Die Rückkehr von Will Eisners „The Spirit“

Will Eisners „The Spirit“ gehört in den USA zu den langlebigen Comicserien und, als Beilage in den Zeitungen, war es auch 1940 eine Serie, die sich explizit an ein erwachsenes Publikum und nicht an Kinder richtete. Ob es die erste oder eine der ersten Serien für Erwachsene war, mögen die Historiker irgendwann entscheiden. In jedem Fall war „The Spirit“ eine Alternative zu den gängigen Superheldencomics.

Der „Spirit“ ist der ehemaliger Polizist Denny Colt, der beim Kampf gegen den irren Wissenschaftler Dr. Cobra, der Central City mit einer Chemikalie vergiften wollte, starb. Jedenfalls glaubt das die Bevölkerung. Denn er überlebte, zog sich eine blaue Augenbinde über (Tja, das waren noch Zeiten, als eine so minimale Verkleidung unkenntlich machte.) und begann das Böse zu bekämpfen. Will Eisner erzählt die Geschichte mit der Verkleidung so: „Die wollten einen heldenhaften Charakter, einen verkleideten Charakter. Sie fragten mich, ob er eine Verkleidung habe. Und ich setzte ihm die Maske auf und sagte: ‚Ja, er hat ein Kostüm!’“

Legendär und ein Kennzeichen der Spirit-Serie war vom ersten Abenteuer an das erste Bild, in dem Eisner ähnlich einem Buchumschlag in die Geschichte einführte und den Titel „The Spirit“ spielerisch und jedes Mal in einem anderen Stil in das Bild integrierte. Auch wenn die meisten „The Spirit“-Geschichten zwischen 1940 und 1952 erschienen, veröffentlichte Will Eisner bis zu seinem Tod 2005 immer wieder neue „The Spirit“-Comics.

Der zweifache Eisner-Preisträger Darwyn Cooke hat im Februar 2007, nach dem gemeinsamen Auftritt von Batman und The Spirit in „Batman/The Spirit“, mit „Ginger Coffee auf Eis“ eine neue „The Spirit“-Serie gestartet, die den Charme der alten Serie von Will Eisner bewahrt und sie für ein neues Publikum gelungen relauncht. Die wichtigsten Neuerungen sind dabei ein modernerer Zeichenstil, längere Geschichten (von den früheren sieben Seiten als Zeitungsbeilage auf zweiundzwanzig Seiten als eigenständiges Heft) und ein behutsam modernisiertes Ensemble. Immerhin war, als vor fast siebzig Jahren die ersten „The Spirit“-Comics veröffentlicht wurden, die Macho-Traumwelt noch in Ordnung. Auch wenn „The Spirit“ sich stilistisch stark am Film Noir orientierte und die Männer da immer die schlechten Karten haben.

Der „Spirit“ des neuen Jahrhunderts ist immer noch ein beherzter Kämpfer gegen das Verbrechen, ein leicht blauäugiger Retter von Frauen in Not und ein guter Kämpfer. Aber obwohl er oft Schläge austeilt, muss er inzwischen auch viele Schläge einstecken. Eigentlich wird er fast immer verprügelt.

„Na ja, wenn ich mit Hut und blauer Maske auf offiziellen Partys aufkreuze, endet es meist damit, dass ich von einer Bande Türsteher in der Größe von Bierlastern hinterm Haus vermöbelt werde“, sagt er in „Mit den Waffen einer Frau“, verkleidet sich dann als blinder Mann – und wird vermöbelt.

Auf dem Empfang möchte er Madam P’Gell davor bewahren, sich an den diktatorischen Herrschers Prinz Farouk heranzuschmeißen. Doch Madam P’Gell (Die Spezialität der Femme Fatale ist reiche Männer heiraten) hat andere Pläne.

Auch in „Ginger Coffee auf Eis“ wäre seine Mission einfacher, wenn die entführte TV-Journalistin sich einfach von ihm retten ließe. Aber dann ginge ihre große Story flöten.

„Hart wie Satin“ beginnt in der Wüste. Dorthin hat es „The Spirit“ und die stahlharte CIA-Agentin Silk Satin verschlagen. Sie verfolgten von Central City aus eine Spur, die sie zum Kopf der Octagon-Bande führen sollte. Und hier wäre die Mission von Silk Satin einfacher, wenn sie nicht den Spirit durch die Wüste schleppen müsste.

In „Auferstehung“ erinnert „The Spirit“ sich, nachdem Mortez in einem Restaurant vierzehn Triaden-Mitglieder niedermetzelte, an seine letzte Begegnung mit Alvaro Mortez. Damals gehörte Mortez zur Terrorgruppe Octagon, die einen Giftanschlag auf Central City plante. Denny Colt erfuhr davon und wollte den Anschlag auf eigene Faust verhindern. Das gelang ihm, aber er selbst starb in dieser Nacht mit den Verbrechern und tauchte später als „The Spirit“ mit der legendären blauen Maske wieder auf. Darwyn Cooke erzählt diese altbekannte „The Spirit“-Geschichte gelungen aus verschiedenen Perspektiven.

In „Der Werbestar“ klatschen Gangster ein jubelndes Kind mit einer „The Spirit“-Maske auf alte russische Armeekonserven und machen Kinder süchtig nach dem Fraß. Als der Kosake, ein berüchtigter Gangster, seinen Teil vom Geschäft haben will, geraten die Dinge außer Kontrolle.

„Almost Blue“ beendet den ersten „The Spirit“-Band, trotz der Explosion auf der ersten Seite, fast besinnlich mit der in einer Rückblende erzählten Geschichte des jungen Musikgenies August Blue, seinem Aufstieg in der Punkszene und seiner Sucht nach der aus dem Weltraum stammenden Droge Blue.

Die ersten sechs Abenteuer des neuen „The Spirit“ sind kurz, spannend, abwechslungsreich und machen neugierig auf den zweiten, gerade erschienenen „The Spirit“-Sammelband mit sechs weiteren Abenteuern des maskierten Helden. In den Kurzgeschichten bedient Darwyn Cooke sich hemmungslos aller erzählerischen Mittel und bekannten Stile aus Literatur und Film. Es gibt Perspektivenwechsel, mehrere Erzähler, Wechsel im Zeichenstil, Zeitsprünge, organisch eingebaute Rückblenden. Das alles handhabt der mehrfache Eisner-Preisträger souverän und pointiert im Dienst der Geschichte. Dass er dabei fast von Geschichte zu Geschichte das Genre wechselt, erhöht nur die Lust auf das nächste „The Spirit“-Abenteuer. Denn langweilig wird es mit Denny Colt nie.

Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewart: Will Eisner’s „The Spirit“ – 1

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini Comics/DC, 2008

148 Seiten

16,95 Euro

Originaltitel

Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewart: Will Eisner’s „The Spirit“ – 1

DC Comics, 2007

Enthält

The Spirit 1: Ice Ginger Coffee, Februar 2007 (Ginger Coffee auf Eis)

The Spirit 2: The Maneater, März 2007 (Mit den Waffen einer Frau)

The Spirit 3: Resurrection, April 2007 (Auferstehung)

The Spirit 4: Hard Like Satin, Mai 2007 (Hart wie Satin)

The Spirit 5: Media Man, Juni 2007 (Der Werbestar)

The Spirit 6: Almost Blue, Juli 2007 (Almost Blue)

Hinweise

Offizielle Will-Eisner-Seite

Will Eisner: A spirited Life Blog: Interview mit Darwyn Cooke (August 2006 über „The Spirit“)

Comics Podcast Network: Interview mit Darwyn Cooke (Januar 2008)

Wikipedia über Darwyn Cooke, Will Eisner und „The Spirit“

Bonushinweis

Darwyn Cooke adaptiert die ersten Parker-Romane von Richard Stark (24. Juli 2008)

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2 Responses to Die Rückkehr von Will Eisners „The Spirit“

  1. […] Meine Besprechung von Darwyn Cookes „Will Eisner’s The Spirit 1“ […]

  2. […] Meine Besprechung von Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewarts “Will Eisner’s The Spirit – 1” (The… […]

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