribe-Award der International Association of Media Tie-In Writers ausgezeichnete „Snakes in a Plane“ veröffentlichte, gelingt dies.

Ihre Heldin und Ich-Erzählerin Angel Dare ist, obwohl sie im Pornofilmgeschäft arbeitet, eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie ist eine normale Frau, die ihre Geschichte angenehm illusionslos und sarkastisch erzählt. Dabei wird das immer noch etwas schmuddelige Pornofilmmilieu zwar realistisch gezeichnet, aber gegen das eindeutig verbrecherische Gebaren von den Sexsklavinnenhändlern, mit denen Angel Dare sich in „Hardcore Angel“ anlegen muss, wird es zur lichten Seite des Geschäftes mit käuflichem Sex.

Wie es sich für einen richtigen Pulp gehört, wird das Milieu ohne erhobenen moralischen Zeigefinger dargestellt. Es bietet nur den Hintergrund für etliche Schlägereien, Morde (In „Hardcore Angel“ hat niemand ein schlechtes Gewissen, wenn er jemand umbringt. Und Angel Dare trägt auch ihr Scherflein zu der steigenden Mordrate in Los Angeles bei.), Sex, und einem, von der Atmosphäre, an Raymond Chandler erinnernden Plot. Nur kommt Angel Dare kein rettender Philip Marlowe zu Hilfe. Auch wenn Malloy ihr zuerst verdächtig selbstlos hilft. Am Ende muss Angel Dare, entsprechend den Genrekonventionen als rächender und rettender Engel, mit ihren natürlichen Talenten allein gegen die bösen Jungs kämpfen.

„Hardcore Angel“ ist ein höllisch guter Ritt durch eine Welt in der ein Menschenleben nicht mehr zählt als ein Blowjob. In ihrer Heimat dürfte ihr mit dem zeitgenössischen Noir „Hardcore Angel“, der nächstes Jahr sicher auf einigen Nominierungslisten zu finden sein wird, der Durchbruch gelungen sein. In Deutschland auch. Denn nach der Lesung im Kaffee Burger wurde der Verkaufstisch gestürmt und Rotbuch will im Frühjahr ein weiteres Buch von Christa Faust veröffentlichen.

Christa Faust: Hardcore Angel

(übersetzt von Almuth Heuner)

Rotbuch, 2008

256 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Money Shot

Hard Case Crime, 2008

256 Seiten

Hinweise

Homepage von Christa Faust

In for Questioning: Audiointerview mit Christa Faust (Februar 2008)

Behind the Black Mask: Audiointerview mit Christ Faust (Juni 2008)

ChuckPalahniuk Homepage: Rob Hart interviewt Christa Faust (August 2008)

Kriminalakte über Christa Faust

11 Responses to Angel Dare räumt auf

  1. […] Vor einigen Tagen besuchte Christa Faust Deutschland, stellte ihren grandiosen Krimi “Hardcore Angel” (Money Shot) vor und bemerkte einen gravierenden Unterschied zwischen der deutschen und der amerikanischen […]

  2. […] Money Shot (Hardcore angel) von Christa Faust (Hard Case Crime) […]

  3. […] • Money Shot (Hardcore Angel) von Christa Faust (Hard Case Crime) […]

  4. […] dürfte ein Buch geschrieben haben, dass die Leser polarisiert. Ich fand’s nicht so stark, Axel Bussmer schon und Thomas Wörtche fand seine Schwächen spiegeln das, worüber es erzählt. Vermutlich […]

  5. […] Money Shot (Hardcore Angel), von Christa Faust (Hard Case Crime) […]

  6. […] Christa Faust: Money Shot (Hardcore Angel) […]

  7. […] PAPERBACK ORIGINAL The First Quarry by Max Allan Collins [Hard Case Crime] Money Shot by Christa Faust [Hard Case Crime] State of the Onion by Julie Hyzy [Berkley] In a Dark Season by Vicki Lane [Dell] South of Hell by […]

  8. […] • Money Shot (Hardcore Angel), von Christa Faust (Hard Case Crime) […]

  9. […] Christa Faust: Control Freak (deutsche Erstausgabe des Debüts der Autorin des von mir und vielen anderen geliebten „Hardcore Angel“) […]

  10. […] Meine Besprechung von Christa Fausts „Hardcore Angel“ (Money Shot, 2008) […]

  11. […] Meine Besprechung von Christa Fausts „Hardcore Angel“ (Money Shot, 2008) […]

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