Lesenswerte Essays für langjährige Krimifans

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„Das Mörderische neben dem Leben“ ist die von Krimifans, die sich auch theoretisch mit dem Genre beschäftigen, langerwartete Sammlung von in den vergangenen fünfzehn Jahren verstreut in verschiedenen Zeitungen, Büchern und im Internet veröffentlichten Kritiken, Vorträgen und Essays von „Krimipapst“ Thomas Wörtche. Ergänzt werden die bekannten Texte durch einige bislang unveröffentlichte Texte, wozu vor allem das lesenswerte Vorwort, Wörtches Rückblick auf seine Zeit als Herausgeber der Krimireihe „metro“ des Unionsverlages und ein Text über Eric Ambler gehören. Wegen des langen Zeitraums, über den sich die Texte erstrecken, werden Konstanten in Wörtches Denken und seinem ästhetischem Programm, seiner Unterscheidung zwischen „Krimi“ (manchmal auch „Grimmi“) und „Kriminalliteratur“, deutlich. „Es ist also nur plausibel, Kriminalliteratur da zu vermuten, wo auch ästhetisch etwas bemerkenswert ist, wo also die verwendeten literarischen Mittel zum ‚Sinn’ oder der ‚Bedeutung’ eines Romans wesentlich beitragen. (…) Die beiden Komponenten Sprache und Wirklichkeit stehen in einem prekären Verhältnis: Die Sprache kann noch so kunstvoll sein, noch so raffiniert, ausgekocht und mit allen Wassern von Romantheorien gewaschen – wenn mit ihr etwas erzählt wird, was aus Gründen des Nicht-genau-Hinschauens, des Nicht-Wissens, des Falsch-Verstehens, des Nicht-Kennens von Sachverhalten, Topographien, Fakten etc. nicht hinreicht, dann zerplatzt die schöne Kunst wie eine Seifenblase, die bestenfalls noch hübsch schillert, normalerweise aber nur einen seifigen Nachgeschmack hinterlässt. Dann werden Texte plötzlich entsetzlich prätentiös.“ Und „Kriminalliteratur wird zum belanglosen oder auch bedenklichen ‚Grimmi’ dort, wo sie prätendiert, dass das Gute siegt, wo die Ordnung wieder hergestellt wird, die Monster ‚Serialkiller’ heißen, ‚das Böse’ psychopathisch ist, das Morden eine künstlerische Tätigkeit und das Aufklären ein Puzzlespiel.“

Es werden, allerdings eher beiläufig, einige Entwicklungen im Genre in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich. Die wichtigsten sind dabei das Ende der seit Jahrzehnten bekannten Krimireihen in den Neunzigern, der Aufstieg des Regiokrimis, der Sieg von Donna Leon und Henning Mankell an der Kasse und der Aufbau der metro-Reihe, die vor allem Autoren außerhalb der bekannten Regionen Deutschland-Skandinavien-USA präsentierte.

Das Namedropping in den Essays löst immer wieder ein beifälliges Nicken aus. Joseph Wambaugh (die Werke aus dem letzten Jahrhundert), Chester Himes, Jerry Oster, Jerome Charyn, Pieke Biermann, Jean-Patrick Manchette, Ross Thomas, Eric Ambler, Lawrence Block und George Simenon. Auch seine „15 begründete Vorlieben, international, in Büchern…“ erfreut die langjährigen Krimifans:

Thomas Adcock (geb. 1947): Hell’s Kitchen (Sea of Green, 1989 – nicht mehr erhältlich)

Robert W. Campbell (1927 – 2000): Asche (Juice, 1988 – nicht mehr erhältlich)

Liza Cody (geb. 1944): Schwesternkrieg (Monkey Wrench, 1994 – nicht mehr erhältlich)

Didier Daeninckx (geb. 1949)/Jacques Tardi (geb. 1946): Den Letzten beißen die Hunde Le Der des ders, 1997 – nicht mehr erhältlich)

Pablo de Santis (geb. 1963): Voltaires Kalligraph (El caligrafo de Voltaire, 2001 – Unionsverlag)

