TV-Tipp für den 30. November: Mogadischu

November 30, 2008

kortner-mogadischu

ARD, 20.15

Mogadischu (D 2008, R.: Roland Suso Richter)

Drehbuch: Maurice Philip Remy

Buch zum Film: Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der Landshut, 2008

Nach Heinrich Breloers hochgelobtem Zweiteiler „Todesspiel“ (auch schon über zehn Jahre alt) über den Deutschen Herbst 1977, diversen Dokumentationen (zum Beispiel letztes Jahr ein Zweiteiler) über die RAF, dem noch im Kino laufendem „Baader Meinhof Komplex“ mutet „Mogadischu“ etwas akademisch an. Denn die Fakten sind bekannt. Am 13. Oktober 1977 entführt ein palästinensisches Kommando die Lufthansa-Maschine Landshut. Nach einem mehrtätigen Irrflug landet das Flugzeug in Mogadischu und die GSG 9 beendet die Geiselnahme.

Neue Erkenntnisse, wie die Beteiligung des KGB an der Entführung und was Lufthansa-Pilot Jürgen Schumann machte, als er nach einer Notlandung in Aden zwanzig Minuten verschwand, ändern nichts an dem großen Bild.

Aber Autor Remy und Regisseur Richter verarbeiteten diese Geschichte, nach den bisherigen euphorischen Kritiken, jetzt zu einem die damaligen Ereignisse konzentriert nacherzählendem TV-Spielfilm, der auch im Kino überzeugt hätte.

„Es ist ein ernsthafter Versuch der Annäherung (an die Wahrheit, A. d. V.). Wir bemühen uns, mit Verantwortung an ein Thema heranzugehen. Die Menschen, die das erlebt haben, sollen nicht davor sitzen und sagen: Was machen die denn da? Was erzählen die da?“ (Remy in der FAZ)

Das gleichnamige „Begleitbuch zum Film ‚Mogadischu’“ von Timo Kortner nimmt eine seltsame Zwischenstellung zwischen einem traditionellem Buch zum Film, also einer höchstens sparsam erweiterten Romanfassung des Drehbuchs, und einem Sachbuch über die Entführung ein. Denn Kortner führt relativ ausführlich in das gesellschaftliche Klima während der Schleyer-Entführung ein und er fügt immer wieder erklärende Passagen ein. Dabei gibt es im Buch und im Film eine Verschiebung der Perspektive von den Tätern zu den Opfern. Der Tatsachenroman „Mogadischu“ erzählt von Menschen in einer Ausnahmesituation und wie sie versuchen, diese zu überleben. Die Entführer bleiben dagegen, bis auf den durchgeknallten Captain Martyr Mahmud, blass. Und die Ideologie der Terroristen wird höchstens in einem Nebensatz gestreift; – was sie als Bösewichter noch bedrohlicher macht.

Kortners „Mogadischu“ ist ein packendes Drama, das auch eine gehörige Portion historisches Wissen vermittelt. Ein feines Buch.

Nach dem Film wird bei „Anne Will“ mit Zeitzeugen über die Entführung gesprochen und um 22.45 Uhr gibt es „Mogadischu – Die Dokumentation“ von Maurice Philip Remy.

Mit Nadja Uhl, Thomas Kretschmann, Christian Berkel, Said Tagmaqoui, Herbert Knaup, Simon Verhoeven, Jürgen Tarrach

Hinweise

ARD zum Film

FAZ: Interview mit Maurice Philip Remy über “Mogadischu” (24. November 2008)

FAZ (Michael Hahnfeld), Die Welt (Eckhard Fuhr), Spiegel Online (Christian Buß), Süddeutsche Zeitung (Christopher Keil), taz (René Martens), Die Zeit (Margit Gerste) über den Film „Mogadischu“


Das Buch zum Film

Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der ‚Landshut’

Knaur, 2008

272 Seiten

9,95 Euro

Nachtrag: Ich kann den Zeitungskritiken zustimmen: Der Film ist absolut sehenswert. Für meinen Geschmack hätte die Wackelkamera etwas dezenter sein können. Die Diskussion bei „Anne Will“ war gewohnt ziellos. Die Dokumentation war dann wieder gut. Weil sie wie der Film von teamWorx produziert wurde, dürfte sie auf der demnächst erscheinenden DVD sein.

