„Scenario 3“ oder Drehbuchautoren reden über ihre Arbeit

brunow-scenario-31

Auch in der dritten Ausgabe des jährlich erscheinenden Film- und Drehbuch-Almanachs „Scenario“ hat Herausgeber Jochen Brunow den bewährt-flexiblen Aufbau des jährlich erscheinenden Sammelbandes beibehalten. Auf den ersten Seiten gibt es ein langes Interview mit einem Autor. Essays, ein Journal, Splitter einer Geschichte des Drehbuchs und Buchkritiken schließen sich an. Abgeschlossen wird der Sammelband mit dem Abdruck des mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichneten Drehbuchs. Wie die vorherigen beiden Bände ist auch „Scenario 3“ ein Buch für Drehbuchautoren und an Drehbüchern Interessierte.

Das Interview mit Chris Kraus, der bei „Scherbentanz“ und „Vier Minuten“ das Drehbuch schrieb und auch Regie führte, beginnt etwas zu abstrakt-wolkig, wird aber später, wenn Kraus von seinen Erlebnissen in der Filmbranche und den Einflüssen für seine Drehbücher spricht, sehr interessant. Bei den Essays bietet Fred Breinersdorfer mit „Der Ausbruch – Anmerkungen eines Drehbuchautors über sein Regiedebüt“ einen gelungenen Einblick in Entstehungsprozess seiner ersten Regiearbeit von Idee über die Finanzierung, das Casting, den Dreh und die Postproduktion und was er dabei lernte.

Wolfgang Kirchner besucht in New York ein Drehbuchseminar bei Black Snyder, dem Autor von „Save the Cat! – The last book on screenwriting you’ll ever need“. Snyder doziert, anscheinend sehr über überzeugend, über die Wichtigkeit einer „Save the Cat“-Szene in den ersten Minuten, dem guten Ein-Satz-Pitch, seiner eigenen Genreliste (die quer zur üblichen Genreeinteilung steht aber durchaus nachvollziehbar ist. So bilden „Alien“, „Der Exorzist“ und „Eine verhängnisvolle Affäre“ das Genre „Monster in the House“) und sein 15-Insel-Modell, das auch als ausdifferenziertes Drei-Akt-Modell gelesen werden kann.

Spiegel-Redakteur Lars-Olav Beier schreibt über die neue Welle von Hollywood-Drehbuchautoren, die auch Regie führen. Das sind vor allem Charlie Kaufman, Tony Gilroy und Paul Haggis. Und gleich wird ein neuer Trend ausgerufen, obwohl es sich bei ihnen letztendlich um Einzelfälle handelt. Auch weil unklar ist, ob diese Regiekarriere ähnlich langlebig sein wird wie die von John Huston, Woody Allen, Larry Cohen, Paul Schrader und David Mamet.

Im Journal schreibt Peter Schneider (unter anderem „Lenz“, „Messer im Kopf“ und „Der Mann auf der Mauer“) kurzweilig anhand von Tagebucheinträgen über sein Jahr 2008. Es geht vor allem um ein gescheitertes Vivaldi-Projekt, die Rückschau auf 1968 und die alltäglichen Selbstzweifel und Demütigungen, die auch ein renommierter Autor ausstehen muss: „Als Autor neigt man dazu, alle Entscheidungen rund um ein Drehbuch auf sich und die Qualität der eigenen Arbeit zu beziehen. Vielleicht handelt es sich hier um eine narzisstische Selbstüberschätzung. Vielleicht geben ganz andere Entscheidungen den Ausschlag, die wenig oder nichts mit dem Drehbuch zu tun haben.“ .

Bei den Splittern einer Geschichte des Drehbuchs findet sich ein schöner Text von Michael Töteberg über Vladimir Nabokov und dessen Liebe zum Kino, die er vor allem in seinen Romanen auslebte. Denn bis zum Drehbuch für „Lolita“ hatte er im Filmgeschäft kein Glück. Und auch sein „Lolita“-Drehbuch wurde von Stanley Kubrick nicht verfilmt. Es war zu unfilmisch. Bei dem Text stellt sich allerdings die Frage, was er in „Scenario 3“ zu suchen hat. Vor allem in der Rubrik „Backstory – Splitter einer Geschichte des Drehbuch“. Denn gerade damit hat er nichts zu tun.

Bei den Buchbesprechungen gibt es längere Essays über David Bordwell und dessen filmtheoretischen Werke und über David Mamets „Lehrbücher“.

Den Abschluss des lesenswerten Bandes bildet das Drehbuch „Das zweite Leben des Häuslers Stocker“ von Klaus Krämer. Im Gegensatz zu den früheren Jahren fehlt die Begründung der Jury und deshalb kann nur gerätselt werden, was der Jury an dieser sehr undramatischen Geschichte gefiel.

Krämer erzählt von dem schweren Leben des bayerischen Bauern Hans Stocker und seiner Familie im 19. Jahrhundert. Ungefähr in der Mitte des Drehbuches stirbt Stocker und wird während des Trauergottesdienstes wieder lebendig. Er schwört, ein Holzkreuz auf Maria Himmelreich hochzutragen. Danach genießt Stocker sein neues Leben. Kurz vor dem Ende spricht ihn ein Großbauer auf seinen Schwur an. Ohne zu zögern erfüllt Stocker seinen Schwur und stirbt dabei.

Das ist alles. Daraus kann ein netter Heimatfilm für die gesamte Familie entstehen. Aber auch nicht mehr. Denn zu lange ist unklar, wer die Hauptfigur ist und was sein konkretes Ziel in der Geschichte ist. Denn der Tod Stockers als handlungsauslösendes Element kommt viel zu spät, das bei der Wiederauferstehung gegebene Versprechen spielt bis zum Ende keine Rolle und wird von Stocker, als er darauf angesprochen wird, sofort erfüllt. Weil es hier keine Konflikte gibt, gibt es auch keine handlungstreibenden Fragen und damit keine Spannung.

Wie die vorherigen Bände ist auch „Scenario 3“ eine sehr unterhaltsame und schön gelayoutete Wundertüte aus der Welt des deutschen Drehbuchs.

Jochen Brunow (Hrsg.): Scenario 3 – Film- und Drehbuch-Almanach

Bertz + Fischer 2009

328 Seiten

19,90 Euro

Hinweise

Homepage zum Buch

Homepage von Jochen Brunow

One Response to „Scenario 3“ oder Drehbuchautoren reden über ihre Arbeit

  1. […] Meine Besprechung von „Scenario 3 – Film und Drehbuchalmanach“ […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: