Watchmen: Vor dem Film war der Comic

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Das Time Magazine nahm „Watchmen“ von Autor Alan Moore und Zeichner Dave Gibbons als einzigen Comic in die Liste der hundert wichtigsten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts auf. Mit dieser fast hochkulturellen Adelung wurde eine Art des Geschichtenerzählens in den literarischen Kanon aufgenommen, die in Deutschland immer noch ein Schattendasein führt. Daran dürfte auch die jetzt anlaufende „Watchmen“-Verfilmung von Zack Snyder wenig ändern. Immerhin sind gut drei Stunden Kino mit Superhelden und Actionszenen eher etwas für ein jüngeres Multiplex-Publikum, während das bildungsbürgerliche Arthouse-Publikum die Romanverfilmungen „Der Vorleser“ oder „Effi Briest“ genießt. Dabei könnten auch sie in „Watchmen“ einiges entdecken.

Denn Alan Moore und Dave Gibbons stellen in dem zwölfteiligen Comic „Watchmen“ zuerst einmal das Superhelden-Genre vom Kopf auf die Füße. Moore fragte sich, wie den die Wirklichkeit aussähe, wenn wirklich verkleidete Männer Verbrecher gejagt hätten. Danach erfand er eine Alternativwelt, in der die USA den Vietnamkrieg gewonnen haben, Watergate nicht entdeckt wurde und Präsident Nixon Mitte der Achtziger noch im Amt ist. Gespiegelt werden die Erlebnisse der sich größtenteils im Ruhestand befindenden Superhelden in einem Piratencomic. Ergänzt werden die zwölf Comichefte von vertiefenden Texten, wie Autobiographien, Interviews und Briefwechsel der verschiedenen Charaktere. So entsteht langsam das Bild einer Welt, die sich nur in Teilen von unserer Welt (naja, genaugenommen unserer Welt vor gut 25 Jahren) unterscheidet.

Und wie in vielen Science-Fiction-Werken ist der Plot nur das Skelett für das Vorstellen der erfundenen Welt. Die Dramaturgie der Comichefte führt zu einer ähnlich episodischen Struktur, wie sie inzwischen auch öfters in TV-Serien verwandt wird. Im S-F-Genre wären das „Lost“, „Battlestar Galactica“, „Heroes“ und auch „Terminator: S. C. C.“. Die Hauptgeschichte, die Suche von Rohrschach nach dem Hintermann einer Verschwörung gegen die sich nach dem Keene-Erlass in den Ruhe zurückgezogenen Superhelden, bewegt sich manchmal kaum voran. Dann nehmen die Biographien der Superhelden, ihre Beziehung zueinander und die moralischen Fragen ihres Handelns einen breiten, teilweise heftfüllenden Raum ein. Denn Alan Moore hat, wie in den TV-Serien, als das erste „Watchmen“-Heft erschien die letzten Hefte noch nicht geschrieben und so entstand aus einer Mischung aus Improvisation und Planung ein dichtes Epos, das zugleich Abgesang, Liebeserklärung und Würdigung eines uramerikanischen Genres ist.

Auffallend ist daher, wie konsequent die verschiedenen Plots aufeinander bezogen sind und auch Nebenfiguren, wie der Zeitungsverkäufer, immer wiederkehren und wie sehr sich die einzelnen Plots und Charaktere immer wieder auf verschiedenen Ebenen spiegeln. Gleichzeitig wurden einige formale Elemente von Anfang an durchgehalten und erzeugen so das Gefühl einer in sich geschlossenen Welt. Weil „Watchmen“ von Anfang an auf zwölf Hefte festgelegt wurde, die Geschichte der Verschwörung nur in einer Katastrophe (oder eben dem Abwenden der Katastrophe in letzter Minute) enden kann und die Weltsicht düster ist, wurde der Countdown bereits auf der ersten Seite des ersten Heftes mit einer analogen Uhr, die auf zwölf Minuten vor Zwölf steht, eingeleitet. Jedes Heft beginnt mit dieser Uhr, dessen kleiner Zeiger sich mit jedem Heft immer eine Minute der vollen Stunde nähert. Gleichzeitig beginnt Blut von oben in das Bild zu fließen, bis um zwölf Uhr die Uhr von Blut verdeckt wird. Viele weitere Beispiele sind einfach zu finden und würden teilweise einige Plotwendungen der Geschichte verraten.