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KrimiWelt-Bestenliste Dezember 2008

November 29, 2008

Mit sechs neuen Büchern gibt es auf der KrimiWelt-Bestenliste für den Dezember einiges zu entdecken:

1 (-) John le Carré: Marionetten

2 (2) Jean-François Vilar: Die Verschwundenen

3 (3) Jerome Charyn: Citizen Sidel

4 (-) Jo Nesbø: Der Schneemann

5 (-) José María Guelbenzu: Stört den Mörder nicht

6 (-) Ian Rankin: Ein Rest von Schuld

7 (10) Fred Vargas/Baudoin: Das Zeichen des Widders

8 (-) Kate Atkinson: Lebenslügen

9 (8) Bernhard Jaumann: Die Augen der Medusa

10 (-) George Pelecanos: Der Totengarten

Draußen sind unter anderem Allan Guthries „Post Mortem“ (schade, Besprechung kommende Woche), Norbert Horsts „Sterbezeit“ (nicht schade; – aber nachdem seine vorherigen Bücher, so meine Erinnerung, alle länger in der Liste waren, war das jetzt ein sehr kurzes Gastspiel) und Richard Starks „Fragen Sie den Papagei“ war ja lange genug drin. Von den Neueinstiegen kenne ich John le Carrés „Marionetten“ (nach einer langen Durststrecke endlich wieder ein lesenswerter le Carré; auch wenn die Geschichte ziemlich vorhersehbar ist), Ian Rankins „Ein Rest von Schuld“ (die grandiose Abschiedsvorstellung von Rebus; – jedenfalls vorläufig) und George Pelecanos’ „Der Totengarten“ (den ich, wie Rankin, bereits auf der November-Liste erwartet hatte).

In Klammer ist immer die Platzierung des Vormonats.


TV-Tipp für den 29. November: Der lange Michael-Ballhaus-Abend

November 29, 2008

„Das Adventsfest der Volksmusik“, „Das Supertalent – Das große Finale“, „Die große TV total Stock Car Crash Challenge“, „Gala-Konzert zugunsten der Deutschen AIDS-Stiftung“ – kommt den wirklich nichts Gescheites um 20.15 Uhr? Oh, hier:

BR, 20.15

Die Ehe der Maria Braun (D 1978, R.: Rainer Werner Fassbinder)

Drehbuch: Peter Märtesheimer, Pea Fröhlich (nach einer Idee von Rainer Werner Fassbinder)

Fassbinder-Klassiker über das Leben einer Frau von den Kriegsjahren bis zum 4. Juli 1954.

Mit Hanna Schygulla, Klaus Löwitsch, Ivan Desny, Gottfried John, Gisela Uhlen, Günter Lamprecht, Elisabeth Trissenar, Volker Spengler, Karl-Heinz von Hassel, Michael Ballhaus, Hark Bohm, Günther Kaufmann, Bruce Low, Rainer Werner Fassbinder, Claus Holm

BR, 22.15

Michael Ballhaus – Eine Reise durch mein Leben (D 2008, R.: Vera Tschechowa)

Drehbuch: Vera Tschechowa

Doku über den deutschen Kameramann, der auch in Hollywood sehr begehrt ist. Der Bayerische Rundfunk widmete dem 73-jährigen diesen Abend mit einer feinen Filmauswahl aus seinem Werk.

BR, 23.15

Die fabelhaften Baker Boys (USA 1989, R.: Steve Kloves)

Drehbuch: Steve Kloves

Ähem, das ist der Film mit Michelle Pfeiffer, singend, auf dem Piano. Jazzpianist Dave Grusin schrieb die Musik.

Mit Jeff Bridges, Beau Bridges, Michelle Pfeiffer, Jennifer Tilly, Xander Berkely, Gregory Itzin, Albert Hall

BR, 01.00

Die bitteren Tränen der Petra von Kant (D 1972, R.: Rainer Werner Fassbinder)

Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder (nach seinem Theaterstück)

Und noch ein Fassbinder-Klassiker

Mit Hanna Schygulla, Margit Carstensen, Irm Hermann, Eva Mattes

Hinweise

BR zum Abend (erster Film, Doku, zweiter Film, dritter Film – und ein aktuelles Interview)

Vierundzwanzig: Interview mit Michael Ballhaus (November 2008 – vor allem über „Martha“)

Michael Ballhaus: Das ist mein Amerika (Tagesspiegel, 2. November 2008)

Cinemascope: Porträt/Interview mit Michael Ballhaus (26. April 2008)

Planet Interview: Interview mit Michael Ballhaus (Februar 2007)

Wikipedia über Michael Ballhaus (deutsch)


Kommissar Kirchenbergs enttäuschender vierter Auftritt

November 28, 2008

horst-sterbezeit

Kann man einen Krimi schrieben, ohne den Täter zu präsentieren?

Ja, natürlich.

Kann man dafür gute Kritiken erhalten?

Ja, auch.

Aber nicht von mir. Denn für mich ist „Sterbezeit“ von Norbert Horst ein Roman, der den unsichtbaren Vertrag zwischen Erzähler und Publikum verneint. Dieser Vertrag besagt, dass der Erzähler am Ende eine Lösung für die von ihm eingangs aufgeworfene Frage liefert. Bei einem Krimi ist die Frage meistens „Wer ist der Täter?“ und am Ende wird der Täter überführt.

Schon in dem Polizeiroman „Blutskizzen“ strapazierte Horst diesen Vertrag, weil der Täter zwar ermittelt, aber entkommen konnte. In „Sterbezeit“, geht Horst auf diesem Weg noch einen Schritt weiter. Denn der Täter wird nicht mehr ermittelt, sondern am Ende hat Kommissar Konstantin Kirchenberg eine Vermutung, wer der Täter in einem alten Mordfall ist und wie sich die Tat abgespielt haben könnte.

Dieser zentrale Fall von „Sterbezeit“ beginnt mit dem Fund von zwei säuberlich abgetrennten, skelettierten Händen im Keller eines Mietshauses. Erst nachdem die Polizei eine neue wissenschaftliche Methode anwendet, können der Zeitpunkt der Tat und damit auch die zu befragenden Mieter genauer eingrenzt werden. Kirchenberg beginnt, mit einem neuen Kollegen, die ehemaligen Mieter zu befragen und die Vermisstenanzeigen durchzuforsten.

Dieser Mordfall wird mit dem Tod eines Drogensüchtigen und einer alten, kranken Frau, einem Fall von Drogenkonsum in der Verwandtschaft und Kirchenbergs Liebesgeschichte zu Ayse mühsam auf knappe dreihundert Seiten gestreckt.

Keiner dieser Subplots ist sonderlich interessant. Im Gegenteil. Die beiden privaten Plots bewegen sich auf dem Niveau einer Daily-Soap. Die drei Todesfälle sind letztendlich auch nicht viel besser. Doch während der Tod des Junkies und der alten Frau ohne große Mühe irgendwo in der Mitte des Buches aufgeklärt werden, gibt es bei dem Hauptfall keine Lösung.

