Der etwas andere Psychologe: Eddie „Fitz“ Fitzgerald

„Cracker“, bei uns auch bekannt unter dem etwas dämlich-harmlosen Titel „Für alle Fälle Fitz“, ist einer der seltenen Glücksfälle der TV-Geschichte, die in England allerdings häufiger vorkommen als in Deutschland. Denn Anfang der neunziger Jahre gab ein Sender das Okay für eine damals bahnbrechende Serie, die auch heute – wie die jüngst erschienene „Für alle Fälle Fitz“-Komplettbox zeigt – nichts von ihrer Faszination verloren hat. Bereits in den ersten Minuten, wenn Robbie Coltrane als Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald verspätet (er musste noch die Rennergebnisse erfahren) eine improvisierte Vorlesung an der Uni hält, wird ein einmaliger Charakter präsentiert. Er brüllt die Namen der großen abendländischen Denker und schleudert deren Werke in den Hörsaal. Danach fordert er die verblüfften Studierenden zum selber Denken auf und verlässt den Saal.

Entweder schaltet man danach ab, oder man will mehr über diesen Charakter erfahren, dessen Privatleben ein einziges Chaos ist. Er ist ein Trinker, Spieler und Choleriker. Seine Ehe ist in den ersten „Cracker“-Folgen schon in – höflich formuliert – ernsten Schwierigkeiten und es wird noch schlimmer. Aber er ist auch ein ausgezeichneter Psychologe, der gnadenlos in den Wunden seiner Gegner herumbohrt.

Diese Verhöre, in denen Fitz eine unangenehme Wahrheit nach der nächsten ausposaunt, sind für die mit ihm im Raum Anwesenden die reinste Folter. Denn Fitz nimmt nicht nur den Verdächtigen gnadenlos in die Zange, sondern er benutzt auch die anwesenden Polizisten, indem er intime Details (meistens wahr, selten erfunden) über sie ausplaudert. Der Originaltitel „Cracker“ sagt alles über diese Verhöre, die dank der guten Dialoge von Jimmy McGovern (der Fitz erfand und die meisten Drehbücher schrieb) und den guten Schauspielern zu den Höhepunkten jeder Folgen gehören.

„„I smoke too much.“

Die erste Folge „Mord ohne Erinnerung“ etabliert das Polizeiteam und Fitz mit seinem chaotischen Privatleben. Der Fall ist noch ein Whodunit. In einem Zugabteil wird eine seiner Studentinnen bestialisch erstochen. Als in der Nähe der Bahngleise ein blutbesudelter Mann gefunden wird, der behauptet sein Gedächtnis verloren zu haben, beginnt Fitz ihn zu bearbeiten. Denn offensichtlich ist er der Täter und er simuliert seinen Gedächtnisverlust. In den späteren Folgen ist der Täter dann fast immer von Anfang an bekannt. Es werden die Irrwege der Polizei und die Verhöre von Fitz, in denen er sich an die Wahrheit herantastet, gezeigt. Außerdem wird die Dynamik innerhalb der ermittelnden Polizisten zunehmend wichtiger. Bereits in der zweiten Folge wird einer ihrer Kollegen ermordet.

Den ersten Höhepunkt erreichte der schonungslose Umgang mit den Darstellern in „Kalte Rache“. In dieser Folge beginnt der Arbeiter Albie Kinsella (Robert Carlyle), nach der Beerdigung seines Vaters, als ein pakistanischer Kaufmann auf die sofortige Zahlung des korrekten Preises besteht (letztendlich geht es um vier Shilling), mit einem Rachefeldzug. Er will sich nicht mehr wie Dreck behandeln lassen. Er ersticht den Pakistani.

