Frühwerk von Joe R. Lansdale in einer umfangreichen Jubiläumsausgabe

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Als Joe R. Lansdales „Nightrunners“ 1998 bei rororo in der Allgemeinen Reihe erschien, nahm ich das Buch überhaupt nicht wahr. Erst später, dank Martin Comparts kurzlebiger Noir-Reihe entdeckte ich Lansdale. Danach verschlang ich alle deutschen Ausgaben und auch einige Originalausgaben. Seine Hap-Collins/Leonard-Pine-Geschichten, eine mitreisende Mischung aus Action und Humor, wurden schon zutreffend als Gonzo-Privatdetektivromane bezeichnet. Seine frühen Einzelwerke beeindrucken vor allem durch die schonungslose Darstellung von Gewalt. Seine späteren, wie das hier vollkommen untergegangene, mit dem Edgar ausgezeichnete „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000), sind großartige, in den Südstaaten spielende Geschichten.

Mit dem Sammelband „Der Gott der Klinge“ kehrte Joe R. Lansdale vergangenes Jahr zu seinen Anfängen zurück. Der kleine, feine Verlag Subterranean Press brachte zum zwanzigjährigen Jubiläum von „The Nightrunners“ eine Geschenkausgabe von Lansdales Roman und sechs Kurzgeschichten, die etwas mit dem „Gott der Klinge“ zu tun haben und, bis auf „Jane findet ein Messer“, bereits an verschiedenen Orten veröffentlicht wurden, heraus. Lansdale schrieb zu allen Geschichten kurze Einleitungen und fertig war das Werk, das jetzt auch (und erheblich günstiger, aber weniger prächtig als die Originalausgabe) in Deutschland veröffentlicht wurde.

In „Nightrunners“ kämpft ein junges Ehepaar gegen die Nightrunners, eine Gruppe Jugendlicher, die Becky und ihren Mann Montgomery, der sich für einen Schlappschwanz hält, in einem einsamen Ferienhaus umbringen wollen. Die Nightrunners beten den Gott der Klinge an. Ob er ein übernatürliches Phänomen oder nur eine spinnerte Vorstellung der Nightrunners ist, ist in dieser Geschichte unklar.

Eine spannende Lektüre und selbstverständlich ein Thriller ist dieses Frühwerk von Joe Lansdale, das, so Lansdale in dem Vorwort, in vielen Listen der besten Horrorromane der achtziger Jahre und manchmal auch der besten Horrorromane aufgeführt wird.

Die Kurzgeschichten sind dann eher Horrorgeschichten. Denn damals schrieb Lansdale vor allem Horrorgeschichten. In „Nicht aus Detroit“ begegnet ein altes Ehepaar dem Tod und nervt ihn gehörig. In „Das zottelige Haus“ beginnt ein plötzlich auftauchendes Haus das Leben aus den anderen Häusern herauszuziehen. In „Der Gott der Klinge“ begegnet ein Antiquitätenhändler in einem verlassenen Haus einem seltsamen Typen, der ihm etwas über den Gott der Klinge erzählt und anschließend mit einem Rasiermesser umbringen will. In „König der Schatten“ erzählt Lansdale von dem vierzehnjährigen Leroy, der plötzlich den elfjährigen Draighton als jüngeren Bruder akzeptieren muss. Draightons Vater hat seine Mutter und anschließend sich selbst umgebracht. Mit einem Rasiermesser. Eines Tages entdeckt Leroy, dass Draighton das Rasiermesser besitzt.

Zwischenfall an einer Bergstraße“ ist fast schon ein Thriller. Ellen rempelt auf einer Bergstraße ein im Weg stehendes Auto an. Kurz darauf wird sie von einem Mann verfolgt, der sie umbringen will. Da ist es gut, dass ihr vorheriger paranoider Freund ihr einiges über Überlebenstechniken in der Wildnis beigebracht hat. Und in der fünfseitigen Vignette „Janet findet ein Rasiermesser“ fehlt eigentlich nur der Halbsatz „und bringt einige Leute um“ um den Inhalt der Geschichte wiederzugeben.

Für die vorliegende Ausgabe wurde die alte rororo-Übersetzung von „Nightrunners“ etwas überarbeitet; – wobei Lansdale-Fans sich den „Gott der Klinge“ wegen der neuen Geschichten und des Vorworts von Lansdale (insgesamt immerhin fast 150 Seiten) in jedem Fall kaufen müssen. Die anderen können mit „Der Gott der Klinge“ einen begnadeten Erzähler kennenlernen und sich danach an den absolut diesseitigen Collins/Pine-Bücher („Wilder Winter“ und „Rumble Tumble“ gibt’s derzeit auf Deutsch) erfreuen. Denn die meisten anderen Lansdale-Übersetzungen gibt es, teilweise zu ziemlich unverschämten Preisen, nur noch antiquarisch.

Joe R. Lansdale: Der Gott der Klinge

(übersetzt von Walter Hartmann und Frank Dabrock)

Heyne, 2008

400 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The God of the Razor

Subterranean Press, 2007

enthält den Roman:

Nightrunners (The Nightrunners, 1987)

und die auf Deutsch unveröffentlichten Kurzgeschichten

Der Gott der Klinge (The God of the Razor, 1987)

Nicht aus Detroit (Not from Detroit, 1988)

König der Schatten (King of Shadows, 2006)

Das zottelige Haus (The Shaggy House, 1986)

Zwischenfall an einer Bergstraße (Incident on and Off a Mountain Road, 1991)

Janet findet ein Rasiermesser (Janet Finds the Razor, 2007)

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter” (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Rumble Tumble” (Rumble Tumble, 1998)

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One Response to Frühwerk von Joe R. Lansdale in einer umfangreichen Jubiläumsausgabe

  1. […] Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Der Gott der Klinge“ (The God of the Razor, 2007) […]

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