Das ist, nachdem Horst in „Sterbezeit“ seinen vorherigen Roman mit keinem Wort erwähnt, nicht der Beginn eines zweiteiligen Romans (wie es Donn Cortez mit den „CSI: Miami“-Romanen „Mörderisches Fest“ und „Todsicheres Alibi“ tat), sondern einfach Verrat am Publikum. Denn das eingangs von dem Autor aufgeworfene Rätsel wird nicht gelöst. Er löst ein gegebenes Versprechen nicht ein, sondern beendet das Buch einfach indem er seinen Ich-Erzähler vage eine Vermutung äußern lässt, wer der Täter sei. Dieser Verstoß gegen die Genrekonventionen (und die Konventionen des Erzählens von Geschichten) könnte funktionieren, wenn Norbert Horst innerhalb der Geschichte ein anderes Thema präsentiert hätte, das er zu einem befriedigenden Schluss führen würde. Doch das tut er nicht. Deshalb ist „Sterbezeit“, genau wie ein Agatha-Christie-Roman bei dem die letzten Seiten fehlen, Zeitverschwendung.

Norbert Horst: Sterbezeit

Goldmann, 2008

288 Seiten

7,95 Euro

Hinweise

Homepage von Norbert Horst

Meine Besprechung von Norbert Horsts „Blutskizzen“

Nachtrag

Nachdem es in anderen Blogs eine Diskussion über diesen Text (vor allem meine Verwendung des Wortes „Vertrag“ gab), habe ich hier meine anderen Kritikpunkte gepostet.


TV-Tipp für den 28. November: Phoenix – Blutige Stadt

November 28, 2008

3sat, 23.10

Phoenix – Blutige Stadt (USA 1997, R.: Danny Cannon)

Drehbuch: Eddie Richey

In Phönix, Arizona, hat der spielsüchtiger Cop Harry Collins eine Pechsträhne. Zusammen mit seinen korrupten Kollegen will er einen Kredithai ausrauben. Natürlich geht die Sache in diesem noirischen Cop-Drama schief.

Ein feines Genrestück: gut gespielt, schick fotografiert, mit teilweise etwas durchhängender Story – und hier nur lieblos als DVD auf den Markt geworfen.

Graeme Revell schrieb die Musik.

Mit Ray Liotta, Anthony LaPaglia, Anjelica Huston, Daniel Baldwin, Jeremy Piven, Tom Noonan, Xander Berkeley, Giancarlo Esposito, Brittany Murphy, Giovanni Ribisi

Wiederholung: Samstag, 29. November, 03.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

3sat über „Phoenix – Blutige Stadt“

Wikipedia über “Phoenix”


Bouchercon 2008: Ein Gespräch mit Lawrence Block

November 27, 2008

Während der diesjährigen Bouchercon unterhielt Hard-Case-Crime-Herausgeber Charles Ardai sich mit seinem Lieblingsautor Lawrence Block. Das einstündige Gespräch ist jetzt auch in guter Qualität bei YouTube vorhanden:

Unbedingt ansehen!


Neu im Kino: Death Race

November 27, 2008

Death Race (Death Race, USA 2008)

Regie: Paul W. S. Anderson

Drehbuch: Paul W. S. Anderson

Weniger ein Film für die Freunde des gesitteten Kriminalfilms, sondern ein Film für die Freunde röhrender Motoren: 2012 findet in einem Knast ein Autorennen auf Leben (für wenige) und Tod (für den Rest) statt.

Uh, und für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Andersons Film ist ein sehr, sehr freies Remake von dem inzwischen zum Kult avanciertem „Death Race 2000“ (USA 1975, Frankensteins Todesrennen, Herrscher der Straße) von Paul Bartel mit David Carradine und Sylvester Stallone. Roger Corman produzierte den Film und die deutsche Kritik war entzückt: „entartet er zum widerwärtigen Nervenkitzel“ (Filmdienst) oder „Action-Orgie der Gehirnzwerge von Übermorgen“ (Münchner Abendzeitung).

Mit Jason Statham, Tyrese Gibson, Ian McShane, Joan Allen, Natalie Martinez, Max Ryan, Ed O’Neill (ungenannter Auftritt als Fabrikarbeiter)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Death Race“

Rotten Tomatoes: Jason Statham über seine Lieblingsfilme und „Transporter 3“


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