Sein drittes Opfer ist DCI David Bilborough (Christopher Eccleston), der Teamleiter. In dem „Making of“ erzählt Jimmy McGovern wie es zu diesem Mord an einem der Hauptdarsteller kam. Eccleston fühlte sich nach den ersten drei Folgen als Schauspieler unterfordert. Deshalb wollte er aussteigen. McGovern erzählte ihm dann von dieser minutenlangen Szene: Er verfolgt den Mörder durch mehrere enge Gassen in dessen Wohnung, dort wird er von ihm erstochen und kriecht dann schwer verletzt durch einen scheinbar endlosen Flur auf eine menschenleere Gasse. Dabei berichtet er seinen Kollegen über sein Funkgerät, was er in den vergangenen Minuten über den Täter erfahren hat.

Eccleston kehrte zurück. Und, weil kein Zuschauer vorher wusste, dass Bilborough die Folge nicht überleben wird, waren sie ähnlich schockiert wie Fitz und seine Arbeitskollegen DS Jane ‚Panhandle‘ Penhaligon (Geraldine Somerville) und DS Jimmy Beck (Lorcan Cranitch). Denn, so das eherne Gesetz von TV-Serien, ein Hauptdarsteller stirbt nicht. Jedenfalls nicht so. Und nicht mitten in einer Folge.

In den nächsten Folgen rückten die Konflikte innerhalb des Teams immer mehr in den Mittelpunkt. Beck fühlte sich für den Tod von Bilborough verantwortlich. Er versucht mit seiner Schuld klarzukommen und wird zunehmend zu einem Problem. Penhaligon versucht ihre Beziehung zu Fitz auf die Reihe zu bekommen. Denn nachdem Judith Fitzgerald in der ersten Folge ihren Ehemann verließ, hatte sie Sex mit ihm. In „Männerphantasien“ wird sie während der Jagd nach einem Serienvergewaltiger selbst vergewaltigt. Sie glaubt, dass ihr Kollege Beck der Täter ist.

Bei diesen Spannungen innerhalb des Teams verläuft in „Kalte Rache“ der Übergang von Bilborough zu seinem Nachfolger DCI Charlie Wise (Ricky Tomlinson) reibungslos. In den späteren Folgen wird allerdings deutlich, dass Wise als Chef bei schwierigen Fällen überfordert ist.

„I drink too much.“

Auch in den Mordfällen stehen die zwischenmenschliche Dynamik, die Sehnsüchte, Ängste und seelischen Defekte der einzelnen Charaktere im Mittelpunkt. Die große Politik wird von Jimmy McGovern (und später Paul Abbott) nur selten, Organisierte Kriminalität und Wirtschaftskriminalität nie aufgegriffen. Denn dafür ist der Psychologe Fitz nicht zuständig. In „Mörderische Liebe“ beginnt ein junges Liebespaar eine Mordserie. Sie fühlt sich von der Gesellschaft ausgestoßen. Er ist ein Stotterer. In „Tod eines Knaben“ wird ein Lehrer verdächtigt, einen seiner Schüler umgebracht zu haben. Das Ende der Folge, wenn der Lehrer Fitz alles gesteht, ist schockierend.

In „Teuflische Verführung“ hat eine Teenagerin ein Liebesverhältnis mit dem von ihr bewunderten religiösen Vorsteher einer christlichen Sekte. Als sie der Öffentlichkeit sagen will, dass sie schwanger ist, beschließen die Gemeindoberen das Problem auf nicht gerade christliche Weise zu lösen. Diese Folge über religiösen Wahn (bei ihr) und Bigotterie (bei ihm) gehört zu den schwächeren Folgen.

In „Männerphantasien“ wird ein Serienvergewaltiger gesucht. In „Bruderliebe“ wird eine Prostituierte brutal ermordet. Ein Tatverdächtiger ist schnell gefunden. Aber während er inhaftiert ist, geschieht ein weiterer Mord. Fitz verdächtigt den Bruder des Tatverdächtigen: einen geachteten katholischen Priester. Die Gespräche zwischen den beiden über Schuld, Sühne und Verpflichtungen sind grandios. Es sind elaborierte Katz-und-Maus-Spiele, in denen jeder den anderen zu ungewollten Geständnissen bewegen will.


