„Bienzle“-Erfinder Felix Huby redet über sein Leben

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„Das Schwäbische, das ich mit der Muttermilch aufgenommen habe, ist für meine Entwicklung ganz entscheidend gewesen“, sagt Felix Huby ganz am Anfang des jetzt als Buch vorliegenden Gespräches mit seinem langjährigen Freund Dieter de Lazzer. „Fast wie von selbst“ heißt das sehr lesenswerte Werk, das in seinem chronologischem Aufbau von Hubys Jugend über seine Jahre als Journalist, zuerst bei einer Lokalzeitung, später beim Spiegel, über die ersten Bienzle-Romane hin zu seiner Fernseharbeit auch als Biographie des bekannt-beliebten und überaus produktiven Autors dienen kann. Bereits als Journalist schrieb er nebenher erzählende Texte und Satiren. 1977 erschien dann der erste Bienzle-Roman „Der Atomkrieg von Weihersbronn“ (später „Bienzle und der Terrorist“) und kurz darauf „Tod im Tauerntunnel“ (später „Bienzle und der Tod im Tauerntunnel“) in der rororo-Thriller-Reihe. Sie verkauften sich gut und gefielen mir, als ich sie vor vielen Jahren las, gut. Huby schrieb weitere Romane, auch für Jugendliche und Kinder, kündigte 1979 beim Spiegel und war, als erste Fernseharbeit, bei der Erfindung von Kommissar Horst Schimanski beteiligt. Dafür schrieb er dann sein erstes Drehbuch. „Grenzgänger“ mit Günter Maria Halmer als dubiosem Undercover-Polizisten wurde als zweiter Schimanski-Tatort ausgestrahlt und ist auch heute noch absolut sehenswert.

„Mein Vorschlag war die Geschichte eines Undercover-Agenten zu erzählen. Darüber hatte ich einmal eine Titelgeschichte im Spiegel geschrieben, unter Mithilfe eines Kriminalisten vom LKA Stuttgart. Der Entwurf wurde sofort akzeptiert, und ich war so angezündet davon, dass ich am Freitag nach Hause gefahren bin, mich an meinen Schreibtisch gesetzt habe – damals hab ich noch alles mit der Hand gepinselt – und im Grund ohne abzusetzen dieses Buch geschrieben habe. In einem Zug. Am Montagmittag war es fertig. Dann hat es meine Schwester abgetippt, ich habe es eingeschickt, die waren völlig perplex, denn es waren keine acht Tage vergangen, und fanden das Buch auch noch gut. (…)

Und das ist seltsam: Dieses Drehbuch ist eigentlich das einzige, das nur eine zweite Fassung erlebt hat“, sagt Huby über sein erstes Drehbuch. Danach schrieb er mehrere Serien und Folgen für Vorabendserien, entwickelte den Saarbrücker Kommissar Max Palu (die ersten Folgen sind gut, die späteren nicht mehr) mit und Ende 1992 wurde dann der erste Bienzle-Tatort „Bienzle und der Biedermann“ gezeigt. Die ersten Bienzle-Tatorte, die auf bereits veröffentlichten Bienzle-Romanen basieren, waren überzeugende Kriminalfilme mit viel stimmigem Lokalkolorit, die späteren ziemlich überzeugende Langweiler vor austauschbarer Kulisse.

In „Fast wie von selbst“ spricht Felix Huby ausführlicher über die frühen Bienzle-Tatorte, die verschiedenen von ihm geschriebenen Serien, wie „Ein Bayer auf Rügen“, „Großstadtrevier“ und „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, und seine Heimatfilme, wie „Die Geierwally“ und „Die Landärztin“.

Huby gibt immer wieder nüchterne Einblicke in das Fernsehgeschäft, erfreulichere in die Theaterwelt und natürlich erzählt er über sein Verhältnis zu Regeln beim Erzählen von Geschichten, über seine Vorbilder und seine schwäbische Arbeitsmoral: „Jetzt kann ich schon irgendwo ankommen und mir erst einmal die Landschaft ansehen und mich langsam eingewöhnen, um erst am nächsten Tag richtig mit der Arbeit zu beginnen. Aber arbeiten muss ich – meistens, in den letzten zwei oder drei Jahren ergab es sich aber, dass ich schon auch Urlaub gemacht habe, ganz ohne zu arbeiten. Meine nächste Umgebung hält das für eine Sensation.“

„Fast wie von selbst“ vermittelt tiefe Einblicke in das Leben und Werk von Felix Huby. Dieser erzählt sehr uneitel von seiner Arbeit und lobt immer wieder die Menschen, die seine Geschichten verfilmten oder auf die Bühne brachten. Da ist auch verschmerzbar, dass der mit Huby befreundete Fragesteller Dieter de Lazzer nicht kritisch nachfragt. Diese kritische Bewertung von Felix Hubys umfangreichem Werk muss ein anderer Autor leisten. Bis dahin ist „Fast wie von selbst“ nicht nur für Huby-Fans ein unverzichtbares Werk. Denn in dem Gespräch entsteht, neben Hubys Rückschau auf sein Leben, auch eine lockere Chronologie der deutschen Krimiliteratur und des (vor allem öffentlich-rechtlichen) Fernsehens der vergangenen Jahrzehnte.

In meiner Wertschätzung ist Felix Huby, der sich selbst nur als „Gebrauchsschreiber“ sieht, mit diesem Buch wieder gestiegen.

Felix Huby: Fast wie von selbst – Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer

Verlag der Autoren, 2008

176 Seiten

16 Euro

Hinweise

Homepage von Felix Huby

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Felix Huby (Stand: Januar 2007)

Krimi-Couch über Felix Huby (nur die Kriminalromane)

IMDB über Felix Huby (das dürfte die vollständigste Liste seines filmischen Werkes sein)

Wikipedia über Dieder de Lazzer

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2 Responses to „Bienzle“-Erfinder Felix Huby redet über sein Leben

  1. […] seines Tatortes „Bienzle und der Tod in der Markhalle“ liest. Aber nach Hubys Biographie „Fast wie von selbst“ habe ich „Bienzle im Reich des Paten“, eine unterhaltsame Räuberpistole mit viel Berlin und […]

  2. […] Meine Besprechung von Felix Hubys „Fast wie von selbst – Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer“ (… […]

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