TV-Tipp für den 30. Oktober

Sat.1, 21.15

Dr. Molly & Karl: Der Mann mit den Kopfschmerzen (D 2008, Regie: Franziska Meyer Price)

Drehbuch: Martin Rauhaus

Mit Sabine Orléans, Susanna Simon

Wiederholung: Freitag, 31. Oktober, 00.15 Uhr (Taggenau! – und auf der Sat.1-Homepage)


Heute läuft die zweite Folge von „Dr. Molly & Karl“, einer neuen Sat.1-Serie, die von etlichen Kritikern ziemlich wohlwollend aufgenommen wurde. Zum Beispiel taz, Spiegel („intelligente Unterhaltung“), Frankfurter Rundschau („verbale Duelle“), Berliner Zeitung („so ziemlich das Beste, was in letzter Zeit an deutschen Serien ausgedacht wurde…großartige Dialoge“), tip („Falls der rhetorische Rambo sein Pulver nicht schon in Folge eins verschossen hat, ist der Donnerstag für Serienfans erst mal gerettet.“ Und „’Scrubs’ trifft ‚Dr. House’“; was eine ziemlich hohe Messlatte ist)

Nach der ersten Folge frage ich mich: Was haben die gesehen?

Und dann fragte ich mich: Wie kann ich meiner Freundin in ein, zwei Sätzen erklären, worum es in der Serie geht und warum sie heute Abend den Fernseher anschalten soll.

Hm. Hm.

Also, die Serie spielt in einem Krankenhaus. Die Hauptpersonen sind eine geniale Hirnchirurgin und eine Psychologin.

Und jetzt komme ich schon ins Schwimmen. Denn das Konzept, soweit es in der ersten Folge erkennbar war, und die Vorwerbung senden so unterschiedliche Signale aus, dass ein Desaster vorprogrammiert ist.

Das beginnt schon bei den Namen der beiden Hauptcharaktere. Dr. Susanne Molberg, genannt „Molly“, manchmal auch „Dr. Molly“, ist, wie der Name vermuten lässt mollig und soll eine menschliche Dampframme mit null Mitgefühl sein.

Ihre Gegenspielerin, die Psychologin Dr. Carlotta Edelhardt, von Molberg „Karl“ genannt (Nee, sind wir heute wieder witzisch.) ist sehr edelmütig. Blond ist sie auch noch.

Beide Namen platzieren die Serie zwischen Unterhaltung für Kleinkinder und hirnloser Comedy. Das restliche Team ist mit ähnlich idiotischen Namen gesegnet: Priester Jack Gildenstein, Professor Werner Klarholdt und Sonnenschein (Hm, das kann natürlich auch ein Spitzname sein….). Das klingt alles nach sehr seichten Gewässern.

Aber „Dr. Molly & Karl“ wurde als deutsches „Dr. House“ angekündigt. „tip“ sah sogar eine Mischung aus „Scrubs“ und „Dr. House“; also eine hundsgemeine, tiefschwarze Satire auf das menschliche Verhalten, teils avantgardistisch dargestellt.

Jedenfalls wäre Molberg ein menschenverachtenes Ekelpaket. Einige vorher eifrig kolportierte, nur auf den Effekt und die Zitierfähigkeit ausgelegte plumpe Beleidigungen von Molberg, wie „Ihre Brüste sprechen zu mir! Sie sagen: ‚Wir sind zu zweit, alleinstehend und hängen hier nur so rum.’“, tendieren in diese Richtung.

Dann tun die Macher alles, um Molberg (allein schon die Verniedlichung „Molly“ nimmt ihr jeden Schrecken. Oder haben Sie schon mal gehört, wie jemand „Housi“, „Bondi“ oder „Rambolein“ gesagt hat?) als mitfühlenden Menschen erscheinen zu lassen. Sie heult fast Rotz und Wasser, wenn der Patient Angst vor einer Untersuchung hat und nimmt ihn mütterlich in den Arm. Sie ist nicht Dr. House, sondern, auch wenn die Serie in Frankfurt am Main spielt und alle Hochdeutsch reden, eine typische Berlinerin mit Herz und Schnauze. Also eigentlich ganz sympathisch.