In „Racheengel“ steht die Liebe zwischen einem etwa Dreißigjährigen zu einem unbeherrschten Heim-Jugendlichen im Mittelpunkt. Ein gemeinsam verbrachter Abend in der Wohnung des Älteren führt zum Tod der Vermieterin.

Auch in „Liebesfalle“ geht es um Liebe. Dieses Mal ist eine Studentin in Fitz verliebt. Sie schreibt ihm verklausulierte Liebesbriefe, begeht Morde und dringt in das Leben von Fitz ein.

Die ersten neun Fälle wurden in England als jeweils etwa fünfzigminütige Zwei- und Dreiteiler ausgestrahlt. Dabei sind die hundertminütigen Fälle immer etwas zu kurz. 150 Minuten ist dagegen die ideale Länge für einen „Cracker“-Fall. Jimmy McGovern erzählt im „Making of“, dass er jedes seiner Drehbücher kürzen musste.

„Für alle Fälle Fitz“ erhielt zahlreiche Preise. Robbie Coltrane erhielt an drei aufeinander folgenden Jahren den BAFTA Award als bester Darsteller. Die Serie erhielt zweimal den BAFTA Award als beste Serie des Jahres. Im dritten Jahr wurde sie „nur“ nominiert. Die Drehbücher zu „Mörderische Liebe“ und „Bruderliebe“ von Jimmy McGovern erhielten einen Edgar.

„I gamble too much.“

Nach neun Fällen war dann Schluss. Fitz war, zum dritten Mal, glücklicher Vater. Judith lebte wieder bei ihm. Das Ermittlerteam aus „Mord ohne Erinnerung“ existierte nicht mehr. 1996 und 2006 folgten zwei weitere spielfilmlange, Edgar-nominierte Episoden.

In „Weiße Teufel“ bittet ihn die Polizei von Hongkong um Hilfe. Ein chinesischer Unternehmer wurde ermordet. In dieser Folge tritt, von der Stammbesetzung, nur DCI Wise auf. Die Hongkong-Polizistin Janet Lee Cheung nimmt die Rolle von DS Penhaligon ein und Fitz knackt einen weiteren Mörder. „Weiße Teufel“ ist dabei, in unbekanntem Gelände, ein wenig Dienst nach Vorschrift.

In „Nine Eleven“ kehrt Fitz zur Hochzeit seiner Tochter für einige Tage nach Manchester zurück. Schnell wird er in einen Mordfall (der für ihn auch die willkommene Gelegenheit ist, sich vor familiären Verpflichtungen zu drücken) verwickelt. Ein junger Amerikaner wurde nach einer Anti-Bush-Stand-up-Comedy ermordet. Kurz darauf wird ein zweiter US-Amerikaner ermordet.

„Nine Eleven“ verbindet durchaus gelungen den Antiterrorkrieg der USA mit dem Nordirlandkonflikt. Der Mörder Kenny Archer diente als Soldat in Nordirland. Er leidet immer noch an den seelischen Folgen seines Einsatzes, der inzwischen in der Öffentlichkeit nur noch als vernachlässigbares Scharmützel gesehen wird.

Im direkten Vergleich zu den ersten „Cracker“-Episoden sind „Weiße Teufel“ und „Nine Eleven“ ein insgesamt schwacher Nachschlag. Die Fälle sind auf dem Niveau der vorherigen Fälle. Aber in beiden Filmen fehlt die sich über mehrere Episoden entwickelnde Dynamik innerhalb des Teams. In „Weiße Teufel“ und „Nine Eleven“ sind die Ermittler weitgehend austauschbare Charaktere, die in ihren besten Momenten an das alte Ermittlerteam erinnern.