Garry Disher (geb. 1949): Drachenmann (The Dragon Man, 1999 – Unionsverlag)

Joe Gores (geb. 1931): 32 Cadillacs (32 Cadillacs, 1992 – nicht mehr erhältlich)

Imre Kertész (geb. 1929): Detektivgeschichte (Detektivtörténet, 1977/2001 – Rowohlt)

Robert Littell (geb. 1935): Die kalte Legende (Legends, 2005 – Fischer Verlag)

William Marshall (geb. 1944): Manila Bay (Manila Bay, 1986 – Unionsverlag, nicht mehr erhältlich)

Andreu Martin (geb. 1949): Die Stadt, das Messer und der Tod (El Hombre de la Navaja, 1993 – nicht mehr erhältlich)

James Sallis (geb. 1944): Driver (Drive, 2005 – Liebeskind)

Paco Ignacio Taibo II (geb. 1949): Vier Hände (Cuatro Manos, 1990 – Unionsverlag)

Luis Ferdinand Verissimo: Der Club der Engel (O Clube dos Anjos, 1998 – nicht mehr erhältlich)

Donald E. Westlake (geb. 1933): Der Freisteller (The Ax, 1997 – nicht mehr erhätlich)

Gerade jüngere Krimifans dürften spätestens jetzt ins Grübeln geraten. Von diesen fünfzehn Werken sind neun Werke nicht mehr erhältlich, andere Bücher der genannten Autoren oft ebenfalls nicht, das Durchschnittsalter ist deutlich über Sechzig, es ist nur eine Frau dabei und der Unionsverlag erhält bei den erhältlichen Büchern die meisten Nennungen. Diese Liste zeigt exemplarisch den Grund für das zunehmende Unwohlsein während der Lektüre von „Das Mörderische neben dem Leben“.

Insgesamt entsteht nämlich der Eindruck, dass in den vergangenen zehn Jahren, bis auf wenige Ausnahmen, nur Mist veröffentlicht wurde und dass alle jüngeren Autoren (sagen wir mal: unter sechzig Jahren) nur Mist schreiben oder nicht erwähnenswert sind. Kein Ian Rankin, kein Michael Connelly, kein George Pelecanos (den Wörtche nicht mag), kein Joe R. Lansdale, kein Jason Starr, kein Ken Bruen, kein John Harvey, keine Sara Paretsky, kein Thomas C. Cook, kein Peter Temple, kein Dennis Lehane, kein Charlie Huston, kein Mark Billingham, kein Jonathan Lethem – um nur einige Autoren (unabhängig von ihrem ästhetischem Programm, also ob Kriminalliteratur oder Grimmi) zu nennen, die in den vergangenen Jahren in der Krimiszene bei Lesern und Autoren sehr beliebt waren. Lee Child wird im Vorwort mit einem Satz erwähnt. Donna Leon, Ingrid Noll, die Skandinavier und die Serienkillerthriller werden immer mal wieder in einem Halbsatz abgewatscht.

Diese massive Schlagseite zugunsten nicht mehr erhältlicher Romane und Autoren kann, weil sie sich durch das gesamte Buch zieht, nicht damit erklärt werden, dass halt in einem Text aus dem Jahr 1995 auf 1995 erhältliche Autoren hingewiesen wird und es in erster Linie um die Argumentation des Autors gehe. Denn Wörtche wählte die Texte aus und, weil die meisten Bücher und Autoren nicht mehr erhältlich sind, müssen die Urteile von Wörtche einfach geglaubt werden. Eine schnelle Überprüfung ist meistens nicht möglich (Ein Stöbern in verschiedenen Antiquariaten ist dagegen eine langwierige Aufgabe und das Bestellen über Amazon-Marketplace und Abebooks immer etwas gefährlich.). Diese vom Autor aufgerichtete Barriere erschwert Interessierten unnötig die Lektüre. Da hilft auch Wörtches in dem Vorwort bescheiden formulierter Anspruch, dass „Das Mörderische neben dem Leben“ sich den Luxus gönne, „Kriminalliteratur und das Nachdenken über sie als zunächst einmal (allgemein-)konsensfreie Zone zu betreiben“, nicht. Denn dieser Luxus führt dazu, dass „Das Mörderische neben dem Leben“ vor allem ein Buch für bereits bekehrte Krimifans ist.

Neulinge dürften dagegen besser mit den „Krimijahrbüchern“ oder Barry Forshaws „The Rough Guide to Crime Fiction“ bedient sein. Denn für sie dürfte „Das Mörderische neben dem Leben“ ein obskurer Closed-Shop sein.

Thomas Wörtche: Das Mörderische neben dem Leben – Ein Wegbegleiter durch die Welt der Kriminalliteratur

Libelle, 2008

208 Seiten

19,90 Euro

Enthält

Kriminalliteratur tanzt, schwimmt und rudert auf vielerlei Grenzlinien – Ein Vorwort

TWs seltsame Rankings

Sprengfallen – Eric Ambler und die Poetik des Pragmatischen

Das Versagen der Kategorien – Über Georges Simenon

It Does Make Sense! Chester Himes und sein 20. Jahrhundert in den USA und Europa

Rätsel Ripley oder Ripley, revisted

Das Mörderische und das Komische

Kriminalliteratur, weltweit

The making of metro…

Krimis und Kriminalliteratur

Desaster as usual – Science-Fiction, Kriminalliteratur und eine ungeklärte Nachbarschaft

Die Verweigerung von Eindeutigkeit – Der argentinische Zeichner Albert Breccia und sein Beitrag zur Ästhetik des 20. Jahrhunderts

Gewalt im Reich der Töne – Ein unbequemes Radiofeuilleton mit Musik


Hinweis

Thomas Wörtche im Netz: Kaliber .38 und Titel-Magazin

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3 Responses to Lesenswerte Essays für langjährige Krimifans

  1. krimileser sagt:

    „müssen die Urteile von Wörtche einfach geglaubt werden“

    Das nervt mich immer wieder.

    Es gibt ja da den Essay Wörtches, in dem dieser schreibt, dass Donna Leon (?) und Co das Genre erkenntnistheoretisch in die Steinzeit zurückgebomben. Dazu passt auch die Entstehungszeit der Literatur die da ausgewählt wurde. Nur bin ich überrascht, welche Bücher da ausgewählt wurden und welche nicht (Ellroy, Derek Raymond) … das führt für mich dann zur Frage wie Wörtche das eigentlich meinte ? Auf welches „Programm“ bezieht er das ? Ich kann mir schon etwas darunter vorstellen, aber das scheint mir nicht zu der Auswahl zu passen.

    Oder da schreibt er in seiner Driver Rezension, dass die Chester Himes Biographie Sallis nichts tauge und nirgends ein Hinweis, warum das so sein soll.

  2. AxelB sagt:

    Gegen eine Liste von fünfzehn Lieblingsbüchern kann natürlich wenig gesagt werden, weil das immer eine subjektive Liste, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, ist.
    Witzig fand ich Wörtches Aussage zur Übersetzung der im Alexander-Verlag erschienenen Übersetzung von Chester Himes „Plan B“: „schauderhaft übersetzt und lustlos präsentiert“ (S. 78). Denn für die metro-Ausgabe nahm er eben diese Übersetzung. Zwar wurde die Übersetzung für die Neuausgabe überarbeitet (ich habe eben die beiden Ausgaben miteinander verglichen), aber in dem Buch findet sich kein Hinweis darauf. Insgesamt ist die metro-Ausgabe, abgesehen von dem anderen Layout und Umschlag nicht lustvoller.

  3. AxelB sagt:

    Kurzer Nachtrag:
    Derek Raymond wird (glaube ich) ebenfalls mehrmals positiv erwähnt (und er ist auch nur noch antiquarisch erhältlich).
    James Ellroy wird (glaube ich; denn vielleicht erinnere ich mich jetzt nicht an eine Erwähnung) nicht erwähnt.

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