Das ist nur genau das, was sie nach dem postulierten Konzept nicht sein sollte! Ein Ekelpaket würde dem Patienten nichts von ihren Ängsten erzählen, sondern einfach eine Spritze in den Hintern rammen und dann mit der Untersuchung fortfahren.

Nachdem der Hauptcharakter schon widersprüchlich angelegt ist (der Rest fungiert nur als austauschbarer Stichwortgeber), ist auch der Tonfall der Serie unklar. Für eine Comedy ist sie nicht witzig genug. Ich konnte ein-, zweimal schmunzeln. Aber lachen?

Für eine Krankenhaus-Soap ist es nicht seifig genug. Und für ein Drama nicht dramatisch genug. Es ist von allem etwas und von nichts etwas.

Da ist die panische Angst vor guten Szenen verständlich. Denn in diesen Momenten müssten die Macher Farbe bekennen. Sie müssten sagen, ob sie Comedy oder Drama oder Soap wollen.

Betrachten wir einmal den zentralen Konflikt des Pilotfilms: In der ersten Folge lehnt die Mutter ab, dass Dr. Molberg die Operation durchführt, weil sie sie nicht mag. Ihr Assistent soll es tun. Wir aber wissen, dass der Assistent bei einer Trockenübung der Operation versagte. Er hätte den Patienten getötet.

Schnitt zu einer Montage aus OP-Vorbereitungen und OP. Da dauert es dann einige Zeit, bis deutlich wird, dass die Operation doch von Molberg durchgeführt wird.

Also hat sie die Mutter überzeugt, dass doch der beste Arzt die gefährlich-komplizierte Operation machen soll.

Nur wie?

Das erfahren wir nicht; aber es könnte sein, dass Molberg mit der Mutter von Mutter zu Mutter gesprochen hat. Das wäre in der Wirklichkeit sicher eine gute Methode, jemand zu überzeugen. Die Psychologin hat diese Methode vorgeschlagen. Aber nachdem Molberg als nicht mitfühlendes Ekelpaket angekündigt wurde, ist die Soap-Lösung nicht glaubwürdig. Außerdem wird Molberg in der ersten Folge nicht müde zu betonen, dass sie von der Meinung der Psychologin nichts hält.

Die Drama-Lösung, in der der Assistent mit der Operation beginnt, versagt, Molberg in letzter Sekunde in den OP stürmt und das Leben des Jungen rettet, geht auch nicht. Sie leitet die Operation ja von der ersten Sekunde an.

Also, wie hat sie die Mutter überzeugt?

Wir wissen es nicht.

Aber diese Szene wäre eine starke Szene gewesen. Denn in ihr hätte die Ärztin auf ihre ganz eigene Art die Mutter überzeugen müssen, das Beste für ihr Kind zu tun.

Die „Dr. House“-Methode des Überzeugens sieht so aus:

Wow, das ist eine starke Szene! Davon will ich mehr sehen. Die „Dr. Sommerfeld“-Methode können Sie sich denken.

Aber „Dr. Molly & Karl“ (Argh, was für ein Titel!) will es allen Recht machen und macht so alles falsch. Denn: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.

Hinweis

Sat.1-Seite zu „Dr. Molly & Karl“

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2 Responses to TV-Tipp für den 30. Oktober

  1. Für mich ist diese Serie ein absoluter Abschalt-Tipp.

    Sat1 schaufelt sich sein eigenes Grab. Obwohl Producers at Work nur Flopps produziert, müssen Aufträge an diese Firma vergeben werden – da sendereigen.

    Jede unabhängige Produktionsfirma wäre schon längst aus dem Rennen.

    Bei Sat1 denkt man lieber laut darüber nach, die Serieneigenproduktion ganz einzustellen.

    DifferentStars

  2. AxelB sagt:

    Ich werd mir noch die ersten Minuten der zweiten Folge geben…

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