Alter Scheiß? Ross Thomas: Teufels Küche; Am Rand der Welt

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Mit „Teufels Küche“ und „Am Rand der Welt“ setzte der Alexander Verlag seine Werkausgabe von Ross Thomas fort. Beide Romane wurden mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und sie lesen sich heute immer noch so frisch und lebendig, wie vor über zwanzig Jahren.

In „Teufels Küche“ erfährt der Wahlkampfmanager Draper Haere fast zufällig von einem Ereignis, das die derzeitige Regierung aus dem Amt jagen könnte. Bevor ihm sein alter Freund Jack Replogle etwas Genaueres erzählen kann, werden sie überfallen und Replogle stirbt. Haere ist jetzt wirklich neugierig. Er engagiert den ehemaligen Journalisten Morgan Citron, der, nachdem er mehrere Monate in einem afrikanischen Gefängnis schmorte, seine Ersparnisse als Bummler in Kalifornien aufbrauchte und jetzt als Hausmeister in einem Apartmentkomplex arbeitet. Citron soll alles über das Ereignis herausfinden.

Tja, und ungefähr hier wird „Teufels Küche“ zu einem schwachen Roman von Ross Thomas.

Denn das die gesamte Geschichte initiierende Ereignis (Es ist ein Schusswechsel im Dschungel, bei dem Amerikaner beteiligt waren.) wird am Ende in seinem ganzen Ausmaß fast schon lieblos enthüllt und ist im nihilistischen Kosmos von Ross Thomas so unbedeutend, dass er es in einem anderen Roman auf zwei Seiten verbraten hätte.

Doch viel schlimmer ist, dass in „Teufels Küche“ alle Charaktere irgendwie miteinander verbandelt sind und damit die Glaubwürdigkeit überstrapazieren. Denn der Informant Drew Meade möchte nicht nur Replogle und später Draper Haere, sondern auch Pressezarin Gladys Citron die Informationen verkaufen. Sie ist die Mutter des zufällig von Haere engagierten Journalisten Morgan Citron. Velveta Keats, eine Mieterin im Apartmentkomplex und Freundin von Morgan Citron, ist die Tochter eines Kokainschmugglers, der zufällig auch in den tödlichen Schusswechsel im Dschungel involviert ist.

Da ist es schon tröstlich, dass die beiden falschen FBI-Agenten Tighe und Yarn mit keinem der anderen Charaktere verwandt oder verschwägert sind oder eine lange Vorgeschichte teilen. Denn natürlich kennen sich Meade, Haere, Replogle und Gladys Citron von früher.

In „Teufels Küche“ hat Ross Thomas in dieser Beziehung einfach zu viel getan, um noch glaubwürdig zu sein. Nur die zynische Grundeinstellung bewahrt „Teufels Küche“ davor, eine kontintentenübergreifende Räuberpistole zu werden.

Dass Ross Thomas es besser kann, zeigt er in „Am Rand der Welt“. Während auf den Philippinen Marcos gestürzt wird, wird Booth Stallings in Washington entlassen. Bereits wenige Stunden später hat er ein neues gutdotiertes Angebot. Er soll auf die Philippinen fliegen und einen irgendwo in den Bergen sitzenden Freiheitskämpfer oder Terroristen (es kommt auf die Perspektive an) mit fünf Millionen Dollar überzeugen, nicht die Macht zu übernehmen, sondern in Hongkong das Geld in Empfang zu nehmen. Die Auftraggeber sind ein anonymes Konsortium, das aus Geschäftsleuten, die auf den Philippinen investieren wollen, aber auch aus Regierungs- und Geheimdienstkreisen bestehen kann. Der Empfänger des Geldes ist Alejandro Espiritu. Er ist ein Fan von Stallings „Anatomie des Terrors“, sie sind sich bereits in einem Gefecht während des zweiten Weltkriegs begegnet und er vertraut nur Stallings.

Stallings nimmt das Angebot gegen eine erkleckliche Provision an und kontaktiert über seine Verwandtschaft Maurice „Otherguy“ Overby. Dieser empfiehlt ihm als kompetente Helfer die bereits aus „Umweg zur Hölle“ bekannten Glücksritter Artie Wu und Quincy Durant. Gemeinsam wollen sie einen Weg finden, die fünf Millionen in die eigenen Taschen zu stecken. Das ist natürlich nicht so einfach. Den um sie herum tobenden Bürgerkrieg nehmen sie dabei kaum wahr. Denn was sind schon einige Leichen und eine imposante Schuhsammlung gegen einen Haufen Bargeld?

Ross Thomas: Teufels Küche

(übersetzt von Wilm W. Elwenspoek, bearbeitet von Jochen Stremmel und Anja Franzen, mit einem Nachwort von Laf Überland)

Alexander Verlag, 2008

360 Seiten

12,90 Euro

Originalausgabe

Missionary Stew

Simon & Schuster, 1983

Deutsche Erstausgabe

Mördermission

Ullstein, 1985

Ross Thomas: Am Rand der Welt

(übersetzt von Jürgen Behrens, bearbeitet von Gisbert Haefs und Anja Franzen, mit einem Nachwort von Thomas Wörtche)

Alexander Verlag, 2008

408 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Out on the Rim

Mysterious Press, 1986

Deutsche Erstausgabe

Ullstein, 1987

Hinweise

Alligatorpapiere: Gerd Schäfer über Ross Thomas (Reprint „Merkur“, November 2007)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Gottes vergessene Stadt” (The Fourth Durango, 1989)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Kälter als der Kalte Krieg“ (Der Einweg-Mensch, The Cold War Swap, 1966)

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4 Responses to Alter Scheiß? Ross Thomas: Teufels Küche; Am Rand der Welt

  1. […] Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Teufels Küche“ (Missionary Stew, 1983) […]

  2. Margaret sagt:

    Draper Haere ist kein „Wahlkampfmanager“ (falls das auf deutsch dasselbe bedeutet wie auf englisch), sonst einer, der Geld aussucht, um eines Kandidats Wahlkampf zu finanzieren. Solche Leute sind in Amerika „rainmaker“ (Regen-bringer) gennant.

  3. […] Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Teufels Küche“ (Missionary Stew, 1983) […]

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