Charlie Huston besucht uns mit einem „Killing Game“

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Mit „Killing Game“ legte Charlie Huston nach der abgefeierten Trilogie um den sympathischen Looser Hank Thompson und der noch laufenden Vampirserie mit Privatdetektiv Joe Pitt sein erstes Einzelwerk vor, das trotz seiner jugendlichen Helden kein Jugendbuch ist.

Wie meistens beginnt die Geschichte harmlos. Andys Fahrrad wird von den kriminellen Arroyo-Brüdern geklaut. Weil er keinen Ärger mit seinem Vater bekommen will, versuchen Andy und seine drei Freunde Paul, Hector und George das Fahrrad wieder zu bekommen. Sie brechen in das Haus der Gang ein und finden dort neben dem Fahrrad auch Geld, Drogen und eine Drogenküche. Das Geld und die Drogen nehmen sie mit. Die Küche verpfeifen sie an die Polizei. Die nimmt die Brüder fest und die Jungs könnten sich in aller Ruhe dem Verticken der Drogen widmen, wenn nicht der Besitzer der Drogen, die Arroyo-Brüder und die Eltern der vier Jungs andere Pläne hätten.

Nachdem Huston mit dem Fahrraddiebstahl, einer Schlägerei zwischen den beiden Banden und schließlich dem Diebstahl der Drogen den zentralen Konflikt etabliert hat, lässt er sich viel Zeit. Er erzählt authentisch von dem Leben der Jungs in den frühen Achtzigern in Kalifornien kurz vor dem Schulabschluss. Sie rasen mit ihren Fahrrädern durch die Gegend, hätten dafür viel lieber ein Auto, reden über Musik und Mädchen, spielen „Dungeons & Dragons“ in der von Andy verbesserten Version, verstehen sich nicht mit ihren Eltern und finden das Leben als Outlaws grandios. Sie versuchen die Drogen an einen älteren Kleingangster zu verkaufen und schaufeln dabei unwissentlich ihr eigenes Grab. Neben den vier Jugendlichen erzählt Charlie Huston auch von dem Leben ihrer Eltern und der in den kleinstädtischen Drogenhandel verwickelten Menschen. Erst nach der Mitte der Geschichte treffen die verschiedenen Charaktere in einem deutlich von den Post-Tarantino-Filmen inspirierten Strudel von Gewalt und Tod, bei dem Andy, Paul, Hector und George ziemlich alt aussehen, aufeinander.

Diese Diskrepanz zwischen den beiden Hälften ist, neben der irreführenden Werbung nach der „Killing Game“ ein Thriller ist, das Problem des Romans. Während Huston im ersten Teil von dem letzten Sommer seiner vier Jugendlichen erzählt, ist der zweite Teil eine sich blutig und tödlich entwickelnde Studie menschlicher Dummheit, die ein vollkommen anderes Publikum als der erste Teil anspricht.

In diesem Moment wird auch deutlich, warum kein Charakter zur Identifikation einlädt oder als Protagonist aufgebaut wurde. Denn dieser Charakter darf, falls überhaupt, erst am Ende der Geschichte sterben. Andy, der Bücherwurm der Clique und damit der potentielle Sympathieträger (Immerhin wird sein Fahrrad geklaut!), ist von Gewaltphantasien und Minderwertigkeitskomplexen geplagt. Er ist der Vorzeigekandidat für einen Amoklauf. Die Jugendlichen würden zehn Jahre später als Slacker durchgehen. Die Erwachsenen sind alle entweder jetzt oder früher in Verbrechen verwickelt und, wenn sie heute ehrlich leben, unzufrieden mit ihrem Leben. Sie sind alle, in verschiedenen Graden, abstoßend und, wie der lokale Drogenkönig Geezer, dumm. Charlie Huston tut in „Killing Game“ nichts, um sie in ein falsches besseres Licht zu stellen. Sie sind Kleinkriminelle und vom Leben enttäuschte Eltern, die, auch wenn sie es versuchen, nicht die „Eltern des Jahres“ sind.

„Killing Game“ ist ein in einem nüchternen No-Nonsense-Stil geschriebener Entwicklungsroman für Erwachsene, der sich oft wie die Vorlage für eine brutale, schwarzhumorige, fragmentiert erzählte Hollywood-Gaunerkomödie, à la „Spun“, „Running Scared“, „Bube, Dame, König, Gras“ oder „Snatch“, liest. Bei Charlie Huston gibt es allerdings keine billigen Lacher.

Charlie Huston: Killing Game

(übersetzt von Alexander Wagner)

Heyne, 2008

384 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

The Shotgun Rule

Ballantine Books, 2007

Charlie Huston besucht Deutschland

Köln

Montag, 16. März, 20.00 Uhr

Polizeipräsidium, Kalk, Walter-Paul-Ring 2 – 4

Bochum

Dienstag, 17. März, 20.00 Uhr

Riff Halle, Konrad-Adenauer-Platz 3

München

Mittwoch, 18. März, 20.00 Uhr

Ampere/Muffatwerk, Zellstraße 4

Berlin

Donnerstag, 19. März, 20.00 Uhr

Kaffee Burger, Torstraße 58/60

Hamburg

Freitag, 20. März, 21.00 Uhr

Golden Pudel Club, Am St. Pauli Fischmarkt 27

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

Nachtrag (26. Mai 2010): Ein kleiner Ausschnitt aus der Tour


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3 Responses to Charlie Huston besucht uns mit einem „Killing Game“

  1. […] S.: Mehr gibt’s im Moment nicht, weil ich am Nachmittag Charlie Huston zu einem Interview (ein sehr angenehmer Gesprächspartner) traf und am Abend auf der Lesung war. […]

  2. […] Vampire bei den Alligatoren Bei den Alligatorpapieren ist in der Spurensuche mein Porträt von Charlie Huston erschienen. Der PulpNoir-Autor schrieb die Hank-Thompson-Trilogie, die Joe-Pitt-Serie (ein Vampir als Privatdetektiv) und “Killing Game”. […]

  3. […] Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007) […]

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