Enttäuschender Western von Brian Azzarello

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Mit “Jonny Double” und “100 Bullets” erschrieb Brian Azzarello sich bei den Fans von harten Noir-Crime-Comics einen guten Namen. In beiden Fällen wurden die Geschichten von Eduardo Risso gezeichnet. Für den Western „Loveless“ übernahm Marcelo Frusin, ein ehemaliger Assistent von Risso, diese Arbeit. Entsprechend gespannt war ich auf den dem ersten „Loveless“-Band „Blutrache“ – und war beim ersten Lesen enttäuscht. Denn „Loveless“, so das Fazit nach der ersten Lektüre, ist ein konfuses Werk, das auch nach den in „Blutrache“ zusammengefassten ersten fünf „Loveless“-Heften immer noch mit dem Set-Up beschäftigt ist.

Auch nach der zweiten Lektüre krankt „Blutrache“ immer noch an der nicht vorhandenen Geschichte. Zwei Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs kehrt Wes Cutter in seine Südstaaten-Heimat zurück. Aber der Frieden hat Blackwater noch lange nicht erreicht. Die Nordstaatler versuchen erfolglos mit ihren Soldaten das Gesetz durchzusetzen. Südstaatler, die die Niederlage nicht akzeptieren wollen, haben sich in die Wälder zurückgezogen und ziehen als Vigilanten durch das Land. Für die befreiten Neger hat sich auch nichts geändert. Sie schuften immer noch auf den Feldern, die ihnen nicht gehören, und werden ohne Gerichtsverhandlung gehängt.

Aber Cutter ist nicht zurückgekehrt, um sein früheres Leben als Farmer wieder aufzunehmen. Er will sich an den Einwohnern von Blackwater rächen. Wofür ist auch nach 130 Seiten noch sehr unklar. Aber bis dahin hat er einige Süd- und Nordstaatler umgebracht. Seine Begleiterin Ruth (die sich als Mann verkleidet hat) hat ebenfalls einige Morde begangen und der unehrenhaft aus der Armee entlassene Afroamerikaner Atticus wird sicher auch für Probleme sorgen.

Am Ende von „Blutrache“ hat Wes Cutter, weil er sich so besser rächen kann, den Job als neuer Sheriff von Blackwater angenommen.

Bis dahin springt die Geschichte, ohne einen wirklich erkennbaren Rhythmus (was allerdings auch ein Kennzeichen von Flashbacks ist) zwischen Gegenwart und Vergangenheit und verschiedenen Erzählsträngen hin und her. Manchmal wird das gut gelöst. Dann werden Vergangenheit und Gegenwart, nur durch verschiedene Farbtöne differenziert, in einem Bild lebendig. Manchmal wird von einer Seite auf die nächste, von einem Bild zum nächsten, auch die Zeit gewechselt, ohne dass dieser Wechsel deutlich wird. Einige Puzzlestücke fügen sich beim zweiten Lesen in eine rudimentäre Chronologie. Andere nicht. Störend beim Lesen ist auch, dass einige Charaktere sich sehr ähnlich sehen; – was mit dem Wechseln von der Gegenwart in die Vergangenheit natürlich potenziert wird. Ist der Charakter jetzt tot? Ist es ein ähnlich aussehender Charakter? Ist es eine Rückblende mit dem in der Gegenwart gestorbenen Charakter? Und einige Fragen (besonders zu Ruth, der Beziehung zwischen Wes Cutter und seinem Bruder und was Cutter in Blackwater will) bleiben unklar.

Interessant ist aber, wie prägnant Azzarello und Frusin die Folgen des Bürgerkriegs thematisieren. Das Grundgerüst der Geschichte und die opernhafte Inszenierung erinnern natürlich an die Italowestern von Sergio Leone. Doch Azzarello/Frusin erzählen „Loveless“ als düsteres Drama, bei dem alle Charaktere in verschiedenen Graden schuldig und Gefangene der gesellschaftlichen Konventionen sind.

Nach der zweiten Lektüre ist der erste „Loveless“-Band „Blutrache“ nicht so schlecht. Er hat seine Momente. Er hat gute Episoden. Aber auch nach fünf Heften ist außer der Einführung der verschiedenen Charaktere, gut zwei Dutzend Toter und einer Vergewaltigung noch nichts passiert.

In den USA wurde „Loveless“ nach 24 Heften eingestellt. Sie erschienen gesammelt in zwei weiteren „Loveless“-Bänden, die demnächst auch auf Deutsch erscheinen sollen.

Brian Azzarello/Marcello Frusin: Loveless 1 – Blutrache

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics, 2008

132 Seiten

14,95 Euro

Originaltitel

Loveless: A Kin’ of Homecoming

Vertigo/DC Comics, 2006

Enthält

Loveless 1 – 5, Vertigo/DC Comics 2005/2006

Hinweise

News A Rama: Interview mit Brian Azzarello (Oktober 2006)

UGO: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006)

Comics Bulletin: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006/2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

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2 Responses to Enttäuschender Western von Brian Azzarello

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