Ein Angebot von Agent Graves, das Sie ablehnen sollten

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Die Idee ist, je nach Sichtweise, entweder vollkommen beknackt oder genial. Denn in der von Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso erfundenen Serie „100 Bullets“ taucht ein Mann, der sich Agent Graves nennt, bei wildfremden Menschen auf und bietet ihnen eine Pistole und 100 Kugeln, die nicht zurückverfolgt werden können, an. Mit diesen Kugeln können sie sich an einem bestimmten Menschen rächen, der ihnen Leid zugefügt hat und dafür nicht bestraft wurde. Die Beweise für das Verbrechen liefert Agent Graves gleich mit.

Das beknackte ist, dass es natürlich keine Kugeln gibt, die Straffreiheit garantieren und dass es in der Wirklichkeit diese wasserdichten Beweise von Agent Graves so nicht geben kann. Das geniale ist, dass diese Grundidee es Azzarello und Risso ermöglicht, in vielen unterschiedlichen Geschichten immer wieder die Frage nach Schuld und Sühne zu stellen. In jeder Geschichte muss der Empfänger des Geschenkes sich fragen, ob eine schlimme Tat (es geht nicht immer um einen Mord) mit einem Mord vergolten werden darf. Er hat immer die Wahl zwischen Rache und Vergebung. Die dritte Möglichkeit, nämlich mit den Beweisen zur Polizei zu gehen, wurde in den ersten Geschichten der mehrfach ausgezeichneten Serie „100 Bullets“ noch nicht ausprobiert. In den USA erscheint am 18. März der hundertste und letzte Band von „100 Bullets“.

Dass Agent Graves bei seinen Missionen sein eigenes Spiel spielt und in einen größeren Kampf zwischen ihm und einer geheimen Organisation verwickelt ist, zieht sich zwar als roter Faden durch die „100 Bullets“-Geschichten, aber in dem gerade erschienenen „Alle guten Dinge“ ist das so nebensächlich, dass der dritte Sammelband der Serie (er enthält die Hefte 15 bis 19 beziehungsweise die fünfteilige Geschichte „Der Apfel fällt nicht weit vom Slum“; der fünfte Teil heißt „Epilog für einen Straßenköter“) gut als Einstieg in die düstere Welt des Teams Azzarello/Risso dienen kann.

Agent Graves geht zu dem Ghettojungen Louis „Loop“ Hughes, der noch bei seiner Mutter lebt und als Kleinkrimineller sein Geld verdient. Graves sagt ihm, wo sein Vater, der sich nie um ihn kümmerte, lebt. Und er gibt ihm den Koffer mit den 100 Kugeln. Loop macht sich, mit der geladenen Pistole, auf den Weg zu seinem Vater Curtis. Doch bevor er ihn umbringt, lässt er sich in ein Gespräch verwickeln. Curtis zieht Loop auf seine Seite und beginnt ihn als Schuldeneintreiber auszubilden. Am Ende des zweiten Heftes trifft Curtis Agent Graves und fragt ihn: „Warum haben Sie eigentlich meinen Jungen geschickt, um mich umzubringen?“

Und Agent Graves hat seinen Koffer mit dem Bild eines Verbrechers, der Pistole und den titelgebenden „100 Bullets“ bei sich. Denn: „Sie wissen, dass jeder irgendwann irgendwas getan hat, das irgendwer nicht vergeben kann. Jeder. Zum Beispiel ihr Junge…“

Brian Azzarello und Eduardo Risso erzählen in „Alle Guten Dinge“ ihre Vater-Sohn-Geschichte im kriminellen Milieu knapp, schnell, brutal, illusionslos und mit überraschenden Wendungen, die, wie es sich für eine gute Noir-Geschichte gehört, immer nur eine Richtung kennen. Es ist eine Geschichte fataler Entscheidungen, in der vor allem Vater und Sohn Hughes nur Marionetten von mächtigeren Kräften sind. Andere und das soziale Umfeld bestimmen über ihr Leben. Deshalb hat Loop am Anfang, wenn Agent Graves ihm sagt, wo er seinen Vater findet, nur scheinbar eine Wahl.

„Alle guten Dinge“, 2001 ausgezeichnet mit dem Eisner Award für „Best serialized story“, ist ein guter Einstieg in den brutalen Noir-Kosmos von „100 Bullets“ und dem coolen Agent Graves. Allerdings ist danach die Sucht nach mehr geweckt.

Brian Azzarello/Eduardo Risso: 100 Bullets – Alle guten Dinge (Heft 3)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2008

132 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

100 Bullets: Hang up on the Hang Low

Vertigo/DC Comics, 2001

enthält

100 Bullets, Heft 15 – 19

Vertigo/DC Comics, 2000/2001

Hinweise

You Tube: Brian Azzarello redet über “100 Bullets” (Chicago, 2008)

MySpace-Seite von Brian Azzarello

Homepage von Eduardo Risso

Englische „100 Bullets“-Fanseite

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

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2 Responses to Ein Angebot von Agent Graves, das Sie ablehnen sollten

  1. […] • 100 Bullets, von Brian Azzarello und Eduardo Risso […]

  2. […] Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 B… […]

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