„I am too much.“

Die schön gestaltete Komplettbox der Serie „Für alle Fälle Fitz“ bietet fast 24 Stunden spannende Unterhaltung und sollte in keiner DVD-Krimisammlung fehlen. Denn im Fernsehen werden die einzelnen Folgen kaum gezeigt. Bei der letzten Ausstrahlung kürzte das ZDF die beiden gezeigten Folgen „Mord ohne Erinnerung“ und „Tod eines Knaben“ einfach um über zehn Minuten. Das Bonusmaterial ist kärglich, aber die britische Ausgabe hat noch weniger. Das „Making of“ anlässlich des Drehs von „Nine Eleven“ ist informativ. Der ZDF-Beitrag über die Synchronisation nett.

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Für alle Fälle Fitz – Die komplette Serie

Koch Media

FSK 16

Laufzeit: ca. 1409 Minuten

Bildformat: 1.66:1 (4:3)/1.78:1 (16:9)

Tonformat: Dolby Digital 2.0

Sprachen: Deutsche, Englisch

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial
ZDF-Beitrag über die Synchronarbeiten (8 Minuten)

Making of (47 Minuten mit Untertitel)

Hauptdarsteller

Robbie Coltrane (Dr. Eddie ‚Fitz‘ Fitzgerald)

Barbara Flynn (Judith Fitzgerald)

Kieran O’Brien (Mark Fitzgerald)

Tess Thomson (Katie Fitzgerald)

Christopher Eccleston (DCI David Bilborough)

Geraldine Somerville (DS Jane ‚Panhandle‘ Penhaligon)

Lorcan Cranitch (DS Jimmy Beck)

Ricky Tomlinson (DCI Charlie Wise)

Edward Peel (Chief Super)

Wil Johnson (D.C. Skelton)

Die Fälle von Eddie „Fitz“ Fitzgerald

Mord ohne Erinnerung (The mad woman in the attic, GB1993)

Regie: Michael Winterbottom

Drehbuch: Jimmy McGovern

99 Minuten

Mörderische Liebe (To say I love you, GB 1993)

Regie: Andy Wilson

Drehbuch: Jimmy McGovern

153 Minuten

Tod eines Knaben (One day a lemming will fly, GB 1993)

Regie: Simon Cellan Jones

Drehbuch: Jimmy McGovern

99 Minuten

Kalte Rache (To be a somebody, GB 1994)

Regie: Tim Fywell

Drehbuch: Jimmy McGovern

149 Minuten

Teuflische Verführung (The big crunch, GB 1994)

Regie: Julian Jarrold

Drehbuch: Ted Whitehead

148 Minuten

Männerphantasien (Men should weep, GB1994)

Regie: Jean Stewart

Drehbuch: Jimmy McGovern

149 Minuten

Bruderliebe (Brotherly love, GB 1995)

Regie: Roy Battersby

Drehbuch: Jimmy McGovern

148 Minuten

Racheengel (Best boys, GB 1995)

Regie: Charles McDougall

Drehbuch: Paul Abbott

99 Minuten

Liebesfalle (True romance, GB 1995)

Regie: Tim Fywell

Drehbuch: Paul Abbott

100 Minuten

Weiße Teufel (White ghost, GB1996)

Regie: Richard Standeven

Drehbuch: Paul Abbott

100 Minuten

Nine Eleven (Nine Eleven, GB 2006)

Regie: Antonia Bird

Drehbuch: Jimmy McGovern

109 Minuten

Hinweise

BFI Screen Online über „Cracker“

The unofficial Guide to „Cracker“

Wikipedia über „Für alle Fälle Fitz“

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2 Responses to Der etwas andere Psychologe: Eddie „Fitz“ Fitzgerald

  1. […] Meine Besprechung der Komplettbox „Für alle Fälle Fitz“ (Cracker) […]

  2. […] de Insel war der spannende Sechsteiler „State of Play“ von „Cracker“-Autor Paul Abbott, der bei uns eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit als „Mord auf Seite 1“ auf Arte lief, ein […]

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