„Watchmen“ ist eine großartige Graphic Novel, die auf vielen Ebenen funktioniert und so erwachsen und politisch ist, wie es ein kindliches Genre (Männer in Kostümen! Quasi-allmächtige, teilweise mit Superkräften ausgestattete, über dem Gesetz stehende Verbrechensbekämpfer!) überhaupt sein kann, ohne seine Unschuld vollkommen zu verlieren. Auf diesem schmalen Grad wandelten Alan Moore und Dave Gibbons Mitte der Achtziger äußert gelungen, stopften gleichzeitig noch so viele literarische und politische Anspielungen hinein, dass auch die intellektuellen Leser und Literaturwissenschaftler genug Interpretationsfutter hatten. Die amerikanische Comic- und S-F-Szene war begeistert. Die deutsche Übersetzung erfolgte erst Jahre später.

Heute ist „Watchmen“ eine noch immer aufregend zu lesende Bildergeschichte, die wegen ihrer genauen historischen Verortung nur im politischen Teil (halt der gesamte Kalte-Krieg und die damals rechtslastige Propaganda aus Hollywood und dem Weißen Haus.) überholt ist. Denn die Frage, wie Verbrechen bekämpft werden soll, ist heute (dank des Krieges gegen den Terror) immer noch so aktuell wie damals.

Neben der düster-erwachsen-literarischen Lesart eröffnete „Watchmen“ allerdings auch die Tür zur Veralberung und Psychologisierung des Superheldengenres. „Hancock“, die britische Comedy „No Heroics“ und die neuen Superheldenfilme mit ihren menschlicheren Protagonisten sind die anderen Seiten der Medaille.

„Watchmen“ ist ein vielfach ausgezeichneter, gut gealterter „Klassiker“ (New York Post) und ein „Meilenstein“ (New York Times), der auch nach der heute startenden Verfilmung (die Alan Moore, wie die vorherigen Verfilmungen seiner Werke, selbstverständlich Scheiße findet) sicher viele neue Leser gewinnt. Denn letztendlich ist „Watchmen“ einfach vergnügliche Unterhaltung.

Alan Moore/Dave Gibbons: Watchmen: Ultimate Edition

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2008

436 Seiten

29,95 Euro

Für Sammler

Watchmen: Absolute Edition

Panini Comics, 2009

468 Seiten

75 Euro

(Hardcover im Schuber, mit Skizzen, Entwürfen und Auszügen aus Alan Moores Originalmanuskript)

Originalausgabe

Watchmen

DC Comics, 1986/1987

Deutsche Erstausgabe

Watchmen

Carlsen, 2000

Hintergrundinformationen zum Comic „Watchmen“

Dave Gibbons: Watching the Watchmen – Die Entstehung einer Graphic Novel

Panini Comics, 2009

260 Seiten

34,90 Euro

Verfilmung

Watchmen (Watchmen, USA/GB/Can 2009)

Regie: Zack Snyder

Drehbuch: David Hayter, Alex Tse

Mit Jefrey Dean Morgan, Malin Akerman, Patrick Wilson, Billy Crudup, Jackie Earle Haley, Matthew Goode, Carla Gugino, Matt Frewer, Stephen McHattie

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Dave-Gibbons-Fanseite

DC Comics über „Watchmen“

YouTube: Alan Moore spricht über „Watchmen“ und Superhelden

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Watchmen“

Tagesspiegel: Interview mit Dave Gibbons über die Verfilmung

Die komplette, erstaunlich S-F-lastige und sehr amerikanische Liste der 100 wichtigsten Romane des letzten Jahrhunderts des Time Magazine

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One Response to Watchmen: Vor dem Film war der Comic

  1. […] Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen“ […]

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