Als Edward Bunker noch Knacki war

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„Ernie Stark war bestimmt nicht der netteste Kerl unter der Sonne. Das konnten sogar seine Freunde bestätigen. Sofern er überhaupt welche hatte. Er war ein mieser kleiner Gauner, der davon träumte, mit dem nächsten Ding den großen Treffer zu landen.“ So beginnt Edward Bunker seinen erst nach seinem Tod publizierten Gangsterroman „Lockruf der Nacht“. Die Geschichte spielt 1962 in Oceanview, Kalifornien. Stark ist nicht nur ein kleiner Gauner, sondern auch drogensüchtig und der nervige Detective Lieutenant Patrick Crowley hat ihn am Wickel. Der will, dass Stark ihm seinen Dealer Momo Mendoza und, vor allem, dessen Lieferanten auf dem Silbertablett serviert. Stark ist zwar kein Spitzel, aber solange er nicht in den Knast gehen will, bleibt ihm nichts anderes übrig als mit Crowley zu kooperieren. Jedenfalls solange er keinen besseren Plan hat.

Noir-Fans können sich bereits nach den ersten Zeilen auf Ernie Starks erwartbare Reise ins Verderben gefasst machen. Denn dass der Junkie Stark sich maßlos überschätzt, wird spätestens deutlich, wenn er versucht mehrere Drogenbanden und Polizeidienststellen gegeneinander auszuspielen und mit Momos Freundin Dorie und der Beute durchzubrennen. Das einzige was für Starks Pläne spricht, ist, dass seine Gegner auch keine Geistesgrößen sind.

Damit dürfte Edward Bunker, dank eigener Erfahrungen, ein ziemlich genaues Bild der Kleingangster in Kalifornien vor fast einem halben Jahrhundert zeichnen. Bis in die Siebziger verbrachte der 1933 geborene Edward Bunker die meiste Zeit seines Lebens als Strafgefangener.

Erst mit der Veröffentlichung von „No Beast so fierce“ 1973 (die deutsche Erstausgabe „Wilder als ein Tier“ erschien erst 1995) und der anschließenden Verfilmung „Straight Time“ (Stunde der Bewährung, USA 1978) mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle nahm er Abschied vom Leben als Krimineller. Später schrieb er unter anderem den ebenfalls autobiographisch inspirierten, ebenfalls verfilmten Gefängnisroman „Animal Factory“ (Ort der Verdammnis), schrieb das Oscar-nominierte Drehbuch zu Andrei Konchalovskys viel zu unbekanntem Thriller „Runaway Train“ (Express in die Hölle, USA 1985) und spielte, neben zahlreichen anderen Rollen, in Quentin Tarantinos Debüt „Reservoir Dogs“ Mr. Blue. In Deutschland blieb der 2005 verstorbene Autor, auch weil die Übersetzungen schnell aus den Buchläden verschwanden, immer ein Insider-Tipp. Düstere Gangsterromane sind einfach keine Literatur für die breite Masse. Auch wenn bekannte Autoren wie James Ellroy und William Styron enthusiastische Vor- und Nachworte schreiben.

Nach Edward Bunkers Tod wurde in seinem Nachlass das noch nicht veröffentlichte Manuskript „Lockruf der Nacht“ entdeckt. Das bereits in den frühen Sechzigern geschriebene Werk erzählt packend eine kleine Noir-Gangstergeschichte. Edward Bunker zeichnet mit wenigen Worten das Leben der Kriminellen. Er erzählt in knappen Episoden von dem darwinistischen und paranoiden System, in dem sie Leben. Denn die Polizei kann jederzeit an die Tür klopfen. Ein Freund kann zum Feind werden und einen töten oder verraten wollen. Manchmal ist das eine, manchmal das andere schlimmer. Und natürlich bringt eine Frau (oder genauer: die Gefühle, die Stark für Dorie entwickelt) alles durcheinander.

„Lockruf in der Nacht“ ist ein geradliniger Pulp-Roman, der damals gut in die einschlägigen Reihen gepasst hätte und sich heute immer noch sehr frisch liest.

Edward Bunker: Lockruf der Nacht

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Liebeskind, 2009

224 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Stark

(Vorwort von James Ellroy)

No Exit Press, 2007

Hinweise

Titel-Magazin: Frank Göhre über Edward Bunker

Crime Time: Interview mit Edward Bunker

Richmond Review: Interview mit Edward Bunker

Kriminalakte: Beim „Express zur Hölle“ gibt’s weitere Links zu Edward Bunker

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3 Responses to Als Edward Bunker noch Knacki war

  1. […] Monat mit meinen Tipps für die Aprilliste der KrimiWelt aber mächtig geirrt. Kein Connelly. Kein Bunker. Keine Schenkel. Kein Disher. Kein Mosley. Lansdale, Deaver und Louis, wie erwartet, ebenfalls […]

  2. […] heißt das Teil und ich freu mich schon drauf. Nachdem Edward Bunkers posthum erschienener Noir “Lockruf der Nacht” (Stark, 2007) bei Liebeskind (dort erscheinen auch die Romane von David Peace) erschien, könnte “Death Row […]

  3. […] Meine Besprechung von Edward Bunkers “Lockruf der Nacht” (Stark, 2007) Teilen Sie dies mit:TeilenE-MailDruckenDiggTwitterFacebookStumbleUponRedditGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem dieser post gefällt. […]

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